siebzehn.
siebzehn.
Elizabeth || Meine Finger trommeln unruhig auf der hölzernen Lehne des Stuhles, der wahrscheinlich mehr wert ist als meine ganze Wohnzimmereinrichtung. Mein Blick schweift durch die marmorne Eingangshalle, während ich erneut Harrys Nummer auswähle und versuche, ihn zu erreichen.
Wieder kein Glück.
Mein Blick gleitet zu der Uhr, die über dem Schreibtisch der Sekretärin hängt und ich schüttele genervt den Kopf.
„Kann ich Ihnen eventuell etwas zu trinken bringen, während sie auf ihre Begleitung warten?", bietet mir gut gekleidete Dame an und blickt kurz von ihren Unterlagen auf.
„Nein, vielen Dank", erwidere ich. „Und entschuldigen Sie bitte die Umstände. Mir ist das alles wirklich peinlich."
Sie schenkt mir ein freundliches Lächeln. „Mister Black hat eines der internen Meetings vorgezogen, sodass ihr Treffen einfach danach stattfinden wird."
„Vielen Dank. Das ist wirklich sehr nett", wiederhole ich und merke, wie sich meine Wangen beschämt röten.
Sie nickt mir zu und widmet sich dann wieder ihrer Aufgabe.
Und ich mir der meinen. SO oft wie ich Harrys Nummer in der letzten Stunde schon gewählt habe, kann ich sie mittlerweile sicherlich auswendig.
Ich bin gerade kurz davor, erneut aufzulegen, als ich höre, wie jemand am anderen Ende abnimmt und sich räuspert.
„Sternchen, wo zum Teufel bist du?", frage ich zornig. Ich versuche, meine Stimme trotz der Wut leise zu halten, um keine Szene hervorzurufen, doch es gelingt mir nicht ganz.
Ein paar andere Klienten schauen sich in meine Richtung um und ich lächele entschuldigend, was wohl er in einer bemühten Grimasse endet.
„Deinem Tonfall nach zu urteilen, stecke ich in Schwierigkeiten?", entgegnet Harry und zieht dabei die Worte lang, was mich nur noch mehr auf die Palme bringt.
„Allerdings, Styles. Wir waren verabredet, um deinen Arsch zu retten. Mit deinem Anwalt", entgegne ich.
„Ich bin bei Louis wegen seinem Problem und da habe ich das ganz vergessen. Es tut mir leid. Wirklich leid!", antwortet er eilig und ich höre, wie er hektisch seinem besten Freund erklärt, dass er gehen muss. „Es tut mir wirklich leid, Liz! Ich bin schon auf dem Weg!"
Ich seufze und überlege kurz, ob ich meine Wut weiter an ihm auslassen sollte. Aber das würde uns auch nicht weiterhelfen.
„Wie schnell kannst du hier sein?", frage ich ihn stattdessen.
„Der Anwalt ist in der Nähe der Skyline, richtig?", entgegnet Harry.
Der Motor seines Autos heult auf.
„Richtig", bestätige ich und gebe ihm dann die genaue Adresse durch.
„Gib mir zwanzig Minuten. Dann bin ich da."
Mein Blick schweift erneut in Richtung der Wanduhr, während ich das Gespräch mit einer knappen Abschiedsformel beende.
„Sie haben ihn also erreicht?", erkundigt sich die Sekretärin bei mir.
„Er wird in zwanzig Minuten da sein", erwidere ich und sie nickt mir einmal kurz zu, bevor sie die Info an Mister Blacks Assistentin weitergibt.
Während ich auf Harry warte, vertreibe ich mir die Zeit damit, durch einige der Magazine zu blättern, die für Klienten auf dem metallenen Couchtisch ausgelegt sind. Ich zucke zusammen, als ich das One Direction Mitglied und mich erneut auf einer der Titelseiten wiederfinde.
Harry hat seinen Arm halb über meine Schulter gelegt und ich sehe mit einem kleinen Lächeln zu ihm hoch. Das Foto ist verschwommen und die Fotografen haben es wirklich geschafft, genau den Moment unserer Interaktion auszuwählen, die einen Unbeteiligten denken lässt, dass sich zwischen uns beiden eine romantische Beziehung entwickelt. Hat diese Unbekannte das Herz des Womanizers erobert?, lässt die Überschrift verlauten.
Nein, ganz sicher nicht, denke ich und verdrehe innerlich die Augen.
Schnell lege ich eine andere Zeitschrift über unser Foto, um es nicht mehr sehen zu müssen.
Dann vertiefe ich mich in einer Architekturzeitschrift. Auch wenn ich mir gerade einmal ein kleines Apartment mit den nötigsten Möbeln leisten kann, liebe ich es, durch solche Designzeitschriften zu blättern. Sie lassen mich träumen von einem anderen Leben, dass ich niemals haben werde.
Ich blicke auf, als jemand neben mir angerannt kommt und beim Stehenbleiben beinahe über seine eigenen Füße stolpert, die in goldenen Chelseaboots stecken.
„Da bin ich", verkündet Harry leicht außer Atem und setzt sich neben mich.
„Ja, das sehe ich", entgegne ich mit einem leichten Mundwinkelzucken. „Bist du in einen Sturm geraten?"
„Wieso?", fragt er mich verwirrt.
„Weil deine Haare aussehen, als wären sie einmal vollkommen durcheinander gekommen", erwidere ich grinsend.
Leicht verzweifelt fährt Harry sich über den Kopf, wobei er das Chaos allerdings nur zu verschlimmern scheint.
Also nehme ich seine Hände und lege sie auf seine Beine ab. „Lass mich das machen, Sternchen. Du machst es nur noch schlimmer", merke ich an und richte seine Haare dann selbst.
Vorsichtig fahre ich ihm durch die Haare, bis die Strähnen wieder so liegen, wie sie liegen sollten. „Here you go", meine ich schließlich.
„Danke", erwidert er. „Hör zu, Liz. Es tut mir wirklich leid. Ich habe einfach die Zeit vergessen. Ich will nicht, dass du denkst, dass ich absichtlich nicht gekommen bin, nur weil ich Modest eins reinwürgen wollte."
„Wolltest du?", stelle ich ihm die Gegenfrage.
Er schüttelt vehement den Kopf und sieht dabei so ehrlich betroffen aus, dass ich beschließe ihm zu glauben. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich ihm verziehen habe.
„Weise Entscheidung. Denn damit hättest du nur dir selbst geschadet", entgegne ich.
Seufzend sieht er an und verschränkt die Hände ineinander. „Ich weiß."
Sekundenspäter erscheint Mister Blacks Assistentin vor uns und stellt sich als Miss Clarke vor. Sowohl Harry als auch ich erwidern ihren Händedruck und folgen ihr dann in das Büro des Anwalts.
Wir setzen uns und Miss Clarke verschwindet wieder aus dem Raum. Nachdem sie die Tür geschlossen hat, sinkt Harry unbehaglich in seinem Stuhl zurück.
„Ist alles okay?", frage ich ihn.
„Sicherlich." Er zuckt mit den Achseln und schenkt mir ein Lächeln, was mich vor ein paar Monaten noch vollkommen überzeugt hätte. Doch mittlerweile kenne ich Harry gut genug, dass er mich damit nicht mehr täuschen kann.
„Ich weiß wie schwer es ist. Und wie hilflos du dich fühlst", versuche ich ihn zu beruhigen. Ganz hinten in meinen Gedanken finde ich mich selbst wieder, wie ich vor Jahren ebenfalls in einem dieser kalten Zimmer gesessen und auf einen Anwalt gewartet habe, der mein ganzes Leben verändern würde. Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite, denn selbst nach all den Jahren habe ich einen faden Beigeschmack, wenn ich auch nur an diesen Tag denke. Den Tag, an dem mir meine Schwetser genommen wurde.
„Aber du willst, dass alles wieder gut werden wird, oder?", murmele ich in Harrys Richtung, der daraufhin kaum merklich nicht. „Mister Black ist deine beste Chance dafür."
„Ich weiß", entgegnet er und ich denke schon, dass er nun schweigen wird. Doch dann sagt er etwas, dass mir wie ein Stich ins Herz fährt. „Ich schätze ich habe einfach Angst."
In diesem Moment ignoriere ich das ich eigentlich seine Angestellte bin und er mein Klient. In diesem Moment bin ich einfach nur seine Freundin und drücke beruhigend seine Hand.
Harry hält sich an ihr fest, als würde er ertrinken und streicht vorsichtig mit seinem Daumen über meinen Handrücken. Beinahe zucke ich zurück, denn das Ganze ist so ungewohnt. Doch es fühlt sich auf eine so falsche Weise gut an, also sage ich es nichts und schweige.
Zwei Minuten später betritt Mister Black den Raum und begrüßt uns beide. Bei der Begrüßung schenkt Harry ihm ein so charismatisches Lächeln, als wäre er vollkommen entspannt. Hätte ich ihn vor ein paar Minuten nicht so verstört gesehen, dann hätte ich es ihm sofort abgekauft. Aber so weiß ich, dass er nur eine Rolle spielt. Insgeheim frage ich mich, wie oft er dies in der Vergangenheit schon getan hat. In der Gegenwart seiner Fans. Seiner Familie. Seiner Freunde. Meiner Gegenwart.
Und wie viele von ihnen darauf hereingefallen sind.
„Entschuldigen Sie die Umstände", bitte ich Mister Black. „Wir sind Ihnen wirklich dankbar, dass sie unseren Termin nach hinten verschieben konnten."
Der Anwalt nickt mir zu und bittet mich dann, Ebenfalls neben Harry Platz zu nehmen. Sobald er Harry und mir gegenübersitzt, kommt er direkt zur Sache. So wie es aussieht, ist Mister Black niemand, der lange um den heißen Brei herumredet. Ich bin froh darüber, denn ich denke, dass genau so jemand es ist, der für Harry ohne größere Schäden einen Freispruch erwirken kann.
„Die Gegenseite beschuldigt Sie, ein Mädchen vergewaltigt zu haben. Sie werden behaupten, dass sie es nicht getan haben", instruiert er Harry.
„Ich habe es nicht getan", beteuert Harry neben mir. „Ich würde so etwas niemals tun!"
„Das ist unerheblich, Mister Styles. Ob sie es wirklich getan haben oder nicht tut nichts zur Sache. Sie sind hier, weil sie angeklagt werden. Ich bin hier, weil ich alles Mögliche versuchen soll, um sie hier rauszuholen. Also werden wir zusammenhalten und genau dies tun."
Mister Black lässt seinen Kugelschreiber klicken. „Aber damit das funktionieren wird, müssen Sie genau das tun, was ich Ihnen sage. Haben sie das verstanden, Mister Styles?"
„Ja, ich habe verstanden", erwidert Harry mit leiser Stimme.
„In Ordnung", meint Mister Black nickend. „Sie werden also behaupten, dass sie es nicht getan haben. Und dann werden wir anfangen, die Beweise Stück für Stück zu widerlegen."
Der Anwalt schiebt eine Aktenmappe über den Tisch in unsere Richtung.
Harry sieht sie lange an, ohne Anstalten zu machen, sie öffnen zu wollen. „Was ist das?", fragt er schließlich.
„Alle Beweise, die die Gegenseite dem Gericht vorlegen wird. Unser erster Schritt wird sein...", fängt Mister Black an zu erklären, doch der Junge neben mir unterbricht ihn.
Harry nickt in meine Richtung. „Ich will nicht, dass Elizabeth dabei ist, wenn wir das Ganze besprechen."
Stirnrunzelnd sehe ich ihn an. „Harry..."
„Das ist mein Recht", erwidert er und sieht kurz zu seinem Anwalt herüber, um sich zu versichern, dass seine Aussage stimmt.
Dieser nickt zustimmend. „Wenn Mister Styles dies so möchte, dann würde ich sie bitten, nun den Raum zu verlassen."
„Danke", meint der Sänger in Richtung des Anwalts.
„Ich arbeite allein für Sie, Mister Styles", entgegnet dieser. „Wenn sie also meinen, dass Miss Summers nicht bei unserem Gespräch dabei sein soll, dann wird sie dies nicht sein."
„Das kannst du nicht ernst meinen, Sternchen", wende ich mich an Harry und ignoriere den älteren Herrn gekonnt.
„Ich habe noch nie etwas so ernst gemeint", entgegnet er und hat dabei nicht einmal den Anstand, mir in die Augen zu sehen. „Also geh. Bitte."
Wütend stehe ich auf und schließe die Tür lauter hinter mir als es nötig gewesen wäre.
„Schon wieder zurück?", fragt mich die Sekretärin, als ich mich wieder im Wartezimmer niederlasse.
„Mein Klient hat mich rausgeschmissen, als wäre ich ein kleines Kind", erkläre ich ihr bitter.
Anderthalb Stunden dauert es, bis Harry schließlich wieder aus dem Zimmer kommt.
„Ich habe eine gesamte Stunde hier gesessen und auf dich gewartet, nur weil du den Termin verpasst hast! Und dann besitzt du die Dreistigkeit, mich rauszuschmeißen!", fauche ich Harry an, sobald er vor mir stehen bleibt. Dieses Mal ist es mir egal, dass ich womöglich eine Szene vor aller Augen provoziere. „Warum hast du das getan?"
„Weil du dir das Ganze nicht anhören muss. Es reicht, wenn es einen von uns beiden quält", entgegnet er in beruhigendem Tonfall.
„Und das hast du zu entscheiden?", zische ich ihn an.
„Ja, das habe ich zu entscheiden!" Jetzt wird auch seine Stimme lauter. „Es ist mein Leben und niemand hat das Recht, da mitzureden. Weder Modest noch du!"
„Ich bin nicht nur wegen Modest dort gewesen, sondern weil ich deine Freundin bin." Enttäuscht sehe ich ihn an. „Ich will dir wirklich helfen, Harry."
Seufzend sieht er mich an und setzt sich neben mich, sodass wir uns nun auf Augenhöhe befinden. „Ich weiß, dass du mir helfen willst, Liz. Und das rechne ich dir auch wirklich hoch an. Aber du hilfst mir am meisten, indem du dich da raushältst", entgegnet er.
„Ich bin nicht unnütz", protestiere ich.
„Und das behaupte ich auch gar nicht", versichert er mir eilig.
„Ich will einfach nicht dass du dir das anhören musst. Und vor allem will ich nicht, dass du mich so am Boden siehst. Ich will nicht, dass du mich als Monster wahrnimmst. Bitte, Liz. Lass mir das letzte bisschen Würde, was ich noch besitze", bittet er mich mit flehender Stimme.
„Ich könnte dich nie als Monster sehen, Harry. Nicht nach all den Wochen, die ich dich nun kenne", entgegne ich überzeugt.
„Und dennoch möchte ich es nicht riskieren. Bitte halt dich einfach raus. Tu es für mich, ja? Damit hilfst du mir am meisten", murmelt Harry und sieht mich bittend an.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und nicke schließlich. „In Ordnung. Jedenfalls für den Moment."
Dankbar sieht er mich an und ich kann die Erleichterung in seinen Augen erkennen.
Harry fährt sich mit der Hand durch die Haare. „Hast du Lust ein Stück Kuchen essen zu gehen?", fragt er mich dann.
„Draußen wird es schon dunkel, Harry. Es ist beinahe Zeit fürs Abendessen", gebe ich zu bedenken, lasse mich aber dennoch von ihm vom Stuhl hochziehen und nach aus der Anwaltskanzlei hinausbegleiten.
„Na und? Was gibt es als Abendessen besseres als Kuchen?", wiederspricht Harry und schenkt mir sein Lächeln.
„Es sei denn, du hast schon andere Pläne?", fragt er dann nach.
Ich schnaube und ziehe meine Jacke enger um mich, um mich vor dem Wind zu schützen. „Mit wem denn bitte?"
„Also kommst du mit." Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Normalerweise hätte mich so etwas wütend gemacht, aber es ist Harry und ich weiß, dass er es nicht böse meint.
Ich zögere.
„Komm schon, Liz. Ich weiß, dass du immer noch sauer auf mich bist, weil du mich nicht erreichen konntest und weil ich dich vorhin nicht dabei haben wollte. Ich weiß, dass ich dich in eine missliche Lage gebracht habe. Lass mich das Ganze wiedergutmachen. Bitte."
„In Ordnung", stimme ich zu. „Aber nur wenn ich mir einen richtig großes Stück Schokokuchen gönnen darf."
Harry legt mir seinen Arm über die Schulter und sofort wird mir wärmer.
„Alles was du willst, Liz", meint er und führt mich zu seinem Auto, was eine Straße weiter geparkt ist.
„Du weißt aber schon, dass es direkt vor der Kanzlei drei Parkplätze gibt, oder?", frage ich ihn in dem Versuch, die Stimmung aufzulockern.
Doch Harry sieht mir nur ernst an. „Ich wollte es vermeiden, bei einem Anwaltsbesuch fotografiert zu werden."
Wieder einmal wird mir bewusst, wie unterschiedlich unsere Leben doch sind. Ich mag zwar kein Auto besitzen und auf die Straßenbahn angewiesen sein, während Harry wahrscheinlich gleich Besitzer eines ganzen Fuhrparks ist. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass er nicht genauso Sorgen hat wie jeder andere Mensch.
„Nun, die Taktik scheint aufgegangen zu sein", meine ich aufmunternd.
Harry öffnet mir die Beifahrertür und zwinkert mir zu, während ich einsteige. „Ich bin mittlerweile ganz gut darin, dieses Spiel mit den Medien zu spielen."
Aber nicht gut genug, denke ich im Stillen.
Meine Gedanken schweifen wieder zu dem Magazin, das mir heute während meiner Wartezeit aufgefallen ist. Ich weiß nicht einmal, ob Harry weiß, dass schon wieder neue Fotos von uns beiden gemacht wurden. Und ich habe nicht vor, es herauszufinden. Er hat heute schon genug Probleme. Da muss ich ihn nicht auch noch mit dem nächsten konfrontieren.
„Warst du schon einmal im Pancake Café?", erkundigt Harry sich bei mir, während er den Motor startet. „Ich würde vorschlagen, dass wir dorthin fahren."
„Klingt gut", stimme ich zu.
Einige Minuten schweigen wir einvernehmlich, während nur das Radio die Stille durchbricht. Doch dann drehe ich Ed Sheeran leiser, der uns gerade die Ehre gibt.
Harry sieht kurz zu mir herüber und richtet seinen Blick dann wieder auf die Straße.
„Modest wird wissen wollen, was beim Anwalt besprochen wurde. Was soll ich ihnen erzählen", frage ich ihn.
Er zuckt mit den Achseln. „Sag ihnen einfach, dass alles gut gelaufen ist."
„Ist es das denn?", stelle ich die nächste Frage und betrachte ihn in der Hoffnung, aus seiner Mimik etwas herauslesen zu können. Es macht mich unsicher, dass ich nicht ein Wort von dem Gespräch mitbekommen habe.
„Zumindest haben Mister Black und ich einen Plan", erzählt Harry.
„Aber du glaubst nicht, dass alles wieder gut werden wird?", hake ich nach.
„Ich habe die Beweise gesehen, Liz. Sie sind wirklich sehr überzeugend", murmelt Harry. „Mein eigener Anwalt glaubt mir nicht, dass ich unschuldig bin."
Ich lege meine Hand über seine und drücke sie aufmunternd. „Ich glaube dir."
Überrascht sieht Harry mich an. „Tust du das wirklich?", will er wissen.
Ich nicke überzeugend, denn das tue ich wirklich.
„Danke, das ist wirklich gut zu wissen", flüstert er.
„Mister Black ist der Beste seines Fachgebiets. Er wird dich dort raushauen", entgegne ich.
„Versprichst du mir das?"
Ich lächele ihn nur an und drücke seine Hand. Denn dieses Versprechen kann ich ihm nicht gehen.
Seufzend sieht er mich an. „Das dachte ich mir schon."
Die Häuserzeilen ziehen an unseren Augen vorbei und schließlich halten wir vor einem kleinen Café über dessen Eingangstür ein riesiger Plastikpfannkuchen hängt. Er ist so grell pink, dass ich kurz um meine Sehkraft fürchte.
Wir steigen aus, betreten das Café und lassen uns an einen der Tische im hinteren Teil setzen. Trotz der späten Uhrzeit ist der Raum gut gefüllt und lauter Gesprächfetzen drängen zu uns herüber.
„Ab jetzt wird nicht mehr über die Arbeit geredet", bestimme ich, während uns der Kellner die Speisekarten reicht.
Harry nickt zustimmend. „Kein Wort mehr über Modest."
„Wie lief dein Date mit Anna gestern?", frage ich, nachdem wir unser Essen ausgewählt haben. Ein riesiger Triple Chocolate Cake für mich und eine Himbeertorte für Harry.
„Wirklich gut", erwidert Harry aufrichtig und grinst dann. „Aber hatte wir nicht gesagt, dass wir nicht über die Arbeit reden wollten?"
Ich strecke ihm die Zunge heraus, wobei mir sehr wohl bewusst ist, wie kindisch das ist. „Dates sind nie Arbeit. Dates sind immer Freizeitaktivitäten."
„Dates sind immer Arbeit", widerspricht er mir. „Du weißt ja gar nicht, wie anstrengend und anspruchsvoll ihr Frauen sein könnt."
„Und ihr Männer nicht?", entgegne ich.
Harry zuckt grinsend mit den Achseln. „Wir Männer sind nicht halb so anstrengend wie ihr."
Ich verdrehe nur die Augen und sehe dabei zu, wie unsere Bedienung uns den Kuchen bringt, der aussieht, als wäre er nicht von dieser Welt.
Gierig stoße ich meine Gabel in den Kuchen und als ich meinen ersten Bissen nehme, fällt mir auf, dass ich heute noch nichts wirkliches gegessen habe. Umso mehr genieße ich nun diese Geschmacksexplosion.
Auch Harry stürzt sich auf seine Himbeertorte und schafft es dabei, dass ihm ein Stück Gelee im Mundwinkel hängenbleibt. Erst will ich ihn darauf hinweisen, aber dann entscheide ich, dass es zu witzig ist und ich ihn noch ein paar Minuten werde leiden lassen.
„Erzähl mir von deinem besten Date", fordert er mich nach einem weiteren Stück auf.
Ich zögere einen Moment, doch nach kurzem Nachdenken entscheide ich, dass ich Harry mittlerweile lang genug kenne, um ihm solche Dinge über mich zu erzählen.
„Ich bin dreizehn gewesen und habe damals noch mit meiner Mutter in einem Vorort gewohnt", beginne ich zu erzählen. All dies ist in den guten Jahren meines Lebens passiert. Bevor alles anfing, anstrengender, härter und so viel komplizierter zu werden.
„Sein Name war David Penhalligton und er wohnte in meiner Straße. Er hatte blonde, lockige Haare und ziemlich blaue Augen. Er spielte Basketball, ging in meine Klasse und trug eine Brille, was ihn ziemlich niedlich aussehen ließ. Ich war so lange in ihn verknallt und irgendwann hat er mich dann einfach gefragt, ob ich mit ihm ausgehe. Isabel ist damals vor Freude auf meinem Bett auf- und abgesprungen und hat sich dabei fast das Bein gebrochen", berichte ich grinsend.
Harrys Mundwinkel zucken nach oben, was das Gelee ebenfalls wackeln lässt. Ich muss mir ein Lachen verkneifen.
„Den Tag nachdem David mich gefragt hat, holte er mich nach der Schule mit einem selbstgepflückten Blumenstrauß ab. Die Blumen waren nicht mehr ganz so ansehnlich, aber die Geste zählte. Und dann führte er mich in seinen Garten, wo er ein Picknick für uns vorbereitet hatte. Wir haben uns stundenlang unterhalten und ich schätze, das war mein bestes Dates", erzähle ich. „Es war einfach ein wirklich schöner Tag."
„Wie lange seid ihr zusammen gewesen?", will Harry wissen und beugt sich gespannt in meine Richtung.
„Sechsundvierzig Stunden. Danach hat David entschieden, dass er Elisa aus unserem Englischkurs doch lieber mochte", entgegne ich.
Harry starrt mich an. „Das ist furchtbar."
„Was hast du erwartet? Wir waren dreizehn, da findet niemand seine große Liebe", erwidere ich lachend. „Jetzt will ich aber auch von deinem besten Date wissen."
Harry beißt sich nachdenklich auf die Unterlippe und schüttelt schließlich den Kopf. „Ich würde ja von meinem besten Date erzählen, aber ich glaube, dass ich es noch nicht hatte. Es liegt irgendwo in der Zukunft."
„Komm schon, ich hab dir auch von meinem erzählt", fordere ich ihn auf. „Du schummelst."
„Nein, tu ich nicht", entgegnet er. „Keines meiner bisherigen Dates war bis jetzt so überragend, dass ich es als bestes Date bezeichnen würde?"
Ich schiebe mir ein weiteres Stück Schokokuchen in den Mund. „Wieso nicht?", frage ich ihn dann. „Ich meine, du musst doch mal etwas wirklich Außergewöhnliches während eines Dates gemacht haben?"
„Natürlich", erwidert Harry. „Ich habe schon einige wirklich gute Dates gehabt. Aber ich glaube einfach, dass es bei dem besten Date meines Lebens gar nicht so sehr darauf ankommt, was ich unternehme. Sondern viel mehr darauf, wer dabei an meiner Seite ist. Ich schätze, mein bestes Date hängt einfach von dem Mädchen ab."
„Ich schätze, das lasse ich gelten", kommentiere ich. „Aber nur unter einer Bedingung."
„Und die wäre?" Neugierige grüne Augen bohren sich in meine.
„Wenn du mich danach anrufst und mir davon danach erzählst."
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