neunzehn.
Neunzehn.
Elizabeth || Isabelle umzubringen ist ganz oben auf meiner To Do Liste, beschließe ich, als ich um fünf Uhr endlich meinen Arbeitsplatz verlasse und mich auf dem Weg zu meinem ganz persönlichen Problemfall begebe. Meine beste Freundin hatte am gestrigen Abend beschlossen, dass das Leben zu kurz sei, um sich nicht auch an einem Sonntagabend richtig volllaufen zu lassen. Dummerweise hatte ich zugestimmt und wir hatten auf dem Boden sitzend in ihrem Apartment eine ganze Flasche billigen Whiskey, der bei Tesco das Schildchen des Sonderangebots getragen hatte, gelehrt.
Um sieben Uhr morgens, nach vier Stunden Schlaf, hatte ich angefangen, die Entscheidung zu bereuen. Weitere zehn Stunden später, ist mein Bereuen in unendliche Weiten gewachsen und mein Kopf fühlt sich an, als würde er jeden Moment explodieren.
Während ich mich in der U-Bahnstation durch die Menschenmengen des Feierabendverkehrs drücke und gerade noch in meine Bahn springen kann, bevor sich die Türen schließen, konzentriere ich mich einfach auf den Gedanken, dass ich mich nach meinem Besuch bei Harry endlich in mein Bett werfen kann. Dass ich Mister Smith heute Morgen beinahe auf die Schuhe gekotzt und gerade noch das Badezimmer im Büro gefunden hatte, versuche ich zu verdrängen, was mir allerdings mehr schlecht als recht gelingt.
Next Stop: Hampstead Heath, kündigt die Anzeigetafel in der Bahn endlich an.
Erleichtert, den schweißigen Unterarmen des Mannes entwischen zu können, der neben mir steht, schiebe ich mich gemeinsam mit drei anderen Leuten aus der U-Bahn. Die Station ist nicht ganz so voll, wie ich es um diese Uhrzeit in London normalerweise gewohnt bin.
Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sich alle, die in Harrys Umgebung wohnen, ein Auto oder wahrscheinlich sogar einen Chauffeur leisten können. Die Tube haben die meisten garantiert noch nicht einmal von innen gesehen.
Während ich die Meile zu Harrys Haus laufe, fängt es an zu regnen, was meinen Tag alles andere als besser macht. Ich bin erleichtert, als ich endlich vor der richtigen Tür stehe und die Klingel drücke.
Es dauert nicht lange, dann öffnet sich der Eingang bereits und Harrys sieht mich an, während er sich gegen den Türrahmen lehnt. Dabei blitzt ein Streifen freier Haut unter seinem Pullover auf, der seine V-Linie enthüllt. Schnell sehe ich in sein Gesicht, das einen Ausdruck trägt, den ich nicht ganz deuten kann. Überraschung kann ich herauslesen, ebenfalls Freude und dann etwas, was mir völlig unbekannt ist.
Ich räuspere mich. „Darf ich reinkommen, Sternchen?", frage ich ihn und habe mich schon an ihm vorbei ins Haus geschlichen, bevor er überhaupt die Chance hatte, zu antworten.
„Geh ruhig schon einmal in mein Wohnzimmer, falls du dich noch erinnerst, wo es ist", meint Harry, während er mir durchs Haus folgt.
„Ich mag mich vielleicht nicht mehr daran erinnern, wie ich letztes Mal in dieses Haus gekommen bin, aber ich weiß noch genau, wie ich es verlassen habe", erwidere ich und bahne mir sicher den Weg an einem Wäschekorb vorbei. Das oberste Hemd hat einen so schrillen Gelbton, dass mir schummrig wird. Wahrscheinlich kostet es mehr, als meine Monatsmiete.
„Beim letzten Mal habe ich dich getragen. Es kann aber sein, dass du etwas von meinen Lippen abgelenkt gewesen bist", entgegnet Harry frech.
Meine Wangen färben sich rosa. „Ich dachte, wir wollten über dieses Ereignis nicht mehr sprechen", erwidere ich und drehe mich zu ihm um.
Er zwinkert mir zu. „Ich bin nicht derjenige, der damit angefangen hat."
Augenverdrehend betrete ich das Wohnzimmer und lasse mich auf das Sofa fallen. Der weiche Stoff fühlt sich einen Moment an besser an, als der Himmel selbst und ich seufze erleichtert.
Harry nimmt mir gegenüber Platz und beugt sich leicht in meine Richtung, während er mich ernst mustert. „Du siehst nicht gut aus, Liz. Ist alles okay mit dir?"
„Meine beste Freundin findet Saufgelage unter der Woche anscheinend vollkommen in Ordnung und mein Kopf fühlt sich an, als würde er jeden Moment platzen", jammere ich.
Er lacht sein raues, dunkles Lachen und erhebt sich dann. „Gib mir eine Sekunde. Ich habe Medikamente dagegen da."
„Das wundert mich jetzt nicht im Geringsten", kommentiere ich trocken, während er das Wohnzimmer verlässt.
Zwei Minuten später reicht er mir ein Glas Wasser sowie eine weiße Tablette, die ich in der Hoffnung auf Besserung hastig herunterspüle. Belustigt sieht Harry mir dabei zu.
„Hör auf zu Grinsen, Sternchen", murmele ich, bevor ich mich erkundige: „Wie geht es Anna?"
Achselzuckend verschränkt Harry die Hände ineinander. „Ganz gut, schätze ich."
„Du weißt es nicht?", frage ich überrascht. „Ich dachte, ihr hattet vor ein paar Tagen ein Date? Bitte sage mir, dass du nicht gekniffen hast. Deine Zeit läuft ab."
„Ist das alles, was dich interessiert? Diese beschissene Deadline, die deine Firma mir gegeben hat? Ist es dir nicht einmal wichtig, ob ich glücklich werde oder nicht?", entgegnet Harry tonlos.
„Natürlich nicht! Das war einfach nur eine Frage", versuche ich, ihn zu besänftigen. „Anfangs ist es vielleicht allein die Deadline gewesen, die für mich gezählt hat. Aber mittlerweile mag ich dich und mir geht es auch um dich als Person."
„Anscheinend nicht genug", murmelt Harry so leise, dass ich ihn kaum verstehen kann.
„Wie meinst du das?", frage ich verwirrt und komme um den Gedanken nicht herum, dass ich irgendetwas Grundsätzliches verpasst habe.
„Nicht so wichtig", entgegnet er und reibt sich die Augen. „Um zum eigentlichen Thema zurückzukommen, Anna und ich hatten ein Date. Wir waren im Thorpe Themepark, haben einen tollen Tag zusammen gehabt und dann habe ich das Ganze beendet."
Ich verschränke die Beine und lehne mich nach hinten. „Mochtest du Anna nicht? Sie schien ein nettes Mädchen zu sein", erkundige ich mich.
Harry nimmt einen Schluck Wasser und sieht dann nachdenklich in das Glas. „Sie ist mehr als nett. Sie ist ein wunderbares Mädchen. Das ist der Grund, warum ich es beendet habe. Ich wollte sie nicht in all das Rampenlicht ziehen."
„Irgendwas verschweigst du mir, Sternchen", stelle ich fest, nachdem ich ihn kurz gemustert habe. „So gut kenne ich dich mittlerweile."
„Ich verschweige dir nichts", entgegnet Harry und klingt dabei so störrisch wie meine kleine Schwester, wenn sie abends ins Bett muss. Ich verkneife mir ein Grinsen und sehe ihn weiter an, doch er scheint nicht bereit zu sein, mir mehr zu erzählen.
„Hast du Anna nicht einmal gesagt, wer du wirklich bist?", frage ich ihn schließlich.
„Doch, ich habe ihr gesagt, wie ich heiße. Ich habe nur den Teil mit One Direction nicht erwähnt", entgegnet er. „Ich glaube nicht, dass sie mit der ganzen Aufmerksamkeit klar kommen würde und es ist nicht fair, sie in meine Welt zu zwingen. Das hat sie nicht verdient. Dazu ist sie zu unschuldig und es würde sie brechen. Ich kann nicht noch ein Leben zerstören."
Meine Gedanken schweifen zu dem Mädchen, dass Harry die Vergewaltigung vorwirft und ich spüre, wie ich plötzlich wütend werde. Auf sie. Auf Harrys Fans. Auf die Presse.
Wenn ich den Jungen gegenüber begutachte, sehe ich die Hoffnungslosigkeit in seinen Augen, die Hilflosigkeit in seinen gesenkten Schultern. Er hat wirklich Angst davor, noch irgendwem wehzutun und ihn ins Rampenlicht zu ziehen. So sehr, dass er wahrscheinlich lieber alleine bleiben, als jemanden verletzten würde. Die Version von Harry, die mir nun gegenüber sitzt und meinem Blick nicht begegnen will, ist so ganz anders als die Version, die bei unserem ersten Treffen voller Selbstbewusstsein zu spät zum Meeting gekommen ist. Ich habe gerade nicht Harry Styles vor mir, den alle kennen, sondern den wirklichen Harry, der sich mir gegenüber geöffnet hat.
„Würde nicht jedes Mädchen unter dem Rampenlicht irgendwann brechen? Nicht jeder Mensch?", erkundige ich mich mit sanfter Stimme bei ihm.
Harry sieht mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an, während ein kleines Lächeln seine Lippen umspielt. „Du bist es nicht, als du in all diesen Zeitungen abgelichtet wurdest. Du hast das Ganze Drama ausblenden können und bist damit klar gekommen."
„Also suchen wir ein Mädchen, das mit der Öffentlichkeit fertig werden kann", stelle ich fest und wünschte, ich hätte meine Liste mit den Ansprüchen dabei, damit ich diese um den Punkt ergänzen könnte.
„Ja, genau so ein Mädchen suchen wir", entgegnet Harry und sieht mich dabei mit einem so intensiven Blick an, dass ich wegschauen muss.
Ich fahre mit meinen Fingern über eines von Harrys Sofakissen, während ich nachdenke. „Wo genau sollten wir deiner Meinung nach weitersuchen? Die Datingplattform für Celebrities fällt aus dem Raster, nehme ich an?", frage ich den Jungen mir gegenüber.
„Ich habe keine Lust mehr auf das ganze Theater", entgegnet er mit Resignation in der Stimme.
„Also willst du einfach aufgeben und Modest eine Freundin für dich finden lassen?", erwidere ich überrascht, denn ich hätte nicht erwartet, dass er so schnell klein beigeben wird.
Er schüttelt den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur einfach keine Lust mehr. Warum muss es so schwer sein, dass richtige Mädchen zu finden?"
„Weil gute Dinge eben Zeit brauchen. Ansonsten wären sie nicht so besonders", meine ich mit Überzeugung in der Stimme.
„Und das glaubst du wirklich?" Er klingt leicht verzweifelt.
Ich schenke ihm ein Lächeln. „Ja, das glaube ich wirklich."
Harry nickt und hat dann den Gesichtsausdruck, den er immer aufsetzt, wenn er über irgendetwas anstrengend nachdenkt. Dabei bilden sich immer zwei kleine Falten auf seiner Stirn, die ihm einen beinahe bösen Ausdruck verleihen.
„Ich könnte vielleicht einfach deine beste Freundin fragen, ob sie mit mir ausgehen würde. Sie schien mir sympathisch zu sein bei unserer letzten Begegnung und sie hat weder angefangen zu kreischen noch ist sie in Ohnmacht gefallen", schlägt Harry schließlich vor.
Bei seinen Worten verkrampft sich meine Hand in dem Sofakissen. „Ihr Name ist Isabel. Und ich halte das für keine gute Idee", erwidere ich.
„Und wieso nicht?", hakt er nach.
Ich weiß nicht einmal, warum mich der Vorschlag alleine so wütend macht. Doch irgendetwas an der Idee bringt mein Innerstes dazu, sich gefährlich zusammenzuziehen.
„Glaub mir einfach", entgegne ich kurz angebunden. „Es ist wirklich keine gute Idee. Außerdem liest sie Klatschlektüren wie andere Leute die Tageszeitung vor der Arbeit."
„Das ist alles, was gegen sie spricht?", fragt Harry mich zweifelnd und stupst mit seinem Fuß gegen meinen. Sofort ziehe ich mein Bein zurück und sehe ihn genervt an.
„Können wir uns bitte auf das Problem konzentrieren und ein anderes, potenzielles Opfer finden? Ich will nicht, dass du mit meinen Freunden ausgehst", entgegne ich.
Harry mustert mich lange, während er seine Hände miteinander verschränkt und dann wieder lockert, so als hätte er irgendetwas Greifbares zwischen den Fingern, dessen ich mir nicht bewusst bin.
„Können wir für heute einfach mal eine Pause einlegen und morgen weitermachen? Ich bin müde von der Suche?", bittet Harry mich schließlich.
„In Ordnung. Dann sehen wir uns morgen früh um zehn Uhr bei mir im Büro. Wir haben einen Termin, woran du dich ja sicherlich noch erinnern wirst", meine ich und erhebe mich, um zur Tür zu gehen.
„Warte, Liz!", ruft Harry, als ich schon fast im Flur stehe. Ich drehe mich um und sehe, dass er mir anscheinend gefolgt ist.
„Hast du vielleicht Lust, noch zu bleiben? Ich könnte uns was Kochen und wir könnten uns einen Film anschauen", schlägt er vor und beißt sich auf die Unterlippe. „Du siehst aus, als könnte dir ein Filmabend ganz gut tun."
„Du musst das nicht tun, Sternchen. Außerdem glaube ich nicht, dass Modest das so gut finden würde", lehne ich ab.
„Ich würde aber gerne", meint er. „Komm schon, Liz. Ein Essen unter Freunden sollte doch möglich sein. Ich koche auch dein Lieblingsessen."
Ich lache leicht, als ich höre, womit er mich zu ködern versucht. „Dann hoffe ich mal, dass du alle Zutaten für Spagetti mit Ketchup im Haus hast."
Entsetzt sieht er mich an. „Ist das dein Ernst?"
„Das ist mein Lieblingsessen, Sternchen. Also freu dich schon einmal auf das Festmahl", erwidere ich und lasse mich von ihm in seine Küche ziehen.
Harry fängt an, einen der Schränke zu öffnen und zaubert eine Packung Nudeln hervor, die er mir triumphierend entgegenhält. Lachend setzte ich mich auf einer der Arbeitsplatten und lasse meine Beine baumeln.
Dann wandert mein Blick neugierig durch den Raum. Die Küche ist in hellen Farben gehalten, weiß überwiegt und wird hier und da von einem leichten Grauton unterbrochen. Sie ist geschmackvoll eingerichtet und unaufgeräumter, als ich erwartet hätte. Das Wohnzimmer, die Badezimmer und auch das Schlafzimmer des Hauses habe ich als sehr ordentlich in Erinnerung und ich bin davon ausgegangen, dass Harry einfach ein ordnungsliebender Mensch sei. Aber in seiner Küche herrscht das kreative Chaos. Sie sieht bewohnter aus als der Rest seines Anwesens, was dem Ganzen einen gemütlichen Touch gibt.
„Kochst du oft?", erkundige ich mich bei dem Jungen, der gerade dabei ist, dass Wasser aufkochen zu lassen und gleichzeitig irgendwelche Zutaten für eine Soße schnippelt.
Harry nickt, wobei sein konzentrierter Blick auf die Zutaten gerichtet bleibt. „Es ist ganz entspannend außer der Musik noch etwas anderes zu haben, was einen ablenken kann. Kochen habe ich schon immer ganz gerne gemacht", erklärt er mir und winkt ab, als ich ihn frage, ob ich ihm helfen sollte. Das ist wahrscheinlich für uns beide die bessere Lösung.
„Mach es dir einfach bequem, ich habe hier alles im Griff", meint er und ich bin erleichtert.
Meine Kopfschmerzen klingen langsam ab, aber auch mit klarem Kopf bin ich in der Küche die absolute Niete.
„Vielleicht sollte ich öfter zum Essen vorbeikommen. Das wäre auf jeden Fall gesunder, als mit Fast Food und Fertiggerichten zu überleben", entgegne ich.
Harry lacht und zwinkert mir zu. „Du bist auf jeden Fall immer willkommen."
Meine Beine baumeln durch die Luft, suchen sich ihren Weg und berühren dann wieder den Schrank, bevor sie wieder hochfliegen.
„Selbst als Mitarbeiter von Modest?", hake ich dann nach.
Er zuckt mit den Achseln. „Jeder hat so seine schlechten Seiten. Man kann schließlich nicht perfekt sein."
„Nein, ich schätze, dass kann man nicht", murmele ich und spüre seinen Blick auf mir, während ich mein bestes tue, um ihn nicht ansehen zu müssen.
„Verrätst du mir jetzt, wieso genau du immer noch für den Drecksverein arbeitest, obwohl du die Arbeit eigentlich gar nicht ausstehen kannst?"
Meine Fingernägel üben plötzlich eine ungeahnte Faszination aus und ich frage mich kurz, wann ich sie das letzte Mal lackiert habe. Es muss Monate her sein.
„Ich brauche das Geld, Sternchen", erwidere ich schließlich.
„So dringend, dass du dich selbst verrätst?", will er wissen. Die Wahrheit tut weh. Aber noch mehr schockiert es mich, dass er nur einige Wochen gebraucht hat, um mich zu durchschauen.
„So dringend, dass es selbst das wert ist", murmele ich, während meine Gedanken zu meiner kleinen Schwester schweifen und zu der Frau, die uns beiden eine Mutter ist, sich aber an keinen von uns beiden mehr erinnern kann. Sie haben beide das Beste im Leben verdient. Und wenn ich dafür zehnmal so härter arbeiten müsste als alle anderen, dann würde ich dies tun. Denn sie sind es wert.
Der Wecker piept und kündigt an, dass unsere Mahlzeit fertig ist. Dankbar für die Unterbrechung rutsche ich von der Arbeitsplatte und schnappe mir zwei Teller sowie das dazu passende Besteck. Das Geschirr sieht so teuer aus, dass ich beinahe Angst habe, es auf dem Weg ins Wohnzimmer fallen zu lassen.
Harry folgt mir mit den Nudeln, der Soße und der obligatorischen Flasche Ketchup.
„Wir essen also im Wohnzimmer?", merkt er an, als ich das Geschirr auf den Wohnzimmertisch abstelle.
Ich nicke. „Ich dachte, wir machen einen Filmabend, Sternchen? Da gehört es einfach dazu, sich während des Films auf der Couch den Magen vollzuschlagen."
Grinsend lässt sich Harry neben mich auf das Sofa fallen. „Wenn du meinst, Liz, dann glaube ich dir das einfach mal."
Dann reicht er mir die Fernbedienung und beauftragt mich mit der Aufgabe, einen Film auf Netflix auszusuchen.
Während ich mich durch die Medienbibliothek wühle, füllt Harry unsere Teller mit den Nudeln, wobei seiner einen ordentlichen Schlag Soße bekommt, während meiner mit Ketchup garniert wird.
Schließlich wähle ich einen Film aus, drücke auf Play und lehne mich entspannt zurück, als der Vorspann abgespielt wird.
„König der Löwen?", erkundigt sich Harry mit einem Grinsen auf dem Gesicht, sobald er seine Gabel Nudeln fertig gekaut hat.
„Für Disneyfilme ist man nie zu alt", stelle ich fest und fange ebenfalls an zu essen.
Die nächsten Minuten schweigen wir, jeder in seiner eigenen Welt, und lassen uns von Simba in die Weiten Afrikas entführen.
„Du kochst wirklich gut", bemerke ich schließlich und stelle den leeren Teller auf dem Wohnzimmertisch ab.
„Das waren nur Nudeln, Liz. Dabei kann man gar nichts falsch machen", erwidert Harry, doch ich merke, dass er nicht ganz bei der Sache ist.
Ich sehe gekonnt davon ab, zu kommentieren, dass ich selbst Nudeln wahrscheinlich so sehr versalzen würde, dass man sie nicht essen könnte und schnappe mir die Fernbedienung.
Harry neben mir sieht aus, als würde er nicht einmal die Hälfte des Films verstehen, so sehr ist er in Gedanken versunken, weswegen ich die Pausentaste drücke und mich dann so drehe, dass ich ihn ansehen kann.
Die Beleuchtung des Fernsehens lässt seine Wimpern lange Schatten auf sein Gesicht werfen, die Haare wirken wie immer etwas zu lang, aber dennoch merkwürdigerweise gepflegt und seine Augen haben ein leichtes Funkeln, als er meinem Blick begegnet.
„Worüber denkst du nach?", will ich wissen.
Er zuckt mit den Achseln und will den Film wieder starten, doch ich nehme ihm die Fernbedienung aus der Hand.
„Komm schon, Harry. Rede mit mir", bitte ich ihn.
„Mein Leben ist momentan etwas kompliziert", lässt er mich an seinen Gedanken teilhaben. Die Müdigkeit in seiner Stimme ist nicht zu überhören.
„Wann ist es das mal nicht? Dein Leben ist kompliziert, seitdem du das erste Mal bei X-Factor auf der Bühnen gestanden hast", erwidere ich sanft.
Harrys Finger fangen an, gedankenverloren Muster auf meinen Oberschenkel zu malen. Zuerst spanne ich mich unter der Berührung an, doch dann lasse ich mich auf die beruhigende Art ein. Sicherlich weiß er nicht einmal, was genau er gerade tut.
„Ich schätze, das ist wahr", murmelt er dann. „Seit diesem ersten Auftritt hat sich mein Leben grundlegend verändert. Versteh mich nicht falsch, manchmal hat das Berühmtsein schon seine Vorteile. Gerade am Anfang habe ich es genossen. Aber oft wünsche ich mir, einfach wieder durch die Straßen laufen zu können ohne dass jeder direkt mein Gesicht erkennt. Ohne immer Freundlichkeit vortäuschen zu müssen und Autogramme für Leute zu schreiben, die es nicht einmal interessiert, wie es mir wirklich geht. Ohne kreischende Fans, die jeden meiner Schritte verfolgen und wahrscheinlich am liebsten noch wissen würden, welche Zahnpasta-Marke ich verwende."
Er seufzt, während seine Finger immer noch über meine Beine streichen, so leicht, dass ich sie kaum spüre.
„Ich wette, du benutzt Colgate", werfe ich ein, was ihm ein kleines Lächeln entlockt.
„Manchmal wünsche ich mir einfach mein altes Leben zurück", gibt er zu und fährt sich mit der Hand durch die Haare. „Das normale Leben weiß ich erst jetzt nach all dem Ruhm und Reichtum wirklich zu schätzen."
Ich schüttele leicht den Kopf, während meine Gedanken zu all den Dingen laufen, die in meinem Leben schief laufen. Obwohl ich das normale Leben habe, nachdem er sich sehnt. Wahrscheinlich will man immer genau das, was man nicht haben kann. Das Leben kann grausam sein.
„Würdest du es wieder tun? Wenn du wüsstest, wie sich das Ganze entwickeln würde? Wie schnell ihr im Rampenlicht stehen würdet?", will ich wissen.
„Ich glaube, du bist die erste, die mir diese Frage jemals gestellt hat. Man sollte doch meinen, dass die Reporter mittlerweile alle Fragen zumindest einmal angesprochen hätten, aber wenn man ehrlich ist, wollen sie doch alle immer das gleiche wissen." Sein Lachen klingt so trostlos, dass ich schlucken muss.
Harry beißt sich auf die Unterlippe, wie so oft, wenn er über etwas für längere Zeit wirklich nachdenkt. „Ja, ich denke, ich würde es wieder tun", meint er schließlich. „Denn One Direction hat mir soviel mehr gegeben, als es mir genommen hat. Da oben auf der Bühne zu stehen, während dich alle ansehen – dieses Gefühl, das ist so unglaublich. Es ist unbeschreiblich. Für ein paar Minuten fühlt es sich an, als würdest du ewig leben können. Als würde dir die Welt zu Füßen liegen. Kennst du dieses Gefühl?"
„Nein, leider nicht", erwidere ich. „Oder vielleicht auch zum Glück nicht. Ich weiß nicht, ob ich damit klar kommen würde. Zu viele Hochs im Leben sorgen nur dafür, dass du umso tiefer fällst."
Er sieht mich an.
„Aber vielleicht ist es das wert, murmelt Harry. „Denn ohne abzuheben, selbst mit der Gefahr zu fallen, kommt man nie oben an."
Dabei legt sich ein strahlendes Lächeln auf seine Lippen, während er seinen Arm um mich legt und mich näher an ihn heranzieht. Ich kann seinen Körper an meinem spüren und merke, wie mein Herz beginnt, heftiger zu schlagen.
Ich weiß nicht genau, wie es passiert, denn es geht so schnell, dass ich es erst realisiere, als Harrys Lippen sich auf meinen befinden.
Den ersten Moment lang reagiere ich nicht, so überrascht bin ich. Doch als Harrys Lippen sich bewegen und seine Zunge gegen meinen Mund tippt, gewähre ich ihm Einlass. Der Kuss ist heiß, hart und verlangend. Gegeneinanderstoßende Zungen und Zähne, während wir uns beide gegeneinander pressen und von dem anderen nicht genug bekommen können.
Mein Herz fühlt sich an, als würde es jeden Moment platzen, während seine Hände über meinen Körper wandern. Ich lasse meine Finger durch seine Haare fahren, streiche über seinen Oberkörper und merke, wie sich die Muskeln unter meiner Berührung anspannen.
Harry entlockt mir ein leichtes Keuchen, als er mich noch näher an sich zieht und mich hungrig in dem Kuss gefangen hält. Zwischen uns befindet sich kein Platz und dennoch viel zu viel Raum. Ich will mehr, mehr, mehr.
„Es ist unfair, dass du sehen kannst, wie sehr ich das hier will und ich keine Idee habe, wie es dir dabei geht", murmelt er mit rauer Stimme.
Ich sehe ihm in die strahlendgrünen Augen, die leicht fiebrig erscheinen. „Ich will das hier gerade. Mindestens genauso sehr wie du", erwidere ich mit leiser Stimme.
Sein stockender Atem klingt wie Musik in meinen Ohren. Tief in meinem Unterbewusstsein kommt mir der Gedanke, dass dies hier ein furchtbarer Fehler ist, doch er verschwindet so schnell wie er gekommen ist, denn Harrys Hände wandern über meine nackte Haut.
„Fuck, Liz", stöhnt Harry, als meine Hand seine Hose öffnet und ich sein Verlangen gänzlich spüren kann.
„Wenn du das jetzt wirklich tust, dann kann ich nicht garantieren, dass ich in der Lage sein werde, aufzuhören, bevor-"
Ich unterbreche ihn mit einem Kuss. Seine Hand krallt sich an meine Hüfte und ich knappere an seiner Unterlippe, bevor sich meine Küsse eine Spur nach unten bahnen. Vorbei an seinem Schlüsselbein, über seine Rippen und seine V-Linie hinweg. Meine Hände fangen an, ihn zu pumpen, zu necken und lassen ihn dann schließlich unter mir zerfallen. Er stöhnt meinen Namen, währen ihn eine Welle des Verlangens überrollt.
Mit schnellem Atem hebt er mich hoch und zieht mich wieder über sich, während seine Hände zitternd versuchen, mich aus meinem Pullover und jeglicher anderer überflüssiger Kleidung zu befreien. Ich helfe ihm und unsere Finger verhaken sich ineinander, während wir die Stücke loswerden. Kurz wird unser Kuss unterbrochen, während ich den Pullover über meinen Kopf ziehe und achtlos neben das Sofa werfe, doch dann finden unsere Lippen wieder zueinander.
Meine Augen wandern über ihn, nehmen all das Bekannte und Unbekannte in sich auf: Die Art, wie seine Oberarme von Tattoos überseht sind, die Kurve seiner Hüfte, die kleine Narbe auf seiner rechten Schulter. Dann folgen meine Hände meinen Augen. Sie gleiten über seine Arme, die Kurve seines Rückens, seinen flachen Bauch und die Erhebung seiner Hüfte.
Harrys Zunge erkundet meinen Mund, bevor er mein Schlüsselbein mit Küssen übersieht. Unkontrollierte, hastige Bewegungen, die die Hitze in meinem Inneren ansteigen lassen.
Als seine Hände unter meinen BH fahren, stoppt er kurz und sieht mich mit hitzigem Blick an. Ich nicke auf seine stumme Frage, während ich mich selbst nicht mehr unter Kontrolle habe. Es ist okay, mach weiter.
Harrys Finger lassen den Verschluss meines letzten verbliebenden Kleidungstücks aufspringen, so gekonnt, dass ich mich frage, wie viele Male er dies schon getan hat. Doch sein Blick lässt mich fühlen, als wäre es das erste Mal. Er hat wieder diesen Ausdruck, dessen Bedeutung sich mir einfach nicht erschließen will. Erst recht nicht jetzt, wo ich mich konzentrieren muss, nicht aufzuhören zu atmen, während er seine Lippen über meinen Körper wandern lässt. Er küsst meinen Bauch und meine Brüste, er küsst mich überall und lässt mich nach Luft schnappen. Er nimmt mir den Atem, während es sich anfühlt, als würde ich fliegen und fallen zugleich.
Ich spüre, wie sich seine Muskeln unter meinen Händen kurz anspannen, als er hinter sich greift und höre, wie er hastig die Folie des Kondoms abreißt. Plötzlich fühlt sich das alles so viel realer an und ein Teil von mir würde am liebsten aufhören. Dieser Teil hat bereits realisiert, dass dies ein furchtbarer Fehler ist. Doch der andere Teil von mir ist schon viel zu weit entglitten und sehnt sich so sehr nach der Erlösung.
„Ich schätze, du hast nicht gelogen, als du sagtest, dass du immer daran denken würdest", murmele ich atemlos. Harry lacht sein raues Lachen und Sekunden später fühle ich wieder das ganze Gewicht seines Körpers auf mir.
Ich spüre, wie er anfängt, sich in mir zu bewegen, erst langsam, dann immer schneller. Seine Hände verschränken sich in meinen und ich weiß nicht, ob ich es bin, die zittert oder er oder wir beide.
Unsere Münder erkunden sich auf eine Weise, die mich ganz fahrig macht. Die nächsten Minuten denke ich nicht mehr, sondern genieße nur noch.
Es dauert nicht lange, dann haben wir beide die Kontrolle verloren und ich brauche einen Moment, um mich wieder zu fangen. Harry vergräbt sein Gesicht an meiner Schulter, flüstert meinen Namen und verschränkt dann unsere Lippen wieder miteinander.
Der Kuss schmeckte nach Verbotenem, nach Verlangen, aber vor allem schmeckte er wie Helligkeit in der schwärzesten Nacht.
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Hallo ihr Lieben!
Das hier ist mit Abstand das längste und auch schwierigste Kapitel, welches ich je geschrieben habe.
Ich habe sexuelle Szenen bislang noch nie geschrieben und wollte es einfach einmal ausprobieren. Deswegen würde mich eure ehrliche Meinung interessieren: Ist es gelungen oder sollte ich in Zukunft lieber darauf verzichten? Mir reicht hier schon ein einfaches, ehrliches "Ja" oder "Nein". Darüber wäre ich echt dankbar, denn nur so kann ich mich beim Schreiben weiterentwickeln.
Ich danke euch fürs Lesen, fürs Kommentieren und auch für jeden einzelnen Vote! Ich freue mich jedes Mal wahnsinnig! <3
PS: Irgendwer, der mir ein paar TV Serien empfehlen möchte? Ich bin auf der Suche nach einer neuen süchtigmachenden Serie ;)
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