tattoos II | larry

Einerseits war Harry überglücklich. Er war seit ein paar Monaten mit Louis zusammen. Und Louis war alles wovon er jemals geträumt hatte. Wenn er in seinen Armen einschlief fühlte Harry Dinge, von denen er nicht gewusst hatte, dass man sie fühlen konnte. Wenn er ihn küsste wollte er nie wieder etwas anderes tun. Wenn er ihn ansah hatte er Angst ihn zu verlieren, weil er so wunderschön war.

Andererseits war Harry nicht glücklich. Jedes Mal wenn er Louis ansah brach es ihm das Herz, denn Louis ging es nicht gut.

Absolut nicht. Er versuchte das zu überspielen, aber Harry konnte da hindurchsehen.

Das ging schon länger so, aber jetzt war es natürlich noch deutlich schlimmer.

Vor zwei Wochen war Jay, Louis' Mutter, verstorben. Harry hatte sie kennengelernt und er hatte sie sehr gemocht. Sie hatte sogar gesagt wie schön sie es fand Harry an Louis' Seite zu sehen und das bedeutete Harry unglaublich viel.

Louis und seine Schwestern waren am Boden. Verständlicherweise. Aber Louis konnte das nicht zeigen. Er wollte stark sein, stark für seine Schwestern.

Louis konnte sich nicht um sie kümmern. Also technisch gesehen schon, er machte das schließlich auch schon eine ganze Weile, aber das war doch keine langfristige Lösung (zumindest fand Harry das, Louis wollte einfach so weitermachen). Louis sollte seinen Schulabschluss machen und studieren gehen. Er sollte seinen Träumen folgen, er konnte kein Elternteil ersetzen. Er war ihr Bruder. Aber immer wenn Harry ihn darauf ansprach, blockte Louis ab.

Er wollte nichts davon hören. Für ihn war klar wie das alles lief.

Harry seufzte. Er war vor ein paar Stunden nach Hause gekommen (er war bei Louis gewesen) und musste eigentlich Geschichtshausaufgaben machen (würg), aber seine Gedanken waren nur bei seinem Freund.

Er konnte es nicht mitansehen wie kaputt Louis war. Louis schaffte es zwar ziemlich gut seine Emotionen zu verstecken, aber Harry kannte ihn. Auch wenn Louis es nicht zugab und so tat als wäre alles super...das war es nicht. Es ging ihm nicht gut. Natürlich nicht.

Aber Harry konnte ihm nicht helfen, wenn er immer abblockte.

Er seufzte nochmal und warf seinen Stift auf den Schreibtisch. Es war inzwischen zehn Uhr abends, draußen war es dunkel und seine Mutter war dieses Wochenende mit einer Freundin in London. Gemma war zu Hause, aber sie war in ihrem Zimmer.

Harry schob seinen Stuhl zurück, stand auf und streckte sich. Dann verließ er sein Zimmer und lief die Treppe herunter in die Küche. Manchmal trank er einfach ganz gerne ein Glas kalte Milch.

Er öffnete den Kühlschrank und nahm die Milch raus, aber bevor er sich ein Glas nehmen konnte klingelte es.

Harry runzelte die Stirn. Es war zehn Uhr abends, wer konnte das denn sein?

„Ich geh schon", rief er in Richtung Gemma und ging zur Haustür.

Er öffnete und blickte überrascht in das Gesicht von Louis. Aber bevor Harry ihn fragen konnte was er denn wolle, kam er rein, schloss die Tür, griff nach Harrys Hand und zog ihn nach oben in sein Zimmer.

„Äh Lou, was...", begann Harry, aber Louis drehte sich nur zu ihm um und Harry verstummte. Louis hatte heute eh schon ziemlich fertig ausgesehen, aber...jetzt sah er wirklich schlimm aus. Seine Wangen waren eingefallen, seine Augen glasig und darunter zeichneten sich tiefe Ringe ab. Außerdem fiel Harry, jetzt wo Louis so fertig aussah, erst auf, wie stark sein Freund abgenommen hatte.

Er machte sich so unglaublich Sorgen um ihn.

„Harry, ich...", begann Louis schwach, stockte aber. Dann rannte er auf Harry zu und warf sich in seine Arme. „Ich kann nicht mehr!" Er begann zu schluchzen und Harry schlang nur seine Arme um ihn und zog ihn eng an sich. „Oh Baby", hauchte er in Louis' Haare und zog ihn zum Sofa. Er ließ sich darauf fallen und strich vorsichtig über Louis' Rücken.

Louis bebte vor Schluchzen und weinte hemmungslos in Harrys Shirt. Dieser musste sich zusammenreißen nicht selbst anzufangen zu weinen. Es nahm ihn unglaublich mit, den Jungen, den er liebte so am Boden zu sehen.

„Ssh Lou", summte er beruhigend und begann mit seinen Händen Kreise zu malen. Dann schlang er seine Arme wieder um seinen Freund und hielt ihn einfach. Louis tat Harrys fester Griff unglaublich gut. In Harrys Armen war er sicher.

In Harry hatte er immer einen Zufluchtsort. Er liebte ihn. Scheiße ja, er liebte Harry so sehr.

Fast eine halbe Stunde sagte Harry nichts und ließ Louis nur in seinen Armen liegen und sich ausweinen. Louis musste ihm gar nichts erklären. Er wusste schließlich was los war. Und er wollte, dass Louis seine Gefühle rausließ. Er war wirklich stolz auf seinen Freund, dass er hergekommen war. Dass er bereit war Harry zu zeigen wie schlecht es ihm wirklich ging. Dass er seine Maske fallen ließ.

Als Louis zumindest seine Heulattacke einigermaßen überwunden hatte, hob er seinen Kopf aus Harrys Brust und lächelte traurig. „Ich hab dein Shirt ganz nass gemacht", meinte er und wischte über den nassen Fleck auf Harrys Shirt.

„Das ist mir so egal", gab Harry leise zurück und lächelte seinen Freund vorsichtig an. Dann löste er eine Hand von Louis' Rücken und strich ihm über die Wange. Louis sah Harry in die Augen.

„Bist du bereit darüber zu sprechen?", fragte Harry und wartete ernst darauf was Louis antwortete.

Louis presste seine Lippen zusammen, sah auf Harrys Schlüsselbeine und nickte dann.

„Ich denke schon."

Harry lächelte. „Okay. Dann nur kurz vorab: wenn du nicht mehr willst oder über irgendein bestimmtes Thema nicht sprechen willst oder einfach wieder weinen willst, dann ist das okay." Harry guckte seinem Freund weiter intensiv in die Augen, sodass dieser wieder runter auf seine Hände blickte, die immer noch an Harrys Schlüsselbeinen lagen. Sein Blick war gefüllt von Kummer. „Alles ist okay. Du bist bei mir sicher. No judgment von meiner Seite aus. Kein Stück."

Louis lächelte vorsichtig. „Du bist unglaublich."

Harry lächelte nur. Dann setzte er sich ein Stück auf, sodass die beiden nicht mehr lagen, sondern Louis eher auf Harrys Schoß saß und nahm seine Hände in seine. „Lou...wie geht's dir wirklich?", fragte er dann.

Und Louis holte tief Luft. „Es ist mir alles zu viel", gab er zu und ließ sich dann doch wieder einfach an Harrys Brust sinken und umarmte ihn. Es tat ihm ganz gut seinen Freund jetzt nicht anzusehen. „Meine Mum...meine Mum war alles für mich", begann er dann und seine Stimme zitterte. „Am Anfang waren es immer nur sie und ich. Wir sind ein Team. Wir sind schon durch so viel Scheiße gegangen. Ich liebe sie so sehr. Und jetzt...jetzt ist sie einfach...weg." Er holte tief Luft. „Ich kann da absolut nicht mit umgehen. Ich vermisse sie so sehr. So sehr, Harry, das kannst du dir nicht vorstellen."

Harry legte nur eine Hand auf Louis' Rücken, die andere an seinen Hinterkopf und hörte zu. Die Geste gab Louis etwas Kraft.

„Und dann sind da noch meine Schwestern. Ich kann es mir nicht leisten ihnen zu zeigen, wie sehr mich das zertrümmert. Harry, ich bin ein absolutes Wrack. Und meine Schwestern sind ja selbst völlig am Ende. Phoebe und Daisy sind 7. 7! Und jetzt ist ihre Mutter gestorben. Da kann ich nicht auch noch so trauern. Sie brauchen jetzt jemanden, der ihnen Halt gibt, jemanden bei dem sie sich ausweinen können." Louis' Stimme war nur ein Wimmern, aber Harry saugte jedes Wort auf wie ein Schwamm.

„Sie brauchen Routine, sie brauchen Stabilität. Die muss ich ihnen geben. Ich kann nicht zusammenbrechen, das geht einfach nicht. Ich bin für sie verantwortlich!"

„Ssh", gab Harry nur kurz von sich, weil Louis sich langsam aufzuregen schien.

Dieser seufzte. „Aber ich bin so überfordert, Harry. Ich kann nicht mehr. Ich bin völlig am Ende. Ich arbeite, ich geh zur Schule, ich muss die Beerdigung vorbereiten, ich muss mich um meine Schwestern kümmern, ich kann das einfach nicht!" Seine Stimme brach und er begann wieder leise zu schluchzen. Harry hielt ihn einfach. Und das war genau das Richtige.

„Ich dachte immer Mum würde es schaffen." Louis' Stimme drang so leise zu Harrys Ohr, dass er fast nicht sicher war ob Louis das wirklich gesagt hatte.

„Klar hatte ich Angst, aber...irgendwie dachte ich immer sie würde es schaffen. Dass alles gut wird. Dass sie zurückkommt. Dass alles wird wie früher, ich meinen Abschluss machen kann und meine Schwestern und sie immer mal wieder besuchen komme."

Er drehte seinen Kopf ein Stück, sodass er gegen Harrys Hals atmete. „Und jetzt...jetzt ist alles anders."

Wieder schwieg Harry eine Weile und hielt Louis einfach nur fest in seinen Armen.

„Louis", begann er dann und löste sich von ihm, um sein Gesicht in seine Hände zu nehmen und ihn ernst anzusehen.

„Es tut mir Leid, aber...du liegst falsch. Es ist absolut nicht deine Verantwortung. Deine Mutter ist gerade gestorben. Es ist normal am Boden zerstört zu sein. Das musst du. Sonst wird es nicht besser. Es liegt nicht in deiner Verantwortung dich um deine Geschwister zu kümmern, die Beerdigung vorzubereiten und gleichzeitig auch noch Arbeit und Schule zu schmeißen. Baby, du bist gerade mal zwanzig Jahre alt. Du musst nichts davon. Was du machen musst ist dir Hilfe holen. Ich weiß, dass deine Mutter keine Geschwister hatte und deine Großeltern leider nicht mehr leben. Aber das heißt nicht, dass du niemanden hast, der dir helfen kann. Wir müssen uns an Heime wenden, die deine Schwestern aufnehmen können. Das tut auch ihnen nicht gut mit dir zu leben. Du bist ihr Bruder. Nicht ihr Vater. Und dann musst du gucken wie es um deine mentale Gesundheit steht. Und wenn alles stabil genug ist musst du deinen Abschluss machen. Louis, das geht so nicht weiter. Wenn du nichts änderst, gehst du kaputt. Und das kann ich nicht zulassen."

Louis sah Harry eine Weile nur traurig mit zusammengepressten Lippen an.

„Ich kann meine Schwestern nicht in ein Heim schicken, Harry." Er schüttelte den Kopf.

Harry seufzte und strich mit seinem Daumen über Louis' Wange. „Glaub mir, das ist die beste Möglichkeit. Außerdem ist in einem Heim zu wohnen nicht so schlimm, wie es immer dargestellt wird. Ein Freund von mir ist in einem aufgewachsen und er hat es da geliebt. Es war einfach normal für ihn."

„Aber das wird es ja für Lottie, Fizzy, Phoebe und Daisy nicht sein! Sie sind es gewohnt mit mir zu leben! Und Mum!"

„Ja, aber wie du gesagt hast", sprach Harry mit sanfter Stimme. „Jetzt ist alles anders. Du verlässt sie ja damit auch nicht. Du gibst ihnen lediglich ein besseres Umfeld. Wenn man zu fünft in einem Haus wohnt und alle einfach nur am Boden zerstört sind, führt einen das nur in Depressionen, Louis." Harry sah seinen Freund wirklich ernst an. „Das kommt dir nicht nur so vor als wäre das alles zu viel, das ist. Deutlich. Zu viel. Für dich."

„Aber Harry", protestierte Louis schwach. „Sie sind meine Schwestern. Ich kann sie doch nicht im Stich lassen."

„Das tust du nicht", versicherte Harry ihm nur. „Du bist immer noch ihr Bruder, du liebst sie immer noch genau wie vorher. Aber du musst das machen, was das Beste für euch alle ist. Und sieh es mal so: Du gibst dem Ganzen ein bisschen Zeit und wenn es dann immer noch so schlimm für die Mädchen ist, was ich mir nicht vorstellen kann, weil die vier wirklich klug, stark und sehr lebensfroh sind, dann kannst du immer noch das Sorgerecht beantragen. Aber das hast du sowieso gerade noch nicht. Das heißt, auch von der gesetzlichen Seite aus betrachtet ist das, was du tust nicht das Richtige. Und: ich weiß nicht wie es bei deinen Schwestern ist...aber du brauchst Therapie."

Louis atmete nur langsam aus.

„Wirklich, Lou. Glaub mir. Die Situation kann nur verbessert werden, wenn du dir auch helfen lässt. Alleine schaffst du das niemals. Ich sehe wie schlecht es dir geht und das macht mich fertig. Ich bin hier für dich. Ich bin die ganze Zeit an deiner Seite, ich werde dich niemals loslassen. Ich unterstütze dich. Aber das kann ich nur, wenn du mich auch lässt."

Louis' Augen füllten sich wieder mit Tränen. Er sah Harry an. Lange. Dann nickte er langsam. „Du hast Recht", flüsterte er. „Mit allem. Du hast Recht." Seine Lippe zitterte wieder und Harry holte erleichtert tief Luft.

Dann kamen ihm ebenfalls die Tränen, aber er hielt sie zurück. Hier ging es um Louis. Nicht um ihn.

„Du glaubst nicht wie froh ich bin, dass du das sagst", flüsterte er und Louis sah die Erleichterung in Harrys Gesicht.

„Louis, ich liebe dich und ich will, dass es dir irgendwann wieder besser geht. Noch nicht jetzt, Himmel, das verlangt niemand, es ist zwei Wochen her. Aber du musst dir trotzdem helfen lassen."

Louis' Mund stand auf. „Du liebst mich?", fragte er als könne er nicht glauben, was Harry da gerade von sich gegeben hatte.

Harry sah ihn ganz kurz nur überrascht an, dann nickte er. „Ja. Ja, Louis, ich liebe dich. Über alles."

„Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde", hauchte Louis und fiel Harry wieder um den Hals. „Ich liebe dich auch", hauchte er dann in sein Ohr.

Louis wusste, dass Harry Recht hatte.

Harry wusste, dass Louis ihn ernst nahm und dass er sich jetzt Hilfe holen würde.

Und Louis wusste, dass Harry bei jedem Schritt an seiner Seite sein würde und ihn unterstützen würde wo er nur konnte.

Und das gab ihm ein gutes Gefühl. Ein sicheres Gefühl. Ja, Louis' Mutter war gestorben und er vermisste sie schrecklich, war am Boden zerstört, aber Harry Styles gab ihm Sicherheit. Die Sicherheit, die er brauchte.

Und Liebe.

_____
Acht Jahre später

„Ich bin nervös", meinte Louis und wischte sich die Hände an der Hose ab. Dann sah er zu Harry und beruhigte sich sofort ein kleines Stück als er Harrys warmes Lächeln sah.

„Warum das denn, Baby?" Harry griff nur nach Louis' Hand und drückte einen Kuss gegen seine Fingerknöchel.

„Ich weiß nicht. Was wenn sie nicht gut reagieren?"

„Mach dir nicht so viele Sorgen. Das ist unbegründet. Sie werden sich für uns freuen." Harry zog Louis an sich, drückte ihm auch noch einen Kuss auf die Stirn und lachte dann leise. „Ich drücke jetzt auf die Klingel."

Louis lächelte nur. „Okay."

„Warte!", rief er dann doch und Harry sah ihn fragend an. Louis legte nur seine Hände an Harrys Hals, zog ihn zu sich runter und küsste ihn.

Genüsslich zog Harry Louis enger an sich und küsste Louis mit all seiner Liebe zurück. Und das war eine Menge. Dass er Louis inzwischen seit über acht Jahren seinen Freund nennen durfte machte ihn überglücklich. Wenn er Louis hatte brauchte er nichts anderes mehr.

Louis vertiefte den Kuss, presste sich gegen Harrys Körper und gab ihm alles. Harry kam mit seinen Gefühlen kaum hinterher, er war überwältigt. Jedes Mal wenn Louis ihn küsste, vor allem jedes Mal wenn Louis ihn so küsste, war er wieder 18.

Und jedes Mal fragte er sich womit er Louis verdient hatte.

Aber jedes Mal wurde ihm dann klar, dass Louis ihn genauso bedingungslos liebte und die beiden sich ihre Liebe absolut verdient hatten.

Sie hatten durch genug Scheiße gehen müssen. Aber zusammen hatten sie es geschafft. Und das würden sie immer wieder.

Louis löste sich von Harry und Harry starrte ihn kurz atemlos an.

„Wofür war der?", fragte er grinsend. „Nicht dass ich mich beschwere, aber...woah."

„Überrascht, dass ich so gut küssen kann, Styles?"

Harry grinste. „Du zeigst es mir jeden Tag. Aber um ehrlich zu sein...ja."

Louis lachte kurz auf, drückte Harry noch einen schnellen Kuss auf die Lippen und strahlte ihn an. Und Harry dachte nur, dass das was er damals gedacht hatte immer noch stimmte. Louis war die Sonne. Seine Sonne.

„Jetzt können wir klingeln", meinte Louis und drückte auf den goldenen Knopf. Eine Art Glocke ertönte im Inneren des Hauses und kurz darauf öffnete sich die Tür und eine blonde Frau stand im Türrahmen und lächelte die beiden warm an.

„Hallo Bella", begrüßten sie sie und umarmten sie nacheinander.

„Hallo, ihr beiden." Sie lächelte, aber bevor sie noch etwas sagen konnte wurde sie unterbrochen.

„Lou und Harry sind da", kam es von oben und kurz darauf kamen Phoebe und Daisy die Treppe runter gelaufen.

Sie rannten ihren Bruder fast um und Harry beobachtete das Ganze nur lächelnd. Das würde sich nie ändern. Dann wurde er selber von den beiden „attackiert" und musste sich bemühen nicht umzufallen.

Auch für ihn war es kaum zu glauben, dass die beiden inzwischen 15 waren. Als er sie kennengelernt hatte waren sie schließlich noch in der Grundschule gewesen und jetzt waren sie, wenn sie auf einem Event hohe Schuhe trugen, sogar größer als Louis (was diesem übrigens eher nicht so gefiel).

„Hey, ihr Beiden!" Harry drückte die Zwillinge ebenfalls eng an sich und lächelte.

„Ihr wart viel zu lange nicht mehr hier!", meinte Phoebe vorwurfsvoll und Daisy nickte nur unterstützend.

„Ich weiß, Süße", meinte Louis und legte einen Arm um seine Schwester. „Aber wir hatten einiges zu tun."

„Schicke Mütze, Harry. Hab ich noch nie gesehen", meinte Daisy und Harry presste nur die Lippen zusammen. „Danke."

Daisy runzelte die Stirn, aber in dem Moment hörte man eine weitere Stimme.

„Heyyy", kam es von der Treppe, Fizzy kam runter und lief mit einem breiten Grinsen auf Louis und Harry zu.

Auch Fizzy begrüßte Harry und Louis herzlich und Bella sah nur lächelnd bei dem Ganzen zu.

„Kommt, wir gehen mal in die Küche, Mark wartet sicher schon, aber er kann das Fleisch gerade nicht alleine lassen." Sie lächelte. Alle nickten und nachdem sich Harry und Louis Schuhe und Jacke ausgezogen hatten gingen sie in die Küche, wo auch Mark sie freudig erwartete und herzlich begrüßte.

Es war für Louis sehr schwer gewesen seine Schwestern wirklich in ein Heim gehen zu lassen, aber es war das Richtige gewesen. Louis hatte seinen Abschluss machen, besser mit der Situation umgehen und sich auf sich selber konzentrieren können.

Nach nicht allzu langer Zeit war allerdings ein sehr nettes Ehepaar aufgetaucht, die gerne Daisy und Phoebe aufnehmen wollten. Und als sie gehört hatten, dass die beiden noch zwei Schwestern hatten war das für sie keine Frage gewesen. Sie hatten niemanden voneinander trennen wollen.

Und es war wohl Schicksal gewesen, denn nach ein paar Startschwierigkeiten hatten sich alle vier sehr gut eingelebt.

Aber Louis war sehr skeptisch gewesen. Er hatte sich geweigert auch nur in Betracht zu ziehen, dass Mark und Bella gute Eltern sein könnten und hatte es ihnen wirklich schwer gemacht. Aber irgendwie war es auch wieder verständlich, es war einfach schwer für ihn gewesen, die Verantwortung abzugeben. Das war schon so gewesen als die Mädchen ins Heim gezogen waren und dann waren kurz danach auch noch Mark und Bella aufgetaucht und für Louis war es nicht leicht gewesen das zu akzeptieren.

Er hatte schließlich auch das Gefühl gehabt sie wollten seine Mutter ersetzen. Aber Mark und Bella respektierten Louis' Mutter sehr. Jedes Jahr an ihrem Todestag kam die ganze Familie zusammen um zu essen und Jay zu feiern. Es war entstanden, um es den Mädchen leichter zu machen. Hauptsächlich einfach ein Gedenken von Jay und ein Rauslassen aller Gefühle, damit die Mädchen besser mit der Situation umgehen konnten. Aber inzwischen hatte es sich eher zu einer Art melancholischem Fest entwickelt.

Alle vermissten sie, klar, und es war immer noch ein Stich in Louis' Herz, aber es war immer schön. Familie, Zusammenkommen und einfach ganz viel an Jay denken. So blieb ein großes Stück von ihr erhalten und Louis schätzte das sehr.

Auch als er verstanden hatte, dass Mark und Bella den Mädchen halfen über den Tod ihrer Mutter besser hinwegzukommen war seine Sympathie für die beiden gestiegen und es hatte im Endeffekt zwar trotzdem noch einiges an Einreden von Harrys Seite gebraucht und einen heftigen Streit mit Bella und Mark, bei dem Louis am Ende weinend in Bellas Armen lag, aber dann hatte er es endlich verstanden. Die beiden liebten die Mädchen und eigentlich wollten hier alle nur das Beste.

Inzwischen waren sie ein bisschen wie die Tante und der Onkel, die er nie gehabt hatte. Und sie waren eine Familie. Er hatte auch akzeptiert, dass Phoebe und Daisy die beiden Mum und Dad nannten.

Fizzy war zwar inzwischen neunzehn, aber sie wohnte noch zu Hause, da sie zwei Wartesemester hatte bis sie ihren Studienplatz an einer Filmhochschule bekam.

Lottie war ausgezogen, kam aber oft nach Hause. Sie wohnte inzwischen in Manchester, da sie in einer Stadt wohnen wollte.

Genau wie Harry und Louis, die nach London gezogen waren, wo Louis trotz seiner herausragenden Noten kein Arzt oder Psychiater geworden war (viele wollten zwar Arzt werden nachdem sie so etwas durchgemacht hatten, um anderen Menschen zu helfen, aber bei Louis war es eher andersrum. Er hatte Angst, dass irgendwann durch sein Versagen Leute das durchmachen mussten was er hatte durchmachen müssen und das wollte er nicht. Arzt stand für ihn also außer Frage), sondern Musikproduzent. Er hatte sein eigenes Label eröffnet und war wirklich erfolgreich.

Harry war was sein Berufsleben anging ein bisschen wie ein Fähnchen im Wind. Er hatte alles Mögliche gemacht, er war Bäcker gewesen, Lehrer, Physiotherapeut, ja, sogar in einem Blumenladen hatte er schon gearbeitet. Es machte ihm einfach Spaß immer wieder neue Dinge zu lernen und neue Jobs auszuprobieren. Und durch Louis hatten die beiden sowieso ein stabiles Einkommen, daher musste er sich wegen der finanziellen Gründe keine Sorgen machen.

Und dann gab es da ja noch sein „Doppelleben". Irgendwann nachts waren die beiden im Studio von Louis gewesen (und vielleicht ein bisschen betrunken). Da hatte Louis Harry dann dazu gebracht einen Song aufzunehmen, den Harry geschrieben hatte. Den hatten sie dann unter dem Künsternamen Styles auf SoundCloud hochgeladen. Und das hatte ihnen so Spaß gemacht, dass sie einfach noch ein paar produziert und hochgeladen hatten. Einer davon war dann sehr erfolgreich geworden und die beiden hatten einfach weiter gemacht, sodass Harrys Musik inzwischen ziemlich berühmt war und die ganze Welt sich fragte wer denn eigentlich Styles war.

Kurz gesagt: Harry und Louis waren glücklich. Wirklich glücklich.

„Sooo, jetzt fehlt nur noch Lottie, dann können wir endlich essen", meinte Mark und stellte den Braten auf den feierlich gedeckten Tisch. Heute war Bellas und Marks Hochzeitstag und seit einigen Jahren nutzten sie auch das einfach als Ausrede, um die ganze Familie kommen zu lassen und beisammen zu sein (die beiden liebten das. Außerdem liebten sie es Harry und Louis dazuhaben, genau so wie die Tatsache, dass Lottie für so etwas nach Hause kam).

„Yess, ich hab so Hunger", meinte Louis und Harry pikste ihm in die Seite, sodass er leise quietschte. Dann umarmte Harry ihn von hinten und drückte ihm einen Kuss hinters Ohr. Er konnte (besonders seit zwei Tagen) nicht genug von Louis bekommen.

Louis drehte sich nur in seinen Armen und schüttelte gespielt enttäuscht den Kopf. „Nicht nett, Harold. Nicht nett. Das muss ich dir jetzt leider heimzahlen." Harry runzelte die Stirn.

„Zum Essen sollte man seine Mütze ausziehen, Harry. Das ist unhöflich", meinte Louis mit lauter Stimme, damit alle ihm auch zuhörten, aber es sahen eh alle zu ihnen, von daher wäre das gar nicht nötig gewesen. Louis grinste und als Harry verstand, was er vorhatte weiteten sich seine Augen. Er war immer noch unsicher. Aber da hatte Louis ihm schon die grüne Mütze vom Kopf gezogen. Harry schloss die Augen und spürte die Blicke der anderen auf sich.

„Harry!", meinte Fizzy überrascht. „Du hast deine Haare geschnitten?"

Harry seufzte, öffnete die Augen und nickte vorsichtig. Louis sagte ihm zwar jeden Tag wie heiß das aussah (und er zeigte ihm auch jeden Tag wie heiß er es fand), aber Harry war sich noch nicht so sicher. Er vermisste seine langen Haare. Es war ungewohnt.

„Ich hab sie gespendet", meinte er dann und in Louis' Augen zeichnete sich wieder deutlich der Stolz ab. Louis' Mutter war schließlich an Krebs gestorben und dass Harry seine Haare an eine Organisation gespendet hatte, die Perücken für krebskranke Kinder herstellte hatte ihn tief berührt. Er liebte Harry so sehr.

„Wow." Bella lächelte und legte ihre Hand an Harrys Arm. „Das ist wirklich...das ist wirklich schön." Ihre Augen strahlten.

Louis umarmte Harry von der Seite und Harry warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Ja", meinte jetzt auch Phoebe. „Das ist wirklich toll von dir. Und außerdem..." Sie legte den Kopf schief. „Es ist ungewohnt, aber es sieht gut aus."

„Siehst du?", flüsterte Louis leise und Harry musste lächeln.

„Waren das die Neuigkeiten, von denen ihr gesprochen habt?", fragte Daisy halb scherzend, halb ernst gemeint und Harry lachte nur. „Nein. Aber damit wollten wir eigentlich warten bis Lottie hier ist."

„Wo bleibt die eigentlich?", fragte Mark mit Blick auf seine Uhr.

„Oh, äh, Damian meinte er holt sie auf seinem Weg vom Bahnhof ab." Fizzy lächelte. Damian war ihr Freund. Die beiden waren jetzt auch schon ziemlich lange zusammen, das ganze hatte in so einer achten-Klasse-Beziehung angefangen, aber nie aufgehört.

„Aber äh...Harry...?"

„Ja?" Er sah Fizzy fragend an. „Ich glaube ich weiß, was eure Neuigkeiten sind. Du trägst zwar eine Menge Ringe, aber das ist mir trotzdem sofort aufgefallen. Und ihr seid so...noch anhänglicher als sonst...Ich kann mit der Frage jetzt auch nicht mehr warten bis Lottie da ist."

Sie stellte keine Frage. Aber allen war klar, was sie gerade suggerierte. Alle Blicke wanderten erst zu Harrys Hand, dann darauf wie umschlungen Louis und Harry dastanden und dann zu den riesigen Lächeln auf ihren Gesichtern.

Harry sah Louis nur kurz an und dieser nickte grinsend.

„Ja!", platzte es dann aus Harry heraus und er nickte. „Wir sind seit vorgestern Abend verlobt. Das sind die Neuigkeiten." Er strahlte über sein ganzes Gesicht und alle starrten die beiden einfach nur überrascht und erfreut an. Dann brach ein Wortschwall los.

Alles was man wirklich verstehen konnte war nur „Glückwunsch", „Ich freu mich so" und „Oh mein Gott" und Harry und Louis wurden von allen Seiten umarmt.

Als Lottie und Damian dann plötzlich in der Tür standen und mitkriegten um was es ging, schlossen sie sich den Glückwünschen an und die Stimmung im Haus war einfach nur wunderschön. Voller Liebe und Glück.

Und als Louis und Harry an dem Abend im Gästezimmer im Bett lagen und Louis Harrys Herzschlag lauschte konnte er nicht fassen, wie glücklich er war.

Er hätte damals nie gedacht, dass er nach dem Tod seiner Mutter jemals wieder so glücklich sein konnte.

Aber Harry hatte Recht gehabt. Harry hatte immer Recht.

Louis hörte nur dem gleichmäßigen Atem seines Verlobten zu und strich dann sanft über seinen Arm. Oops und Hi waren ihre ersten Matching Tattoos gewesen. Jetzt hatten sie einige mehr. Und es würden auch bestimmt noch welche kommen.

Denn wenn irgendetwas klar war, dann war das, dass Harry und Louis für immer waren. Ihre Liebe war unendlich.

Und Louis war glücklich.

Harry natürlich auch.


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soooooo. das war dann der zweite teil. ich muss sagen, ich hab den ersten teil locker vor einem halben jahr oder so angefangen zu schreiben (und eigentlich hatte ich nicht mal vor einen zweiten teil zu schreiben), dann jetzt zu ende geschrieben und jetzt den zweiten teil. der kam einfach so aus meinen fingern geflossen (jetzt wo ich drüber nachdenke, das klingt echt eklig...egal).

[und falls sich jemand fragt warum ich hier beim ersten teil nicht to be continued geschrieben habe (hat sich vermutlich niemand gefragt aber who cares...wow wortwörtlich...okay, ich sollte aufhören), das schreibe ich nur bei one shots, die mit dem nächsten teil wirklich in gewisser weise erst abgeschlossen werden, aber das hier ist ja zum beispiel nur eine art „erweiterung".]

💕

Bevor ich das jetzt aber hochlade muss ich noch was loswerden:

Ich finde die Dinge, die jeden Tag passieren schrecklich. In Bezug auf vieles natürlich. Ob Sexismus, Homophobie, Rassismus oder alles mögliche andere, bei dem Menschen schrecklich behandelt werden.

Und jetzt wurden, erst durch Ahmaud Arbery, dann durch George Floyd viele Menschen aufgeweckt. Die Menschen gehen auf die Straße, um zu protestieren und endlich zu versuchen etwas zu verändern.

Und wie wird darauf geantwortet? Mit Gewalt. Mit so viel Gewalt. Ich verstehe es nicht. Wirklich. Ich habe Videos gesehen von Kindern, die mit Tränengas oder Pfefferspray zu kämpfen hatten, von einem friedlich inspirierend redenden Protestierenden, der den Polizisten gesagt hat, dass er weiß, dass sie auch alle Menschen sind und er die gute Seite sehen will und zum Dank dafür erstmal weggezogen und zu Boden gebracht wurde, von einem Polizisten, der zu einer Frau im Auto, die Angst hatte sich zu bewegen gesagt hat, dass sie keine Angst haben muss, weil Polizisten ja nur Schwarze umbringen und von vielen vielen weiteren schrecklichen Dingen.

Ich weiß nicht genau, was auf dieser Welt und vor allem in den USA zu so viel...Hass und Angst geführt hat, aber es macht diese Welt zu einem so schlechten Ort.

Ich verstehe nicht, wie es immer noch Leute geben kann, die sagen White Privilege gibt es nicht. Oder, dass irgendwer sich „nicht so anstellen solle". Rassismus ist so präsent und ein so riesiges Problem und ich verstehe es einfach nicht.

Ich bin allerdings in gewissen Dingen auch...ratlos. Ich weiß nicht genau, wie ich helfen kann, ich weiß nicht genau wie ich mich in manchen Situationen verhalten soll, ich weiß nicht ob es jetzt fake oder heuchlerisch rüberkommt wenn ich, als weißes Mädchen aus Deutschland sage wie sehr mich diese Dinge mitnehmen.

Ich will helfen. Ich will einen Unterschied machen, aber ich weiß in gewissen Dingen einfach nicht wie. Deshalb muss man sich informieren. Nachfragen, reden. Ich hab zum Beispiel eine sehr gute Freundin, die dunkelhäutig ist und ich rede mit ihr darüber. Sie weiß, dass ich nichts was ich sage irgendwie ignorant meine, auch wenn es vielleicht so rüberkommen kann, weil ich es einfach nicht besser weiß.

Ich denke der erste Schritt ist es sein Privilege wahrzunehmen. Zu verstehen, dass ich zum Beispiel joggen gehen kann, ohne Angst haben zu müssen erschossen zu werden.

In diesem Jahr ist schon so viel Scheiße passiert, aber langsam fange ich an zu glauben, dass dieses Jahr und vielleicht auch dieses Jahrzehnt endlich mal Veränderung bringen kann. Vielleicht ist das zu viel des Guten oder zu viel Hoffnung in die Menschheit, aber man muss schließlich auch mal hoffen.

Also um das jetzt einigermaßen abzuschließen:

I understand that I will never understand. However, I stand. Black lives matter.

Und in den Worten von Billie Eilish:

„The slogan #blacklivesmatter doesn't mean other lives don't. It's calling attention to the fact that society clearly thinks black lives don't fucking matter. And they fucking do. Black lives matter. Say it again."

Falls jemand etwas dazu zu sagen hat oder sich mit jemandem unterhalten will, schreibt mir einfach eine Nachricht.

Danke fürs Lesen.

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