7. Informationen
In Ordnung, es war also nicht ganz so abgelaufen, wie Dain es geplant hatte. Eigentlich war es sogar völlig anders abgelaufen, aber er wollte nicht allzu kleinlich sein. Wenn Sumse nicht wusste, wo der Junge zu finden war, musste er eben eigene Nachforschungen anstellen. Vielleicht sollte er Arins Schwester fragen? Natürlich unauffällig. Und vorsichtig. Immerhin war es die Eisfeder. Wobei ihre Taten wahrscheinlich gnadenlos übertrieben dargestellt wurden. Es war kaum vorstellbar, dass sie im Alleingang einen Schmugglerring zerschlagen hatte. Oder als letzte Leibwache den Anschlag auf Königin Querce verhindert hatte. Gerüchte neigten einfach dazu, ein Eigenleben zu entwickeln. Was konnte ein Nympfchen schon einem Feuerfeender entgegensetzen?
Zunächst galt es herauszufinden, wo er mit dem Nymphchen plaudern konnte. Ungezwungen und vorzugsweise abgelegen. Er war nicht scharf darauf, den Rest ihrer Wachmannschaft zu treffen. Oder eine weitere Schlappe zu erleben. Glücklicherweise hatte er dafür genau die richtigen Kontakte.
Der kleine Laden lag nicht weit entfernt von Sumses Villa, doch die Viertel unterschieden sich voneinander wie Glut und Flamme. Im Schneiderviertel war von der strengen Hand des Königinnenhauses nichts mehr zu spüren. Keine Patrouillen, kaum Struktur. Gerade deshalb wirkte der Bezirk trotz der Nachtzeit viel belebter, als der Rest der schlafenden Stadt, die tunlichst der Steingarde aus der Weg ging. Der Übergang zwischen reich und arm erfolgte fließend. Zunächst wurden die Häuser kleiner, dann zunehmend baufälliger. Es stank weniger nach Ehrgeiz, sondern mehr nach Gras, Borke und Wasser. Ab und an schnupperte er den Duft von Kohle und Gauklerkraut. Spelunken sprossen wie Pilze zwischen den Wurzeln empor. Eine Gruppe von wilden Satyrkindern stürmte kreischend durch die Gassen, während ein paar Träger fluchend auswichen, ohne ihre Last zu verlieren. Es war ein wildes Durcheinander. Endlich konnte er seine Kapuze absetzen, um in das echte Aera abzutauchen. So sollte eine Stadt riechen, genau wie die Natur, die sie umgab. Aus der sie alle abstammten.
»Heda, mein Hübscher.« Die raue Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Lust auf ein Tänzchen?«
Dain konnte sein Mitleid kaum unterdrücken.
Die ausgemergelte Gestalt drückte sich neben einen Hauseingang in die Schatten. Die Blumen in ihrem Haar sahen blass und vertrocknet aus. Eine Wiesennymphe, kaum erblüht. Die Stadt meinte es nicht gut mit denen, die abseits der Häuser existierten. Die Art, wie sie die Hand nach ihm ausstreckte, wirkte eher verzweifelt als einladend. Doch es sprach auch von Mut, einen Feender anzusprechen.
Ohne hinzusehen, zog Dain eine Münze aus seinem Beutel. Viel hatte er nicht, aber das, was er besaß, zählte hier einiges. Er legte das Geldstück in ihre ausgestreckte Hand.
Ihre Augen weiteten sich, als sie den Wert erkannten. Sie strahlten wie Sommerblumen, glichen einem goldenen Lichtstrahl im Dämmerlicht des Waldes. Die Nymphe zog an seiner Hand, wollte ihn scheinbar in die dunkle Gasse neben dem Haus ziehen.
Sanft schloss er ihre Hand um die Münze. Seine dunkle Haut hob sich deutlich von ihrer ab. Er schüttelte den Kopf. »Tanze allein, kleine Blume. Nur für dich.« Mit einem letzten Lächeln, das hoffentlich ermutigend aussah, ließ er sie stehen.
Ein leichter Windhauch fuhr durch seine Haare und ließ die schwarzen Strähnen fliegen. Er wartete einen Moment, bis er das Klacken der Haustür hörte. Das unbekannte Mädchen war in Sicherheit, zumindest soweit es in dieser Gegend möglich war. Das Schneiderviertel war nicht der Ort, in dem jemand mit Münzen herumstehen sollte. Er spürte förmlich die gierigen Blicke aus der Dunkelheit. Sein spöttisches Lächeln sollte Drohung genug sein. Er musste seinen Kopf nur ein wenig in Richtung der Nachtpilze neigen, um die Spitzen seiner Zähne aufblitzen zu lassen. Niemand bewegte sich, so dass er einfach weiter schlenderte.
Sein Ziel lag in einer Nebenstraße, nahe des Schneidermarktes. Das verblasste Schild zeigte einen geöffneten Sack. Farafin hatte ihm einmal anvertraut, dass es sich bei den gelben Punkten darin um Senfkörner handeln würde. Sicher konnte er sich aber nicht sein. Darüber prangte die geschwungene Schrift. Der Gewürzhändler.
Es roch nach Famiskraut und Currypulver. Ein scharfer, aber nicht unangenehmer Duft. Er verstärkte sich, als Dain in die schmale Gasse einbog, die rechts am Geschäft vorbeiführte. Sein letzter Besuch lag ein paar Jahre zurück, aber es hatte sich nichts verändert. Die Tür war unverschlossen. Sie diente nicht dazu, jemanden auszuschließen. Wer einen Handel nicht bezahlen konnte, wurde eher zurückgehalten. Zumindest bis man eine einvernehmliche Lösung gefunden hatte.
Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Das Mondlicht fiel nur durch ein paar Ritzen in den Raum. Es reichte. Um ihn herum standen hohe Regalwände mit allerlei Büchern und Gläsern. Es wirkte chaotisch, aber gepflegt. Die Rückwand bestand aus gestapelten Fässern. Sie dufteten wundervoll, nach Vanille und Apfel. Dazwischen ein Hauch von Zitrone. Tee. Zwischen den Fässern hing ein neuer Vorhang, der aus kleinen Holzstäbchen bestand. Zumindest hoffte er, dass es Holz war. Es könnten auch Knochen sein. Aber wer würde sich schon so etwas aufhängen? Es war bestimmt nur Holz. Auf einem Tresen stand eine kleine Glocke. Er kannte die Regeln. Langsam hob er sie hoch und bewegte ihren Körper, so dass der Klöppel gegen das Metall prallte. Einmal, zweimal. Dreimal.
Noch ehe der helle Ton verklang, raschelte der Vorhang und offenbarte eine verhutzelte Gestalt mit einer Laterne.
Dain musste blinzeln, um die Helligkeit zu verarbeiten.
Der Mann ging gebeugt auf den Tresen zu. Die Holzstäbchen knallten erneut gegeneinander, dann erschien der Alte wieder. Offenbar war er auf einen Schemel geklettert, um in Augenhöhe zu sein. Schweigend musterten sie sich. Anstatt von Haaren trug sein Gegenüber weiße, zum Teil brüchige Federn. Sein zerfurchtes Gesicht offenbarte ein hohes Alter, nur die blauen Augen passten nicht zu der Erscheinung. Sie sprachen von Gerissenheit. Der vergangenen Zeit zum Trotz erkannte ihn Dain sofort.
»Heda, Farasin. Erinnerst du dich an mich?«
Der Alte verzog keine Miene, blieb regungslos wie der Raubvogel, der Teil von ihm war. Weißer Kaplan. »Dain Funkenschlag.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Du kamst zu mir, um einen Weg aus der Stadt zu erfahren. Das ist jetzt vierzehn Jahresläufe her. Was kann der Gewürzhändler für dich tun?« Farasin verkaufte nicht nur Körner und Kräuter. Der Schmuggel von Tee war wahrscheinlich ähnlich lukrativ wie der Handel mit Gerüchten. Es bestand die Möglichkeit, dass der Alte wusste, wo er Arin finden konnte.
Doch wollte Dain den Jungen nicht in das Zentrum fremder Aufmerksamkeit rücken. Informationen konnten weiterverkauft werden. Es machte keinen Sinn, vom Pfad abzuweichen. Gerade nicht bei jemanden, der ein so gutes Gedächtnis hat. »Ich bin auf der Suche nach der Eisfeder«, antwortete Dain.
Der Alte legte seinen Kopf schief, um ihn neugierig zu mustern. »Was hast du denn mit ihr zu tun?«
Vorsichtig erläuterte Dain ihm sein Vorhaben, die Eisfeder zu finden, zumindest soweit es der Gewürzhändler tatsächlich wissen musste.
Es dauerte etwas, bis Farasin mit dem Lachen fertig war. Zwischenzeitlich hatte Dain Angst gehabt, der alte Satyr würde ersticken. Tränen liefen über die runzelige Haut, bis sie vom Kinn auf den Tresen tropften. Dort bildete sich eine Lache auf dem dunklen Holz. »Das nennst du Plan?«
Es war lange her, seit es jemand gewagt hatte, dem Anführer der Rebellen ins Gesicht zu lachen. War es überhaupt schon einmal vorgekommen? »Ich habe dich um Informationen gebeten, nicht um eine Bewertung meines Vorhabens.« Immer wenn Dain gereizt war, schimmerte seine Herkunft durch die Worte. So gerne er diesen Umstand verheimlicht hätte, es gelang ihm nicht.
Mit einer zitternden Bewegung wischte sich der Gewürzhändler die Augenwinkel trocken. »Ist ja gut. Beruhige dich.« Er atmete tief ein. »Aber ist dir wirklich klar, wem du da nachstellst?«
»Einer Seenymphe.«
»Einer Seenymphe?«, wiederholte der Satyr ungläubig. Farasin glich mehr einem Papagei als dem Kaplan, dessen Merkmale er trug. »Wir reden hier von der Nymphe, die dich mit bloßen Blicken vereisen kann, ja?«
Dain seufzte. »Wie alle anderen kocht sie auch nur mit Wasser. Asche und Staub, erinnerst du dich daran, was ich bin?« Er ließ eine winzige Flamme zwischen seinen Fingern erscheinen. Eine flackernde Warnung.
Nachdenklich starrte der Gewürzhändler in Dains Gesicht. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis Farasin ihm antwortete. »Nun, es ist zweifelsfrei dein Hals und es steht dir frei, ihn in jede Schlinge zu legen, die dir passend erscheint. Und du hast recht: Was kann ein Gewürzhändler wie ich schon von Wahrscheinlichkeiten wissen? Falls es dir gelingt, die Eisfeder wie auch immer zu stören - meinen Segen hast du.« Zielsicher spuckte der Alte in einen Napf am Tresenrand. »Das Wasserweib hat mich mehr als einmal eine gute Ladung Tee gekostet.«
Es war schwer, bei dem klatschenden Geräusch des Aufpralls nicht zusammen zu zucken. Wieder rettete ihn sein Schauspieltalent. Da schlug er sich seit Jahren mit Ausgestoßenen herum, reagierte aber immer noch zimperlich auf fehlende Manieren. Seine Mutter wäre bestimmt stolz auf ihre Erziehung. »Also weißt du, wo sie sich aufhält?«
»Mein Junge, ich kenne von allen goldenen Wachen die wichtigsten Details.« Der Alte neigte seinen Kopf, während er Dain aus starren Raubvogelaugen beobachtete. »Normalerweise haben meine Informationen einen Preis, aber diese schenke ich dir. Betrachte sie als Segenswunsch für dein Unterfangen.«
Dain hasste es, wenn ihn jemand als Junge bezeichnete. Dennoch, auch ein geschenkter Funken konnte vor der Kälte schützen. Daher nahm er das Geschenk gerne an. »Danke.«
»Wir werden sehen. Die Eisfeder wohnt im Flussviertel, über einer Schenke, die sich Meer der Tränen nennt.«
Dain nickte, dann drehte er sich zum Ausgang.
»Möge euer Lachender Gott auf dich aufpassen.« Farasins Worte waren beinahe zu leise, um sie zu verstehen. Nun, ein guter Segen hatte noch niemandem geschadet.
Dain legte den Kopf schief und nahm ihn mit einem leichten Lächeln an.
Als er den Gewürzhändler verließ, hatten sich selbst die Straßen im Schneiderviertel geleert. Die Mitte der Nacht war längst vorbeigezogen und jeder Einwohner war mit seinen eigenen Dingen beschäftigt. Die meisten davon fanden wahrscheinlich in einem mehr oder weniger bequemen Bett statt. Beim Gedanken an seine gemütliche Schlafstätte konnte Dain ein Gähnen nicht unterdrücken. Es war ein langer und anstrengender Tag gewesen. Doch es brachte nichts, es sich anders zu wünschen. Es gab noch einiges zu tun.
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