6. Abstieg

Mit jeder Stufe, die Arin hinabstieg, kam er der Musik, die aus dem Inneren des Baumes drang, näher. Ein Spektakel aus Flötenklängen und Trommeln. Es waren diese Töne gewesen, die ihn gelockt hatten. Die Lieder und das Lachen. Es klang fröhlich, überdreht und einladend. Die Treppe führte ihn immer tiefer in den hohlen Baum hinab. Schon zwischen den Wurzeln hatte er die Einkerbungen gesehen, die auf die Art des Etablissements hinwiesen, das ihn dort unten erwarten würde. Eine Taverne für Künstler. Dorada.

Vielleicht war Taverne das falsche Wort. Denn obwohl hier Getränke gereicht wurden, ging es hier um etwas ganz anderes. Etwas Wildes. So hieß es zumindest, denn er selbst hatte ein solches Haus nie zuvor betreten. Das Holz des Baumes fühlte sich warm an, als ob die Stimmung auf die Wand übergegangen wäre. Sein Herz klopfte, neugierig und aufgeregt. Er war der Einzige, der die Treppen entlang ging, die Vorführung hatte längst begonnen. Wieder ein Lachen, ehe donnernder Applaus die Erde von der Decke rieseln ließ. Arin schob sich an hängenden Glühranken vorbei, deren schwaches Licht ihm Hoffnung schenkte. Was hatte er denn zu verlieren?

Endlich erreichte Arin den schmalen Vorraum. Auf dem Hocker vor einem purpurnen Vorhang thronte ein riesiger Satyr. Zwei Hörner wuchsen auf jeder Seite seiner Stirn empor. Alles an seiner Erscheinung, von den zusammengezogenen Augenbrauen bis zu den verschränkten Beinen, deutete auf ein eher ernstes Wesen hin, das zugegebenermaßen im Widerspruch mit dem Kartenspiel auf dem Tisch stand. Wenn Arin die Eicheln und Beeren auf den Blättern richtig deutete, legte der Riese ein Partie Ranke.

Arin schluckte. »Guten Abend.« Arin musste seine Stimme erheben, um die Trommeln zu übertönen. »Ich wollte fragen ...«

Der Stiersatyr brachte ihn mit einer knappen Handbewegung zum Schweigen. »Du bist zu spät. Nimm das nächste Mal den Hintereingang.«

Arin klappte seinen Mund wieder zu. Eine Verwechslung? Er dachte an den mageren Münzvorrat in seinem Beutel. Vielleicht konnte er es zu seinen Gunsten nutzen?

»Oh, gut zu wissen. Ich, ähm, wusste nicht, ob ich erwartet werde.« Ein Satz, der vage genug sein musste.

»Jungchen, ich sitze hier schon länger, als du alt bist. Ich kann dir deine ganze missverstandene Existenz an den Augenwinkeln ablesen. Und falls das deine nächste Frage ist: Nein, du kommst hier nicht ohne Eintritt rein.«

Arin nickte erschrocken. War er wirklich so einfach zu durchschauen? »Verstehe.«

»Das macht vier Margeriten.«

Nickend kramte Arin in seinen Taschen, bevor er das Gewünschte in die ausgestreckte Hand des Stiersatyrs fallen ließ.

Der Riese grunzte zufrieden, dann schob er mit einer Hand den Vorhang zur Seite. »Herzlich Willkommen in der Tanzwurzel.«

Arin steckte seinen Rücken durch, bevor er hindurchtrat. Überall im Raum standen zu Tischen umfunktionierte Baumstümpfe. Die Wurzeln waren grob abgeschlagen, doch die Platten glichen einer glatten Wasseroberfläche. Die Gäste saßen vereinzelt oder in Gruppen auf geflochtenen Stühlen. Sie tranken aus dickbäuchigen Krügen dampfendes Bier. Einige kamen Arin sogar bekannt vor. Saß dort drüben etwa sein mürrischer Nachbar? Diese Otterbeine würde er unter Hunderten widererkennen.

Ein langgezogener Ton schallte durch den Gastraum. Die Urheberin stand auf der Bühne: eine stark geschminkte Nymphe um deren schlanke Beine sich Efeuranken wanden. Sie trug nur ein knappes Kostüm, das nichts der Fantasie überließ.

Arin schluckte. Von der Bühne selbst hingen lange Ranken hinab, die mit leuchtenden Fäden umwickelt waren. Eine zweites, höher gelegenes Podest bot Platz für mehrere Musiker.

Gegenüber der Bühne erhob sich ein massiver Tresen, der zum Teil aus einer Wurzel des Baumes zu bestehen schien.

»Aus dem Weg, Schätzchen!« Die Stimme klang nach Bissigkeit und Humor.

Arin drehte sich um und schaute direkt in die warmen Augen eines Waschbären, wobei das Fell im Gesicht das Einzige war, das auf einen Satyren hindeutete. Der Rest des Körpers steckte in einem grünen Kleid, das Arin vage an einen Nadelwald erinnerte. Waren das tatsächlich Tannenzapfen in den dunklen Haaren? Es war die erste Nyr, die Arin sah. Manche hielten sie für eine Abart. Eine Abscheulichkeit, die ihre Herkunft verleugnete und etwas sein wollte, das nicht möglich war: Eine Frau. Es hieß, keine Schminke der Welt konnte aus einem Satyr eine Nymphe machen.

Aus der Nähe betrachtet, glich die Nyr einem Kunstwerk. Nichts an ihr war abstoßend. Lange Locken umrahmten das zarte Gesicht, die dunklen Augen waren mit Kajal und grünen Lidschatten bemalt. Ihr Alter war nicht einzuschätzen. Sie war ein zeitloses Geschöpf.

»Genug gestarrt?« Die Nyr balancierte mühelos ein volles Tablett. An einem Tisch hinter ihm murten ein paar Satyrn und warfen ihm böse Blicke zu.

Schnell trat Arin einen Schritt zur Seite, um die Nyr vorbei zu lassen.

Mit schwingenden Hüften setzte sie ihren Weg fort, bevor sie das Tablett auf die Tischplatte knallte. »Benehmt euch!«, knurrte sie den Durstigen zu. Die Nyr drehte sich wieder zu ihm, musterte ihn für einen Augenblick und zuckte dann resigniert mit den Schultern. »Komm mit, Schätzchen.«

Arin spürte, wie seine Wangen rot wurden. Er neigte schon immer dazu, seine Gefühle in seinem Gesicht zu tragen. Zumindest behauptete das seine Schwester. Aber jetzt wollte er nicht an Nuf denken.

Die Nyr führte ihn zwischen den Tischen entlang, wich mit einem Lächeln tastenden Händen aus und schob ihn anschließend in einen weiteren Gang, der neben der Bühne abzweigte. Die Musik wurde leiser, wummerte aber weiterhin im Hintergrund. Es hörte sich fast wie ein Herzschlag an. Ein paar Türen weiter hing das Bild eines orange-schwarzen Schmetterlings neben der Tür. »Ich bin Admiral«, murmelte die Nyr, bevor sie ihn in das Innere ließ.

Arin kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Raum leuchtete in allen Farben des Regenbogens. Überall waren Kleider, Perücken, Kostüme, Spiegel und allerlei Accessoires verstreut. Es war ein absolutes Chaos.

Admiral schloß hinter ihm die Tür und schwebte zu einer Chaiselongue. Mit einer eleganten Handbewegung schubste sie die daraufliegenden Kleidungsstücke auf den Boden. »So, Schätzchen. Deinem traurigen Welpenblick nach zu urteilen, bist du ein Neuzugang.« Sie klopfte einladend auf den Platz neben sich.

Verwirrt setzte sich Arin. Wo war er hier nur hineingeraten? Er hatte doch eigentlich nur vorgehabt, einen Blick hinter den sprichwörtlichen Vorhang zu werfen. Nicht sein Herz einer Nyr auszuschütten. Aber dennoch. Es fühlte sich richtig an. Als ob ein höherer Geist seine Gedanken verstanden hätte, ertönte lauter Applaus aus dem Gastraum. Ein paar Pfiffe, die schnell verstummten.

»Mein Name ist Arin. Arin Rabenfeder«, begann er, doch Admiral brachte ihn mit einer schnellen Handbewegung zum Schweigen.

»An diesem Ort, zu dieser Zeit ist es nicht wichtig, wie du heißt. Ich möchte wissen, wer du bist.« Eine seltsame Frage an einem seltsamen Ort.

Was tat Arin hier überhaupt? Er sollte sich schleunigst verabschieden und nach Hause gehen. Er trieb sich ohne Sinn und Verstand herum. Seine Eltern machten sich bestimmt Sorgen. »Ein Satyr?«

»Ist das eine Frage?« Ihr Lächeln offenbarte kräftige Zähne.

Eine sanfte Stimme ertönte von draußen durch die Wände. Jemand sang eine Arie. Dieser Ort strahlte so einen Frieden aus. Hatte er denn überhaupt noch ein Zuhause? Oder war es nicht viel wahrscheinlicher, dass sich seine Eltern nach der erlittenen Entehrung von ihm losgesagt hatten?

Arin schluckte. »Die Wahrheit ist - ich weiß es nicht. Ich bin anders.« Es war befreiend, es auszusprechen. »Versteh mich nicht falsch, meine Familie liebt mich.« Hatte sie zumindest, vor dem Zwischenfall.

Etwas leuchtete in Admirals Pupillen auf. Ein kleiner Funke, der den dunkelbraunen Augen im Waschbärengesicht etwas Trauriges verlieh. »Aber sie verstehen dich nicht.« Die Nyr griff vorsichtig nach Arins Hand. »Was also bist du, Arin?«

Und plötzlich kannte er die Antwort. Er umklammerte ihre Hand, griff fest zu, um Kraft aus der tröstenden Geste zu ziehen. »Musik. Ich bin Musik!«

Nyrs Lächeln wurde schelmisch. »Etwas weniger dramatisch, Schätzchen. Bist du ein Sänger oder ein Tänzer?«

»Bei Kisum, ich bin ein Tänzer.«

Admiral beugte sich vor, strich sanft eine Haarsträhne aus Arins Stirn und musterte seine Züge. »Verstehe.« Sie drehte sein Gesicht.

Arin schloß die Augen, um dem Crescendo zu lauschen, das die unbekannte Sängerin im Schankraum zum Besten gab.

»Hm, ich sehe. Aus dir können wir etwas schaffen. Heute Nacht kannst du hier bleiben und morgen kümmern wir uns um einen neuen Namen. Wir können dich ja nicht Schätzchen nennen.«

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