storms & stables | larry
or: harry has to spend time on a horse ranch and the annoying son of the owners is maybe not as annoying as he first thought
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ich passe übrigens in den meisten meiner geschichten das alter von louis' geschwistern so an, wie es mir gerade passt haha, so auch in dieser, also nicht wundern bitte. nur in den wenigsten ist es wirklich accurate lol
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„Wir sind da!", rief Gemma begeistert und Harry nickte und schaltete den Motor ab. Ja. Da waren sie. Und noch vor einer Woche wäre der Plan jetzt gewesen Gemma abzusetzen, ihr Zeug aus dem Kofferraum zu holen, sich tränenreich (man bemerke die Ironie) von ihr zu verabschieden (er liebte seine Schwester, sie standen sich echt nah, aber für drei Wochen konnte er sie entbehren) und wieder nach Hause zu fahren.
Jetzt sah die Sache ganz anders aus, weil Harrys bester Freund Niall Scheiße bauen musste und Harry für ihn den Kopf hingehalten hatte, ganz der gute beste Freund, der er war.
Es war nicht so, dass Harry immer Nialls Scheiße auf seine Kappe nahm, nie eigentlich, aber diesmal wäre er sonst vielleicht der Schule verwiesen worden und Harry bekam lieber selber ein bisschen Stress, als das letzte Schuljahr ohne seinen Iren durchstehen zu müssen. Er hatte immerhin eine so gut wie perfekte Schulakte (er war jetzt eher nicht so der Bad Boy), da würde ihm das jetzt auch nicht die Zukunft verbauen.
Seine Mutter allerdings war alles andere als erfreut gewesen, vor allem weil sie vermutlich wusste, dass das alles eigentlich Nialls Mist war. Aber weil Harry das einfach nicht zugeben wollte (er war nun mal loyal, sue him), hatte sie sich einfach gedacht, dass sie Harry als Gemmas Anhängsel mitschicken würde, damit er mal für einige Zeit zumindest von Niall getrennt war.
Sie würde ihm niemals den Umgang mit ihm verbieten, weil sie 1. nicht diese Art von Mutter war und 2. Niall selbst viel zu sehr mochte. Aber das hieß nicht, dass es keine gute Idee war die beiden immerhin mal drei Wochen ohne einander verbringen zu lassen. Sie waren ja quasi zusammen getackert.
Deshalb hatte Harry jetzt einen eigenen Koffer im Kofferraum und rümpfte die Nase, als der Geruch von Pferdemist durch die noch geschlossenen Fenster ins Auto drang.
Gemma verdrehte die Augen und schlug ihrem kleinen Bruder gegen den Arm. „Jetzt mach nicht so ein Gesicht, H. Du wirst es hier mögen, glaub mir." Und damit öffnete sie die Tür und stieg aus.
Gemma hatte vor einigen Jahren auf einer Freizeit Lottie kennengelernt, das Mädchen deren Eltern dieser Reiterhof gehörte, und die beiden waren trotz der Tatsache, dass Lottie Harrys Alter und damit vier Jahre jünger war als Gemma sehr gute Freundinnen geworden. Seitdem kam Gemma mindestens einmal im Jahr her und verbrachte so viel Zeit wie möglich hier.
Und dieses Mal hatte sie halt Harry mitgenommen, weil ihre Mum das so angeordnet hatte. Harry seufzte. Es war ja nicht so, dass drei Wochen auf einem Reiterhof wie die reinste Folter klang, er hatte nicht unbedingt was gegen Pferde und fand es auf dem Land eigentlich ganz schön, aber er konnte nun mal nicht reiten. Was sollte er denn den ganzen Tag machen?
Gemma hatte zwar gesagt er könnte es ja versuchen zu lernen, Lottie war angeblich eine absolut begabte Reitlehrerin, aber Harry war sich nicht so sicher, ob er sich in das Risiko begeben wollte etwas Sportliches auszuprobieren, seine zwei linken Füße machten ihm nämlich ungefähr bei allem einen Strich durch die Rechnung. Den einzigen Sport den er hinbekam war Laufen und ein bisschen Fitness und er musste sich jetzt nicht unbedingt auf eins dieser großen Tiere setzen, wenn er jetzt schon wusste, dass er runterfallen würde. Außerdem hatte er eh ziemlich Respekt vor Pferden.
Aber er hatte seine Gitarre dabei, vielleicht würde er ja etwas schreiben können. Harry hatte nämlich einen mehr oder weniger erfolgreichen YouTube Kanal, auf dem er seine eigenen Songs hochlud und während Gemma ihn immer damit teaste, dass er nur Klicks bekam, weil die Mädchen ihn alle so heiß fanden, seine Mum und Niall waren sich sicher, dass Harrys Musik einfach magisch war und er bestimmt irgendwann entdeckt wurde.
Das wollte Harry aber gar nicht, er wollte nur seine Songs teilen. Vielleicht in einem anderen Leben, dachte er manchmal. Aber in diesem war er sehr zufrieden einfach erstmal seinen Abschluss zu machen und dann vielleicht ein Studium oder eine Ausbildung.
Er holte noch einmal tief Luft und folgte Gemma dann aus dem Auto.
Es war ein ziemlich großer Hof, mit verschiedenen Häusern, Ställen oder Scheunen, wie auch immer, er kannte sich da nicht so aus, und auch (Reit?)plätzen. Auf dem links von ihm ritten einige Leute und es waren Hindernisse verteilt. Generell war ziemlich geschäftiges Treiben auf dem Hof.
Gemma war schon dabei ihre Taschen aus dem geöffneten Kofferraum zu hieven und Harry half ihr schnell dabei. Dann schlug er die Klappe zu, schloss das Auto mit einem Drücken auf den Schlüssel ab und drehte sich zu seiner Schwester.
„Und je-", setzte er an zu sagen, da schwang schon die Tür des Hauses vor dem sie geparkt hatten auf und zwei etwa vierzehnjährige Mädchen liefen auf sie zu. Zwei genau gleich aussehende etwa vierzehnjährige Mädchen, um genau zu sein. Der einzige Unterschied war die Farbe ihrer Reithosen, die eine trug braun, die andere grau.
„Gemma", riefen sie begeistert und Harry beobachtete wie Gemma zurück grinste und die beiden umarmte.
„Hey, ihr zwei", meinte sie und Harry bemerkte wie glücklich sie wirklich aussah. Es war schön zu sehen, wie viel ihr dieser Hof bedeutete. Und das waren anscheinend zwei Schwestern von Lottie.
„Phoebe, Daisy", sagte Gemma dann und drehte sie an ihren Schultern zu Harry. „Das ist mein Bruder Harry."
„Hi Harry", sagte der linke Zwilling und ihre Schwester hob die Hand. Beide lächelten und Harry lächelte zurück.
„Hi."
„Ist das Gemma?", ertönte eine Stimme und ein weiteres Mädchen trat aus der Tür. Sie trug keine Reitsachen, sondern ein im Wind leicht flatterndes Sommerkleid und ihre langen braunen Haare flatterten mit. Sie hatte ein kleines Mädchen auf dem Arm, mit roten Löckchen und begann ebenfalls breit zu lächeln, als sie Gemma sah.
„Hey", rief sie erfreut, kam auf sie zu und zog sie mit ihrem freien Arm in eine Umarmung. Gemma begrüßte sie und das kleine Mädchen auf ihrem Arm und lachte und sagte irgendwas, aber Harry war ein bisschen in Schock. Als der Blick des Mädchens auf ihn fiel, runzelte sie die Stirn. Er sah wohl etwas komisch aus, wie er sie einfach anstarrte.
„Äh...ist was?", fragte sie, während Gemma den Kopf schief legte, als ob sie an Harrys mentaler Gesundheit zweifelte.
„Nein, äh, nichts, du..." Er räusperte sich leise. „Du bist nur echt...also...wunderschön."
Während seine Schwester die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte, breitete sich langsam ein Lächeln auf dem Gesicht des Mädchens aus, als sie Bedeutung seiner Worte bei ihr ankam.
„Ähm...danke", sagte sie überrascht. Dann setzte sie an noch etwas zu sagen, wurde aber von einer etwas kratzigen Stimme hinter Harry unterbrochen.
„Hör auf meine Schwester anzubaggern."
Mit gerunzelter Stirn drehte Harry sich herum und sein Blick fiel auf einen Jungen, vielleicht etwas älter als er selbst, der am Geländer des Reitplatzes lehnte und den Harry vorher nur aus dem Augenwinkel bemerkt hatte.
Er trug ebenfalls keine Reitsachen, sondern einen Trainingsanzug von Adidas und war minimal kleiner als Harry, aber das Selbstbewusstsein, das er ausstrahlte ließ ihn größer wirken. Er hatte verwuschelte braune Haare und einen Dreitagebart und seine Augen waren ziemlich hell, das konnte Harry sogar auf die paar Meter Entfernung sehen. Und das alles hätte Harry eigentlich ziemlich attraktiv gefunden, wäre da nicht dieser Gesichtsausdruck. Er sah gelangweilt aus und hatte so eine „die ganze Welt fuckt mich ab"-Attitude und das nervte Harry an Typen gewaltig.
Genauso wie die Zigarette zwischen seinem Zeige- und Mittelfinger. Er konnte einfach nicht verstehen, wie Menschen rauchen konnten. Ja, Sucht und so, aber, dass es ihnen wirklich egal war immer zu stinken...es rollte sich ja auch niemand in Hundekot und sagte anschließend „Ja, sorry, dass ich so rieche, ich bin halt süchtig danach."
Ganz zu schweigen davon, wie ekelhaft es war jemand zu küssen, der gerade geraucht hatte. Harry hatte da leider so seine Erfahrungen (es war gut möglich, dass er dem Rauchen deshalb so besonders abgeneigt war, weil sein Ex geraucht hatte und es ihm wirklich immer egal gewesen war, dass Harry das eklig fand).
Das war also...ein Bruder von Lottie?
„Ähm", machte Harry und runzelte die Stirn. „Ich hab ihr nur ein Kompliment gemacht."
„Ja, wirklich, beruhig dich mal", stimmte das Mädchen ihm zu und Harry musterte ihn einfach nur.
„Pff", machte der Typ und zog an seiner Zigarette. „Ich kenn Typen wie dich. Und du bist nicht der Erste, der an Fizzy ran will."
Harry wusste nicht ob er sehr beleidigt oder amüsiert sein sollte.
„Louis!", meinte eine der Zwillinge ermahnend, aber das war dem Typen egal. Louis hieß er also.
„Okay, erstmal solltest du aufhören Leute zu verurteilen, wenn du wirklich gar nichts über sie weißt und zweitens darf man ja wohl noch nett sein!"
„Nicht auf so eine eklige Weise." Louis schnaubte und Harry rollte mit den Augen. Er hatte wirklich genug von solchen Typen. Die gab es leider auch auf seiner Schule zuhauf. Die die sich für was Besseres hielten und dachten sie hätten die ganze Welt durchschaut. Er war vermutlich auch einer der Sorte „Ich mansplaine gerne und viel".
Also machte Harry sich einfach nichts aus dem Kommentar. Mitleid war seiner Meinung nach die beste (und einzige) Art mit solchen Idioten umzugehen.
„Nur zu deiner Information..." Er musterte Louis einmal ganz genau von oben bis unten, machte dabei eine Pause, die so lang war, dass sie ganz knapp an der Grenze zu unangenehm war. „Mädchen...", sagte er. „Nicht so mein Gebiet."
Louis zog die Augenbrauen hoch, Harry lächelte nochmal falsch und drehte sich zurück. Das Mädchen, das anscheinend Fizzy hieß, hatte ihre kleine Schwester jetzt auf den Boden abgestellt und grinste Harry zu. Sie reichte ihm die Hand. „Ich bin Fizzy, wie mein Idiot von Bruder schon gesagt hat und bitte ignorier seine schlechte Laune. Das ist leider Dauerzustand."
Harry lächelte und schüttelte ihre Hand.
„Harry, Gemmas kleiner, nerviger Bruder."
Gemma verdrehte die Augen, Fizzy grinste. Harry setzte an noch etwas zu sagen, da unterbrach ihn eine neue Stimme.
„Bah, Louis, geh mit deinem Krebsinhalator hier weg."
Als Harry sich umdrehte, sah er, dass hinter Louis ein Mädchen auf dem Platz ihr Pferd angehalten hatte und sich jetzt in Windeseile aus dem Sattel schwang. Sie schlang die Zügel locker um das Holz des Geländers und kletterte dann zwischen den beiden Balken hindurch, wobei sie geschickt den Helm abnahm.
Als sie dann auf Gemma zu rannte, Gemma aufquietschte und die beiden sich innig umarmten, verstand Harry auch, dass das wohl Lottie war.
Dann wurde auch sie ihm vorgestellt und während er sich ein bisschen mit den Mädchen unterhielt und sich nach zwei Minuten zumindest die Namen alle merken konnte, spürte er Louis' Blick die ganze Zeit in seinem Nacken.
Irgendwann öffnete sich die Tür des Hauses ein weiteres Mal und eine Frau trat heraus, die unverkennbar die Mutter der Mädchen und Louis war. Sie trug ebenfalls ein Kleinkind auf dem Arm, etwa im gleichen Alter wie Doris, die sich gerade an Phoebes (der Zwilling mit der grauen Reithose, aber sobald sie sich umzogen würden, hatte Harry keine Chance die beiden auseinanderzuhalten) Hand festklammerte, weil Harry ihr wohl noch nicht so ganz geheuer war.
„Hallo Gemma", sagte die Frau strahlend und Gemma erwiderte das Lächeln mit genauso viel Sonnenschein. „Und du musst Harry sein", sagte sie dann und Harry nickte und schüttelte ihre Hand.
„Ja, Ma'am", sagte er und ihr Lächeln wurde noch wärmer, falls das überhaupt möglich war. Harry fühlte sich bei ihr sofort wohl.
„Oh bitte, sag doch Jay zu mir", sagte sie und er nickte.
Dann fiel ihr Blick wohl auf den Jungen hinter ihm und ihr Blick wurde leicht missbilligend.
„Louis, Schatz, wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du nicht in der Nähe der Tiere rauchen sollst?"
Harry musste fast lachen, weil das Schatz seiner Meinung nach wirklich gar nicht in den Satz passte. Und zum ermahnenden, etwas müden Ton ihrer Stimme. Louis seufzte nur.
„Ist ja gut, ich hau schon ab", sagte er und kratzte sich im Nacken. „Ich bin ja hier offensichtlich unerwünscht." Dabei warf er Harry einen schneidenden Seitenblick zu. „Kann dich den Traktor nehmen?" Seine Mutter sah ihn ein paar Sekunden nur an, dann nickte sie seufzend und Harry biss sich auf die Lippe, weil mein Gott, wie sollte man es denn nicht amüsant finden, wenn statt nach dem Familienauto nach dem Familientraktor gefragt wurde? Das war ja wirklich Landleben pur hier.
Sie alle sahen dabei zu, wie Louis wegschlurfte.
„Okay, ihr beiden, so kommt rein, kommt rein, ich hab Kuchen gemacht und ihr seid bestimmt müde von der langen Fahrt", sagte Jay dann und lächelte. „Gemma, du willst in Lotties Zimmer schlafen, nehme ich an, ja? Dann kann Harry das freie Zimmer bei uns im Haus haben und muss nicht ins Gästehaus. Lottie, Fiz, helft ihr den beiden bitte beim Tragen? Und ja, ihr beiden könnt ruhig ausreiten gehen, ich sorge dafür, dass Kuchen übrig bleibt, aber kann jemand von euch Schneeweißchen vorher absatteln?" Den letzten Teil sagte sie zu Phoebe und Daisy, die nickten und während Daisy schon zu Lotties Pferd ging (das übrigens braun war, Harry sah also nicht so ganz, wo der Name „Schneeweißchen" herkam) gab Phoebe ihre kleine Schwester an Lottie, die Doris auf den Arm nahm und mit der anderen Hand Gemma bei ihrer Tasche half. Fizzy bestand darauf Harry zu helfen und ungefähr eine Viertelstunde später saßen sie alle in der Küche.
Das Gästezimmer, in dem Harry für die zwei Wochen unterkommen würde war wirklich schön. Es war klein, aber schlicht und niedlich, mit einem verschnörkelten Bett, einer Kommode, einem Schreibtisch und einem eigenen Bad. Lottie (und damit auch Gemma) waren nebenan, daneben angeblich das Zimmer von Louis, direkt neben der Hintertür, weil, wie Fizzy ihm erklärt hatte, Louis nachts oft rausging. Die Zwillinge (beide Zwillingspaare übrigens, weil auch Doris und Ernest, der Junge auf Jays Arm, sich einen Geburtstag teilten) wohnten alle einen Stock höher, wo auch Jay lebte.
Harry brauchte eine Weile, bis er die ganzen Familienverhältnisse verstanden hatte, die ihm die Anderen versuchten über Kuchen und Kakao zu erklären.
Jay war hier auf dem Hof aufgewachsen, aber ihre Eltern waren früh gestorben und sie hatte alles alleine regeln müssen. Dann war sie auch noch unerwartet mit Louis schwanger geworden und sein Vater hatte sich auch noch verpisst, das hieß sie war alleine mit Kind und Hof gewesen.
Allerdings hatte sie alles wohl ziemlich gut auf die Reihe bekommen und weil der Hof einen guten Ruf hatte lief es. Ein Jahr später hatte sie dann Mark kennengelernt, ihren ersten Mann, als Louis nur zwei war und die beiden hatten schnell geheiratet, Jay und Louis hatten seinen Namen angenommen und dann waren auch schon Lottie, zwei Jahre später Fizzy und noch zwei Jahre später Phoebe und Daisy dazu gekommen.
Nach einiger Zeit hatten Mark und Jay sich dann aber irgendwie auseinandergelebt und Mark war doch nicht so ganz der Mensch für Landleben wie er gedacht hatte, deshalb war er in die nächste Stadt gezogen. Er sah seine Kinder aber noch sehr oft, mindestens jeden Sonntag kam er zum Brunch und zum Glück verstand er sich auch extrem gut mit Jays neuem Mann, ihrem lebenslangen Nachbar Dan, der wohl schon immer in sie verliebt gewesen war. Sie hatte ihm nach der Trennung von Mark wohl endlich eine Chance gegeben und schnell bemerkt, wie gut sie zusammen waren.
Jetzt waren die beiden schon seit fünf Jahren verheiratet und seit drei gab es Doris und Ernest, die jüngsten der Geschwister.
Irgendwie gefiel es Harry, sofort in die gesamte Familiengeschichte eingeweiht zu werden. Es gab ihm ein Gefühl, dass ihm irgendwie vertraut wurde, obwohl er theoretisch ein Fremder war. Er lächelte, als Fizzy irgendeine Geschichte erzählte, die wohl so lustig war, dass sie es vor lauter Lachen gar nicht hinkriegte zur Pointe zu kommen.
Er konnte verstehen, dass seine Schwester so schnell so attached zu dieser Familie geworden war. Und er war zuversichtlich die nächsten drei Wochen würden (selbst ohne Niall) bestimmt schön werden. Er mochte sie auch alle jetzt schon.
Gut. Außer vielleicht Louis.
Aber den konnte er ja einfach ignorieren.
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Geweckt wurde Harry am nächsten Morgen, weil ein Hahn krähte. Nein, ernsthaft. Ein Hahn.
Um acht Uhr morgens.
Er stöhnte leise, rieb sich die Augen und gähnte. Dann schlug er die Decke zurück und schwang seine Füße über den Rand, denn wenn er das jetzt nicht machte, kam er vermutlich heute gar nicht mehr aus dem Bett. Das kleine Fenster in seinem Zimmer zeigte den Teil vom Hof, auf dem sein Auto stand und auch der Reitplatz war, auf dem Lottie gestern irgendwas trainiert hatte, als sie angekommen waren.
Woher der Hahn kam, wusste Harry allerdings nicht, denn er hatte hier nirgends Hühner gesehen.
Müde kratzte er sich am nackten Oberkörper und ging dann zum Schreibtischstuhl auf den er gestern seine Jeans gelegt hatte.
Er griff danach und nahm dann noch frische Unterwäsche und ein neues Shirt aus seinem Koffer und verschwand im Badezimmer für eine kurze Dusche.
Eine Viertelstunde später kam er in die Küche und lächelte, als er Fizzy und einen der Zwillinge mit Kakao und in Schlafanzügen am Tisch sitzen saß.
„Morgen, Harry", meinte Fizzy und lächelte. Harry lächelte zurück und ließ sich in einen Stuhl ihr gegenüber plumpsen.
„Hey", sagte er und gähnte nochmal. „Ich bin's nicht gewohnt an freien Tagen so früh aufzustehen."
„Der Hahn?", fragte Fizzy grinsend, während Daisy oder Phoebe, wer der beiden es auch war, ihm wortlos eine Kaffeekanne rüberschob.
Harry grinste, nickte Fizzy zu und nahm sich eine der vier Tassen, die umgedreht in der Mitte des Tisches standen. „Ist das euer Hahn?", fragte er dann. „Ich hab gar keine Hühner gesehen."
Daisy/Phoebe schüttelte den Kopf. „Nein", sagte sie. „Der ist von Dans Hof. Die haben Kühe, Schweine und Hühner. Ein richtiger Bauernhof halt."
„Warte, aber Dan wohnt doch hier?" Langsam kam Harry echt nicht mehr mit. Vielleicht würde der Kaffee helfen, den er sich einschüttete.
Fizzy lachte. „Ja, aber der Hof gehört weiter seiner Familie."
„Oh. Ja ok, das ergibt Sinn."
In dem Moment öffnete sich die Tür und ein Mann trat in die Küche. Er hatte Doris und Ernest auf dem Arm und lächelte freundlich.
„Guten Morgen", sagte er fröhlich und sah dann Harry an. „Ich bin Dan", stellte er sich vor und lächelte, als Phoebe/Daisy aufstand und ihm einen Zwilling (Ernest) abnahm.
„Harry", sagte Harry mit einem Nicken und kam sich etwas überflüssig vor, weil er nicht so ganz wusste, was er tun sollte.
„Gemmas Bruder, ich hab schon gehört", sagte Dan und setzte Doris in einem der zwei Hochstühle ab. „Herzlich willkommen", fügte er dann hinzu und Harrys Lächeln wurde noch echter. Gemma war hier schon so sehr Teil der Familie, dass es sich fast so anfühlte, als hätten die anderen ihn jetzt auch schon als solches akzeptiert.
„Ich war gestern noch bei meinen Eltern, aber es freut mich dich kennen zu lernen. Jay ist hellauf begeistert von dir."
Harry lachte leise und etwas awkward, denn was antwortete man auf sowas, aber da fragte Fizzy ihren Stiefvater auch schon irgendwas, was Harry nicht verstand und es entwickelte sich ein lockeres Gespräch zwischen ihnen, während Dan und Phoebe/Daisy Doris und Ernest Frühstück machten (was nur aus etwas Brot und Möhren bestand).
Harry fand es schön, einfach das Familienleben von ihnen mitzubekommen. Er wurde sogar ins Gespräch eingebracht und irgendwie war es ganz anders, als wenn man irgendwo fremd dabei war. Er wusste nicht, was es war, aber diese Familie hatte einfach irgendetwas extrem willkommenes an sich, dass man sich nicht wie ein Eindringling vorkam und das war echt schön.
Nach fünf Minuten verstand er auch, dass es sich um Phoebe und nicht Daisy handelte und dann irgendwann später verschwand Dan mit den Zwillingen wieder, wohl irgendeinen Einkauf machen und Harry war wieder alleine mit Fizzy und Phoebe.
„Wo sind eigentlich die Anderen?", fragte er als sie zusammen den Tisch abräumten. „Ich meine eure Familie ist ja noch ein bisschen größer."
Fizzy lächelte. „Gemma und Lottie sind auf ihrem Morgen-Ausritt. Den machen sie immer, manchmal gehen sie auch nur spazieren, aber sie sind morgens immer weg, wenn Gemma hier ist. Mum ist schon längst im Büro oder auf dem Hof und regelt Sachen, die Ferienzeit ist schließlich die anstrengendste hier, wir haben quasi Hochsaison. Daisy ist im Gästehaus und frühstückt da glaub ich, sie versteht sich ziemlich gut mit so einem Jungen, der für die Ferien hier ist. Und Louis..." Sie hob die Schultern. „Offen gesagt, keine Ahnung. Es kann gut sein, dass er in der Stadt ist, oder im Stall eingeschlafen oder einfach noch in seinem Zimmer. Wir lassen ihn einfach in Ruhe."
Harry zog die Augenbrauen zusammen, während er die Milch zurück in den Kühlschrank stellte. Wir lassen ihn einfach in Ruhe? Was sollte das denn heißen? Er war doch auch Teil dieser Familie und Harry hatte schon mitgekriegt, dass alle hier gewisse Pflichten hatten, ob es jetzt Reitunterricht oder Stall ausmisten oder auf die Kleinen aufpassen war. Und Louis ließen sie einfach in Ruhe?
„Okay, Harry." Fizzy klatschte einmal in die Hände und strahlte Harry an. „Dann zeig ich dir mal unseren Alltag hier. Und geb dir nochmal eine kleine Tour über den Hof, du hast gestern ja nicht alles gesehen."
Harry nickte und lächelte. Das klang doch gut. Vielleicht konnte er sich ja auch irgendwie nützlich machen, ein bisschen schlecht kam er sich nämlich schon vor, wenn er einfach nur hier Zeit tot schlug und für nichts gut war.
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Eine halbe Stunde später stand er im Stall, in der Sattelkammer. Nein, er würde nicht reiten, so gut war Fizzy im Überreden dann doch nicht, aber Phoebe und Daisy wollten die nächste Stunde vor der Reitstunde der jüngeren Ferienkinder nutzen, um zu trainieren, anscheinend war nämlich bald irgendein Turnier, an dem sie wohl teilnehmen würden.
Und jetzt hatte eine von ihnen ihn beordert den Sattel zu holen und hier stand er jetzt und wusste nicht welcher der Richtige war, denn sie waren zwar mit Namen beschriftet, aber Harry wusste nicht, welche von beiden ihn gefragt hatte. Er legte also den Kopf schief und hoffte auf irgendein Zeichen, sodass er nicht nochmal zurückgehen und fragen musste, da schwang die Tür zur Sattelkammer auf und ein Typ trat herein.
Er trug braune Kurzstiefel, die nicht mal richtig zugeschnürt waren und Jeans. Und dazu...nichts. Harry musterte ihn verwirrt.
Warum genau tauchte jetzt ein — zugegeben ziemlich gut aussehender — Typ ohne Shirt bei ihm auf?
„Oh, hi", sagte der Typ und griff nach einer Wasserflasche links von ihm, die Harry vorher gar nicht bemerkt hatte. Jetzt erst viel Harry auch auf, dass der Typ etwas außer Atem wirkte. Okay, vielleicht hatte er also kein Shirt an, weil er körperliche Arbeit verrichtete? Es war Sommer und zwar ein wirklich heißer noch dazu.
„Bist du Gemmas Bruder?"
Harry nickte. Der Typ streckte ihm die Hand hin. „Ich bin Liam, hi."
„Hi", gab Harry zurück, immer noch leicht verwirrt, und schüttelte seine Hand. Liam stellte die Wasserflasche zurück und nickte zu den Sätteln. „Und warum genau stehst du hier in der Gegend rum?"
„Ich soll für Phoebe oder Daisy einen Sattel holen und ich weiß nicht welcher es ist."
„Die sind doch beschriftet."
„Ich weiß nicht welche von den beiden mich gefragt hat, deshalb sind Namen leider wenig hilfreich."
Liam grinste. „Okay, stand sie neben einem braunen Pferd oder einem schwarzen?"
„Braun, glaub ich."
„Dann ist es Daisy", sagte er und zog einen Sattel von der Halterung, um ihn Harry in die Arme zu drücken. „Hier", sagte er. „Und wo du schon hier bist kannst du doch gleich ihre Trense auch mitbringen." Damit nahm er etwas Anderes von einer der anderen Wände und hängte es über Harrys Hand.
„Ähm...okay."
Liam musterte ihn amüsiert und griff dann nach einer Mistgabel, die hinter der Tür in der Ecke stand, sowie einem Paar Handschuhe, das neben der Wasserflasche lag. „Man sieht sich", meinte er und war genauso schnell verschwunden wie er aufgetaucht war.
Harry stand kurz nur da, dann besann er sich und ging mit dem Sattel und was auch immer Liam ihm da noch in die Hand gedrückt hatte zurück.
Daisy nahm ihm den Sattel lächelnd ab und beförderte ihn dann geübt auf den Rücken des Pferdes, auf dem sie schon irgendeine Decke lag und machte ihn fest. Dann prüfte sie irgendwelche Sachen vermutlich wie eng es war und Harry konnte ihr nur anerkennend dabei zusehen. Das könnte sie vermutlich auch alles im Schlaf, so perfektioniert sahen die Handgriffe aus. Aber gut, sie war halt auch auf einem Reiterhof aufgewachsen, da lief das vermutlich so.
Fizzy hatte Harry vorhin wirklich lange überall rumgeführt, sodass er sich jetzt auch einigermaßen auskannte (na ja...zumindest zurechtfand) und er musste sagen...es war wirklich beeindruckend. Der Hof war ziemlich groß, sie hatten unzählige Reitplätze, Paddocks (wovon Harry vorher nicht mal gewusst hatte, dass diese Dinger existierten) und eine große Koppel, außerdem eine riesige Scheune, eine Reithalle und drei verschiedene Stallungen. Einer für Privatpferde und einer für die Pferde und Ponys, die für den Unterricht benutzt wurden. Der dritte war irgendwie alt und sollte renoviert werden, deshalb waren da gerade keine Tiere untergebracht, anscheinend nur irgendwelche Arbeitsgeräte oder so.
Harry gefiel es hier wirklich. Ihm wurden auch ein paar Leute vorgestellt, die hier arbeiteten oder halt gerade da waren, aber um ehrlich zu sein hatte er fast alle Namen wieder vergessen.
„Ach, du hast ja sogar die Trense mitgebracht", sagte Daisy überrascht und nahm ihm das Gewirr an Lederstriemen aus der Hand. Harry nickte.
„Ja, das hat mir ein gewisser Liam gegeben."
„Ach", sagte Phoebe und grinste. „Dann hast du Li also schon kennengelernt. Lass mich raten, er hatte kein Shirt an?"
Daisy grinste ebenfalls.
Harry schüttelte den Kopf.
„Ja, unser guter Liam nimmt das mit dem Stallburschen-Image manchmal ein bisschen zu ernst", schaltete sich Fizzy dazu, die an einer Boxentür lehnte und irgendwas in ihr Handy tippte.
Harry grinste. Das stimmte wohl. Fizzy hob den Blick. „Das finden aber die meisten weiblichen Teilnehmer der Reitkurse gar nicht so dramatisch", fügte sie dann hinzu und Phoebe nickte.
„Mum hat schon gesagt, wir sollten wie bei einem dieser trainierten Filmstars in seinen Vertrag schreiben, dass er eine bestimmte Zeit im Jahr immer oberkörperfrei rumlaufen muss."
Harry grinste und Phoebe verschwand, vermutlich um ihren eigenen Sattel zu holen, während Daisy ihr Pferd jetzt irgendwas in den Mund schob und dann die Lederriemen, um den Kopf befestigte. Oh ok. Harry hatte sich schon gedacht, dass dieses Ding dafür war, aber er dachte das hieß Halfter?
Mit schief gelegtem Kopf beobachtete er die nächsten paar Minuten wie die Zwillinge ihre Pferde zu Ende fertig machten und dann stiegen die beiden (ziemlich synchron) auf und dirigierten sie aus dem Stall. Fizzy griff nach Harrys Arm und zog ihn mit sich, den beiden hinterher.
Und ein paar Minuten später saßen er und Fizzy dann auf dem Geländer des einen Reitplatzes und sahen Phoebe und Daisy dabei zu wie sie irgendwelche Dressurfiguren übten. Fizzy erklärte ihm am laufenden Band wie die alle hießen und was wichtig war, rief zwischendurch immer wieder irgendwelche Sachen zu ihren Schwestern, aber es blieb kaum was in Harrys Gehirn kleben.
Irgendwann bemerkte er Louis, der an einer anderen Seite des Platzes am Geländer lehnte und rauchte. Sein Blick klebte an seinen Schwestern und sein Gesichtsausdruck war unergründlich. Harry runzelte die Stirn.
Leider sah Louis ziemlich gut aus. Wenn man nicht direkt dieses „Ich hasse die ganze Welt" aus seinem Gesicht ablesen konnte, war er nämlich erschreckend genau Harrys Typ.
Er zwang sich seinen Blick von dem rauchenden Jungen zu lösen und versuchte sich dann weiter auf die Sachen zu konzentrieren, die Phoebe und Daisy machten.
Es war schwer.
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Schon nach zwei Tagen hatte sich irgendwie eine Routine entwickelt. Harry frühstückte meist mit Fizzy und Phoebe (Daisy ging weiterhin rüber ins Gästehaus, dieser Alex schien es ihr wirklich angetan zu haben), oft kam noch entweder Dan oder Jay mit den Zwillingen dazu, dabei hatten sie selbst aber meistens schon eine ganze Stunde vorher gefrühstückt. Gemma und Lottie waren auch nur einmal dabei, weil sie sonst immer ihren Morgensausritt machten.
Nach dem Frühstück machten die drei sich immer auf in den Stall, wo Daisy auf sie wartete und die beiden ihre Pferde fertigmachten, um zu trainieren. Fizzy machte manchmal selbst mit, meistens stand sie aber nur mit Harry am Rand und beobachtete die beiden, um ihnen Kritik geben zu können, sie würde an dem Turnier nämlich nicht teilnehmen.
Ab und zu sah Harry immer mal wieder wie Louis seine Schwestern ebenfalls kurz beobachtete, aber dann war er immer wieder weg.
Danach fing irgendwann die erste Reitstunde der Kleinen an, die Fizzy und Lottie abwechselnd gaben. Dabei sah Harry oft zu, manchmal spielte er auch mit einem der Zwillinge Karten oder holte seine Gitarre und spielte im Schatten der Bäume des an den Hof grenzenden Waldes ein wenig.
Irgendwann aßen sie dann im Gästehaus zu Mittag (dort war eine Köchin angestellt), die einzige Zeit des Tages, an der er seine Schwester wirklich sah, weil sie meistens mit Lottie unterwegs war oder am Reiten oder bei dem einen Pferd, das sie immer ritt und das für die zwei Wochen „quasi ihr gehörte" (Jays Worte, nicht Gemmas).
Die Nachmittage waren unterschiedlich. Er hatte schon oft mit Fizzy Spaziergänge gemacht, hatte anderen Leuten beim trainieren zugesehen und ab und zu bei Stallarbeiten geholfen (Liam hatte übrigens wirklich 75 % der Zeit kein Shirt an. Aber Harry konnte es schon verstehen, es war wirklich heiß draußen und wenn es sich jemand leisten konnte, dann Liam). Oft passte er auch auf die kleinen Zwillinge auf. Er liebte Kinder und die beiden schienen auch entschieden zu haben ihn zu mögen. Besonders Doris hatte einen Narren gefressen und wollte ständig von ihm auf den Arm genommen werden.
Und er konnte ihr mit diesen Augen absolut keinen Wunsch abschlagen.
Die beiden mochten es auch, wenn er Gitarre spielte (und obwohl es nach einer bestimmten Zeit etwas nervig wurde ständig The Itsy Bitsy Spider zu singen, weil es der einzige Song war, zu dem die beiden zumindest ansatzweise die Wörter kannten, er war einfach viel zu eingenommen von den beiden, als dass es ihn wirklich stören würde).
Die meiste Zeit verbrachte Harry aber eindeutig mit Fizzy. Wie sollte er auch nicht, sie verstanden sich einfach extrem gut. Obwohl sie sich erst ein paar Tage kannten hatte Harry das Gefühl es war viel länger. Auf ihren Spaziergängen (er verstand definitiv warum Gemma ständig ausreiten war, die Gegend war einfach wunderschön) erzählte sie etwas von einem Typen, den sie ganz gerne mochte und Harry von seinem merkwürdigen Ex. Und vieles mehr. Sie verstanden sich einfach gegenseitig.
Kurz gesagt: Harry genoss seine Zeit auf dem Hof. Und wenn Fizzy so weitermachte, kriegte sie es wirklich bald hin, ihn dazu zu bringen sich auf ein Pferd zu setzen. Sie hatte sogar versprochen ihm Privatunterricht zu geben, wenn er sich bereit erklärte.
Das Abendessen aß eigentlich die ganze Familie immer zusammen (meist kochte entweder Jay oder Dan, aber Harry war selbst nicht schlecht in der Küche und er wollte sich irgendwie nützlich machen, deshalb hatte er sich bereit erklärt die Aufgabe so lange er hier war so oft wie möglich zu übernehmen. Jay hatte nur gelächelt und ihm das Feld überlassen.) und es war eine der einzigen Zeiten des Tages an denen er Louis sah. Er sah ihn wirklich kaum, nur mal so ab und zu mal im Vorbeilaufen. Es wirkte fast als würde er gar nicht hier wohnen. Aber eigentlich war Harry darüber ganz froh, denn wenn Louis mal da war (zum Beispiel auch irgendeine Reitstunde beobachtete) machte er eigentlich immer nur irgendwelche Kommentare, die Harry wirklich gestohlen bleiben konnten.
Vor allem weil Louis Harry wirklich nicht leiden konnte. Die meisten seiner abfälligen oder sarkastischen Kommentare waren auf Harrys Kosten und es kotzte Harry an. Er war froh, dass er ihn kaum sah. Denn ihm ging es hier wirklich gut und er hatte keine Lust sich das von einem Pseudo-Badboy kaputt machen zu lassen (es half nur nicht, dass er wirklich heiß war. Als Harry ihn zum ersten Mal mit kurzen Ärmeln gesehen hatte hatte er kurz vergessen, wie Atmen ging, weil Louis' Arme über und über mit Tattoos übersät waren und - meine Güte, da stand Harry halt wirklich drauf. Fizzy meinte, dass Louis in den drei Jahren Volljährigkeit vermutlich mehr Zeit im Tattoostudio verbracht hatte als gesund wäre, aber Harry war das egal, es sah eindeutig heiß aus).
Heute war der fünfte Tag, seitdem Gemma und er angekommen waren und er sah mit Doris auf dem Arm gerade Phoebe und Daisy beim Trainieren zu, wie jeden Tag nach dem Frühstück. Er genoss es, wie die Sonne ihm ins Gesicht schien. Aus einem der Ställe drang leise Musik, die Liam sich beim Arbeiten angemacht hatte und ab und zu hörte man Wiehern, Schnauben und Hufe klappern und Harry hätte nicht gedacht, dass die Zeit hier so erholsam sein würde.
Leise sang er bei dem Song mit und Doris zog an seinen Haaren und sagte dann etwas wie „Awee gut singen" und Harry war so entzückt, dass er ihr lächelnd eine Strähne der roten Löckchen hinters Ohr steckte und dann ein paar Drehungen machte, woraufhin sie erfreut gluckste.
Fizzy kam von der Mitte des Platzes wieder zu ihm an den Rand und grinste als sie das sah. Sie schlüpfte durch das Geländer und lehnte sich dann daran. Harry kam zu ihr und wieder sahen sie einfach nur den Zwillingen beim Dressurreiten zu.
Phoebe gelang irgendwann etwas so perfekt, dass sogar Harry sehen konnte wie fehlerfrei es war und Fizzy lachte. „Ja", rief sie dann. „Genau so, Pheebs. Fast so gut wie Louis!"
Phoebe strahlte bei dem Kompliment und Daisy lenkte ihr Pferd zu ihr rüber, um ihrer Schwester ein High Five zu geben.
Harry runzelte die Stirn. Er biss sich auf die Unterlippe.
„Louis kann reiten?", fragte er und dabei fiel ihm selbst auf, wie dumm die Frage war, denn warum zur Hölle sollte er es nicht können, er war hier schließlich genauso aufgewachsen wie seine Schwestern. Aber irgendwie war Harry davon ausgegangen.
Und er hatte Louis auch in den letzten Tagen nicht mal so richtig auch nur in der Nähe eines Pferdes gesehen.
Fizzy sah ihn überrascht an und lachte dann leise. „Besser als wir alle", sagte sie und sah dann zurück auf Phoebe und Daisy. Sie schluckte. Und zuckte dann mit den Schultern. „Aber ich weiß nicht wann ich ihn das letzte Mal im Sattel gesehen habe."
Harry runzelte die Stirn.
Louis konnte reiten, er tat es nur nicht? War das nicht etwas merkwürdig? Und warum war Fizzys Gesichtsausdruck jetzt so traurig?
In dem Moment beanspruchte Doris aber wieder Harrys Aufmerksamkeit und kurz darauf hatte er das Thema wieder vergessen.
_____
An diesem Abend konnte Harry nicht schlafen. Er wusste nicht warum, eigentlich war er nämlich ziemlich müde gewesen, der Hahn weckte ihn schließlich jeden Tag um acht, aber jetzt war das irgendwie weg. Er wälzte sich hin und her und dachte über alles mögliche nach.
Als seine Gedanken irgendwann sogar zu Xander wanderten, mit dem er jetzt über ein halbes Jahr nicht mehr zusammen war und an den er wirklich nicht mehr denken wollte entschied er sich einen kleinen Nachtspaziergang zu machen.
Hier in der Gegend war das ziemlich ungefährlich, meinte Fizzy und außerdem könnte er ja auch einfach ein bisschen über den Hof laufen, vielleicht würde das ja schon helfen.
Also zog er sich wieder eine Jogginghose und Schuhe an und griff auch noch nach einem Pulli, weil es nachts doch relativ frisch wurde, obwohl es tagsüber so warm war. Es kühlte sich eh gerade wieder ein bisschen ab.
Dann verließ er leise sein Zimmer und machte sich auf den Weg zur Hintertür. Sie hatte so ein Schloss wie ein Toilettenkabine und Fizzy hatte ihm gesagt, dass er, falls er nochmal rausgehen wollte, einfach so abschließen sollte, dass er wieder reinkam.
Aber als er die Tür öffnen wollte stellte er aber fest, dass sie schon genauso angelehnt war. Er runzelte due Stirn, zuckte dann aber einfach mit den Schultern und schob sich nach draußen in die Nachtluft.
Draußen zog er sich relativ schnell seinen Pulli über und lief dann etwas ziellos über den Hof. Es war eine ruhige Nacht und der Himmel war ziemlich klar, Harry konnte unzählige Sterne sehen. Eine Weile blieb er einfach stehen und sah nach oben.
Dann irgendwann setzte er seinen kleinen Spaziergang fort und runzelte die Stirn, als er am Stalleingang der Privatpferde vorbeilief. Denn es brannte Licht. Die vordere Tür bei der er stand war ein kleines Stück auf und Harrys Neugier packte ihn. Es konnte ja sein, dass einfach jemand vergessen hatte, das Licht auszumachen, aber vielleicht war auch noch jemand da?
Als er sich in den ihm inzwischen ziemlich vertrauten Stall begab, lächelte er, weil er sofort irgendwie ruhiger wurde in Anwesenheit der Pferde und lief langsam den Gang entlang. Er hörte irgendeine Stimme in einer der hinteren Boxen und ging leise weiter. Jetzt lachte die Person und Harry runzelte die Stirn. Was war das? Irgendwer war hier, aber ja anscheinend nicht alleine.
Wurde er etwa Zeuge einer geheimen Reiterhof-Romanze? Waren etwa Daisy und ihr Typ hier?
Nein, die beiden wären ja eher bei Daisys Pferd oder? An der Box war Harry schon vorbei.
„Ich vermisse es auch", konnte Harry jetzt deutlich hören und biss sich auf die Unterlippe.
Es ertönte ein Kichern und leises Strohgeraschel.
„Aber ich kann einfach nicht." Die Person holte tief Luft und wieder hörte Harry Geraschel. Und dann schnappte er nach Luft.
Bildete er sich das etwa ein, oder war das Louis' Stimme? Die Tonlage war komplett anders, nicht feindselig, amüsiert oder süffisant, sondern irgendwie...liebevoll. Aber es klang nach Louis.
Nur...Louis und eine geheime Romanze? Das passte irgendwie nicht so wirklich.
„Aber immer wenn ich...", sprach die Stimme weiter, brach dann ab und jetzt war Harry sich sicher, dass es Louis war. Aber er klang irgendwie...gebrochen.
„Ich weiß es ist Jahre her. Aber ich schaffe es einfach nicht."
Harry erreichte die Kante der Box, spähte am Rand vorbei und hielt den Atem an.
Louis war zwar nicht allein, aber das hier war weit von einer geheimen Romanze entfernt. Er stand in der Box, seine ganze Körperhaltung anders als sonst, fast schon in sich gekauert, aber gleichzeitig schien er sich in dieser Umgebung so wohl zu fühlen, dass Harry sich auf die Lippe biss, um keinen Laut von sich zu geben.
Vor Louis stand ein majestätisches, großes Pferd, mit irgendwie dunkelgrauem Fell, im Gesicht heller, mit weißen Stellen dazwischen und hatte den Kopf so gesenkt, dass Louis seine Stirn dagegen lehnen konnte. Obwohl die beiden Mensch und Tier waren schien es, als würden sie sich gegenseitig halten.
Und Louis weinte. Nicht laut, ohne zu schluchzen und seine Augen waren geschlossen, aber Harry sah deutlich Tränen auf seinen Wangen.
Eine Weile standen sie einfach so da, beide komplett still, auch das Pferd war wie eingefroren. Dann hob Louis den Kopf, öffnete die Augen und strich über seine Schnauze.
„Dann wollen wir mal spazieren gehen, hm?" Er sagte das so leise, dass Harry es kaum hörte und dann musste er sich schnell hinter die Ecke ducken, denn Louis öffnete die Boxentür und wartete bis das Pferd an ihm vorbeigelaufen war. Es trug nicht mal ein Halfter, es hatte nur eine Art Kette aus weichem Stoff um den Hals und auch als Louis die Box wieder verschlossen hatte und sich (Gott sei Dank) nicht in Harrys sondern die entgegengesetzte Richtung entfernte, griff er nicht danach. Das Pferd schritt einfach gemütlich neben ihm her, wie ein treuer Hund.
„Sicher, dass du Lottie nicht auf dir reiten lassen willst?", fragte Louis und das Letzte was Harry von den beiden hörte war das leise Wiehern des Pferdes, als ob es Louis antwortete und seine klackenden Hufe, als die beiden durch die Dunkelheit den Hof verließen.
Harry war von Gefühlen und Gedanken überschwemmt. Dieser Louis hier gerade, nachts im Stall bei diesem Pferd...er hatte das Gefühl er hatte ihn noch nie gesehen. Er war wie eine andere Person. Fröhlicher, obwohl er geweint hatte.
Nicht so bitter. Mehr er selbst.
Dieses Pferd und Louis schienen eine ganz besondere Verbindung zu haben.
Und Harry wollte irgendwie mehr darüber herausfinden.
_____
Nachdem er so lange nicht hatte schlafen können, hatte es auch nicht geholfen, dass er sich zurück in seinem Zimmer noch Ewigkeiten über Louis Gedanken gemacht hatte.
Aber irgendwas war da einfach an diesem Jungen, das Harry irgendwie faszinierte. Oder...zumindest sein Interesse weckte.
Jetzt schlurfte Harry also völlig übermüdet in die Küche, weil der blöde Hahn ihn natürlich trotzdem nicht schlafen ließ und gähnte.
„Oh", sagte Phoebe, als sie das sah und schob die Kaffeekanne über den Tisch. „Du siehst aus, als hättest du nicht besonders gut geschlafen."
Harry ließ sich in den Stuhl fallen und machte ein verzweifeltes Geräusch.
„Ich konnte ewig nicht einschlafen und dem blöden Hahn war das natürlich egal."
„Ich sehe, du wirst wohl nicht Willis bester Freund."
„Willi?", fragte Harry verwirrt nach, während Fizzy ihm sogar eine Tasse einschüttete, weil Harry anscheinend gerade zu nichts imstande war.
„So heißt der Hahn", erklärte sie und Harry lachte leise auf.
„Nein", sagte er. „Ich weiß eh nicht wie ihr das macht. Ich meine...acht Uhr morgens...jeden Tag...ich bin immer noch ultra müde. Ist das euch wirklich nie zu früh?"
„Mum steht sogar immer um sieben spätestens auf. Man gewöhnt sich dran."
Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür und Louis trat herein. Er hatte Doris auf dem Arm und ein Gesicht, das deutlich aussagte „Sprich mich nicht an." Leider sah er trotzdem ziemlich heiß aus, mit dem Durcheinander von Haaren auf seinem Kopf und nur in T-Shirt und Boxershorts. Harry biss sich auf die Lippe. Es half auch nicht wirklich, dass Louis ein niedliches Kind auf dem Arm hatte.
Es war das erste Mal, dass Louis beim Frühstück zu ihnen stieß. Ausgerechnet nach dem was Harry gestern im Stall gesehen hatte.
„Außer Louis", sagte Fizzy grinsend. „Der ist und bleibt einfach ein Morgenmuffel."
„Halt die Klappe, Fiz", murrte Louis und setzte Doris auf die Arbeitsfläche neben dem Herd, während er nach den Cocoa Puffs im Regal lange. Seine linke Hand ließ seine kleine Schwester dabei keine Sekunde los.
Und dann holte er sich ein paar Sachen zusammen, Milch, eine Schüssel und anscheinend Frühstück für Doris und setzte sich neben Harry auf den Stuhl, seine Schwester in den Hochstuhl daneben.
Er bedachte Harry dabei allerdings keines Blickes.
Harry nippte an seinem Kaffee und beobachtete wie Louis seiner Schwester eine Banane klein schnitt und in eine Kinderschüssel füllte, sie halb damit fütterte, halb selbst dazu brachte die Stücke zu essen, ihr zwischendurch einen Kuss auf die Haare drückte und dabei trotzdem so aussah als würde er jede Sekunde wieder einschlafen.
Harry war hin und weg.
Denn ja, Louis mochte zwar sehr mürrisch sein und auch jetzt warf er ihm einen feindseligen Blick zu, weil Harry ihn anscheinend zu auffällig beobachtete, aber eine Sache konnte man nicht abstreiten: Louis war trotz allem sehr attraktiv.
„Lou, wo ist denn Ernie?", fragte Phoebe und Louis sah von den Cocoa Puffs auf, die er sich gerade in die Schüssel schüttete und zuckte mit einer Schulter. „Ich schätze bei Mum? Er war jedenfalls nicht mehr bei Doris im Zimmer."
„Ich glaub Lottie und Gemma haben ihn heute morgen mit auf ihren Spaziergang genommen, er war wohl schon wach."
Harry musste sich fast ein Grinsen verkneifen, denn es war acht Uhr. Wann zur Hölle war denn dann Fizzys Meinung nach heute morgen?
In dem Moment klatschte Doris aber in ihre Hände und matschte dann in der Schüssel mit der Banane rum.
„Ernie", sagte sie begeistert und Louis seufzte so tief, dass Harry das Gefühl hatte, er war vollkommen am Ende seiner Kräfte und nicht nur müde. Er rückte seinen Stuhl näher zu Doris (und damit weiter von Harry weg) und nahm ihre Hände aus dem Essen. Er wischte sie halbherzig mit einem Tuch ab. „Doris, Schatz, Ernie ist nicht hier", sagte er. „Er war schon vor dir wach, das weißt du doch."
Doris verzog den Mund und Harry fand sie dabei einfach nur entzückend.
Louis seufzte nochmal. „Aber sobald Lottie und Gemma mit ihm wieder da sind, geht Dan mit euch rüber zu den Ziegen, ja?"
Doris nickte begeistert und nahm dann ein weiteres Bananenstück, sodass Louis sich seinem eigenen Frühstück widmen konnte. Fizzy war derweil aufgestanden und werkelte am Wasserkocher herum und kurz darauf sah Harry auch warum; sie stellte eine fertige Tasse Tee vor Louis ab. Der Blick, den er ihr daraufhin zuwarf brachte Harry fast zum Lachen. Er hatte noch nie so viel Dankbarkeit auf einmal gesehen.
Irgendwie war Louis ein komischer Charakter. Er machte einen auf Bad Boy mit seinen Tattoos und hatte diese ich hasse die ganze Welt Attitude, aber man konnte gleichzeitig sehen, wie unfassbar viel ihm seine Familie bedeutete und wie sehr er sie liebte. Und manchmal behandelte er sie etwas schroff, aber dann gab es solche Momente. Harry verstand ihn nicht.
Und das gestern im Stall hatte sein Bild von Louis eh komplett auf den Kopf gestellt. Zu sehen wie liebevoll er sein konnte passte so gar nicht.
Schweigend trank er einfach weiter seinen Kaffee und merkte, wie er zumindest ein bisschen wacher wurde, während Phoebe und Fizzy sich über irgendwas unterhielten und Doris zwischendurch immer wieder irgendwelche Sachen sagte, auf die Louis leise antwortete. Harry musste lächeln.
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Nach dem Frühstück (Louis war irgendwann wieder verschwunden, mit Doris, was Harry ein bisschen schade fand. Also, dass er nicht auf Doris aufpassen durfte. Nur deshalb) wollte er wieder mit Fizzy und Phoebe in den Stall, aber auf dem Weg nach draußen fiel ihm noch was ein.
„Ähm, ich komm gleich nach, ihr beiden, ok? Hab noch was in meinem Zimmer vergessen."
Fizzy und Phoebe drehten sich kurz zu ihm um und zuckte dann synchron mit den Schultern. „Ok", meinten sie einfach und Harry lächelte und drehte um. Er bog um die Ecke, in den Flur wo ihre Zimmer waren und die Hintertür, denn ihm war das Regal wieder in den Sinn gekommen.
Das Regal mit den ganzen Auszeichnungen.
Im Wohnzimmer war auch eins, aber hier im Flur waren die meisten. Und ihn interessierte brennend, ob Louis auch welche hatte. Fizzy hatte ja gesagt, er dass er auch reiten konnte, anscheinend sogar ziemlich gut, und vielleicht hatte er ja früher auch an Turnieren teil-
Harrys Gedanken unterbrachen sich selbst, als er vor dem Regal zum Stehen kam und auf der ersten Trophäe Louis' Namen las. Und auf der zweiten auch. Und der dritten und der vierten.
Nach einer halben Minute hatte er festgestellt, dass alle Pokale, alle Medaillen und Schleifen in diesem Regal ausschließlich von Louis gewonnen worden waren.
Und damit hätte Harry jetzt wirklich nicht gerechnet. Louis schien wohl wirklich gut zu sein. Gewesen zu sein? Auf manchen der Pokale standen Jahreszahlen drauf, aber die neueste war von vor vier Jahren. Er biss sich auf die Lippe.
Irgendwas musste vorgefallen sein, oder? Sonst hätte Louis das Reiten doch nicht aufgegeben. Nicht wenn er so gut war und...und diese Verbindung mit seinem Pferd hatte. Harry ging zumindest davon aus, dass das sein Pferd war.
Er hatte gestern geweint. Das hatte Harry immer noch nicht so ganz realisiert. Aber irgendwas war definitiv passiert. Etwas, weswegen Louis vermutlich auch so bitter geworden war.
Und Harry wusste nicht warum, aber er musste einfach herausfinden was.
Und so kam es, dass er sich auch diese Nacht rausschlich und ihn seine Beine fast wie von selbst zum Stall trugen. Das Licht war an, genauso wie gestern, aber heute war von Louis keine Spur.
Harry ging den Gang entlang, an den Pferden vorbei und blieb dann (mit Sicherheitsabstand) vor der Box stehen, in der er Louis gestern gesehen hatte.
Das Pferd stand dort und drehte seinen großen Kopf zu Harry. Harry schluckte. Er war sich nicht so richtig sicher, was es von ihm hielt. Zögerlich machte er einen klitzekleinen Schritt näher und da schnaubte das Pferd und kam ebenfalls nah. Das obere Stück der Boxentür war auf und so konnte es den Kopf herausstrecken.
Es musterte Harry aufmerksam und Harry holte tief Luft. Da schnaubte das Tier nochmal und stupste ihn dann ganz sanft an der Schulter an. Harry begann zu lächeln und hob die Hand.
Ganz behutsam berührte er das weiche Fell und streichelte dann langsam von der Stirn bis zur Schnauze. Das Pferd atmete aus, Harry trat noch einen kleinen Schritt näher und streichelte es weiter.
„Hi", flüsterte er leise und lächelte. Das Pferd sah ihn aus seinen dunklen Augen an und blinzelte dann langsam.
„Er lässt eigentlich niemanden an sich ran."
Harry fuhr leicht erschrocken herum, woraufhin das Pferd einen kleinen Sprung nach hinten machte und sein Blick fiel auf Louis, der einige Meter von ihm entfernt an einem Balken lehnte. Er trug einen grünen Pulli und tatsächlich Jeans anstelle der sonstigen Sporthose. Seine Haare waren ein komplettes Durcheinander und der Dreitagebart kam in diesem schummrigen Licht viel mehr zur Geltung.
Kurz gesagt Louis sah genauso heiß aus wie immer. Nur dass sein Blick irgendwie überhaupt nicht mehr so feindselig war. Und seine Stimme auch netter geklungen hatte. Weich, irgendwie.
Genauso wie gestern.
Aber gestern hatte er auch nicht mit Harry geredet. Jetzt schon.
„Ähm." Harry räusperte sich und kratzte sich im Nacken. „Ich konnte irgendwie nicht schlafen." Das war keine Lüge. Aber auch nur die Halbwahrheit, weil er nun mal schon irgendwie am hinterher spionieren war.
„Hm." Louis nickte und stieß sich vom Balken ab. Er kam auf Harry zu und blieb nah vor ihm stehen, sodass Harry ein angenehmes Parfum riechen konnte.
Er war verwirrt, warum Louis so nah vor ihm stand und ihm so tief in die Augen sah, da erklang ein metallisches Geräusch und Harry verstand, dass Louis mit seiner linken Hand die Box von dem Pferd öffnete. Sofort trat er einen Schritt zurück und sah Louis dabei zu, wie er in die Box trat und sie hinter sich wieder schloss. Das Pferd gab ein Schnauben von sich, trippelte zwei Schritte auf Louis zu und senkte seinen majestätischen Kopf über Louis' Schulter.
Louis' Hände fuhren wie automatisch in das weiche Fell und das Pferd knabberte an seiner Kapuze.
„Heyy", lachte er leise, schob die Schnauze ein Stück zur Seite und drückte dem Pferd dann einen Kuss aufs Fell.
Er war so anders, wenn er hier war. Harry konnte seinen Blick nicht von Louis nehmen.
„Wie geht's, Norden?", fragte er und das Pferd gab ein leises Wiehern von sich.
„Ja, ja, ich weiß, du stehst nicht so auf den Spitznamen." Louis rollte lächelnd mit den Augen und strich sanft über seinen Hals. Das Pferd schnaubte (Harry hatte fast schon das Gefühl, dass es zustimmend war) und Louis lachte leise und holte etwas aus seiner Tasche, das er ihm zu fressen gab. „Bereit?", fragte er und sah kurz zu Harry, der zusammenzuckte.
„Könntest du mal aus dem Weg gehen?", fragte er, aber es klang keineswegs genervt oder abfällig, so wie sonst, wenn er seine Kommentare machte. Er klang wirklich nett, nur stand Harry halt im Weg. Sofort trat er zwei Schritte zur Seite und Louis stieß die Boxentür wieder auf.
Genau wie am Vortag ließ er dem Pferd (Norden, oder so?) den Vortritt und das wartete dann auf ihn, bevor sie zusammen nebeneinander aus dem Stall liefen. Harry wurde keines weiteren Blickes beachtet.
_____
„Was haltet ihr von einem Picknick?", fragte Mark und Phoebe und Daisy nickten begeistert.
„Beim Steinbruch am Fluss?", fragte Daisy. „Wir könnten ja auch neue Blumen-" Sie verstummte als Fizzy ihr heftig in die Seite stieß. Harry runzelte die Stirn, aber als Fizzy nach links nickte und die Anderen Louis erblickten, wechselte Daisys Blick zu fast panisch. Harry runzelte die Stirn.
Er musste unbedingt rausfinden, was diese ganze Louis-Sache war. Er hatte Fizzy eigentlich darauf ansprechen wollen, was er gestern gesehen hatte, aber als es schien wie ein guter Zeitpunkt (beim nachmittäglichen UNO-Spielen) war Mark auf dem Hof angekommen und er und Harry waren einander vorgestellt worden und jetzt entschieden sie alle wie sie den Nachmittag verbringen wollten.
Er musste Fizzy wann anders fragen, aber sie klebten quasi zusammen, er würde schon noch eine Gelegenheit haben.
„Dad!", rief Louis erfreut und kurz sah Harry ein ehrliches Lächeln auf seinen Lippen. Er kam zu ihnen, umarmte seinen Vater und Mark lächelte ihn fröhlich an. „Da ist ja mein Ältester", sagte er und Louis grinste und sah einen Augenblick lang aus, wie ein kleiner Junge. Harry konnte seinen Blick kaum von ihm lösen.
„Wir wollen ein Picknick machen, auf der Wiese neben dem alten Mühlendamm, wir wollten hin ausreiten, hättest du was dagegen mit dem Auto nachzukommen und die Decken und das Essen mitzubringen?", sagte er und Harry war beeindruckt wie schnell Mark einfach irgendwas entschieden hatte. Aber anscheinend gab es irgendwas an dem Ort von dem Daisy gesprochen hatte, was Louis nicht hören sollte.
Und das ergab einfach keinen Sinn, diese Familie war so offen und ehrlich miteinander von dem was Harry bis jetzt mitbekommen hatte. Wieso sollten sie Louis Dinge vorenthalten?
Vermutlich um ihn zu beschützen, oder?
Aber wovor bloß?
„Du hast das Auto aus der Werkstatt geholt?"
Mark nickte. Anscheinend gab es wohl doch nicht nur einen Familientraktor.
„Oh nice, danke!", meinte Louis und Harry spürte wie Gemma neben ihm sich gegen ihn lehnte (sie und Lottie waren gestern sehr lang wach gewesen), also legte er ihr den Arm um die Schulter und sie lächelte kurz müde zu ihm hoch.
„Ja, kann ich machen. Und ihr reitet alle hin?" Louis' Augen strahlten jetzt etwas Trauriges aus und Harry wollte so dringend wissen, was passiert war, dass Louis nicht mehr ritt. Er schien es doch zu wollen, oder? Und er konnte es ja auch. Da gab es genug Trophäen, die das bestätigten. Fizzy nickte.
„Aber Lottie gibt eine Reitstunde und Mum bleibt auch hier", meinte Phoebe (graue Reithose, Harry war ihnen dankbar, dass sie ihr Colourcoding zumindest bei den Reithosen beibehielten). „Der Rest aber schon, Dan wollte auch mitkommen, er macht die Zwillinge gerade schon fertig."
„Und was ist mit ihm?" Louis nickte zu Harry, ohne ihn anzusehen und Harry spürte schon wieder etwas Wut in sich aufkochen. Wieso zur Hölle konnte Louis nicht einfach mal normal zu ihm sein? Das hatte doch nachts im Stall auch funktioniert? Warum war er also wieder zurück bei seinem alten selbst, das so tat als wäre Harry gar nicht da, oder blöde Kommentare machte. Er beschloss es einfach sich nicht darüber aufzuregen und legte sein Kinn auf dem Kopf seiner Schwester ab.
Fizzy warf ihm einen Blick zu. „Wenn du willst kannst du einfach bei mir mitreiten", meinte sie schulterzuckend. „Wir nehmen dann eine Decke, keinen Sattel und du hältst dich an mir fest, das klappt ohne Probleme. Aber wenn du das nicht willst, dann kann Lou dich mit dem Auto mitnehmen." Sie wandte sich ihrem Bruder zu und warf ihm einen stechenden Blick zu.
Louis zuckte mit einer Schulter. „Wie du willst." Jetzt sah er Harry tatsächlich an und ganz kurz fiel es dem schwer zu atmen, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht waren Louis' Augen einfach zu blau. Das wäre eine Möglichkeit.
„Ich äh...", sagte Harry. „Ich glaube ich versuch's mal mich mit dir auf ein Pferd zu setzten", sagte er und bereute es fast schon in dem Moment, in dem Fizzy begeistert die Augen aufriss.
„Yesss", rief sie. Gemma lachte leise und Harry seufzte. Also würde er sich heute wohl zum ersten Mal auf ein Pferd setzen. Cool.
„Oh, H, nimm doch deine Gitarre mit", meinte Gemma jetzt und drehte sich zu ihrem Bruder um.
„Auf einem Pferd?", fragte er verwirrt und sie rollte mit den Augen.
„Nein, ich meinte, dass Louis die dann auch im Auto mitbringt. Aber dann könnten wir ein bisschen singen, das wär doch cool."
Harry zuckte mit den Schultern. „Wenn ihr Lust dazu habt, klar."
Er sah nochmal zu Louis, einfach weil er nicht anders konnte und zuckte fast zusammen, weil Louis zurücksah. Mit einem unergründlichen Blick. Dann biss er sich auf die Lippe und sah zu Boden.
Harrys Herz randalierte.
Er zwang es zum Schweigen.
_____
Eine halbe Stunde später waren alle so weit und Harry sah zweifelnd zu Fizzy hoch, die auf ihrem Pferd saß und ihn auffordernd ansah.
„Jetzt komm schon", sagte sie. „Mach nicht so ein Drama."
Er biss sich auf die Unterlippe. „Es sind schon Leute beim Reiten gestorben", sagte er und bildete sich ein für den Bruchteil einer Sekunde einen Schatten über Fizzys Gesicht huschen zu sehen. Aber das Gefühl war so schnell wieder weg, wie es gekommen war.
„Wirst du aber nicht, jetzt steig auf." Sie hielt ihm ihre rechte Hand hinter ihrem Rücken hin und Harry seufzte und kletterte auf die Trittleiter. Wacklig begab er sich hinter Fizzy auf das Pferd und klammerte sich dann sofort an ihrem Rücken fest. Fizzy lachte hell und schüttelte ihren Kopf.
„Mein Gott, Harry, ich verspreche dir, wir werden nur Schritt reiten."
Harry holte tief Luft. Dann lockerte er seinen Klammergriff ein kleines bisschen und hielt sich wie ein normaler Mensch an Fizzy fest.
„Okay, okay", seufzte er. „Ich hör auf Drama zu machen, los geht's."
Fizzy machte irgendwas, sodass das Pferd sich in Bewegung setzte und kurz darauf trafen sie die ganze Familie bis auf Jay, Lottie und Louis auf dem Hof, alle auf Pferden. Gut, Ernest und Doris jeweils vor einem der Zwillinge mit einer Art Haltegurt vor ihnen (Harry war nur ein kleines bisschen neidisch), aber trotzdem.
Gemma lenkte Feline neben Fizzy und grinste Harry zu. „Na, du siehst aber entspannt aus", grinste sie und Harry streckte ihr die Zunge raus.
„Ha ha", sagte er, konnte aber ein bisschen Bewunderung nicht verbergen. Er hatte seine Schwester jetzt schon öfter im Vorbeigehen reiten sehen, aber sie sah auf dem Rücken der Stute wirklich so glücklich aus und all ihre Bewegungen wirkten so natürlich, dass Harry noch mehr verstand, warum Gemma so viel Zeit sie konnte auf diesem Hof verbrachte.
Die ganze Truppe machte sich dann auf den Weg und Harry verkrampfte sich wieder etwas. Klar, sie gingen nur Schritt, er sollte sich mal entspannen, aber irgendwie traute er dem Ganzen noch nicht.
Der alte Mühlendamm war anscheinend nicht mal so weit weg, sie waren nur vielleicht zwanzig Minuten unterwegs und ohne Harry wären sie vermutlich noch schneller da gewesen, weil sie auch schneller hätten reiten könnten, aber der Weg war eigentlich ganz schön.
Nur das ganze auf-dem-Pferd-sitzen gefiel Harry nicht. Es war ihm zu hoch und zu wacklig und er war wirklich sehr sehr froh, als sie da waren und er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Er hatte einfach Angst, dass das Pferd sich wegen irgendwas erschrecken würde oder ihn einfach nicht mochte und dann durchging und ihn abwarf. Pferde waren auf gar keinen Fall ungefährlich, man sollte das nicht unterschätzen.
Auch wenn Fizzy ihm sagte, dass er sich nicht so anstellen sollte...er hatte entschieden den Rückweg mit Louis im Auto mitzufahren.
Der war schon da, lehnte an der Motorhaube und hatte Decken auf dem Boden ausgebreitet, auf denen der Korb mit dem Kuchen und einige Flaschen Limonade lagen.
Die Tomlinsons lebten wirklich ein Bilderbuchleben, Harry konnte es kaum glauben.
Harry war überrascht wie entspannt Louis an diesem Nachmittag wirkte. Als sie sich alle auf den Decken verteilten, Kuchen aßen und sich unterhielten, zwischendurch immer die Zwillinge bespaßten, redete er eigentlich die ganze Zeit mit Mark und schien wirklich nicht so grimmig wie sonst. Vielleicht hatte er ja besser geschlafen?
Als er Louis irgendwann fragte, ob es für ihn ok war wenn er im Auto mitfuhr, meinte Louis nur „Klar", zuckte mit einer Schulter und redete dann weiter mit Mark, während Ernest sich müde gegen seine Brust lehnte und Louis etwas abwesend durch seine Haare strich.
Harry genoss es, die Zeit unter der warmen Sonne zu verbringen. Dieser Sommer war wirklich schon so viel besser als erwartet. Und als sie tatsächlich irgendwann ein paar Lieder sangen, konnte Harry sich fast hier auf dem Land leben sehen. Und der Gedanke erschreckte ihn ein bisschen.
Er hatte noch vor einigen Tagen erst schließlich Niall die Ohren vollgeheult, dass Landleben wirklich gar nichts für ihn war.
Er sollte Niall eh mal schreiben. Er war es nicht gewohnt so lange nichts von ihm zu hören.
Das tat er dann, als er im später im Auto auf Louis wartete, der noch den letzten Korb in den Kofferraum stellte. Als er sich neben Harry auf den Fahrersitz fallen ließ, beendete Harry die Sprachnachricht und räusperte sich.
„Das war an meinen besten Freund", sagte er. Für einen Moment sah Louis ihn an, mit einem Blick den Harry wirklich absolut nicht einschätzen konnte. Dann nickte er einfach nur und Harry hatte das Gefühl ein kleines Lächeln in seinem Mundwinkel zu erkennen, obwohl seine Augen irgendwie unglücklich aussahen. Aber Louis sah irgendwie immer unglücklich aus.
Es war wirklich traurig.
„Er ist irgendwie der Grund, dass ich hier bin", sagte Harry dann, um der unangenehmen Stille zu entkommen, die eingesetzt hatte. Louis startete den Motor und Harry redete weiter, als er losfuhr (obwohl das Radio anging und es etwas weniger unangenehm machte).
„Weil er Scheiße gebaut hat und ich das auf meine Kappe genommen habe. Ein Jahr Schule ohne Niall würde ich nicht aushalten."
„Hast du noch eins vor dir?", fragte Louis und Harry war überrascht, dass er überhaupt zugehört hatte.
„Ja", meinte Harry. „Aber zum Glück nur eins, dann bin ich frei."
Louis lächelte.
Ehrlich, er lächelte. Dieser Junge überraschte Harry jeden Tag aufs Neue.
Dann fuhren sie im Schweigen weiter, aber es war nicht mehr so angespannt.
Das Auto war ein Cabrio und Louis hatte das Verdeck hochgeklappt, weil das Wetter wirklich gut war heute und irgendwann machte er sich eine Zigarette an. Für eine höchstens zehn Minuten lange Autofahrt.
Harry seufzte leise und Louis warf ihm einen missbilligenden Blick rüber. Da war die entspannte Stimmung also schon wieder weg.
„Es geht dich nichts an ob ich rauche oder nicht", sagte er und Harry biss sich auf die Lippe.
„Sorry", sagte er nach einigen Sekunden, weil Louis ja Recht hatte. Es ging Harry nun mal wirklich nichts an. „Du hast Recht. Ich glaub ich bin nur so empfindlich was das angeht, weil meinem Ex meine Gefühle übers Rauchen immer komplett egal waren."
Eine Weile sagte wieder niemand etwas. „Oh", machte Louis dann und biss sich auf die Lippe. Verdammt, Harry fand ihn so heiß. Er zwang sich wegzusehen.
„Wann habt ihr euch denn getrennt?"
Überrascht über die Frage öffneten sich Harrys Lippen ein wenig. „Ähm...vor etwas mehr als einem halben Jahr", sagte er dann und Louis nickte nur und klemmte die Zigarette wieder zwischen seine Lippen.
Den Rest der Fahrt verbrachten sie wieder einfach in Stille, aber es war okay. Als sie auf dem Hof ankamen und Louis parkte und die Handbremse zog, blieb er noch kurz einfach sitzen, was Harry ein wenig verunsicherte.
„Wenn...", begann er dann und Harry sah ihn an. „Wenn ich schlecht drauf bin...bitte nimm das nicht persönlich, okay? Das hat nichts mit dir zu tun."
Das überraschte Harry. „Okay", sagte er aber und lächelte leicht. Louis warf ihm einen kurzen Blick zu und erwiderte das Lächeln für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er schnell den Schüssel zog, die Tür öffnete und ausstieg.
Harry holte seine Gitarre aus dem Kofferraum, aber Louis ging schon weg, ins Haus.
Harry sah ihm hinterher und biss sich auf die Unterlippe, als die Tür hinter ihm zufiel. Dann schlich sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht.
Er konnte nichts dagegen tun.
_____
„Harry!", rief Fizzy und Harry drehte den Kopf, schirmte mit seiner Hand seine Augen von der Sonne ab und blinzelte Fizzy entgegen, die mit dem gleichen Sommerkleid auf ihn zulief, das sie auch am ersten Tag getragen hatte.
„Hey", rief er und lächelte.
„Wir wollen heute Abend alle zusammen einen Filmabend machen, du bist auch dabei, oder?" Sie ließ sich neben Harry ins Gras fallen und er lehnte seinen Kopf an den Baum hinter sich.
„Alle?", fragte er.
„Na ja", meinte Fizzy. „Pheebs, Daisy, Lottie, Gemma und ich. Vielleicht noch Doris und Ernest, je nachdem wie spät es ist und was für einen Film wir sehen wollen."
Also Louis nicht. Harry rollte innerlich mit den Augen, als ihm auffiel, das das der einzige Grund für seine Frage gewesen war.
„Klar bin ich dabei", lächelte er und Fizzy grinste.
„Sehr gut, hab auch nichts anderes erwartet."
Harry lachte leise. „Ich sollte eh gleich mal anfangen zu kochen", sagte er und Fizzy lächelte. „Ich helfe dir", sagte sie. „Aber bis dahin..." Sie legte sich komplett auf den Boden ins Gras. „Singst du mir doch bestimmt noch ein paar Sachen vor, oder?"
Harry biss sich auf die Unterlippe und nickte dann. Er hatte in letzter Zeit seine Hemmungen immer mehr überwunden und es fiel ihm immer leichter vor Leuten zu singen. Früher hatte er es kaum geschafft auch nur vor der Kamera zu singen, aber mittlerweile...
Seine Finger griffen einen C-Akkord und er begann leise einen seiner Lieblingssongs zu singen. Fizzy lächelte einfach nur vor sich hin, hörte ihm zu und hatte die Augen geschlossen.
Und Harry beschloss Gemma jetzt definitiv jedes Jahr zu begleiten.
_____
Einige Zeit später standen die beiden in der Küche und kochten das Abendessen, begleitet von leiser Musik aus Fizzys Box.
Und natürlich kam Louis genau in dem Moment in die Küche, um etwas zu trinken, als Fizzy gerade auf Klo verschwunden war.
„Oh", sagten Harry und er gleichzeitig und sahen dann weg. Louis ging zum Kühlschrank und nahm sich eine Flasche Wasser. Harry biss sich auf die Unterlippe und rührte in dem Eintopf, der vor ihm auf dem Herd köchelte.
„Ähm", sagte er dann bevor Louis den Raum wieder verlassen konnte und schluckte.
„Ja?"
„Wir äh...also wir wollten heute einen Filmabend machten", sagte Harry. „Vielleicht willst du ja auch...äh...mitgucken?" Er verknotete extrem unsicher seine Hände miteinander. Wieso fragte er Louis denn jetzt? Vielleicht hatten die Anderen das ja auch schon gemacht, oder Louis hasste Filme, oder-
„Äh ich...geh heute Abend weg", unterbrach Louis seine Gedanken und lächelte schief. Es erreichte seine Augen nicht. „Aber danke, dass du...äh...mich gefragt hast."
„Oh. Klar, ähm, also ich meine...viel Spaß bei...was auch immer du machst."
Louis nickte nochmal. „Danke." Dann legte er seine Hand auf die Klinke, drehte sich aber nochmal um. „Du kannst übrigens toll kochen", sagte er. „Das wollte ich dir die ganze Woche schon sagen." Damit gab er Harry noch ein kleines Lächeln, ein echtes diesmal, was Harry Schmetterlinge verpasste, und verließ die Küche dann.
Fizzy kam nur eine Sekunde später wieder rein.
„Na, war Louis wieder fies zu dir?", fragte sie und Harry blinzelte.
„Nein", sagte er dann langsam. „Nein, wir...waren beide irgendwie nett zueinander."
Fizzy zog die Augenbrauen hoch. „Hm. Vielleicht fängt er ja an dich als Gemmas Bruder endlich zu akzeptieren."
Harry nickte langsam. „Kann sein."
Aber er hatte das Gefühl es war irgendwas anderes. Irgendwas Unausgesprochenes zwischen ihm und Louis, irgendwas, was ihre Haltung zueinander geändert hatte. Auf der Autofahrt vielleicht.
Harry wusste weder was es war, noch warum es so war. Aber irgendwie gefiel es ihm.
Auch beim Essen warf er Louis ab und zu verstohlene Blicke zu und immer mal wieder sah Louis genau dann zurück, wenn Harry ihn ansah. Er fühlte sich als hätte er seinen ersten Crush auf Johnny damals in der fünften Klasse, nur dass es sich nicht anfühlte wie ein Crush.
Es war nicht, dass er Louis' Aufmerksamkeit wollte und kaum seinen Blick von ihm nehmen konnte, es war Interesse. Er wollte wissen, was Louis passiert war.
Was ihn so geprägt hatte, dass er nicht mehr ritt, obwohl er so gut gewesen war, warum er so bitter gewirkt hatte und er immer wieder Stimmungsschwankungen hatte, die Harry nicht nachvollziehen konnte.
Nach dem Essen sprang Louis ziemlich schnell auf und verabschiedete sich von allen (von dem was Harry verstand wollte er anscheinend mit Liam auf irgendeine Party oder so. Harry hatte nicht mal gewusst, dass die beiden befreundet waren, er hatte sie noch nie auch nur miteinander reden gehört) und verschwand.
Der Rest räumte den Tisch ab und die Küche auf und dann gingen Jay und Dan auf einen Abendspaziergang. Harry folgte seiner Schwester und den Tomlinsons ins Wohnzimmer, wo sie sich alle zusammen auf die Couch quetschten und dann lautstark darüber diskutierten welchen Film sie sehen wollten. Weil Doris (auf Harrys Schoß) und Ernest auch dabei waren, wollten sie irgendeinen Kinderfilm sehen, Gemma stand irgendwann auf, um Popcorn zu machen, ihr war es eh egal welchen Film sie guckten und die Anderen einigten sich irgendwann auf Küss den Frosch, weil Doris den Prinzen so toll fand.
Während Phoebe (oder Daisy) also den Film einlegte und Gemma mit dem Popcorn zurückkam, strich Harry etwas abwesend durch Doris' Löckchen und dachte an Louis.
Was irgendwie das Einzige zu sein schien, was er in letzter Zeit machte. Er hatte einfach irgendwas an sich, was Harry faszinierte und er konnte nicht mal genau sagen was das war.
Er konnte sich nicht mal so richtig auf den Film konzentrieren, seine Gedanken kreisten nur um Louis, daran wie er abends im Stall ausgesehen hatte. Wie er geweint hatte. Wie er gelächelt hatte. Wie er das Pferd gestreichelt hatte.
Wie er er selbst war.
Und dann wie Louis bei ihrer ersten Begegnung gewesen war, wie Harry ihn sofort als Idioten abgestempelt hatte, weil er sich nun mal wie einer verhalten hatte. Die ganzen herablassenden Kommentare die ersten paar Tage lang.
Und dann wieder Louis wie er weinte.
Das war irgendwie das Bild zu dem Harrys Gedanken am meisten zurückkehrten. Louis hatte so kaputt ausgesehen. So am Ende.
Und dann hatte er die Tränen abgewischt und fast so getan als wäre es nie passiert. Obwohl niemand da gewesen war außer seinem Pferd.
Gut und Harry, aber er war sich eigentlich sicher, dass Louis ihn am ersten Abend nicht bemerkt hatte.
Erst an dem danach, als er plötzlich so nett gewesen war.
Er zwang sich wirklich mal aufzuhören sich über Louis den Kopf zu zerbrechen und sich auf den Film zu konzentrieren. Aber der war fünf Minuten später auch schon vorbei. Und Doris und Ernest waren beide so müde, dass Lottie und Harry sie eben nach oben ins Bett brachten.
Als sie zurück ins Wohnzimmer kamen, nahm eine der Zwillinge gerade die DVD aus dem Player und Harry legte den Kopf schief.
„Sag mal, will sich nicht eine von euch mal die Haare schneiden?", fragte er und kratzte sich an der Nase. „Das würde es echt deutlich einfacher für mich machen."
Gemma grinste und Phoebe und Daisy lachten. Lottie drehte sich zu der von ihnen, die auf dem Sofa saß. „Pheebs, hattest du da nicht echt drüber nachgedacht?"
Phoebe nickte. „Ja. Um ehrlich zu sein fände ich eine Typveränderung mal ganz cool."
„Harry könnte dir die Haare schneiden", schlug Gemma vor. „Er macht meine seit Jahren, er kann das wirklich gut. Dieser Junge hat die weirdesten Talente."
„Echt?" Phoebe sah ihn überrascht an. Harry grinste.
„Es wäre mit eine Ehre deine Haare zu schneiden. Dann könnte ich euch auch endlich mal auseinanderhalten."
Daisy nickte. „Ja, du hast es echt nicht leicht hier", scherzte sie grinsend.
„Vielleicht machen wir das echt die nächsten Tage mal", meinte Phoebe entschlossen und kniff die Augen zusammen. „Denn so lustig es auch sein kann, es kann auch unglaublich nerven, die ganze Zeit verwechselt zu werden."
„Oh Mann, weißt du noch dieses eine Turnier?"
Die Anderen lachten. Harry setzte sich neben Gemma aufs Sofa, Fizzy folgte ihm. „Was denn für ein Turnier?"
„Vor zwei Jahren wurden wir mal auf einem Turnier verwechselt. Obwohl wir unterschiedliche Startnummern und unterschiedliche Pferde haben. Niemand geht auf Turnieren normalerweise nach Aussehen, aber irgendwie haben sie es dann doch geschafft. Deshalb steht auf einem meiner Pokale Phoebes Name."
„Ich hab es extra durchgestrichen und Daisy draufgeschrieben", ergänzte Phoebe und grinste. „Da", meinte sie dann und Harry drehte seinen Kopf und folgte ihrem Finger zu einem der Pokale im Regal hinter ihnen. Als er die Augen etwas zusammenkniff konnte er tatsächlich Filzstift auf einer silbernen Platte sehen. Er grinste.
„Warte, wir können dir das Turnier Diary zeigen", meinte Lottie dann und die Anderen nickten begeistert. „Stimmt. Die könnten dich eh interessieren", fügte Fizzy hinzu und stand auf, um zum Regal zu laufen.
„Turnier Diary?"
„Mum nimmt eigentlich seit es uns gibt bei jedem Turnier eine Art Videotagebuch auf", erklärte Daisy und schüttete sich den letzten Popcornrest aus der Schale in den Mund. „Es ist ein bisschen wie ein Vlog, aber halt privat, nur für uns. Und es ist echt schön, es sind tolle Erinnerungen. Vor allem, wenn wir was gewonnen haben."
„Und auf dem ist unsere Reaktion drauf, als wir verwechselt wurden."
„Das ist ja echt voll die schöne Idee", sagte Harry und lehnte sich weiter in die Kissen des Sofas. „Immer her damit."
Fizzy lief mit einer DVD zurück zum Player und legte sie ein. Und kurz darauf sah man Phoebe und Daisy, damals noch zwölf Jahre alt, wie sie durcheinander in die Kamera redeten. Harry musste lächeln.
Das Video war wirklich ein bisschen aufgebaut wie ein Vlog, immer hatte jemand anderes die Kamera und redete damit, ab und zu filmte Jay und stellte Fragen, worauf die Mädchen antworteten. Dann sah man ein bisschen von der Fahrt und dann einiges von den Turniertagen. Die verschiedenen Beiträge, Küren und all den Rest, von dem Harry immer noch nicht so ganz verstanden hatte was es war. Und dann danach wie die Zwillinge und auch die anderen Schwestern ihre Ritte einschätzten und ihre Pferde lobten und sich ihre Konkurrenz ansahen.
Die Siegeransage, bei der Phoebe und Daisy verwechselt wurden, wie sie lachten, aber genervt die Augen verdrehten.
Harry konnte nicht mehr aufhören zu lächeln. Diese Videos zeigten wirklich wie sehr Reiten das Leben dieser Familie war, aber wie gelassen sie dem ganzen Thema auch entgegen standen. Es gab keinen Druck, nur Ehrgeiz und Ambitionen, aber sie wirkten entspannt. Wenn sie nicht gewannen war es halt so. Und das war wunderschön mit anzusehen. Als Fizzy zwischendurch irgendwann ihrer Mutter die Kamera abnahm und Jay und Dan filmte, die beide jeweils einen der kleinen Zwillinge in einem Tragetuch mit sich trugen Ging Harrys Herz auf.
Als der Film vorbei war wollte er ein anderes Turnier Diary sehen. Und dann noch eins. Fizzy Griff einfach willkürlich nach DVDs und dann landeten sie bei einem von vor fünf Jahren.
Phoebe und Daisy waren neun gewesen, Fizzy elf und Lottie dreizehn.
Und dann schwenkte die Kamera irgendwann zu Louis. Harry hielt den Atem an. Louis war sechzehn in dem Video. Und er trug Reitsachen, den Helm noch in der Hand und seine Haare durcheinander.
Und sein Gesicht zierte ein Lächeln, das Harry sich bei dem Louis den er kennengelernt hatte nicht mal vorstellen konnte.
Er sah so unbeschreiblich glücklich und sorglos aus, es tat Harry fast weh zu sehen. Weil Louis jetzt so komplett anders war.
„Na, Großer?", fragte Jay hinter der Kamera und Louis grinste. „Bist du bereit?"
„Bereit wieder Gold zu holen", sagte Louis selbstbewusst und lachte als die dreizehnjährige Lottie ihm gegen die Schulter schlug.
„Sei nicht so selbstgefällig, Lou", meinte sie grinsend und Louis zuckte mit einer Schulter.
„Ich bin nur realistisch", sagte er. Und Lottie rollte zwar mit den Augen, zuckte dann aber mit einer Schulter, ganz im Sinne von „irgendwie hast du ja Recht".
Als die Kamera wieder zu den Zwillingen gedreht wurde, die ihre Ponys gerade in den Anhänger brachten, wollte Harry fast sagen „nein, stopp, zeig mir wieder Louis" und konnte sich gerade noch davon abhalten das wirklich zu tun.
Die Fahrt zum Turnier war Louis wohl mit Mark und Fizzy im Auto gewesen, denn auf dem Video sah man nur Lottie, die Zwillinge und Dan. Doris und Ernest waren damals noch lange nicht geboren gewesen, fiel Harry auf.
Auf dem Turniergelände angekommen sah man irgendwann wie Lottie ihr Pferd fertig machte und dann gab es irgendeinen Winkel, in dem Louis im Hintergrund auftauchte.
Aber er war nicht alleine.
Er unterhielt sich mit einem Jungen, ungefähr sein Alter, mit schwarzen Haaren und ebenfalls in Reitkleidung. Harry beobachtete ganz genau, wie Louis' Körperhaltung ihm gegenüber war. Wie er grinste und dem Schwarzhaarigen irgendwann gegen die Stirn schnipste, der sich nur beschwerte, Louis' Hand festhielt und zurück schnipste.
Harry merkte jetzt erst, dass auch die Mädchen still geworden waren und niemand Lottie im Vordergrund des Videos beachtete, die gerade erklärte, warum sie keine Lust hatte sich so viel Haarspray in die Haare zu klatschen.
„Wer...ähm...", begann Harry leise und räusperte sich. Er beobachtete haargenau, wie Louis lachte und den anderen Typen an der Schulter berührte.
„Wer ist das?", fragte er.
Stille. Gemma legte ihren Kopf auf Harrys Schulter und er spürte sie schlucken.
Dann seufzte Fizzy tief.
„Das...", begann sie. „Das war Louis' bester Freund Zayn." Sie warf Harry einen kurzen Seitenblick zu. „Er ist vor drei Jahren gestorben."
Harry blinzelte.
Der Satz brauchte ein paar Sekunden, um in seinem Gehirn anzukommen. Er ist vor drei Jahren gestorben.
Louis' bester Freund war vor drei Jahren gestorben?
Louis hatte seinen besten Freund verloren?
Oh.
Oh.
Das ergab irgendwie erschreckend viel Sinn. Vor allem falls die beiden so vertraut gewesen waren, wie es auf dem Video aussah. Sie hatten vermutlich jede freie Minute miteinander verbracht. So wie es aussah war dieser Zayn ja auch Reiter gewesen. Vielleicht waren sie zusammen aufgewachsen, hatten zusammen reiten gelernt, hatten jeden Tag Ausritte miteinander gemacht, so wie Gemma und Lottie es jetzt taten oder auch Phoebe und Daisy.
Und jetzt war er für immer weg.
Harrys Ohren rauschten. „Oh", flüsterte er leise und blinzelte die aufkommenden Tränen weg. Er hatte nicht das Recht jetzt zu weinen. Es ging ihn eigentlich nicht mal was an. Aber irgendwie brach es ihm das Herz zu denken, dass Louis durch so viel Schmerz hatte gehen müssen. Immer noch ging.
Hatte er deswegen aufgehört zu reiten?
Was fragte Harry sich das überhaupt noch? Natürlich hatte er deswegen aufgehört zu reiten. Vermutlich erinnerte es ihn viel zu sehr daran, dass sein bester Freund nicht mehr da war. Nicht mehr mit ihm ausreiten konnte. Ihn auf Turnieren nicht unterstützen konnte.
Hatte Gemma ihm nicht sogar davon erzählt? Dass ein enger Freund der Familie umgekommen war? In einem tragischen Unfall? Sie und Lottie waren damals schon befreundet gewesen, es ergab Sinn, wenn es um diesen Zayn ging.
Und Harry wurde sein Herz schwer als er verstand, das das Louis' Verhalten irgendwie nicht nur erklärte, sondern sogar bis zu einem bestimmten Level rechtfertigte.
Schweigend, alle zu sehr in ihren Gedanken vertieft, sahen sie alle den Turnierfilm weiter an. Die verschiedenen Disziplinen. Lottie, Fizzy, Phoebe, Daisy. Louis. Louis mit Zayn.
Aus irgendeinem Grund war Louis' Antritt gar nicht zu sehen. Harry hätte ihn so gerne reiten gesehen, aber er war nicht auf dem Film. Zayn dafür schon. Er war wohl wirklich Teil dieser Familie gewesen. Was absolut Sinn ergab, denn wenn Harry sich schon nach so wenigen Tagen zugehörig fühlte und Zayn vermutlich schon jahrelang mit Louis befreundet gewesen war...Harry könnte schon wieder heulen, aber er riss sich zusammen.
Zwischendurch waren die verschiedenen Siegerehrungen.
Louis war in der Springprüfung irgendeiner Klasse angetreten, Harry hatte das ganze Turniervokabular immer noch nicht so drauf, aber er hatte gewonnen.
Und strahlte.
Sie sahen den Film zu Ende, danach war lange einfach Stille und sie starrten alle etwas verloren auf den schwarzen Bildschirm.
„Louis war wirklich gut, oder?", fragte Harry dann irgendwann sanft. „Ich hab auch letztens gesehen, dass auf den ganzen Pokalen im Flur nur sein Name steht."
Fizzy nickte. „Der Beste", sagte sie. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob er überhaupt je einen Wettbewerb oder eine Leistungsprüfung nicht gewonnen hat." Sie lachte ein kleines bisschen.
„Ja", meinte Lottie dann auch. „Ich meine wir saßen alle im Sattel seit wir denken konnten, ich glaube wirklich Pheebs konnte reiten bevor sie laufen gelernt hat, aber Louis...ist definitiv der Talentierteste von uns. Es war schon immer anders, es war schon immer irgendwie so, dass er...er versteht die Pferde einfach irgendwie. Auf einer ganz anderen Ebene." Lottie lächelte und Fizzy nickte zustimmend.
„Manchmal war es sogar fast so als würde er sie therapieren", warf sie ein. „Wenn irgendein Pferd Probleme gemacht hat, ist Louis in der Box verschwunden, hat es gestreichelt, ihm ein paar Dinge ins Ohr geflüstert und es war wieder zahm wie ein Lamm."
„Ja." Lottie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Nur Nordlicht konnte er nicht dazu bringen jemand anderen auf ihm reiten zu lassen."
„Nordlicht?", fragte Harry. „Ist das sein Pferd? Dieses Graue?" Ein bisschen kitschig fand Harry den Namen ja schon. Aber das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt darüber nachzudenken.
Daisy nickte. „Ja. Woher weißt du das, hast du die beiden zusammen gesehen?"
Harry nickte nachdenklich. „Vor ein paar Tagen. Nachts, im Stall. Und dann sind sie irgendwie...ich weiß auch nicht...spazieren gegangen oder so."
„Ja, das machen sie ziemlich oft." Fizzys Stimme klang etwas belegt. Harry legte einen Arm um sie. „Ich hatte eh vor dich danach zu fragen", sagte er. „Aber jetzt..."
„Es ist damit Nordlicht etwas Auslauf bekommt", erklärte Fizzy. „Er ist irgendwie nicht so gerne auf der Koppel und...na ja, seit Louis nicht mehr reitet..." Sie zuckte mit den Schultern. „Er lässt halt niemand anderen an sich heran."
„Es ist wirklich süß, wenn man es sieht", sagte Lottie und legte sich an Gemma, die sie an sich zog und begann mit ihren Haaren zu spielen. „Die beiden spielen oft miteinander. Fangen zum Beispiel. Louis rennt Nordlicht nach, er rennt Louis nach, es ist...wunderschön eigentlich. Und ein bisschen traurig."
Harry nickte nachdenklich.
Ja. Das war wirklich traurig.
Und Harry hatte fast Schwierigkeiten zu atmen, wenn er daran dachte, wie es Louis wohl wirklich ging. Er sah ihn wieder weinen, wie er in der Box stand, bei seinem Pferd.
Harry war klar, dass er genau das getan hatte, was er Louis am ersten Tag vorgeworfen hatte.
Er hatte ihn komplett verurteilt, ohne ihn zu kennen.
_____
Die nächsten zwei Tage sah er Louis kaum. Es war als wäre er gar nicht da. Nur beim Essen begegnete er ihm und einmal dachte er kurz ihn hinterm Haus verschwinden zu sehen, aber das hatte er sich auch nur einbilden können.
„Harry." Fizzy fuchtelte vor seinen Augen herum und Harry schreckte aus seinen Gedanken. „Hm?"
„Die Anderen sind wieder da", sagte sie und da sah Harry auch, dass Gemma ihr Auto gerade geparkt hatte und mit Phoebe und Daisy zusammen ausstieg.
„Wir sind wieder da", rief einer der Zwillinge und wedelte mit etwas in der Hand. „Und haben die Schere dabei!"
Harry lächelte. Er und Fizzy hatten schon einen Stuhl und ein altes Hemd von Dan bereit gestellt, dass sie als Friseurkittel benutzen konnten.
„Na dann, Phoebe, wer auch immer von eich beiden das ist, rein in den Sessel", sagte er und der Zwilling, der mit der Schere gewedelt hatte kam zu ihm
„Es ist wirklich gut, dass wir das jetzt machen, du brauchst nämlich wirklich lange es dir mal zu merken."
„Hey, ich hab auch länger als zwei Wochen gebraucht, um euch auseinanderhalten zu können", sagte Gemma lachend und setzte sich Fizzy gegenüber an den Tisch, neben dem sie den Stuhl aufgebaut hatten.
„Ich vertraue dir, Harry", sagte Phoebe jetzt, die sich in den Stuhl sinken ließ und Harry grinste.
„Ganz schlechte Entscheidung", scherzte er und Phoebe spielte mit und seufzte nur.
„Ich wusste es."
Grinsend legte Harry ihr das Hemd über und machte es hinter ihrem Rücken zu. Dann griff er nach der Sprühflasche, die Fizzy für ihn mit Wasser gefüllt hatte und begann ihre Haare anzufeuchten.
Er klemmte bestimmte Partien ihrer Haare gekonnt ab und Gemma nickte nur zufrieden.
„Wo hast du das so gut gelernt?", fragte Fizzy grinsend und Harry zuckte mit den Schultern.
„Hat Mum mir beigebracht", meinte er. „Sie hat mal eine Friseurausbildung gemacht und Gems hat mir erlaubt so viel an ihr zu üben, bis ich es kann."
„Also ist das eigentlich alles mein Verdienst", meinte Gemma grinsend und Harry rollte mit den Augen.
„Schulter- oder Kinnlänge?", fragte er und Phoebe schob nachdenklich ihre Unterlippe vor.
„Mach erstmal Schulter", sagte sie und Harry nickte. Bevor er aber den ersten Schnitt ansetzen konnte kamen Lottie und Liam zusammen aus dem Stall gerannt. „Fangt nicht ohne uns an", rief Lottie und Harry wartete geduldig ab, bis die beiden bei ihnen waren. Daisy hatte ihnen geschrieben, dass es jetzt losgehen würde und sie hatten sofort die Mistgabeln liegen gelassen.
Dann begann Harry vorsichtig Phoebes Haare zu schneiden. Nach ein paar Minuten kam auch Alex (mit dem Daisy jetzt irgendwie wohl doch so halb zusammen war, sie stand direkt auf, damit er sich hin- und sie sich auf seinen Schoß setzen konnte und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen) dazu und Fizzy hatte leise Musik angemacht und die Stimmung war super.
Wirklich, alles auf diesem Hof war einfach Sommer und Fröhlichkeit. Harry vermisste es jetzt schon jeden Tag hier aufzuwachen (gut, den Hahn vielleicht nicht, aber das Gefühl).
Und als er dann fertig war und Phoebe sich erst bestimmt fünf Minuten im Spiegel anstarrte und ihm dann um den Hals fiel, weil sie den Haarschnitt so gut fand, lachte Harry glücklich.
Jetzt konnte er sie auch endlich auseinanderhalten.
Jay und Dan waren auch hellauf begeistert, als sie es später irgendwann sahen und Phoebe konnte gar nicht aufhören durch ihre kürzeren Haare zu streichen. „Sie fühlen sich auch so gesund an", meinte sie ständig begeistert und Daisy scherzte ob sie ihre nicht auch so kurz schneiden sollte.
Louis sah es beim Abendessen. Er lächelte bloß, fuhr auch einmal durch ihre Haare und sagte „Sieht schön aus, Pheebs." bevor er sich seinem Teller zuwandte und nicht mehr viel redete.
„Die nächsten Tage soll es ja ziemlich stürmisch werden", fing Dan irgendwann an und Jay nickte.
„Ja, ich hab schon überlegt ob wir irgendwas noch absichern müssen. Es soll ja ganz schön heftig werden."
„Vielleicht die Türen vom dritten Stall? Die sind ziemlich locker."
„Ich red morgen mal mit Liam, was er denkt."
Jay nickte und in dem Moment stand Louis auf, stellte seinen Teller in die Spüle und flüchtete aus dem Raum. Alle sahen ihm hinterher und Harry hörte Jay seufzen.
Dan legte seine Hand auf ihre und nickte beschwichtigend. „Es ist schon okay", sagte er und sie kratzte sich an der Augenbraue und nickte dann.
„Ja. Aber leicht ist es trotzdem nicht."
Harry verstand mal wieder kaum was, aber er konnte sich zumindest denken, das irgendwas, vom dem was die beiden gesagt hatten Louis' Gedanken auf Zayn gebracht haben musste. Oder so ähnlich.
Als er irgendwann später aus seinem Zimmerfenster auf den Hof sah, sah er Louis wieder mal rauchen. Über das Geländer vom Reitplatz gebeugt, seine Zigarette glühte in der Dunkelheit.
Er wirkte fast in sich zusammengekauert. Und Harry konnte aus der Entfernung und durch das Glas seines Fensters spüren wie traurig er war.
_____
Jay und Dan hatten Recht. Am nächsten Tag war schon ordentlich viel mehr Wind und noch einen Tag später begann es viel zu regnen. Fizzy und Harry verbrachten die Zeit die sie sonst draußen waren drinnen und die Zwillinge verlegten ihr Training in die Halle. Es war so ein Wetter, das man sich einfach nur unter einer Decke mit einer heißen Schokolade aufs Sofa kuscheln wollte, obwohl es trotzdem noch relativ warm war.
Also machten er und Fizzy das auch eigentlich den ganzen Tag. Sie spielten Uno, tranken Tee und sahen sich ein paar Filme an, Gemma stieß irgendwann nachmittags dazu und wo Gemma war war auch Lottie nicht weit.
Es war der ruhigste Tag, seit Harry hier angekommen war, aber irgendwie verging er trotzdem wie im Flug. Als er abends im Bett lag verstand er gar nicht wo die ganzen Stunden hin waren.
Und schlafen konnte er auch nicht. Vor allem weil es inzwischen wirklich gewitterte und alle paar Minuten Donner zu hören war.
Als Harry dann aber meinte zu hören, wie Louis' Zimmertür aufging und er rausging, runzelte Harry die Stirn.
Louis wollte doch nicht wieder mit Nordlicht spazieren gehen, oder? Das wäre bei dem Sturm nicht wirklich verantwortungsbewusst.
Harrys Gehirn hatte den Entschluss schon gefasst, bevor er es überhaupt wusste und so kam es, dass er zehn Minuten später wieder komplett angezogen war und in seine Schuhe schlüpfte, um Louis zu folgen.
Dieses Mal war die Tür nicht so angelehnt, dass man wieder reinkam. Louis wollte vermutlich nicht, dass sie durch den Wind aufging oder so. Er hatte ja bestimmt eh einen Schlüssel.
Und wenn nicht würde Harry Fizzy anrufen, er hatte sein Handy dabei und es war aufgeladen.
Also ließ er die Tür einfach hinter sich ins Schloss fallen. Draußen war es extrem windig und Harry schlang die Arme um sich. Der Regen war auch nicht besonders angenehm und ja, er hätte vielleicht eine Jacke mitnehmen sollen.
Fröstelnd lief er schnellen Schrittes zum Stall, in dem wie erwartet Licht brannte, allerdings diesmal nicht so helles wie sonst, die Deckenbeleuchtung war aus. Hinten war aber irgendeine kleine Lampe an.
Jetzt wurde Harry etwas unruhiger. Wenn Louis einfach nur hier war und gar nicht weggehen wollte...dann wäre Harry hier fehl am Platz. Er wollte ihn ja nur davon abhalten in dem Sturm spazieren zu gehen, aber falls er das gar nicht vorgehabt hatte...
Zögerlich ging Harry so leise wie möglich den Gang entlang.
Bei Nordlichts Box angekommen spähte er hinein und ja, natürlich war Louis hier.
Aber er machte keine Anstalten zu gehen. Er saß auf einem Strohballen vor Nordlicht, das Pferd hatte wie so oft den Kopf zu ihm gesenkt und Louis strich ihm sanft übers Fell.
Eine Weile blieb es still und Harry stand einfach nur da und sah den beiden zu. Er sollte wieder gehen. Er hatte hier nichts zu suchen und Louis schien nicht rausgehen zu wollen, er wollte nur bei seinem Pferd sein und vermutlich alleine und-
„Du kannst dich ruhig setzen", sagte Louis, ohne aufzusehen und Harry zuckte erst zusammen, weil er sich nicht mal so ganz sicher gewesen war, dass Louis ihn überhaupt bemerkt hatte, dann betrat er zögerlich die Box und ließ sich neben Louis auf dem Strohballen nieder.
„Ich hasse Stürme", murmelte Louis leise und strich dabei Nordlicht weiter über das Fell, so als ob es ihn selbst beruhigen würde. Vermutlich tat es das.
„Und warum..." Harry räusperte sich, als ihm auffiel, wie dünn seine Stimme klang. „Warum bist du dann hier? Ich meine ist das Haus nicht sicherer?"
Jetzt sah Louis ihn zum ersten Mal an. Für eine Sekunde erstarrte seine Hand im Fell, dann machte sie weiter und Louis öffnete den Mund.
„Ich...Ich hab keine Angst...vor Stürmen, Harry", sagte er, als würde das alles erklären. „Ich mag sie nur nicht. Und Nordlicht auch nicht." Er sah hoch zu seinem Pferd, was seinen Kopf nur senkte und Louis' Schulter anstupste. „Deshalb bin ich immer bei ihm, wenn es gewittert."
Harry biss sich auf die Unterlippe.
Louis holte tief Luft. „Ich ähm..." Er warf Harry einen Blick zu, sah aber extrem schnell wieder weg. „Es tut mir Leid", sagte er dann. „Wie ich dich die erste Woche behandelt hab. Das war nicht wirklich nett von mir." Er seufzte und es war so tief, dass Harry fast das Gefühl hatte Louis' Verzweiflung am eigenen Körper zu spüren. „Es ist nur so, ich...also es...es geht mir nicht so gut", meinte er. „Und das lasse ich an allen Anderen aus, weil ich nicht gut darin bin...mit...also mit meinen Gefühlen umzugehen."
Harry folgte einem merkwürdigen Drang und legte seine Hand vorsichtig auf Louis' Arm.
„Das ist okay", sagte er. „Ich war auch nicht wirklich fair zu dir, ich hab dich einfach sofort als blöd abgestempelt und das war's."
Kurz verhakten sich ihre Blicke, dann schüttelte Louis leicht den Kopf.
„Nein, Harry, ich..." Er seufzte und legte seine Hand für den Bruchteil einer Sekunde auf Harrys. Was passierte hier gerade? Und warum fand Harry es überhaupt nicht komisch, dass es sich so vertraut anfühlte hier mit Louis zu sitzen. Das war abgesehen vom Auto das erste richtige Gespräch, das sie miteinander hatten und das musste doch eigentlich anders verlaufen, oder?
„Ich war wirklich nicht cool und..." Louis schloss kurz die Augen und lehnte seinen Kopf an die Boxenwand hinter sich. In dem Moment donnerte es und er zuckte zusammen. Nordlicht trat einen kleinen Schritt näher.
„Mein bester Freund ist vor drei Jahren gestorben", sagte Louis leise. „Vielleicht hast du das ja schon mitbekommen."
Harry schluckte und nickte vorsichtig.
„Und ich...also er..." Louis brach wieder ab und presste die Lippen aufeinander. „In meinen Armen."
Harry runzelte die Stirn. Was meinte Louis damit? In seinen Ar-
„Er ist in meinen Armen gestorben."
Harry blinzelte. Die Information brauchte ein bisschen, um bei ihm anzukommen.
Bitte was?
Er war in Louis' Armen gestorben? Das...das musste wirklich traumatisierend sein.
„Oh fuck", flüsterte Harry leise und wollte Louis wieder berühren, ihm irgendwie ein bisschen Trost geben, aber einerseits war er wie gelähmt, andererseits zog Louis seine Beine auf den Strohballen und umarmte sie, um sein Kinn auf seinem Knie abzulegen.
„Er hat hier gepennt", fing Louis an und wenn Harry es nicht besser wüsste würde er denken, dass Louis ihm jetzt die ganze Geschichte erzählen würde. Vielleicht tat er das ja wirklich. Vielleicht musste er es einfach mal rauslassen.
„Hat er ziemlich oft, wir waren quasi zusammen getackert, haben jede freie Minute miteinander verbracht."
Harry musste leicht lächeln. Das kannte er irgendwoher (hust Niall hust).
„Und es gab eine Unwetterwarnung für die Nacht, aber es sah halt nicht danach aus. Also der Himmel war super klar, man konnte sogar die Sterne sehen und es war ein Sternschnuppenregen angesagt. Ich wollte den unbedingt sehen. Von unserer Lichtung aus, weißt du? Zayn und ich waren da ständig und es ist da einfach wunderschön. Also...war es, ich war seitdem nicht mehr da. Und er meinte es ist keine gute Idee bei dem Gewitter was kommen sollte und...ach keine Ahnung. Ich hab ihn auf jeden Fall überredet gekriegt und..." Louis brach ab, kratzte sich aggressiv am Hals und redete weiter.
„Und dann sind wir doch los. Im Nachhinein...es war nicht nur absolut unverantwortlich von uns überhaupt in den Wald zu gehen, sondern auch noch...mein Gott, ich habe nicht nur uns, sondern auch unsere Pferde in Gefahr gebracht." Er streichelte Nordlicht über die Schnauze.
„Als wir bei der Lichtung angekommen sind, hat es angefangen heftig zu regnen. Also wirklich so heftig, dass man kaum mehr was sehen konnte. Dazu war es auch noch dunkel und dann wurde es immer schlimmer. Irgendwann hat Zayn mich überzeugen können, dass wir schnell wieder nach Hause sollten. Ich könnte mich dafür umbringen, dass er mich dazu überhaupt noch überreden musste. Ich war so absolut geistesgestört." Louis' Stimme klang mittlerweile belegt und er holte nochmal tief Luft.
„Wir sind nur ganz langsam los, weil man wirklich nicht viel sehen konnte und es war nass und kalt und dann ist irgendwann ein Blitz neben uns eingeschlagen. Nordlicht und Prinz, also...Zayns Pferd...sind komplett ausgerastet. Ich konnte Nordlicht relativ schnell beruhigen, aber Prinz war sowieso immer sehr lichtempfindlich und Zayn hat die Kontrolle verloren. Prinz ist abgehauen und ich bin zwar hinterher, aber irgendwann haben wir die beiden verloren."
Nordlicht schnaubte beruhigend und Louis nickte seinem Pferd zu und ließ ihn an seiner Kapuze knabbern.
„Ich bin eine halbe Stunde lang durch den Wald geirrt und hab Zayn gesucht. Und als er irgendwann geantwortet hat..." Louis' Stimme brach. Er ignorierte es und redete einfach weiter.
„Bin ich schnell hin und...und die beiden waren beim Steinbruch beim Fluss. Es ist da zwar eigentlich echt schön, aber halt auch ultra gefährlich. Ein Baum war umgestürzt und hatte Prinz so halb von der Seite und damit auch Zayns Bein eingequetscht. Ich bin abgestiegen, hab versucht zu helfen und-" Louis' Stimme brach nochmal und zitterte. Er zwang sich ruhig zu atmen und Harry legte ihm jetzt trotz allem eine Hand auf die Schulter.
„Und als ich es geschafft habe den Stamm irgendwie so weit zu bewegen, dass Prinz frei war...ist er so durchgegangen, dass er Zayn abgeworfen hat und den Abhang runter in den Fluss gestürzt ist. Zayn ist auf einem spitzen Felsbrocken aufgekommen, und es hat ihn extrem verletzt, er hatte eine riesige Wunde an der Seite, er hat extrem viel Blut verloren..." Louis holte zitternd Luft. „Ich bin sofort zu ihm. Er war voller Panik und wollte nur Prinz hinterher, was ich verstehen kann, wenn es Nordlicht gewesen wäre hätte ich genauso reagiert, aber Zayn konnte sich nicht bewegen. Der Sturz hat ihn irgendwie gelähmt oder so, irgendwelche Nerven kaputt gemacht, keine Ahnung. Und dann hat er deshalb noch mehr Panik bekommen und es hat immer noch geregnet und gedonnert und ich konnte niemanden erreichen, weil absolut kein Empfang war und meine Hände so gezittert haben und dann...dann hab ich einfach nur da gesessen, in der Kälte und Zayn hat in meinen Armen geweint, wegen Prinz und ich hab mit ihm geweint und irgendwie versucht die krasse Blutung zu stoppen, aber nichts hat geholfen."
Harry fühlte sich ein wenig hilflos. Louis schluchzte leise.
„Und dann..." Louis zitterte. „Dann war er plötzlich tot", flüsterte er. „Ich hab irgendwann auch das Bewusstsein verloren. Es war einfach zu kalt und ich war komplett fertig und kaputt. Die Feuerwehr hat uns- mich nur gefunden, weil Nordlicht sie zu mir geführt hat. Prinz ist ertrunken."
Eine Weile lang war es still. Harry wusste nicht was er sagen sollte.
Dann folgte er einfach seinem Gefühl und legte seinen Arm ganz um Louis. Und zu seiner Verwunderung lehnte Louis sich ihm entgegen und legte seinen Kopf auf Harrys Schulter ab.
„Das tut mir Leid", sagte Harry. „Das muss ziemlich heftig sein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für dich war."
Louis antwortete nicht. Aber das musste er auch nicht. Er atmete einfach nur tief ein und aus und schien Harrys Umarmung zu genießen, was diesen irgendwie auf eine komische Art und Weise glücklich machte. Er drückte den älteren Jungen noch ein bisschen enger an sich und dann saßen sie einfach nur da.
Bestimmt zehn Minuten hingen sie ihren Gedanken nach, nebeneinander in Nordlichts Box, nur die Geräusche die die Pferde machten im Hintergrund, dann irgendwann drückte Harry sanft Louis' Schulter.
„Wart ihr nur Freunde?", fragte er, weil die Frage ihn jetzt schon länger beschäftigte und Louis' Blick schoss zu ihm hoch. Er musterte Harry mit gerunzelter Stirn und sah dann wieder weg.
„Ich glaube nicht", sagte er nach einer Weile und kratzte an seinem Knöchel. Seine Stimme klang wieder belegt. „Ich glaube ich war ziemlich verliebt in ihn. Ich wusste es nur irgendwie nie. Und als wir den Unfall hatten, ich-"
Er brach ab und blinzelte schnell. Nordlicht stupste ihn sanft mit der Schnauze an und Louis lachte leise, aber es klang irgendwie fast wie ein Schluchzer.
Er streichelte sein Pferd und eine Weile blieb es wieder still. Harry hatte keine Ahnung, was er sagen sollte und irgendwie war es auch das Richtige gar nichts zu sagen.
„Reiten war mein Leben", sagte Louis dann. Es klang irgendwie bitter, aber nicht so wie er am Anfang zu Harry gewesen war, sondern einfach von Traurigkeit gefüllt. „Reiten und Zayn."
Harry biss sich auf die Unterlippe.
„Und jetzt...", meinte Louis und holte tief Luft. „Im Sattel zu sitzen versetzt mich sofort zurück in die Nacht. Ich hab das Gefühl ich spür den Regen und die Kälte und...und ich krieg so Panik, dass ich sofort wieder absteigen muss." Er sah Harry an und es brach Harrys Herz die Tränen in seinen Augen zu sehen.
„Ich vermisse es so sehr", sagte Louis und holte tief Luft. „Aber ich kann einfach nicht."
Harry musste schlucken und dann hatte er plötzlich auch den anderen Arm um Louis geschlungen und zog ihn ganz an sich. Kurz löste Louis sich von ihm und Harry hielt den Atem an, aber dann kletterte Louis auf seinen Schoß, schlang die Arme um seinen Hals und begann leise zu weinen.
Und Harry hielt ihn einfach nur fest, spürte sein eigenes Herz bei Louis' Traurigkeit brechen und fuhr mit seiner linken Hand in dessen Haare.
Er versuchte nicht mal Louis zu beruhigen. Er ließ ihn einfach alles rauslassen und strich sanft durch seine Haare und über seinen Rücken.
Irgendwie bedeutete ihm das hier unglaublich viel.
Und er würde Louis irgendwie helfen. Er wusste nicht wie. Aber er würde ihm irgendwie helfen.
Ihm irgendwie helfen den Schmerz erträglicher zu machen. Zu heilen.
Er musste es zumindest versuchen.
Und da war noch eine Sache. Ein neuer Song. Harry hatte plötzlich Lyrics im Kopf.
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„Hey, Louis." Harry hielt den Jungen am Arm fest und merkte aus dem Augenwinkel, dass Fizzy ihm einen komischen Blick zuwarf. Er ignorierte das.
„Können wir kurz reden?"
Louis sah ihn offen an, blinzelte und nickte dann, ein kleines Lächeln auf seinen Lippen.
„Ich bin gleich wieder da, Fizzy", sagte Harry und zog Louis dann am Arm mit sich.
Sie hatten gestern noch ein bisschen geredet, waren irgendwann (als sie sich auf eine Decke in eine freie Box gelegt hatten) eingeschlafen und um nach 4 wieder aufgewacht. Dann waren sie ins Haus gegangen und seitdem hatte Harry ihn nicht mehr gesehen.
Bis jetzt, vor der Reithalle, wo er ihn zur Seite gezogen hatte. Er hatte eine Menge nachgedacht und hatte eine Idee. Eine schlechte vielleicht, aber immerhin besser als nichts.
Sie gingen um den zweiten Stall herum und lehnten sich gegen den Traktor, der dort stand. Zum Glück regnete es nicht mehr, aber es war immer noch düster und windig und es sollten in den nächsten Tagen nur noch schlimmere Stürme kommen.
„Ich hab nachgedacht", begann Harry und wischte seine schwitzigen Hände an seiner Hose ab. Er war ziemlich nervös. „Und ich hab eine Idee."
Louis runzelte die Stirn. „Okay?"
„Also du...wegen reiten", sagte Harry.
Louis legte den Kopf ein bisschen schief. „Was für eine Idee?"
„Ich dachte vielleicht...vielleicht können wir ähm...vielleicht können wir's ja zusammen probieren?" Harry sah ihn nicht an und verknotete seine Finger ineinander.
„Zusammen...probieren?", fragte Louis und klang verwirrt. „Was meinst du damit?"
„Na ja, also...wir könnten doch irgendwie...einen Deal machen. Du versuchst mir reiten beizubringen und ich stelle mich meiner Angst runterzufallen. Und sobald ich...keine Ahnung, wenn ich es irgendwie schaffe zu galoppieren...alleine...ohne Angst zu haben...dann musst du...also...es auch nochmal ausprobieren."
Eine Weile war Louis still. „Zu reiten?", fragte er und Harry nickte und hob den Kopf. Harry konnte seinen Gesichtsausdruck nicht einschätzen.
„Ich hab Angst", flüsterte Louis leise. „Ich hab Angst mir wieder Hoffnungen zu machen, es wieder auszuprobieren und dann...klappt es doch nicht."
„Ich weiß", sagte Harry. „Aber vielleicht funktioniert ja doch."
Louis musterte ihn nur. Dann begann er irgendwann langsam zu nicken. „Okay", flüsterte er und nickte mit mehr Nachdruck. „Okay, Ja. Wenn du es schaffst reiten zu lernen...versuch ich's nochmal."
„Ja?" Harry lächelte. Louis nickte.
„Ja."
_____
Fizzy war ein bisschen verwirrt. Was Sinn ergab, denn Harry hatte seit er hier war quasi seine gesamte Zeit mit ihr verbracht und jetzt musste er ihr erklären, dass Louis ihm reiten beibringen sollte.
Als Fizzy allerdings verstand, dass Louis es wirklich machen würde...also Harry Reitstunden geben...war sie zwar nicht weniger verwirrt, trat aber glücklich zur Seite. Wenn Harry es irgendwie schaffte, dass ihr Bruder übers Reiten sprechen würde, dann war sie erstmal einfach nur froh.
Wie auch immer Harry das jetzt gemacht hatte.
Und wenn Lojis es schaffte, dass Harry wirklich Reitstunden bekam...Fizzy unterstützte die beiden also. Warum auch immer die das plötzlich geplant hatten.
Sie widmete also wieder mehr Zeit ihrem eigenen Training und ging ab und zu mit Gemma und Lottie ausreiten, während Harry und Louis die nächsten Tage miteinander verbrachten.
Louis zeigte Harry erstmal wie man ein Pferd putzte, sattelte und auftrenste und Harry hatte Fizzy, Phoebe und Daisy dabei so oft zugesehen, dass er den Dreh tatsächlich relativ schnell raushatte. Aber Louis meinte, er sollte lieber anfangen ohne Sattel zu reiten, damit sein „Respekt vor Pferden" ein bisschen gedämpft wurde und dann irgendwann zum Sattel übergehen.
Und Harry machte einfach was Louis sagte, er kannte sich schließlich aus. Die ersten zwei Tage brachte Louis Harry also erstmal dazu aufs Pferd auszusteigen (er hatte das ruhigste und zahmste rausgesucht, dass sie hatten, Kartoffel) und dann nicht auszuflippen.
Harry hatte immer das Gefühl jeden Moment würde er runterrutschen und obwohl Louis sein Lachen so gut es ging verbarg sah Harry es trotzdem. Und es freute ihn. Er hatte das Gefühl, dass Louis sich mit seiner Angst nicht mehr so alleine fühlte, auch wenn man es eigentlich gar nicht vergleichen konnte.
Und je mehr Zeit die beiden miteinander verbrachten...desto mehr mochte Harry Louis. Er hatte das Gefühl er war jetzt schon absolut verloren, er wusste, dass er angefangen hatte sich in Louis zu verlieben und er versuchte einfach das so gut es ging zu ignorieren.
Aber jedes Mal, wenn er ihn zum Lachen brachte hüpfte sein Herz und jedes Mal wenn Louis fand, dass er etwas gut gemacht hatte könnte er platzen vor Stolz.
Sie lernten sich nun mal besser kennen und Louis war witzig, sassy und wirklich so verdammt schön, besonders wenn er lächelte, was er irgendwie mehr tat als vorher...wie sollte Harry ihm denn nicht verfallen?
Harry schaffte es inzwischen alleine Schritt zu reiten und es war schon irgendwie traurig, dass das für ihn ernsthaft ein Achievement war. Aber Louis meinte immer nur, dass Menschen halt unterschiedlich lange für unterschiedliche Sachen brauchten und das war okay.
„Sag mal", meinte Louis, als sie abends ins Haus gingen und die Küche ansteuerten, weil Harry kochen wollte.
„Könntest du...ähm...könntest du dir vorstellen mich morgen...an den Steinbruch zu begleiten?"
Harry blieb stehen und drehte sich ganz zu ihm.
„Ist das dein Ernst?", fragte er überrascht und Louis nickte.
„Ja." Er seufzte leise. „Ich war seit dem Unfall nicht mehr da. Aber ich glaube...ich glaube ich sollte mal. Meine Familie versucht mich schon seit Ewigkeiten zu überreden, ich hab mich nur nie bereit gefühlt."
„Und jetzt schon?"
Louis legte den Kopf schief. Dann schüttelte er ihn. „Nein", sagte er. „Aber du ähm...du zeigst mir irgendwie, dass ich auch was tun muss, wenn ich wirklich heilen will. Und ähm im Stall...als du mich gehalten hast...das hat mich extrem gestärkt irgendwie. Und wenn du mitkommst...glaube ich, dass es nicht ganz so schlimm wird."
Harry konnte nicht anders als Louis zu umarmen.
„Natürlich mache ich das, Louis", sagte er, während sein Herz mal wieder ausrastete, weil das geborgene Gefühl, das er in Louis' Nähe verspürte anscheinend auf Gegenseitigkeit beruhte.
„Danke."
Kurz blieben die beiden in ihrer Umarmung, bis ihnen auffiel, wie lange sie das taten und sie sich schnell voneinander lösten. „Ähm", räusperte sich Harry und machte eine Handbewegung à la „Du zuerst" sodass Louis ihm voraus in die Küche ging.
„Nicht, dass ich mich beschwere", sagte Fizzy, die auf dem Küchentisch saß, als die beiden Jungs den Raum betraten. „Aber seit wann seit ihr so gute Freunde? Ich kapier's einfach nicht."
Louis zuckte mit den Schultern. „Wir verstehen uns einfach, Fiz", meinte er und Harry nickte.
„Ja", sagte Fizzy. „Das kann ich sehen. Aber das kommt so...absolut random und plötzlich."
Harry zuckte mit den Schultern. „Tja."
Fizzy kniff nur die Augen zusammen. „Ich komm noch dahinter", sagte sie und Harry grinste und warf ihr eine Packung Nudeln zu.
„Setz mal lieber Wasser auf."
_____
Was Louis Harry nicht gesagt hatte, war dass Louis nur zum Steinbruch gehen würde, wenn Harry hinritt.
Und es war anscheinend ein vielleicht halbstündiger Weg. Harry hatte Angst, dass er irgendwas falsch machen würde und Kartoffel ausrasten und mit ihm durch den Wald rennen würde, aber Louis versicherte ihm, dass das nicht passieren würde und außerdem wollte Harry wirklich, dass Louis hinging und sich seiner Angst vor dem Ort stellte.
Harry saß also in seinen ausgeliehenen Reitsachen auf dem Pferd, die Zügel in der Hand und sah immer mal wieder unsicher zu Louis, der neben ihm durch den Wald ging.
Er fühlte sich ganz okay dafür, dass sie nicht in der Halle oder auf dem Platz (also nicht eingezäunt) waren. Aber das Wetter war heute, anders als in den letzten Tagen, ganz gut (und mit gut meinte Harry es regnete immerhin nicht, war aber trotzdem ein bisschen trostlos grau).
Er vertraute sich inzwischen soweit, dass er nicht runterfallen würde, aber leider vertraute er Kartoffel noch nicht so richtig. Es könnte immer sein, dass das Pferd plötzlich durchging. Man wusste ja nie.
Louis hatte ihm am Anfang noch die ganze Zeit Lächeln zugeworfen, aber seit ein paar Minuten war er still und Harry verstand, dass sie wohl bald da waren. Er hatte absolut keine Ahnung wo sie sich befanden, für ihn sah das hier alles nur nach Wald aus, alleine wäre er vollkommen aufgeschmissen.
Aber er mochte es nicht Louis so zu sehen. Also hielt er Kartoffel an (ja, sowas konnte er inzwischen. Crazy.) und rutschte vom Pferderücken. Louis sah ihn sofort an.
„Nein, Harry, der Deal war, dass du-", fing er an sich zu beschweren, brach aber ab, als Harry Kartoffels Zügel in eine Hand nahm und die andere in Louis' schob.
„Du schaffst das schon", flüsterte er und dann sah er Louis' schlucken, nicken und spürte wie er ihre Finger miteinander verschränkte und sich an Harrys Hand festklammerte.
Harry wusste ehrlich nicht, wie sie in ein paar Tagen von Anfeindungen zu Händchen halten gekommen waren, aber irgendwie war es wohl passiert. Und er spürte, dass er Louis irgendwie Kraft geben konnte. Einfach nur indem er für ihn da war.
„Okay", flüsterte Louis und setzte sich wieder in Bewegung. „Wir sind fast da", murmelte er und nach vielleicht einer Minute sah Harry auch, wie sich die Bäume langsam lichteten.
Und dann standen sie an dem Ort wo Louis' bester Freund gestorben war.
Der eigentlich wirklich schön war, das musste Harry zugeben. Es war ein relativ großer freier Platz, von den Bäumen und dem Steinbruch umschlossen. Es war kein besonders tiefer Abhang, aber es war ziemlich steil, sehr felsig und endete in einem Fluss, der vermutlich auch durch den Regen in den letzten Tagen doch ziemlich breit war und als Harry vor seinem inneren Auge ein Pferd da runterstürzen sah musste er seine aufkommenden Tränen wegblinzeln.
Der Boden auch nahe des Abhangs voller Steine und manche davon waren extrem spitz und ragten weit nach oben. Harry drückte Louis' Hand fester. Er konnte sich nur vorstellen was durch seinen Kopf ging.
Dann sah Harry das Memorial, das sehr weit links zwischen einigen Steinen aufgebaut war.
Es war ein leicht ausgeblichenes Bild, Harry erkannte Zayn, auch wenn er ein winziges bisschen älter aussah als auf dem Video. Darum herum standen Kerzen und Blumen und einige davon sahen sogar ziemlich frisch aus.
Oh.
Jetzt fiel Harry das Ganze vor dem Ausflug wieder ein. Es ergab Sinn. Louis war zwar nicht hier gewesen, aber seine Familie hatte Zayn ja genauso verloren. Sie kamen vermutlich öfter hier hin. Und Zayn hatte bestimmt auch eine Familie.
Louis ließ Harrys Hand los und ging darauf zu. Er ließ sich langsam auf seine Knie sinken und streckte die Arme aus, als wolle er nach dem Bild greifen, fror aber mitten in der Bewegung ein.
Harry führte Kartoffel zu einem Baum und band ihn locker an, auch wenn Louis ihm gesagt hatte, dass man das so wenig wie möglich an den Zügeln machen sollte. Er hatte jetzt gerade keinen Strick. Außerdem meinte Louis auch, das Kartoffel nicht mal abhauen würde, wenn man neben ihm in die Luft schießen würde (auch wenn Harry das bezweifelte).
Er ging vorsichtig zu Louis, blieb aber auf einem Meter Sicherheitsabstand, um ihm Freiraum zu geben.
Louis berührte jetzt sanft das Foto und strich über Zayns Gesicht, begutachtete dann die Kerzen und nahm eine der Blumen und legte sie woanders hin. Zwischendurch wischte er sich immer mal wieder Tränen aus dem Gesicht.
Irgendwann ging Harry einen Schritt näher und Louis drehte sich zu ihm um. Harry versuchte ein kleines Lächeln und Louis stand auf und umschlang seine Taille. Er drückte sein Gesicht in Harrys Brust und Harry schloss ihn sofort in seine Arme und hielt ihn fest.
Louis weinte ein wenig aber irgendwann löste er seine Umklammerung ein wenig und sah wieder auf das Bild von Zayn herab.
Er war gegen Harry gelehnt, als ob ihm stehen gerade zu viel abverlangen würde und vielleicht tat es das ja auch. Harry war einfach nur froh, dass Louis es durchgezogen hatte und wirklich hier war.
Sich die Schmerzen fühlen ließ.
„Danke", flüsterte Louis irgendwann leise und sah zu Harry hoch. „Wirklich."
Harry lächelte und strich ihm sanft eine Strähne aus der Stirn. Verdammt, wieso fühlte er so viel für Louis, er kannte ihn doch kaum.
„Immer", flüsterte er zurück und Louis seufzte leise.
„Ich war schon oft bei seinem Grab, aber..." Er ließ seinen Kopf wieder gegen Harrys Brust fallen. „Ich wusste nicht wie dringend ich mal hierhin zurückkommen musste. Ich hab das Gefühl ich kann wieder ein bisschen mehr atmen."
Harry lächelte noch breiter. Und dann — er konnte sich einfach nicht davon abhalten — platzierte er einen Kuss auf Louis' Kopf.
Louis sagte nichts dazu. Er drückte Harrys Taille einfach noch ein bisschen fester.
_____
„Harry!" Fizzy schnipste vor Harrys Gesicht herum und Harry zuckte leicht zusammen und riss seinen Blick von Louis los.
„Hm?"
Die beiden saßen auf zwei Strohballen, die Liam vor dem Stall hatte liegen lassen. Das Wetter war heute wieder einigermaßen schön, es kamen sogar vereinzelt Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, aber es wirkte ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm. Oder eher die Ruhe vor dem großen Sturm, es war ja schon die ganze Woche lang am stürmen. Aber es wirkte nicht als ob es schon vorbei wäre.
Louis saß zusammen mit Ernest und Doris auf dem Boden vor der Reithalle und malte mit Straßenkreide auf nassen Boden.
Fizzy seufzte. „Hörst du mir überhaupt zu? Ich rede seit locker drei Minuten von Mikey."
„Was? Ja, ich hab dir zugehört."
Fizzy seufzte leise, warf einen Blick hinter sich und legte leicht grinsend den Kopf schief.
„Ist ja wirklich schön, dass du dich gerade in meinen Bruder verliebst, aber könntest du dich für eine Sekunde auf mich konzentrieren?"
„Was?", fragte Harry überrumpelt. „Ich verliebe mich überhaupt nicht in Louis!"
Fizzy riss die Augen auf. Dann begann sie zu grinsen. „Oh mein Gott", sagte sie. „Das war eigentlich nur als Witz gemeint, jetzt sag mir nicht du hast ernsthaft Gefühle für ihn!"
„Nein", sagte Harry. „Hab ich doch gerade gesagt."
„Du bist grauenhaft im Lügen", gab Fizzy zurück, rückte dann begeistert näher und nahm seine Hände. „Erzähl mir alles."
Harry seufzte. „Da gibt's nicht wirklich was zu erzählen. Er bringt mir reiten bei und...und wir reden viel. Das war's." Er zuckte mit den Schultern.
„Oh fuck, Harry", meinte Fizzy leise, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. „Du magst ihn ja echt richtig."
Harry stöhnte und ließ seinen Kopf gegen Fizzys Schulter fallen. „Ja", murmelte er dann. „Ja, ziemlich."
Fizzy tätschelte seinen Kopf. „Na na", sagte sie und das brachte Harry zum Lachen. Also entweder lag Trösten nicht so in Fizzys Blut oder sie war sehr sehr gut darin.
„Das wird schon. Um ehrlich zu sein hab ich noch nie über Lous Sexualität nachgedacht, aber er und Zayn standen sich damals schon irgendwie verdächtig nah. Und du bist ja noch über eine ganze Woche hier."
Wie aufs Stichwort steckte Gemma in diesem Moment den Kopf zur Haustür hinaus.
„H?", rief sie. „Ich hab eben erfahren, dass es irgendwie einen Wasserschaden in dem Studentenwohnheim gibt und ich erst eine Woche später einziehen kann. Ich hab gerade Mum am Telefon, ich bleib noch eine Woche länger hier. Willst du auch? Du musst nicht, Mum meinte du kannst auch wieder nach Hause kommen, Niall vermisst dich sicher schon und außerdem wäre das deine letzte Ferienwoche, aber ich hab das Gefühl es gefällt dir auch ganz gut hier, oder?"
Fizzy grinste ihn an. Er biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu stark zu grinsen.
„Er bleibt auch", rief Fizzy an seiner Stelle und Harry nickte zustimmend und gab seiner Schwester eine Daumen hoch.
Noch eine Woche länger als geplant mit Louis...und auch mit den anderen Tomlinsons...ja. Das klang ziemlich gut.
Nur sollte er Niall vielleicht mal anrufen.
_____
Es war spät abends als Harry zum ersten Mal alleine galoppierte und keine Panik mehr hatte.
Er und Louis wollten es an diesem Tag noch ausnutzen, dass es nicht regnete und sie draußen sein konnten, deshalb waren sie nach dem Abendessen wieder auf den Reitplatz hinten gegangen.
Und Harry hatte es geschafft und es war sogar echt okay gewesen und er war einfach nur froh keine Angst mehr vorm Reiten zu haben. Um ehrlich zu sein machte ihm das Galoppieren sogar ein bisschen Spaß. Er würde trotzdem kein Reiter werden. Das war einfach nicht sein Ding. Er blieb da lieber bei der Musik.
Nichtsdestotrotz ließ er sich bestimmt zwei Minuten lang von Louis umarmen, nachdem er abgestiegen war und vergrub seine Nase in dessen weichen, braunen Haaren.
Mann, Harry war echt so fucked.
Louis sah ihn an und Harry konnte den Stolz und die Freude in seinen Augen sehen.
Aber auch die Angst. Denn er wusste was das hieß. Harry hatte seinen Teil ihres Deals erfüllt. Und dementsprechend musste Louis jetzt wieder auf ein Pferd aufsteigen. Er hatte zumindest gesagt er wollte es versuchen.
„Harry, ich-" Seine Finger waren in Harrys Jacke gekrallt. „Ich weiß nicht ob ich das kann."
„Du kannst", sagte Harry aber und nickte mit Nachdruck. „Louis, du wirst es nie wieder lernen oder wissen ob es geht, wenn du dich nicht überwindest und es ausprobierst."
Louis seufzte und Harry nahm vorsichtig sein Gesicht in die Hände. Es war eine intime Geste und seine Nervosität stieg sofort, aber Louis' Blick zeigte nichts als Unsicherheit und er musste das irgendwie ändern.
„Hör mir zu, Louis. Du. Schaffst. Das. Okay?"
„Okay", hauchte Louis, nicht besonders überzeugt, aber zumindest ein bisschen hoffnungsvoller und Harry nickte.
„Gut. Wir gehen jetzt Kartoffel wegbringen, dein Pferd holen und dann machen wir einen Spaziergang ganz weit weg, damit wir ungestört sind, okay?"
Tiefes Einatmen. Dann: „Okay."
Und damit brachten sie Kartoffel zurück in den einen Stall und gingen rüber in den Anderen. Louis öffnete Nordlichts Box und strich seinem Pferd über den Hals als es langsam zu ihm rauskam.
„Wir können noch nicht sofort los", sagte Louis und nahm Harry das Halfter aus der Hand, um es Nordlicht anzulegen. „Du wirst jetzt erstmal gesattelt, mein Lieber."
Um ehrlich zu sein hatte Harry langsam die Theorie Louis konnte wirklich mit Pferden sprechen, oder zumindest mit Nordlicht, denn das Pferd legte fast schon fragend den Kopf schief und Louis führte ihn zu einer Stelle an der noch ein Strick an der Wand hing. Er hakte ihn in Nordlichts Halfter ein und griff noch nach der Putzbox, die vor seiner Box stand.
In der Zeit, die Harry inzwischen mit Louis verbracht hatte hatte er auch oft daneben gesessen, wenn Louis sein Pferd geputzt hatte, aber das war meistens einfach in der Box gewesen und dieses Mal war es anders.
Vor allem für Louis. Ihm fielen die Striegel und Bürsten fast aus der Hand, so sehr zitterte er.
„Hey", sagte Harry irgendwann und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Mach dir keinen Druck."
Louis nickte. Dann lächelte er sanft. „Kannst du...ähm...kannst du schonmal seinen Sattel holen?"
Harry nickte und machte sich auf den Weg in die Sattelkammer. Er fand den richtigen ziemlich schnell, obwohl es zwei verschiedene Sättel gab, die mit Nordlicht gekennzeichnet waren, Louis hatte ihm vor ein paar Tagen mal erzählt, welchen er für was benutzte. Benutzt hatte. Wie auch immer.
Und dann als Harry den Sattel über den Armen hatte und die Kammer wieder verlassen wollte...kam Liam herein.
Er trug tatsächlich mal Kleidung (gut, das hatte er aufgrund des schlechten Wetters eh in letzter Zeit gemacht) und sah aus als hätte er schon längst Feierabend gemacht, nur etwas vergessen. Sein erster Griff ging auch nach einem Handy, das auf dem Regalbrett neben der Tür lag, aber dann hielt er in der Bewegung inne, weil er Harry sah.
Er musterte ihn verwirrt von oben bis unten. „Wir haben fast elf", sagte er und runzelte die Stirn. „Und das ist der Sattel von Nordlicht."
Harry biss sich auf die Unterlippe. Wieso musste er auch immer auf Liam treffen, wenn er irgendeinen Sattel holte? „Ich weiß", sagte er dann und hob das Kinn an. „Und du hast mich nie gesehen." Damit schob er sich einfach mitsamt Sattel an Liam vorbei und machte sich auf den Weg nach draußen zurück zu Louis.
Der strich gerade mit irgendeiner Bürste, dessen Namen Harry sich nie merken konnte sanft über Nordlichts Schnauze und redete leise mit ihm.
„Hey", sagte Harry leise. „Ich bin wieder da."
Louis drehte sich zu ihm um. „Hi", sagte er leise. Dann besann er sich, kam zu Harry und nahm ihm den Sattel ab.
Und nur ein paar Handgriffe später war Nordlicht gesattelt. Dann holte Louis noch die Trense und zwei Minuten später liefen die drei nebeneinander aus dem Stall und vor Hof.
Sie gingen ziemlich weit, bis auf die hinterste Koppel, die gerade frei stand und dort blieben sie dann irgendwann stehen.
„Okay." Louis atmete tief durch. „Okay, alles klar, ich werde jetzt wieder auf ein Pferd steigen, ich werde jetzt..." Er schwang die Arme vor und zurück. „Wieder auf ein Pferd steigen."
Harry nickte. Und lächelte aufmunternd. „Du kannst das, Louis", sagte er. „Ich glaube an dich."
Louis lächelte etwas verzweifelt zurück. „Ich hoffe das reicht", sagte er.
Und dann warf er Nordlichts Zügel über den Hals. Er warf Harry einen letzten ängstlichen Blick zu, dann griffen seine Hände nach den Zügeln und dem vorderen Teil des Sattels. Harry nickte ihm nochmal langsam und — wie er hoffte — beruhigend zu. Louis holte tief Luft, stieg mit seinem linken Fuß in den Steigbügel und Harry beobachtete gespannt, wie Louis mit einer eleganten Bewegung sein Bein über das Pferd schwang und im Sattel saß.
Harry hielt die Luft an.
Louis' linke Hand fuhr wie von selbst kurz über Nordlichts Hals und klopfte dann sanft dagegen, seine rechte Hand begann allerdings schon sich um die Zügel zu verkrampfen. Harry schluckte.
Louis hob seinen Kopf, starrte nach vorne und biss sich fest auf die Unterlippe. Er schien zu versuchen, sich zu beruhigen und weiter gleichmäßig zu atmen, aber er begann am ganzen Körper zu zittern und in seine Augen stiegen Tränen. Er warf Harry einen verzweifelten Blick zu.
„Ich kann nicht", hauchte er leise, schüttelte hektisch den Kopf und löste seine Füße wieder aus den Steigbügeln. Bevor Harry sich versah war er wieder von Nordlichts Rücken gerutscht.
Selbst das hatte genauso elegant ausgesehen wie das Aufsteigen.
Harry war mit zwei Schritten bei ihm und zog Louis gegen seine Brust.
„Es tut mir so Leid", flüsterte er leise in seine Haare und presste ihn an sich. „Es tut mir so Leid, Louis, ich hätte dich niemals dazu überreden sollen." Er küsste Louis' Schläfe und hielt den bebenden Jungen fest in seinen Armen. „Es tut mir so Leid", sagte er immer wieder, fast wie ein Mantra und hoffte, dass es irgendwie beruhigend auf Louis wirkte, der sich an Harry festhielt als würde er sonst versinken.
„Ich kann einfach nicht", schluchzte er und Harry verfestigte seinen Griff noch mehr, trotz der Gefahr Louis vielleicht die Luft abzuschnüren, wenn er so weitermachte.
„Es tut mir so Leid", wiederholte Harry nochmal und nach ein paar Minuten, gefüllt mit Louis' leisem Weinen und Harrys brechendem Herzen löste Louis irgendwann sein Gesicht von Harrys Brust und sah zu ihm hoch.
„Harry?", hauchte er und Harry sah ihn ganz genau an.
„Ja?" Er legte seine Hände vorsichtig an Louis' Wangen und strich zwei Tränen weg.
„Küss mich."
Harry blinzelte. „Was?", fragte er, weil er sich nicht sicher war, ob Louis das gerade wirklich gesagt hatte.
„Küss mich", wiederholte Louis. „Bitte. Lenk mich ab, irgendwie, ich kann einfach nicht weiter darüber nachdenken, ich-" Er brach ab, weil seine Stimme brach und Harry sah ihn eindringlich an.
„Louis", begann er. „Das hier ist nicht die richtige Situation, dir geht es nicht gut, du solltest nicht...ich meine, du bist gerade nicht im Stande-"
„Bitte", wiederholte Louis mit Nachdruck und das legte irgendeinen Schalter in Harry um. Louis war am Ende. Er war so gebrochen, so kaputt, alle seine Hoffnungen waren wieder zerschmettert worden und wenn Harrys Lippen da irgendwie helfen konnten, dann, mein Gott, natürlich würde er sie Louis geben.
Er strich nochmal sanft mit seinen Daumen über Louis' Wangen.
Und dann beugte er sich herunter und küsste ihn.
Harry hätte ehrlich gesagt nicht so wirklich gedacht, dass es jemals dazu kommen würde. Klar, er hatte irgendwie Signale von Louis' gespürt, aber so ganz sicher war er sich nicht und außerdem hatte er gedacht, dass Louis vielleicht noch zu sehr an Zayn hing, auch wenn dessen Tod jetzt drei Jahre her war.
Aber dieser Kuss...mein Gott, dieser Kuss zeigte ihm ganz genau, dass Louis auch irgendetwas für ihn fühlen musste. Und nicht an Zayn dachte. Sondern nur an ihn.
Harry küsste Louis sanft, aber leidenschaftlich, zog ihn näher, spürte Louis' Hände auf seinem Rücken und in seinen Haaren.
Heilige Scheiße.
Harry war ihm so verfallen. Und er würde es irgendwie schaffen seinen Schmerz besser zu machen.
Egal wie.
_____
Er wachte in Louis' Bett auf. Nein, sie hatten nicht miteinander geschlafen — nicht, dass Harry was dagegen gehabt hätte, aber die Stimmung war falsch gewesen — aber sie hatten aufeinander geschlafen. Mal Louis' Kopf auf Harrys Brust, mal andersrum.
Und Harry musste ehrlich sagen...so gut hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr geschlafen. Nicht mal der Hahn konnte ihm die Erholung nehmen.
Er blickte nach links, in Louis' Gesicht, der gerade müde seine Augen öffnete.
„Hi", flüsterte er leise und lächelte.
„Hi", flüsterte Harry zurück.
Louis kam ein Stück näher und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. Sofort flatterten die Schmetterlinge in Harrys Bauch auf.
Das war jetzt also etwas was sie taten. Küsse gehörten jetzt also dazu.
Harry würde sich nicht beschweren.
„Was wollen wir heute machen?", fragte er.
Louis verzog nachdenklich den Mund. „Wir könnten in die Stadt fahren und uns einen Film ansehen oder so."
Harry strich über Louis' Wange (weil er einfach nicht anders konnte, Louis' Haut war zu weich um wahr zu sein). „Als Date?"
„Ich dachte eigentlich wir nehmen Fizzy und Liam mit."
Harrys Gesichtsausdruck fiel. „Oh."
Louis grinste. „Natürlich als Date, Harry."
„Oh", machte Harry nochmal, dieses Mal glücklicher und Louis küsste ihn. Und ja, damit konnte Harry gut leben.
Sie gingen also irgendwann erstmal in die Küche was frühstücken, wo sie von Fizzy und Phoebe (die Harry jetzt dank des Haarschnitts auch endlich erkennen konnte) etwas kritisch beäugt wurden, aber sie sagten nichts dazu.
Und danach nahmen sie ein Auto (das von Harry dieses Mal) und fuhren in die Stadt. Sie wollten mal gucken was gerade so im Kino lief und wenn es nichts gescheites war würden sie einfach Eis essen gehen. Und dann irgendwann noch einkaufen, damit Jay das nicht machen musste.
Harry genoss die Zeit mit Louis in vollen Zügen. Er fühlte sich einfach gut, Louis mochte ihn, er schenkte ihm Aufmerksamkeit und...nun ja, er konnte auch einfach wirklich gut küssen. Und weder Harry noch er hatten ein Problem mit PDA, deshalb taten sie das auch immer mal wieder während sie durch die Einkaufsstraßen der Stadt liefen.
Im Kino lief irgendwie nichts was sie sehen wollten, deshalb gingen sie nur ein Eis essen und danach in ein paar Schuhläden, weil Louis neue Sneakers brauchte und dann waren sie noch eben einkaufen, bevor sie sich auf den Weg zurück zum Hof machten.
Da kochten sie dann zusammen das Abendessen, aßen mit den Anderen und verbrachten den Rest des Abends dann bei Nordlicht in der Box.
So ungefähr verbrachten sie auch die nächsten Tage miteinander, manchmal war auch Fizzy als third wheel dabei (sie war aber sehr gut darin, dass sie das nicht störte) und Harry fühlte sich als würde er schweben.
Wirklich. Vom anfänglichen Sticheln war nichts mehr zu spüren (außer vielleicht ein bisschen teasing, aber so waren die beiden nun mal). Und Harry war so verliebt, er hielt es selber kaum aus. Aber Louis war nun mal so...ach...keine Ahnung, wundervoll einfach. Und obwohl er traurig war wegen der ganzen Nicht-Reiten-Können-Sache, durch Harry lächelte er schon viel mehr.
Und einen Tag später hatte Harry seinen Song fertig. Manche dauerten bei ihm Wochen, aber manche gingen auch schnell, sein Rekord war zwanzig Minuten. Und dieser...war ihm besonders wichtig.
Louis hatte keine Ahnung, was Harry wollte, aber er ließ sich einfach an seiner Hand hinter ihm her ziehen. In der anderen hatte Harry seine Gitarre.
Sie kletterten in der Scheune an den Strohballen hoch und als sie oben saßen, lächelte Harry Louis unsicher an. Louis küsste ihn.
Kurz ließ Harry sich einfach das warme Gefühl in seinem Bauch genießen und küsste Louis leidenschaftlich zurück, bis er sich von ihm löste und ihm eine Strähne hinters Ohr schob.
„Ich äh...", sagte er dann und legte die Gitarre auf seinen Schoß. „Ich hab dir einen Song geschrieben."
Louis' Mund fiel überrascht auf. „Du...hast mir einen Song geschrieben?"
Harry nickte. „Ich bin schon seit dem Sturm eigentlich dabei, aber jetzt erst so richtig zufrieden."
„Seit dem...Sturm? Seit ich...dir von dem Unfall erzählt habe?"
Harry nickte wieder. „Willst du ihn hören?", fragte er dann wieder unsicher und sofort nickte Louis.
„Natürlich. Bitte."
Harry nickte, leckte sich über die Lippen und holte tief Luft. Louis rückte näher und küsste ihn noch mal. „Ich bin mir sicher er ist gut."
Harry lächelte ehrlich (er konnte gar nicht anders, wenn Louis ihn so ansah) und nickte dann nochmal bevor er den ersten Akkord griff.
„Take all of your heartache", sang Harry leise. „And all of your pain. Take all of your worries and every mistake and put them on my shoulders. I can carry the weight."
Louis sah ihn nur ernst an und Harry sang einfach weiter.
„I wanna be where you are. Ooh, I wanna be where you are."
Harry hatte seine Augen inzwischen geschlossen und sah dementsprechend nicht was Louis tat. Aber er spürte irgendwann dessen Finger an seinem Knie.
„When you're feeling tired, when you're feeling low. When the sun just ain't shining and the gloom's all you know. Well, I'll be your spotlight, I'll be your fire."
Louis Finger rutschten ein Stück höher auf Harrys Bein und Harry musste lächeln, während er den Refrain sang. Dann kam er zu der seiner Meinung nach wichtigsten Stelle und öffnete seine Augen, um Louis direkt anzusehen.
„Tell me your secrets. Tell me your fears. Show me the places you've kept safe for years. Cause I wanna see you, know all there is. If the problem is trouble, then trouble I can fix."
Harry sah Tränen in Louis' Augen und musste wieder wegsehen, um den letzten Refrain singen zu können. Als der letzte Ton der Gitarre ausklang, konnte er sie gar nicht so schnell weglegen, wie Louis ihm um den Hals gefallen war.
Harry lachte leise und Louis kletterte auf seinen Schoß und küsste ihn.
„Du bist unglaublich", flüsterte er. „Du bist der unglaublichste Mensch, dem ich je begegnet bin."
„Na ja", flüsterte Harry. „Zumindest bin ich unglaublich verliebt in dich."
Louis lächelte nur. Und küsste Harry.
Und küsste Harry.
Und küsste Harry.
_____
Heute war der Wind wieder viel viel stärker. Aber es regnete nicht und Harry wollte gerne ein bisschen im Wald spazieren gehen.
Aber weil Louis extrem müde war, ging er nur mit Fizzy.
Alleine wäre ein Todesurteil, sein Orientierungssinn war nämlich ungefähr so gut, wie seine Koordination im Schulsport. Also sehr schlecht.
Fizzy machte leise Musik aus ihrem Handy an und sie machten sich auf den Weg. Die Sonne, die sogar ein klein bisschen geschienen hatte ging gerade hinter Wolken unter und das Licht war super schön. Sie wollten auch ein paar Fotos machen, Fizzy hatte sich Jays Kamera ausgeliehen.
Harry hatte Fizzy gestern seinen Youtube-Kanal gezeigt (erzählt hatte er ihr schon früher davon, aber gestern hatte er den neuen Song aufgenommen und hochgeladen und dann entschieden ihr alles zu zeigen) und sie war so begeistert, dass sie jetzt die ganze Zeit versuchte ihn dazu zu überreden, das alles auf Spotify zu packen. Harry wusste aber nichtmal wie das ging.
Nach fünf Minuten fiel Fizzy auf, dass sie die Kamera vergessen hatte. Also meinte sie, dass sie ganz kurz zurücklaufen würde, um sie zu holen, Harry sollte einfach hier warten.
Harry war nicht besonders begeistert von der Idee, aber Fizzy versicherte ihm, dass sie in zehn Minuten wieder da war.
Also willigte Harry ein und Fizzy lief den Weg zurück, den sie gekommen waren. Harry sah sich etwas unentschlossen um. Jetzt stand er hier wie bestellt und nicht abgeholt im Wald.
Er überlegte Fizzy anzurufen und sie zu fragen ob sie noch eine Jacke mitbringen könnte, weil es langsam irgendwie kalt wurde, aber er hatte kein Netz. Und zusätzlich nicht mehr viel Akku. Also seufzte er einfach und ließ sich neben einem Baum nieder.
Das war allerdings keine besonders gute Idee gewesen, der Boden war nämlich von dem vielen Regen feucht. Und...um ehrlich zu sein war Harry sich jetzt nicht mehr so richtig sicher aus welcher Richtung sie gekommen waren. Oder halt wo Fizzy wieder hin verschwunden war.
So ein Mist, wieso war seine Orientierung auch so kacke?
Aber er zwang sich ruhig zu bleiben, denn Fizzy würde ja bald wiederkommen.
Nur...sie kam nicht. Nach zehn Minuten war sie nicht wieder da und nach fünfzehn auch nicht.
Nach zwanzig Minuten kam es ihm wirklich komisch vor und ein merkwürdiges Gefühl machte sich ihn ihm breit. War Fizzy was passiert? Sie würde ihn ja nicht einfach im Wald zurücklassen, vor allem, weil er sich nicht auskannte.
Aber erreichen konnte er niemanden, weil hier im Wald wirklich null Empfang war. Er würde einfach zurückgehen, aber er wusste ja nicht mal in welche Richtung.
Wieder fünf Minuten später kam es ihm aber langsam zu dämlich vor. Mein Gott, er war doch nur fünf Minuten vom Hof entfernt und anscheinend war irgendwas passiert, dass Fizzy nicht zurückkam.
Als es kurz darauf auch noch anfing zu regnen hatte Harry genug. Er würde jetzt in eine Richtung gehen, es war eine 50/50 Chance. Und wenn er nach ein paar Minuten nicht aus dem Wald kam war es halt due falsche gewesen. Dann würde er umdrehen.
Aber er würde definitiv nicht hier stehen und frieren und im Regen warten, dass ihn irgendwer abholte.
Glücklicherweise schritten die Bäume eine Menge Regen ab, aber leider blieb es nicht bei dem bisschen Nieseln.
Harry setzte seine Kapuze auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und machte sich dann auf in eine Richtung.
Leider war es ziemlich sicher die falsche, denn auch nach ein paar Minuten lichtete sich gar nichts. Es war genauso Wald wie dort wo er gewesen war und es half wirklich nicht, dass die Sonne mittlerweile entweder untergegangen oder wirklich so hinter den Wolken verschwunden war, dass es ziemlich düster wurde.
Harry begann wirklich zu frieren und außerdem war er sich gar nicht mehr sicher, ob das hier überhaupt der gleiche Weg war oder ob er irgendeine Abzweigung genommen hatte, das war hier nämlich wirklich ein kleinerer Weg.
Er sollte umdrehen, aber das würde vielleicht nur dazu führen, dass er sich noch weiter verirrte. Das war er nämlich mit absoluterer Wahrscheinlichkeit.
Er hatte absolut keine Ahnung wo er war und inzwischen regnete es wirklich heftig.
Harry wollte sein Handy aus der Tasche ziehen, weil ihm eingefallen war, dass es ja sowas wie GPS gab, aber es rutschte ihm erst aus der Hand und dann stellte er auch noch fest, dass er noch genau zwei Prozent Akku hatte. Und GPS zog leider ziemlich, deshalb wollte er sich die lieber aufsparen falls ihn doch jemand irgendwie erreichen konnte. Irgendwo hier musste doch Netz sein!
Harry wischte sich die nassen Locken aus der Stirn und seufzte. Sowas passierte auch echt nur ihm. Er war so ein Idiot.
Wenn er zumindest da gewartet hätte wo Fizzy ihn verlassen hatte. Aber jetzt irrte er schon seit — kurzer Blick aufs Handy — über dreißig Minuten im Wad herum und hatte nicht die geringste Ahnung wie er zurück zum Hof kommen sollte.
Und der Regen nahm mit jeder Minute zu. Genau wie der Wind.
Und dann hörte er es zum ersten Mal donnern und seufzte tief auf.
So eine Scheiße. Jetzt wurde es langsam auch noch gefährlich, na schöner Mist.
Er holte tief Luft, drehte sich einmal im Kreis und versuchte irgendwas zu finden, was ihm bekannt vorkam. Aber es war inzwischen echt dunkel und der Regen in seinem Gesicht machte es jetzt auch nicht wirklich einfacher.
Außerdem war ihm kalt. Wirklich wirklich kalt. Seine Schuhe waren inzwischen durchnässt und seine Sweatshirtjacke war zwar ziemlich winddicht aber leider nicht mal wasserabweisend. Überall fielen Zweige und kleine Äste auf den Boden und Harrys Zähne begannen zu klappern.
Er zitterte am ganzen Körper. Was sollte er denn auch machen? Es gab nichts was jetzt schlau wäre. Sich noch weiter zu verirren wäre dumm, sich an einen Baum zu setzen, in den ein Blitz einschlagen könnte auch.
Da rutschte er auch noch auf nassen Laub aus und knickte um. „Fuck", fluchte er leise und hüpfte kurz auf einem Bein herum, bis er sich einfach auf den Boden fallen ließ und seinen Knöchel rieb.
„Scheiße", hauchte er und ein kleines Schluchzen drang aus seiner Kehle. Er war völlig fertig mit den Nerven. Er war allein, nass, ihm war kalt, sein Fuß schmerzte des Todes und er hatte keine Ahnung wo er war.
Er rutschte ein bisschen über den Boden zu einem hohen Stein, an den er sich anlehnen konnte und holte tief Luft. Dann wischte er sich durchs Gesicht und wusste nicht ob es durch Tränen oder Regentropfen so nass war.
War ja eigentlich auch egal.
Er hoffte nur irgendwer würde kommen. Bitte. Irgendjemand.
Wenn er noch länger alleine in diesem Wald sitzen musste, mitten in einem Gewitter, dann würde er vermutlich erfrieren.
Eine Unterkühlung legte er sich gerade auf jeden Fall zu, da war er sich sicher. Oder zumindest eine Blasenentzündung. Fuck, war es kalt.
Konnte ihn nicht irgendwer retten? Bitte?
Ungefähr fünf Minuten später hatte er anscheinend schon wichtige Gehirnfunktionen verloren, denn er bildete sich ein wie jemand seinen Namen rief.
Nein, Sekunde. Harry setzte sich auf. Sein Gehirn war noch völlig intakt, das war keine Einbildung. Jemand rief nach ihm.
„Hallo?", rief er zurück. „Ich bin hier."
„Harry?", kam es zurück, diesmal noch näher und es klang...nach Louis.
„Louis?"
„Harry? Bist du hier irgendwo?"
Harry spürte Erleichterung seinen Rücken runterlaufen.
„Ja! Hier. Hier, Louis, bei...den Bäumen." Ihm war klar, dass das die dümmste Erklärung des Jahrhunderts war, aber er konnte gerade nicht klar denken. Und nur ein paar Sekunden später schoss Louis zwischen einigen Bäumen hervor.
Beziehungsweise nein.
Nicht nur Louis.
Es waren Louis und Nordlicht.
Louis...auf Nordlichts Rücken. Mit einer Hand an den Zügeln und einer Taschenlampe in der anderen.
Er hielt das Pferd an und rutschte sofort runter, um zu Harry zu rennen und sich bei ihm auf die Knie fallen lassen. Aber Harry starrte immer noch das Pferd an.
Louis war ohne Sattel geritten und...sogar ohne Trense, wenn Harry das richtig erkannte, Nordlicht trug nur in Halfter an das Zügel befestigt worden waren.
Aber vor allem war Louis geritten.
Das versetzte Harry fast mehr in Schock als seine ganze Situation.
„Harry, mein Gott, es tut mir so unfassbar Leid", begann Louis schnell zu reden und griff nach Harrys eiskalten Händen. „Fizzy ist schnell durch den Stall gerannt und in dem Moment hat Liam die Tür von der Sattelkammer aufgestoßen und ihr voll gegen den Kopf gedonnert und sie war bewusstlos und Mum wollte sie sofort ins Krankenhaus fahren, aber sie hat nur von dir geredet und dann haben wir verstanden, dass du noch im Wald warst, aber wir wussten nicht wo und Fizzy musste kotzen und dann bin ich so schnell wie möglich los, aber du warst nicht mehr da wo sie meinte und es hat auch noch gewittert und-"
„Louis, Louis, Louis", unterbrach Harry ihn und hielt ihn an den Schultern fest. „Hol mal bitte Luft."
Louis nickte und atmete tief ein und musterte Harry ganz genau. „Bist du okay?", fragte er dann leise und Harry nickte.
„Ja", flüsterte er. „Du bist ja jetzt hier. Mein Fuß tut ein bisschen weh, aber ich bin okay."
„Es tut mir so Leid, Harry", flüsterte Louis leise und nahm Harrys Gesicht in seine Hände. Er scannte jeden Zentimeter, als würde er nach irgendwelchen Kratzern suchen und Harry lächelte leicht.
„Du kennst dich hier nicht aus und wir haben dich einfach alleine-"
„Louis", meinte Harry nochmal sanft, um ihm das Wort abzuschneiden und ihn zu beruhigen, weil er fast das Gefühl hatte, wenn Louis so weitermachte kriegte er noch eine Panikattacke.
„Du...du bist her geritten", sagte er und Louis nickte. Dann warf er einen Blick zu Nordlicht, der trotz des Gewitters ganz ruhig zwei Meter neben ihnen stand und sie ansah. Louis nickte weiter, sah zurück zu Harry und sah fast aus als würde ihm das jetzt erst auch so richtig auffallen.
„Ja, ich...ich weiß", sagte er dann. „Es war die einzige Möglichkeit schnell den Wald abzusuchen."
„Louis, du bist geritten", wiederholte Harry und Louis nickte.
„Ich weiß", sagte er und ließ ein kleines Lächeln zu. Ihm stiegen Tränen in die Augen. „Ich weiß, Harry. Und ich hatte so Angst. Aber nicht vorm Reiten, ich konnte gar nicht an meine Panik denken. Das Einzige an das ich denken konnte warst du."
Harry legte seine Hände auch an Louis' Wangen, zog ihn noch näher und lächelte leicht. Seine Augen flogen über sein ganzes Gesicht, seine Finger spielten mit seinen nassen Haarspitzen.
„Du bist unglaublich", flüsterte er leise. „Du bist der unglaublichste Mensch, dem ich je begegnet bin."
Louis lächelte, mit Tränen in den Augen und fuhr mit seinem linken Daumen über Harrys Unterlippe. „Na ja", lachte er. „Zumindest bin ich unglaublich verliebt in dich."
Harry stieß laut Luft aus seinen Lungen und dann lachte er auch leise und glücklich und küsste Louis so stürmisch wie der Wind, der ihnen um den Kopf flog.
„Wir sollten uns vielleicht in Sicherheit bringen", flüsterte er und Louis nickte.
„Ja. Ja, wir müssen so schnell wie möglich hier weg." Aber trotzdem senkte er den Kopf noch einmal kurz und küsste Harry.
Dann stand er auf und half ihm auf die Beine.
Harry bekam kaum mit wie Louis ihm half auf Nordlicht aufzusteigen und dann plötzlich hinter ihm saß. Louis fasste um ihn und nahm die Zügel in die Hand und abgesehen davon, dass Harry jetzt eh keine Angst mehr vorm Reiten hatte, fühlte er sich auf diese Art, Louis hinter ihm, viel sicherer, als als er hinter Fizzy gesessen hatte.
„Bereit?", fragte Louis mit seinem Kinn auf Harrys Schulter und seinen Lippen an Harrys Ohr.
Harry nickte. „Ja."
Und dann flogen sie.
_____
„Ich will nicht, dass du gehst."
„Louis, ich hab nächste Woche wieder Schule."
„Ich werd dich aber vermissen."
„Ich komm dich besuchen. So oft es geht."
„Das ist nicht genug."
Harry seufzte und zog Louis wieder in seine Arme. Sie hatten sie letzte Woche, die Harry hier war quasi zusammengewachsen verbracht. Jede Minute, die Louis nicht reiten war hatte er eigentlich in Harrys Armen verbracht.
Und Harry würde sich nicht beschweren. Er würde Louis so unfassbar vermissen. Und Fizzy auch. Die hatte übrigens eine Gehirnerschütterung, und die Zeit die Louis mit Reiten verbracht hatte hatte Harry damit verbracht mit in Fizzys Bett zu sitzen und sich mit ihr zu unterhalten oder Filme zu gucken (und ihr klarzumachen, dass sie sich keine Vorwürfe machen sollte, weil sie ja nichts dafür konnte). Harry hatte einen verstauchten Knöchel, aber sonst war er komplett gesund.
Und jetzt mussten er und Gemma fahren und er wollte nicht. Er würde auch die anderen Tomlinsons so sehr vermissen, er hatte sie alle so schnell in sein Herz geschlossen, es tat ihm weh, jetzt gehen zu müssen (das Einzige auf das er sich freute war Niall wiederzusehen. Die beiden hatten sich zwar ziemlich viele Sprachnachrichten hin und her geschickt, aber Niall würde trotzdem jedes noch so kleine Detail aus Harry heraus kitzeln).
Harry und Louis hatten sich dafür entscheiden eine Fernbeziehung auszuprobieren. Wenn es nicht klappte war das zwar so, aber sie würden sich immer nur fragen was wäre wenn, wenn sie es nicht wenigstens versuchen würden.
„Was, wenn ich einfach mitkomme?"
Harry grinste. „Louis", sagte er und nahm seine Hände. „Du hast gerade erst wieder gelernt zu reiten. Ich lasse dich jetzt hier nicht abhauen."
Louis seufzte. „Du hast Recht."
Harry legte ihm eine Hand in den Nacken und küsste ihn sanft und sehnsüchtig. Er hatte sich von allen Anderen schon mindestens drei mal verabschiedet, aber Louis und er konnten sich einfach nicht voneinander lösen. Sie standen schon neben der Beifahrertür von Harrys Auto (weil er mit einem verstauchten Knöchel schlecht fahren konnte, aber zum Glück hatte Gemma ja auch einen Führerschein), aber es ging einfach nicht.
Andererseits...er warf einen kurzen Blick zu Gemma und Lottie, die sich schon seit mindestens zehn Minuten umarmten. Er war nicht der Einzige, dem es so ging. Um ehrlich zu sein...jetzt wo er Gemma zum ersten Mal mit Lottie erlebt hatte...und so wie Gems immer von ihr sprach...er war sich nicht mehr so ganz sicher, dass die beiden wirklich nur Freundinnen waren. Aber was wusste er schon?
„Harry?" Sofort schoss Harrys Blick zurück zu Louis, der jetzt mit seinem Finger irgendwelche Muster auf Harrys Brust Malte und etwas unsicher aussah. „Glaubst du wir schaffen das?"
Harry nickte sofort und nahm Louis' Hand und drückte sie auf seine Brust. „Ja. Das glaube ich. Weil ich ganz genau weiß wie ich für dich fühle. Und wenn es dir genauso geht, dann hab ich keinen Zweifel."
Statt einer Antwort griff Louis nach seinem Kragen und küsste ihn wieder. Harry lächelte gegen seine Lippen und seufzte leise auf. „Das tue ich", flüsterte Louis dann und Harry zog ihn noch enger an sich.
„Fuck, ich will nicht gehen."
„Du hast Schule", sagte Louis grinsend und Harry seufzte.
„Ich werd dich aber vermissen", wiederholte er Louis' Worte und Louis lächelte.
„Ich dich auch. Aber wir schaffen das. Ich hab großes Vertrauen, dass wir eines Tages heiraten werden."
Harry lachte leise. Dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst und er musterte Louis sehnsüchtig.
„Ich auch", flüsterte er. Und dann küsste er ihn. Ein letztes Mal.
(Ein letztes Mal an diesem Tag.
Was die beiden damals nämlich noch nicht wussten war, dass sie es tatsächlich schaffen würden. Dass Harry nach der Schule Songwriter werden würde und einen Job in einem Studio in der Stadt finden würde, in der auch Mark wohnte und das nur eine Dreiviertelstunde weg war.
Dass Louis, Nordlicht und Carlotta, ein Pony, das nur drei Beine hatte, in ein kleines Häuschen mit Stall auf halber Strecke zwischen der Stadt und dem Tomlinson Hof ziehen würden.
Dass Harry irgendwann zu ihm ziehen würde.
Und dass Harry und Louis tatsächlich sehr viele Jahre später heiraten würden.
Das konnten sie alles nicht ahnen. Damals war das einfach nur ihr Abschiedskuss.
Aber ein Abschiedskuss hieß ja nicht Abschied für immer. Vor allem nicht bei Louis und Harry.)
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ich glaube ich muss mal mehr geschichten schreiben in denen harry die tragische backstory hat und nicht louis...oder es gibt einfach mal keine. aber irgendwie kann ich's einfach nicht lassen hahaha
außerdem: HARRY'S HOUSE, 20. MAI, ICH RASTE AUS.
im gleichen monat kommt auch noch dr strange 2, i think it's safe to say das wird der beste monat des jahres. ich komme nicht klar, dass die fine line era jetzt einfach fast vorbei ist (und ich immer noch nicht auf dem konzert war für das ich schon im november 2019 karten gekauft habe :'))
dafür hier ein neuer one shot (der mir mal wieder zu lang zum kontrolle lesen ist, also tippfehler bitte einfach ignorieren, danke)
ich hoffe ihr habt einen schönen tag, ich gehe jetzt erstmal arbeiten :)
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