mirrors | larry ⚠️
[triggerwarnung: self-harm, depressionen, suizidgedanken]
Er starrte in den Spiegel. Das was da zurückblickte sah schlimm aus. Eine Person konnte man es fast nicht nennen. Er sah eher aus wie jemand Totes. Oder der Tod höchstpersönlich.
Er hatte die Kapuze, die er eben noch tief ins Gesicht getragen hatte, abgezogen, sodass jetzt seine fettigen Haare im Licht der hellen Badezimmerlampe glänzten. Sein schwarzer Pulli war viel zu groß, an den Säumen ausgefranst und hatte mehrere Zigarettenbrände an den Ärmeln.
Seine Augen hatten ihren Glanz verloren, aber das war so lange her, dass er sich gar nicht mehr daran erinnerte sie jemals funkeln gesehen zu haben. Darunter zeichneten sich tiefe Ringe ab. Seine Wangen waren eingefallen, weil er kaum aß und seine Bartstoppeln wuchsen wo sie wollten.
Seine Lippen waren trocken und er machte den Wasserhahn an. Kurz starrte er den rauschenden Strahl an, dann hielt er seine Finger darunter, um etwas des Wassers auf seine Lippen zu tupfen.
Der Ärmel rutschte zu seinem Ellenbogen. Die Narben sah er gar nicht mehr. Sie waren wie ein Tattoo. Sie gehörten zu seiner Haut, es würde ihm vermutlich eher auffallen, wenn sie plötzlich weg wären.
Er seufzte. Auch seine Hände waren so gut wie ausgetrocknet, die Fingerknöchel blutig, weil die Haut überall rissig war. Aber er hatte keine Kraft dagegen etwas zu unternehmen.
Es dauerte eine Weile bis er das Wasser wieder ausstellte. Das war zwar nicht gut für die Umwelt, aber schneller handeln konnte er irgendwie nicht mehr. Er hatte das Gefühl die ganze Welt bewegte sich in Zeitraffer und er steckte in Slow Motion fest.
Kurz schloss er die Augen, um sich selbst nicht ansehen zu müssen. Er stützte sich mit den Händen auf dem Waschbeckenrand ab und bemerkte zum hundertsten Mal die feinen Risse in der Verdichtung. Er stützte sich zu oft darauf ab.
Es war ihm egal.
Alles war ihm egal.
Er musterte sich weiter. Er sah scheiße aus. Er sah so scheiße aus.
Kurz hatte er das Gefühl er müsste sich übergeben. Aber sein Magen war sowieso leer.
Am liebsten würde er weinen. Aber das ging nicht. Tränen hatte er schon lange keine mehr.
Er wurde so von seinen düsteren Gedanken verschlungen, dass er kaum merkte wie seine Haut auf die kalten Fliesen traf.
Und wie er einschlief, weil seine Insomnie für drei schlaflose Nächte nacheinander gesorgt hatte.
Aber er schlief so ein wie immer: Allein.
_____
Wochen später. Und er saß auf den kalten Fliesen seines Badezimmers, den Rücken an die Badewanne gelehnt. Er trug zwar weder Schuhe noch Socken, aber weil seine Gedanken kälter waren als der Boden konnte er die Kälte nicht mal spüren.
Diese Woche war besonders schlimm.
Er wusste nicht mal warum.
Wenn man ihn von außen betrachtete wirkte er vermutlich glücklich. Er lächelte viel, er lachte, er arbeitete, er machte Scherze mit seinen Kollegen, aber niemandem viel auf, dass das Lächeln nicht seine Augen erreichte.
Wenn er zu Hause ankam und die Tür schloss, fiel dieses Gesicht von ihm ab wie eine Maske.
Er wünschte jemand würde sehen wie es ihm ging. Er wünschte jemand würde es bemerken. Er wünschte jemand würde ihn sehen.
Er wollte wieder so fühlen wie früher. Er wollte nicht jede Sekunde leiden. Er wollte sich daran erinnern, wie es sich anfühlte glücklich zu sein.
Und er wollte jemanden, der ihn liebte. Ihn so sehr liebte, dass er ihm zeigte, dass er am Leben war. Denn das hier, das fühlte sich nicht nach Leben an. Das war wie der Tod. Nur schlimmer.
Und deshalb hoffte er andererseits niemand würde es bemerken. Und er würde in seinem Elend versinken. Dann wäre es zumindest bald vorbei. Dann wäre es vorbei und er wäre frei und könnte endlich einfach schlafen. Für immer.
Denn er war es so satt nur etwas spüren zu können wenn er eine blutige Klinge durch seine Haut zog. Da wo er früher seinen Herzschlag gefühlt hatte war jetzt nur ein schwarzes Loch, das nach und nach alles was noch da war einsog und ihn aushöhlte. Es war nicht mehr viel da.
Wenn sich nicht etwas veränderte wäre er bald weg.
Blut tropfte auf das Weiß der Fliesen.
_____
Er hätte lieber Regen gehabt. Am besten ein Gewitter. Vielleicht würde ihn ja sogar ein Blitz treffen. Aber ausgerechnet heute musste die Sonne scheinen.
So einen großen Unterschied machte es aber eigentlich auch nicht. Für ihn war der Himmel grau. Er war immer grau. Manchmal kam es ihm vor als ob er in einem Schwarz Weiß Film leben würde. Denn Farben, sowas nahmen seine Augen schon seit einer Ewigkeit nicht mehr wahr.
Er hatte den Schlüssel zum Dach fest in seiner Tasche umklammert, als er das leuchtende Schild des Pret-a-manger sah.
Und er wusste nicht ob es die flackernde Leuchtanzeige oder etwas anderes war, aber wenig später drückte er die alte Tür auf und wurde von dem hellen Bimmeln einer Glocke begrüßt.
In dem kleinen Schnellrestaurant saß nur noch ein anderer Gast, der anscheinend ein Date mit einer Gitarre hatte. Zumindest sah es so aus, denn er aß sein Sandwich gegenüber von einem Gitarrenkoffer, der mit Stickern übersäht war.
Dass ihm der Mensch überhaupt auffiel war schon ein Wunder. Er achtete normalerweise kaum auf die Außenwelt, er war zu sehr auf seine dunklen Gedanken fokussiert.
Er steuerte einen Tisch an und setzte sich.
Das war das letzte was er zu sich nehmen würde. War er deshalb hier? Als Abschied? Aber wieso sollte er dafür in ein Schnellrestaurant kommen, in dem er vorher noch nie gewesen war?
Außerdem bestellte er nur einen Kaffee.
Natürlich hatte er Zweifel. Und Angst. Vielleicht saß er auch deshalb jetzt hier, und ging nicht schon die Stufen des alten Gebäudes hoch, in dem er arbeitete. Vielleicht hatte er zu viel Angst.
Aber er konnte nicht mehr. Er war bereit es zu beenden. Auf seinem linken Arm war kaum noch Platz und er hatte beim letzten Mal schon so übertrieben, dass es fast sein Ende gewesen war.
Er war allein. Er war verzweifelt. Er konnte weder schlafen, noch weinen, noch wirklich essen, er fühlte nichts, er sah nichts mehr so richtig, wieso gab es ihn überhaupt noch?
Niemand interessierte sich für ihn, er war hässlich, sein jämmerliches Spiegelbild war die einzige Person, die ihn wirklich ansah und er konnte nicht mehr. Er konnte einfach nicht mehr. Er war am Ende.
Und deshalb war das jetzt sein Ende.
Der Kellner brachte ihm den Kaffee.
Er bedankte sich und riss ein Päckchen Zucker auf. Alles in seinem Leben war bitter, da konnte wenigstens der letzte Kaffee, den er jemals trinken würde süß sein.
Er schüttete den Zucker in die Tasse, da bemerkte er, dass der Kellner sich umdrehte und zu ihm zurückkam.
Mit einem ernsten Gesicht sah der Kellner ihn an und lächelte dann vorsichtig. „Du bist wunderschön", sagte er dann. „Ich hoffe, das hat dir schonmal jemand gesagt."
Und diese Worte lösten zum ersten Mal seit Wochen etwas in ihm aus. Er fühlte etwas. Für eine Sekunde dachte er sogar sein Herz wieder schlagen spüren zu können.
Wunderschön? Er fand ihn wunderschön?
Jetzt sah er den Kellner richtig an. Grüner Pulli, Undercut und die strahlendsten blauen Augen, die er je gesehen hatte. Und ein unglaubliches Lächeln, das ihm den Boden unter den Füßen wegriss.
Als er nicht antwortete zog der Kellner noch einmal lächelnd die Augenbrauen hoch und ging wieder.
Und er konnte nicht anders als ihm nachzustarren und langsam anzufangen zu lächeln. Ein richtiges echtes Lächeln.
Und für einen kurzen Moment war das ganze Gewicht, das auf ihm lag genommen. Er atmete drei mal tief durch und er fühlte seinen Körper. Er konnte wieder etwas fühlen. Etwas, das keine Schmerzen waren.
Das überwältigte ihn.
Und als er das Restaurant wieder verließ, ging er nicht aufs Dach. Er ging nach Hause. Und der Himmel sah zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wirklich wieder blau aus.
So blau wie die Augen des Kellners, der gesagt hatte, dass er ihn wunderschön fand. Der ihm für drei Atemzüge wieder Luft gegeben hatte.
Ob Louis wusste, dass er gerade Harrys Leben gerettet hatte? Vermutlich nicht.
_____
Als Harry das nächste Mal das Restaurant betrat hatte er zum ersten Mal in einer gefühlten Ewigkeit geduscht. Weil er sich nunmal nicht mal pflegte wenn er frei hatte. Wofür auch?
Aber heute hatte er es geschafft. Er hatte es geschafft sich unter die Dusche zu stellen und sogar sich die hässlichen Bartstoppeln wegzurasieren. Harry hatte nämlich nicht viel Bartwuchs und das bisschen, das er wachsen lassen konnte sah an ihm nicht wirklich gut aus.
Er fühlte sich zum ersten Mal seit einer Ewigkeit einigermaßen ansehnlich.
Die kleine Glocke bimmelte wieder und Harry sah sich in dem kleinen Laden um. Wirklich schön war das Restaurant jetzt nicht. Eher ein bisschen ranzig und mit Tapete aus den 80ern. Aber es passte irgendwie.
Heute saß ein Pärchen an einem der anderen Tische. Und bei denen sah es eher so aus als wären sie sich vor dem Regen hier reingeflüchtet. Sonst war niemand hier.
Harry schüttelte seinen Regenschirm aus. Er wünschte sich gerade nichts sehnlicher, als dass der Kellner wieder da war.
Und er hatte Glück.
Als er sich hingesetzt hatte, stand kurz darauf wieder Louis vor ihm. Harry wusste natürlich nicht, dass er Louis hieß. Noch nicht.
„Oh hey", begrüßte ihn der Engel mit den blauen Augen (er hatte Harry vom Selbstmord abgehalten. Was sollte er sein, wenn kein Engel?) und lächelte. „Da bist du ja wieder."
Harry musste sich kurz beherrschen nicht zu sagen „Dank dir" und lächelte einfach zurück. Und es war ein ehrliches Lächeln, was ihn selbst überraschte. „Ja. Hallo."
„Was darf's denn sein?", fragte der Kellner und Harry biss sich auf die Unterlippe. Essen würde er nicht können. Er schaffte es nur jeden Tag eine Scheibe Brot runterzuquälen und selbst die kotzte er manchmal aus.
„Ähm. Ein Wasser, bitte", bestellte er also und der Kellner zog spielerisch eine Augenbraue hoch.
„Nur ein Wasser? Ich meine, kommt sofort, aber sicher, dass du nichts essen willst? Oder zumindest irgendwas mit Kalorien?" Der Kellner musterte Harry prüfend. Harry presste nur die Lippen aufeinander und der Kellner nickte.
„Okay. Ein Wasser."
Und damit verschwand er. Harry seufzte. Dem Kellner war aufgefallen, dass Harry so dünn war. Und dann runzelte Harry die Stirn. Ihm war aufgefallen, dass Harry so dünn war. Er...er sah ihn. Er sah ihn wirklich.
Und wieder...Harry konnte für ein paar Sekunden besser atmen.
Kurz darauf erschien der Kellner mit den blauen Augen wieder. Er stellte ein Glas Wasser vor Harry, genauso wie ein Croissant auf einem Teller und eine Serviette.
Harry wollte sich beschweren, sagen, dass er das nicht bestellt hatte, aber der Kellner schnitt ihm nur mit „Geht aufs Haus!" das Wort ab und ging wieder.
Harry konnte nur auf das Croissant starren. Dann fiel ihm etwas auf und er zog die Serviette unter dem Gebäck hervor.
Bitte, bitte iss das, stand in einer krakeligen Stift auf dem dunkelgrünen Papier. Und ein Smiley. Verwundert sah Harry zur Theke, aber der Kellner war nicht zu sehen.
Und dann tat er etwas, was er nicht gedacht hätte.
Er aß das Croissant. Und es schmeckte ihm sogar. Es funktionierte. Er hatte Appetit. Am liebsten hätte er angefangen zu weinen.
Er sah einen Kuli auf dem Tisch liegen, den wohl irgendwer hier vergessen hatte und biss sich auf die Unterlippe. Und dann griff er danach und schrieb mit zittrigen Fingern Du hast mir letztens das Leben gerettet auf die andere Seite der Serviette. Er wollte irgendwie, dass der Kellner das wusste.
Als genau dieser wiederkam und mit einem breiten Lächeln den leeren Teller abräumte, lächelte Harry zurück.
„Ich bin Harry", platzte es dann aus ihm raus. Seine Stimme war kratzig.
Der Kellner lächelte. „Ich bin Louis. Freut mich dich kennenzulernen."
Louis. Das klang gut. Es passte zu ihm.
„Freut mich auch." Harry konnte ihn nur anstarren. Louis war wunderschön. Und er sah Harry. Und in Harry wuchs Hoffnung. Nicht viel.
Aber ein kleines Stück.
Louis verschwand wieder Richtung Küche und Harry biss sich wieder auf die Unterlippe. Jetzt schmeckte er Blut. Seine Lippen waren immer noch viel zu trocken.
Harry setzte seine Kapuze wieder auf, griff nach dem Regenschirm und rutschte dann über die Bank, um aufzustehen.
Er legte das Geld auf den Tisch und seufzte. Louis hatte seine Nachricht vermutlich nicht mal gesehen.
Doch gerade als er die Tür öffnen wollte hielt ihn eine Stimme zurück.
„Warte, Harry!" Louis kam schnellen Schrittes auf ihn zu und drückte Harry nur schnell die Serviette in die Hand. Dann lächelte er nochmal und drehte sich zu dem Pärchen um, die bezahlen wollten.
Harry sah auf das grüne Stück in seinen Händen. Da stand eine Telefonnummer. „Wenn du reden willst", las Harry dann leise und wieder fühlte er etwas.
Es fühlte sich so gut an etwas zu fühlen.
_____
Um drei Uhr nachts rief Harry Louis an. Er hatte mit sich gehadert und sich selbst dafür geschlagen, aber im Endeffekt ging es ihm so schlecht, dass er es lieber mal bei Louis versuchte. Die Insomnie ließ ihn nicht schlafen und Harry war so müde, dass er fast das Gefühl hatte er würde platzen.
Aber er hatte Angst, dass er, wenn er den Schlüssel von seiner Nachbarin holte und den Schrank mit den Schlafmitteln aufschließen würde...zu viel nehmen würde. Deshalb rief er lieber Louis an.
Sie kannten sich nicht. Gar nicht. Aber Louis hatte gesagt, dass er Harry wunderschön fand und er hatte ihn dazu gekriegt ein Croissant zu essen.
Und Louis ging ran.
„Hallo?" Er klang nicht mal verschlafen.
„Ääh hi, hier ist..." Seine Stimme versagte.
„Harry?"
„Ja!" Harry atmete erleichtert durch.
„Was ist los?"
Kurz rang Harry mit sich. Er könnte immer noch sagen, dass er ihn aus Versehen angerufen hatte.
„Ich kann nicht schlafen", sagte er dann. Er hörte Louis nur atmen.
„Wo bist du?", fragte er dann.
Harry runzelte die Stirn. „In meinem Schlafzimmer."
„Gut", sagte Louis. „Gut, das...das ist gut." Er seufzte. „Hör mal Harry, du solltest jetzt nicht alleine sein." Was Louis eigentlich meinte war Du solltest nie alleine sein. Vor allem nicht mit diesen Depressionen. Aber das sagte er nicht.
Harry sagte nichts.
„Wo wohnst du?"
„Was?"
„Wo wohnst du?", fragte Louis nochmal und Harry biss sich auf die Unterlippe. Louis war ein Fremder. Eigentlich sollte man einem Fremden nicht einfach seine Adresse geben. Eigentlich sollte man Fremden nicht so vertrauen wie Harry das tat. Aber eigentlich telefonierte man mit einem Fremden auch nicht nachts um drei.
Also vertraute Harry einfach auf sein Bauchgefühl. Und er hatte eh nichts zu verlieren. Er hatte ja nichts an dem er hing. Nicht mal sein Leben.
„Homestreet 7", flüsterte er also ins Telefon und schluckte.
„Okay. Wo muss ich klingeln?"
„Styles."
„Bis gleich."
Und als er das Tuten hörte, weil Louis aufgelegt hatte verstand Harry, dass Louis jetzt bei ihm vorbeikommen würde. Nachts um drei. Um Harry, den er nicht kannte, zu helfen.
Er musste wirklich ein Engel sein.
Tatsächlich nur zwanzig Minuten später klingelte es an Harrys Tür. Er saß davor auf dem Boden, an die Wand gelehnt und erschrak sich. Dann stand er auf und öffnete die Tür.
Er hörte Louis die Stufen hochkommen. Und zwar ziemlich schnell. Dann entdeckte er seinen Haarschopf und kurz darauf stand Louis vor ihm und lächelte vorsichtig. Er war nicht mal außer Atem.
„Hey", begrüßte er Harry. Dieser sah ihn an als könnte er nicht glauben, dass Louis wirklich hier stand.
„Wie...ich kratz jedes Mal fast ab, wenn ich die Treppen hochlaufe." Er sah Louis mit Bewunderung an. Der winkte nur lachend ab. „Fußballer."
„Ah." Harrys Stimme war irgendwie immer kratzig, wenn er sprach. Vermutlich weil er sie so wenig benutzte.
„Also...kann ich reinkommen?"
Harry nickte und trat zur Seite. Als Louis an ihm vorbei in die Wohnung kam roch er sein Shampoo. Es roch gut.
„So. Und du kannst nicht schlafen?"
Harry schüttelte den Kopf und schloss die Tür.
Louis lächelte. „Dann lass uns was kochen."
Harry runzelte die Stirn. „Was?"
„Ich weiß, dass du vermutlich wirklich müde bist, aber es ist besser jetzt was zu machen als nur alleine mit deinen Gedanken im Bett zu liegen. Also lass uns was kochen."
„Ich...ich hab aber keinen Hunger", meinte Harry.
Louis zuckte mit den Schultern. „Aber ich", erwiderte er.
„Ich hab auch kaum...kaum was da. Also zum Kochen."
Louis zuckte wieder mit den Schultern. „Dann improvisieren wir halt."
Harry sah ihn nur an.
„Na, komm schon!" Er griff sanft nach Harrys Handgelenk, als hätte er Angst er könnte Harry verbrennen und zog ihn in den Raum, von dem er dachte es wäre die Küche. Er lag richtig.
Harry hatte das Gefühl sein Handgelenk brannte wirklich. Himmel, wie lange war es her, dass ihn jemand berührt hatte?
Er setzte sich auf seinen Stuhl und sah Louis einfach zu.
Louis benahm sich einfach so als wäre zu Hause. Er öffnete den Kühlschrank, holte ein paar Dinge heraus und guckte dann in Schränken nach Töpfen oder Pfannen.
Harry gefiel das.
Louis summte irgendeine Melodie während er die wenigen Lebensmittel, die er im Kühlschrank gefunden hatte nebeneinander aufreihte und musterte. Harry hatte wirklich nicht viel. Aber wie es schien hatte Louis sich in den Kopf gesetzt da jetzt irgendwas raus zu machen.
„Ich warne dich aber vor: Ich kann nicht wirklich gut kochen", meinte Louis und Harry runzelte nur die Stirn. Wieso wollte er dann was kochen?
Er erwiderte aber nichts, sondern musterte seine blutigen Fingerknöchel und zog den Ärmel des linken Arms noch weiter über seine Hand.
So viel Leben wie in diesen Stunden war schon lange nicht mehr in Harrys Wohnung gewesen. Louis kochte und sang ein bisschen dabei, zwischendurch bombardierte er Harry mit Fragen, vermutlich um ihn ein bisschen kennenzulernen. Aber zu Harrys Überraschung waren es einfache Fragen. Louis fragte wie alt er war, ob er schon lange in dieser Stadt lebte und nach Harrys Lieblingsmusik (und auch nach seinem Lieblingsdinosaurier. Bei der Frage musste Harry ein ganz klein wenig lachen. Und das war das schönste Gefühl seit langem). Er verlor kein Sterbenswörtchen über die ganze Du-hast-mir-das-Leben-gerettet-Sache.
Und das tat Harry gut.
Er lernte auch ein paar Dinge über Louis. Wenn Harry nur einsilbig antwortete füllte Louis die Stille nämlich einfach mit kleinen Monologen über seine Lieblingsmusik, darüber wie alt er war, seit wann er hier lebte und warum der Pterodactylus der beste Dinosaurier aller Zeiten war.
Und Harry fand es toll. Louis war toll. Louis machte es irgendwie für manche Momente so...unbeschwert. Das kannte er gar nicht mehr. Es war irgendwie viel leichter als alles andere was er tat, jetzt hier, nachts mit Louis in der Küche zu sein.
Louis, der jetzt kein Fremder mehr war (denn würde ein Fremder wissen, was dein Lieblingsdinosaurier war?).
Er stellte die Pfanne auf ein Brett auf den Tisch und Harry warf einen interessierten Blick durch den Glasdeckel. Was auch immer Louis da fabriziert hatte sah nicht gerade ansprechend aus. Es war irgendwas, was Harry nicht identifizieren konnte mit Frischkäse und zwei klein geschnittenen Möhren angebraten. Dazwischen entdeckte Harry auch noch ungefähr fünf Nudeln und Brot. Und oben auf dem Ganzen lag ein Spiegelei.
„Ach komm schon, ich hab mir Mühe gegeben."
Harry grinste zu Louis hoch. Ja, wirklich. Er grinste. Er hatte nicht mal gewusst, dass er das noch konnte. Louis suchte noch schnell zwei Teller und Besteck und setzte sich dann zu Harry an den Tisch. Weil Harry nur einen Stuhl hatte zog er den Tritthocker heran und setzte sich darauf.
Und Harry wollte Louis irgendwie nicht enttäuschen. Also aß er etwas von dem Zeug. Allerdings nur eine Gabel, denn auch Louis verzog das Gesicht. „Okay, das ist echt ungenießbar", meinte er. „Du musst mal einkaufen gehen."
Harry lächelte. „So schlimm ist es auch nicht."
Louis verzog das Gesicht. „Ist das dein Ernst? Du kannst ruhig ehrlich sein."
„Ich finds gar nicht so schlecht." Harry aß noch zwei Gabeln, aber dann legte auch er das Besteck zur Seite.
„Guck! Du findest es genauso schlimm!"
Es war zwar wirklich versalzen und nicht unbedingt lecker, aber Louis hatte es versucht. Und das hatte Harry ein so gutes Gefühl gegeben, dass er so viel hatte essen können.
„Es geht", meinte Harry nur und musste dann gähnen. Scheiße, er war so müde. Wieso konnte er auch nicht einfach normal schlafen, wie jeder andere Mensch. Gut, wie jeder andere Mensch außer Louis, wie es aussah, denn Louis war um 3 Uhr noch wach gewesen. Und inzwischen war es deutlich später.
„Glaubst du, du kannst jetzt schlafen?", fragte Louis und Harry rang mit sich. Vermutlich könnte er nicht schlafen. Am liebsten wollte er Louis fragen einfach hier zu bleiben, aber sie kannten sich kaum und er traute sich eh nicht.
„Willst du, dass ich bleibe?", fragte Louis dann, als hätte er Harrys Gedanken gelesen und Harry konnte nur nicken.
Die beiden ließen in der Küche einfach alles so stehen und gingen in Harrys Schlafzimmer. Harry hatte das Gefühl Louis wusste ganz genau, was er machen musste, sodass Harry sich gut fühlte. Und sicher. Außerdem vertraute er Louis sicher.
Sie mussten nicht mal darüber reden. Louis zog seine Schuhe und Jacke aus, Harry trug eh nur Boxershorts und ein T-Shirt und kurz darauf lagen sie beide in Harrys Bett und Louis zog Harry an seine Brust.
Harry war überwältigt von Gefühlen. Er wurde seit sehr langer Zeit nicht mehr so sanft von jemandem berührt und schon gar nicht im Arm gehalten.
Einige Augenblicke später brach die Mauer und Harry begann zu weinen. Seine Tränen waren schon seit Ewigkeiten versiegt und jetzt...jetzt waren sie wieder da.
Und Louis hielt ihn einfach nur. Strich ihm über den Rücken. War für ihn da. Gab ihm Wärme und Sicherheit.
Auch wenn er es versucht hätte, Harry konnte nicht beschreiben wie dankbar er dafür war.
_____
Louis kam jeden Tag vorbei. Er brachte Harry auch jeden Tag etwas zu essen mit, was dieser nur manchmal wirklich runterbekam.
Sie redeten viel. Und zwar nicht nur über Dinosaurier, sondern über die ernsten Themen. Harry sprach viel mit Louis über seine Probleme. Aber auch über andere Dinge. Und das tat ihm gut. Beides.
Inzwischen kannten die beiden sich seit fast zwei Monaten.
Es war unschwer zu erkennen, dass Louis Harrys Leben jetzt schon sehr beeinflusst hatte. Und dass Louis sehr viel an Harry lag. Und dass Harry Louis brauchte.
Louis gab ihm genau das was Harry brauchte.
Aber wenn Harry alleine war ging es ihm immer noch nicht gut. Es war besser. Aber nicht gut.
Und so kam es irgendwann dazu, dass Harry im Badezimmer lag als Louis vorbeikam. Bewusstlos.
Sodass Louis (nachdem er sich den Ersatzschlüssel von Harrys Nachbarin geholt und ihn gefunden hatte) erst schrie, dann aufschluchzte und heulend Harrys Wunden säuberte und verband.
Sodass er Harry ins Wohnzimmer aufs Sofa schleppte und nachdem er tief durchgeatmet hatte sich selbst sagte, dass er, wenn er Harry nicht in der nächsten Minute aufwecken konnte, den Notarzt rufen würde.
Sodass er Harry weinend um den Hals fiel, als dieser tatsächlich aufwachte.
Sodass Louis fast dachte, er hätte Harry verloren.
Er wusste ja, dass Harry sich selbst verletzte. Aber er hatte noch nie so Angst gehabt, dass er Harry verlieren könnte.
Scheiße, wieso musste er sich auch in einen Selbstmordgefährdeten verlieben?
_____
Harry gähnte. Er war müde, aber es war erst zehn Uhr und wenn er schon manchmal um 4 nicht einschlafen konnte, dann konnte er das um zehn erst recht nicht.
Deshalb guckte er Fernsehen. Irgendeine Quizshow, die übelst schwer war, er hatte bei keiner der Antworten irgendeine Ahnung. Aber es lenkte ihn ein bisschen ab. Heute war ein ganz guter Tag gewesen. Verhältnismäßig.
Plötzlich hörte er das Geräusch eines Schlüssels im Schloss und dann hektische Schritte.
„Harry?", rief Louis' Stimme und bevor er antworten konnte stürmte Louis schon ins Wohnzimmer. Als er Harry sah atmete er sichtlich auf.
„Gott sei Dank, du bist okay!"
Harry sah ihn nur überrascht an. „Wieso sollte ich denn nicht okay sein?"
„Du bist nicht an dein Handy gegangen!" Louis beugte sich nach vorne und stützte sich mit seinen Händen auf den Knien ab. Er war außer Atem. Was Harry verwunderte, er hatte Louis noch nie außer Atem gesehen. Fußballer, remember?
„Ähm."
„Harry. Geh an dein Handy wenn ich dich anrufe, okay?" Louis rang immer noch nach Atem, richtete sich aber wieder auf und presste die Lippen aufeinander.
„Okay, aber...es liegt halt im Schlafzimmer. Ist doch nicht so schlimm, wenn du mich mal nicht erreichen kannst, oder?"
Louis starrte ihn kurz an. Dann stieß er frustriert Luft aus und guckte an die Decke. „Doch, ist es, Harry! Ich..." Er rang nach Worten. „Du bist selbstmordgefährdet, verdammt noch mal!" Er blinzelte schnell. „Jedes Mal wenn du nicht rangehst, hab ich Angst, dass du was Dummes gemacht hast." Seine Stimme zitterte und seine Schultern bebten.
Harry sah ihn nur sprachlos an und stand dann vom Sofa auf. Er kam zu Louis und umarmte ihn einfach.
„Danke", flüsterte er in sein Ohr und dieses Mal klammerte sich Louis genauso an Harry wie umgekehrt. „Danke, dass es dich überhaupt interessiert."
Louis löste sich wieder von Harry und nahm sein Gesicht in seine Hände. „Hör auf zu denken, dass sich niemand für dich interessiert. Hör auf. Hör auf. Hör auf." Er sah Harry tief in die Augen, schloss sie dann, weil er fast weinte und legte seine Stirn an Harrys.
„Du brauchst keine Angst zu haben", flüsterte Harry dann irgendwann. „Ich denke nicht mehr so viel daran."
„Trotzdem. Es kann ja auch sein, dass du einfach mal wieder übertrieben hast und dann in deinem eigenen Blut ausgeknockt im Badezimmer liegst, so wie letztens und ich das nicht...ich könnte...verdammt Harry, wenn ich da nicht rechtzeitig da gewesen wäre...und ich...ich könnte mir das nie verzeihen. Außerdem geht es dir besser, aber bei langem noch nicht gut. Und ich...ich hab einfach Angst."
Harry biss sich nur auf die Unterlippe. „Louis, ich würde nichts tun was dich verletzt."
„Das tust du doch schon die ganze Zeit!", warf Louis ihm jetzt vor und trat einen Schritt zurück, um Harry besser ansehen zu können. In seinen Augen glitzerten Tränen. „Wenn du dich verletzt, verletzt du mich. Verstehst du das denn nicht?"
Harry starrte ihn kurz an und ließ dann den Kopf hängen.
Louis seufzte. „Ich...Sorry." Er kam wieder näher und legte seine Hände wieder an Harrys Wangen. Er zwang ihn dazu ihn anzusehen. „Ich weiß, dass das nicht leicht ist, okay? Aber bitte tu mir den Gefallen und geh das nächste mal einfach an dein Scheißhandy ran."
Harry nickte. Und Louis fiel ihm stumm weinend um den Hals. Diesmal hielten sie sich gegenseitig.
Scheiße, wieso war das Leben auch so schwer?
Einige Stunden später saßen die Beiden nebeneinander an die Wand gelehnt im Badezimmer. Louis wechselte Harrys Verband und Harry musterte ihn dabei nur. Louis war so schön.
„Wie kommt es eigentlich, dass du immer genau weißt, was du tun musst, damit es für mich am besten ist?", fragte Harry leise, als Louis fertig war und nur sanft über Harrys Arm strich. „Ich meine", sprach Harry weiter. „Du weißt in jeder Situation was du tun musst. Wie du mit mir umgehen musst, wie du mich dazu kriegst etwas zu essen, dass du manche Dinge einfach so hinnimmst ohne darüber reden zu müssen..."
Louis lächelte leicht und musterte Harry kurz. „Manchmal verstehen dich die Menschen am besten, die die gleichen Probleme haben."
Harry zog die Augenbrauen zusammen. „Was meinst du damit?", flüsterte er.
Louis lächelte traurig, griff dann nach Harrys Hand und schob damit seinen Ärmel hoch. Er drehte sein Handgelenk so, dass Harry ein kleines Tattoo sehen konnte. Ein Semikolon.
Harry fuhr sanft mit seinen Fingerspitzen über die Tinte in Louis' Haut und sah dann hoch, in seine Augen.
„Du hast versucht dich umzubringen?", hauchte er überrascht, bestürzt und irgendwie mit einem Hauch Bewunderung in der Stimme.
Louis nickte leicht und verschränkte seine Finger mit Harrys. „Ich war 16."
„Woah." Harry begann leicht zu zittern. Warum wusste er auch nicht genau. Louis legte nur seinen freien Arm um Harry, zog ihn an sich und drückte seine Lippen an seine Schläfe.
„Ich hab mich geoutet. Und das wurde in meiner Schule nicht gut aufgenommen. Absolut nicht. Mir wurde das Leben zur Hölle gemacht. Es ging mir schon echt scheiße, Harry und dann...und dann ist auch noch meine Mum gestorben. Und eine meiner Schwestern kurz danach. Ich war komplett am Ende. Ich bin in tiefe Depressionen gefallen und...naja es ging mir wie dir. Ich hab nicht mehr gegessen, nicht mehr geschlafen, ich hab um mich herum gar nichts mehr wahr genommen. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich hab keinen Ausweg gesehen, ich wollte mir wirklich einfach das Leben nehmen." Louis stockte und wischte eine von Harrys Tränen weg. Er lächelte traurig.
„Ich hatte die Schlinge schon um den Hals, als mein Stiefvater mich rechtzeitig entdeckt und gerettet hat. Dann haben wir ewig miteinander geredet und dann hat er mich in eine Klinik gesteckt. Und das war das Beste was er hätte machen können. Ich hab das Gefühl man hört immer nur von Leuten, die sowas ganz schlimm fanden und schnell wieder raus wollten und denen es danach genauso scheiße ging. Aber bei mir...es hat mir unglaublich geholfen. Ich habe nach und nach gefühlt wie dieses Gewicht auf mir verschwunden ist, ich konnte wieder essen, ich konnte wieder schlafen, ich konnte einfach endlich wieder atmen. Mir ging es danach nicht nur deutlich besser, mir ging es danach wirklich eigentlich wieder ziemlich gut. Ich hab mein Leben wieder auf die Reihe bekommen. Und ich bin wirklich, wirklich glücklich noch hier zu sein."
Louis spielte mit Harrys Fingern und sah dann zu ihm hoch.
„Wow." Harry sah auf den Boden. „Jetzt komm ich mir dumm vor."
Louis sagte nichts, aber sein Mund öffnete sich ein Stück.
„Du hattest wenigstens Gründe dafür, dass es dir schlecht ging. Bei mir ist das alles..."
„Nein, Harry!", unterbrach Louis ihn. „Du kannst doch nichts für deine Depressionen. Schlag dir das sofort aus dem Kopf, okay? Ich hab dir das nicht erzählt, damit du glaubst du hättest keinen Grund, dass es dir scheiße geht."
„Okay", sagte Harry leise.
„Weißt du was ich glaube?", fragte Louis nach einer kurzen Weile.
„Was?"
„Dir könnte eine Klinik auch helfen."
„Du kannst mir helfen."
„Harry. Bitte. Lass uns darüber sprechen."
Und das taten sie.
_____
Sie lagen sich in den Armen als Harry in die Klinik ging.
_____
Und als Harry aus der Klinik entlassen wurde und Louis sah wie gesund er aussah und wie viel besser es ihm ging und dass er ein T-Shirt mit kurzen Ärmeln trug, lagen die Beiden sich wieder in den Armen.
An diesem Tag küssten sie sich zum ersten Mal. Aber ganz sicher nicht zum letzten Mal.
I need love
To hold me closer in the night
Just enough to feel my body come alive
When my bones start breaking, my heart starts shaking
I need love, need love
______
habt ihr das auch manchmal, dass ihr einen song nie so richtig gehört habt und dann kommt er irgendwann zufällig und euch fällt auf wie genial er eigentlich ist? passiert mir öfter mal (auch gerne mal mit songs von niall) und aktuell ist es mirrors.
wirklich ich bin absolut eingenommen von dem song. und dann hab ich auch noch eine sehr deprimierende (aber wirklich, wirklich gute) kurzgeschichte gelesen und so kam es dann zu diesem one shot.
ich hoffe es hat euch gefallen (auch wenn es vielleicht mal wieder einer von den etwas traurigeren one shots war, in letzter zeit kam ja eher fluff).
schönen tag euch 💓
und falls irgendjemand mit depressionen oder ähnlichem zu kämpfen hat, hier die nummer gegen kummer:
+ 49 0800 111 0 111
oder
+ 49 0800 111 0 222
oder
+49 116 123
holt euch hilfe 💕
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