60. Unterstützung

Die Müdigkeit lähmte Sumse, drückte sie nieder und verlangsamte ihre Gedanken. Ein goldener Körper schob sich vor sie, um sie gegen die Angreifer abzuschirmen. Würden sie es schaffen?

Ihre Knie gaben nach, aber sie fühlte nichts, als sie auf dem Boden auftrafen. Mit letzter Kraft hielt sie sich aufrecht.

Alles wurde langsamer. Die Schreie, die springenden Körper. Eine Glocke hüllte Sumse ein.

Der Eisfeder erging es auch nicht besser. Ihr Brustkorb hob sich heftig, aber das Eis an ihren Armen war verschwunden. Um sie herum türmten sich die Golems. Woher hätten sie das auch wissen sollen?

»Wie schade, dass sich hier kein Fluss in der Nähe befindet, nicht wahr? Ihr habt ihn überquert und hinter euch gelassen«, gurrte die Anführerin. Mit einem Satz sprang sie von der Säule und schlenderte auf die Nurise zu. Schweiß lief über ihr Gesicht, aber ihr Ausdruck war siegessicher. »Aber hier findest du kein Wasser. Hier bist du auch nur eine schlichte Seenymphe, ohne besondere Macht.«

Die Eisfeder hob ihren Kopf. Ihren Bewegungen fehlte es an Eleganz. War ihr Kampfgeist gebrochen? Doch dann lächelte sie.

»Ist das so?« Der Stock glitt aus ihrer Hand. Aber anstatt ihn aufzuheben, beugte sich die Eisfeder vor und strich über die Stirn einer gefallenen Blutnymphe. Tropfen glitzerten auf ihren Fingern.

Ihre Gegnerin zischte und stürmte los. Aber die Eisfeder war schneller.

»Komm«, schrie sie und die Feuchtigkeit sammelte sich auf ihrer Hand. Doch sie kam nicht nur von den Gefallenen, auch Sumses Körper war plötzlich trocken. »Erfülle!«

Als der zweite Befehl ertönte, jagten die Tropfen auf ihre Gegnerin zu und hüllten sie ein. Ein Nebel bildete sich um die Frau, die plötzlich anhielt und mit sich mit den Fingern über das Gesicht kratzte.

Ein Schrei ertönte und eine junge Blutnymphe sprang auf hinzu. Doch auch sie konnte der Anderen nicht helfen. Mit verdrehten Augen sank ihre Anführerin zu Boden.

Die Zeit stand still. Sumse hörte ihre eigenen Atemzüge, spürte das Moos unter ihren Händen, aber sie war zu schwach.

Nurise griff nach ihrem verlorenen Kampfstab, aber sie konnte ihn nicht fassen. In den Augen der jungen Nymphe schimmerte Wut und Hass. Sie sprang auf die Eisfeder zu, die ihren Stand verstärkte.

Aber es reichte nicht. Sumse kannte den Preis der Magie nur zu gut. Die Eisfeder musste ihn nun zahlen. Wie ein gefällter Baum stürzte sie zu Boden.

Mit zusammengebissenen Zähnen griff Sumse tief in sich hinein. Schickte ihre Kraft in die Erde und fand eine Wurzel. »Binde«, forderte sie und die heranstürmende Blutnymphe stolperte, als ihr Fuß sich verfing.

Dann kam Bewegung in die goldenen Wachen. Eine einzelne weißhaarige Nymphe kämpfte sich nach vorne. Wobei, waren das Flügel auf dem Rücken?

Sumse legte ihren Kopf auf den Boden und ballte ihre Fäuste. Ihre Nägel grube sich schmerzhaft in die Haut und hielt sie wach.

Ja, kein Zweifel. Dort stand Arin, der sich über dem Körper seine Schwester aufbaute. Schwarze Schwingen breiteten sich über ihm aus. Er hob den Stab seiner Schwester auf und nahm Kampfposition ein.

Sumse blinzelte. Als sie erneut aufsah, lag eine weitere Nymphe am Boden. Arin humpelte, bewegte seine Flügel aber blitzschnell, um sein Gleichgewicht zu wahren.

Vor ihr schrie eine Goldnymphe auf und ging zu Boden. Eine Blutnymphe stieg über die Gefallene. Ihr Blick fand Sumse.

Nicht gut.

Verzweifelt versuchte sie aufzustehen, aber ihre Hand glitt immer wieder aus. Ein böses Lächeln umspielte die Lippen der Frau. Mit dem Fuß trat sie kräftig in Sumses Bauch. Der Schmerz war schrecklich.

Sie rollte sich fort, aber die Nymphe folgte ihr. Plötzlich glitt ein Schatten über Sumse hinweg. Kam Arin ihr zu Hilfe?

Aber es war kein Satyr.

»Hallo Nymphchen. Brauchst du etwas Unterstützung?«

Sumse hustete, eine richtige Antwort tat zu weh.

»Verschwinde Feender. Das ist nicht dein Kampf«, zischte die Blutnymphe.

»Mag sein. Aber ich mag Kämpfe. Wie sieht es mit dir aus?«

Schreie ertönten. Sumse blickte hinter Dain und sah eine bunte Truppe an Gestalten. Eine Fee warf mit flammenden Kohlestücken. Ein Mann mit blauer Haut drehte sich im Kreis und wirbelte etwas zwischen seinen Händen herum. Neben ihm knurrten und bissen sich zwei Hunde ihren Weg.

»Ah«, murmelte Dain. »Endlich sind wir einmal alle zusammen.«

Die Blutnymphe zischte. Ihr Blick huschte von Sumse zu Dain. Dann stieß sie einen Pfiff aus und drehte sich um. Nach und nach zogen sich die Blutnymphen aus dem Kampf zurück. Die Golems folgten. Ohne innezuhalten griffen sie nach den bewusstlosen Blutnymphen und eilten in den Wald.

»Wirst du jetzt ohnmächtig, Nympchen?«

»Asche und Staub«, keuchte Sumse. »Nicht in diesem Leben.«

»Schade. Ich sehe mich gerne in der Rolle des rettenden Helden. Dem die Frauen aus Dankbarkeit vor die Füße sinken.« Eleganter, als sie es ihm zugetraut hätte, beugte sich Dain vor und reichte ihr die Hand.

Sumse schlug ein und ließ sich aufhelfen. »Das hat andere Gründe, glaub mir.«

»Geht es?«

Zitternd sog sie die Luft ein. Ihr Körper war zerschlagen und leer. Aber solange sie stand, würde sie schon noch genug Kraft finden. »Was machst du hier?«

»Dachtest du, ich lasse euch den ganzen Spaß?«

Trotz der Müdigkeit musste sie lächeln. »Nein, auf keinen Fall.«

Ein helles Licht strahlte auf Sumse hinab und erschrocken riss sie die Augen auf. Woher stammte es?

Dain schaute nach oben. Über ihr leuchtete eine Scheibe am Himmel, tauchte die Lichtung in ein blasses Licht. »Hast du ihn nie zuvor gesehen?«

»Die Nachtkugel? Nein. Bisher nicht.« Es hatte kein Grund bestanden, Areas schützendes Blätterdach zu verlassen. »Und du?«

Sein Seufzen klang ein wenig wehmütig. »Auf der Suche nach den Zutaten. Sie ist schön, nicht wahr?«

Das stimmte. Auf der Oberfläche der Kugel erkannte Sumse Täler und Hügel, die für unterschiedliche Schattierungen sorgten. Den Blick abzuwenden war eine Herausforderung.

»Ein paar Male habe ich auch hier schon den Himmel gesehen, aber er war immer mit Wolken verhangen«, ergänzte Dain. »Heute meint es der Lachende Gott wirklich gut.«

Das Licht reichte aus, um Einzelheiten zu erkennen. Arin stützte seine Schwester und von der Seite gingen eine Fee und ein Satyr auf sie zu.

Dain drehte sich um. Seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen, als die Beiden sie erreichten. »Also habt ihr uns gefunden.«

Die Fee schüttelte den Kopf, doch es schien mehr stille Resignation zu sein als Ablehnung. Dieses Gefühl in Hinblick auf Dain war Sumse durchaus bekannt. »Lohandin hat das Kohlestück gefunden. Als wir den Fluß überquerten, haben wir euch gehört.« Anmutig verbeugte sie sich vor Sumse. »Ich grüße euch, Ehrwürdige Weidensang. Mein Name ist Alipe Donnerschlag, ich bin Dains Mutter.«

Auch wenn die Fee wesentlich beherrschter wirkte als ihr Sohn, so verband sie die gleiche dunkle Haut. Selbst die Knochenscheiben auf der Nase ergaben ein ähnliches Muster. »Ich kenne euch!« Sumse neigte ihren Kopf und schluckte. »Ihr wart die Vorsitzende vom Haus des Feuers.«

»Ach, diese alte Geschichte.« Dain schaute erneut zum Himmel und legte den Kopf schief.

Aber da war noch mehr. Sumse überlegte. »Doch, ich erinnere mich. Damals habt ihr einen Nachfolger benannt und seid zurückgetreten.«

Die Augen der Fee funkelten.

Sumse starrte Dain an. »Euren Sohn. Der die Führung des Hauses aber abgelehnte.«

Immer noch reagierte Dain nicht auf sie. Ob sie ihn treten sollte?

»Grüßt Eure Mutter von mir. Es war immer eine Freude, mit der Konsulin zu verhandeln.«

»Dain!«, knurrte Sumse und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Endlich schaute er sie an. »Du hättest das Haus des Feuers führen sollen? Du bist der Sohn von Alipe Donnerschlag und sagst mir nichts davon?«

Er zuckte mit den Schultern. »Was hätte es geändert? Das System ist falsch. Das Prinzip der Häuser beruht auf einem alten und feindlichen Brauch, der sich darauf stützt, Schwächere zu benachteiligen. Daran wollte ich keinen Anteil haben. Meinen Cousin hat das weniger gestört, daher ist er Patron und ich bin es nicht.«

»Aber, die ganzen Möglichkeiten ...?«

»So sehr ich die Gespräche mit dir schätze, im Moment habe ich für politische Spielereien keine Zeit. Ich muss los.«

Sumse blinzelte.

Der Satyr nutzte die Stille. »Habt ihr euren Neffen gesehen?«

»Elain? Nein, wird er auch vermisst?«

Dains Mutter nickte. »Ich werde schauen, was wir herausfinden können. Geh, wenn du musst.«

Ohne sich zu verabschieden, lief Dain los. Sumse folgte seiner Gestalt, bis sie im Schatten der Bäume verschwand. Wieder setzten sich sein paar Puzzleteile in Sumses Kopf zusammen. »Elain Feuerfuss? Er ist Dains Neffe?«

»Ja. Er hat für mich gearbeitet.« Was hieß das. Sollte er sie ausspionieren? »Ich wusste nicht, dass er mit Dain verwandt ist.«

Alipe antwortete. »Die meisten Feen und Feender sind direkt verwandt. So viele gibt es nicht mehr von uns.«

Eine Wolke schob sich vor die Mondkugel und tauchte die Lichtung wieder in gedämpftes Licht.

»Wir werden uns ein wenig umschauen«, erklärte Alipe und ging auf die kleine Gruppe von Rebellen zu, die sich abseits der Anderen versammelte. Sumse zählte zwölf Köpfe. Eigentlich kein Wunder, dass die Rebellen kein großes Thema im Floratium waren.

Langsam ging sie zu Arin und Nurise, denen sich ein großer Hund angeschlossen hatte, der sie schwanzwedelnd begrüßte. Die Eisfeder hob müde den Kopf, als sie näher trat. »Du hast Dain gehen lassen?«

»Ich hätte ihn nicht aufhalten können, selbst wenn ich es gewollt hätte«, erwiderte Sumse.

Arin verlagerte sein Gewicht, wirkte aber erholter als noch vor ein paar Lichtwechseln. »Aber ist es nicht eigentlich deine Pflicht, Rebellen zu jagen?«

»Ja. Sumse und ich werden für uns für diese Entscheidung vor der Königin verantworten müssen.«

»Wir werden die Konsequenzen tragen«, stimmte Sumse zu.

»Sie sind es wert.« Nurise strich ihrem Bruder erst eine Strähne aus der Stirn, dann glättete sie die Ecken seines Kragens. »Gold steht dir gut, kleiner Bruder. Lass uns nach Hause gehen.«

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