58. Verfolgung
Glücklicherweise neigten Feenkörper dazu, sämtliche Stoffe schneller zu verbrennen als die ihrer feuchteren Verwandten. Der Geschmack der Kekse begleitete Dain weiter, aber seine Wahrnehmung gehörte wieder ihm.
Von der Tanzwurzel schlug er den direkten Weg zum Gewürzhändler ein. Jetzt, wo er seine Verpflichtungen beglichen hatte, würde ihm der Lachende Gott gewiss wieder zugetan sein. Nun galt es, seinen persönlichen moralischen Ansprüchen zu genügen.
Ein paar Satyrkinder liefen an ihm vorbei, dass vorderste war dick bepackt mit mehreren Broten. Immer wieder drehten sie sich um und es überraschte Dain nicht, als er laute Schreie vernahm.
»Diebe! Dreckspack!« Eine verblühte Nymphe stürmte hinter den Kindern her und schwenkte einen dicken Stock. Als sie Dain überholen wollte, lüftete er einen Flügel und die Frau blieb erschrocken stehen.
»Verzeihen Sie, Gnädigste. Ich habe Sie gar nicht gesehen«, log Dain.
Die Nymphe hob ihren Stock, als ob sie ihn schlagen wollte, überlegte es sich dann jedoch anders und starrte den flüchtenden Gestalten hinterher.
Dain ließ Kraft in seine Feensprech fließen. »Die Kinder waren bestimmt hungrig.«
»Das waren sie«, erwiderte die Blumennymphe.
»Es wird ihnen besser gehen, wenn du ihnen ab und an etwas geben könntest. Soweit du es entbehren kannst.«
»Das kann ich.« Mit einem Lächeln verneigte sie sich und ging zurück. Dain nickte. Es waren die kleinen Dinge, die das Leben in Area besser machen würden. Dort sollte er ansetzen.
Die Glocke über der Tür bimmelte, als Dain den Gewürzhändler aufsuchte. Dieses Mal stand Farasin bereits hinter dem Tresen. Seine Blicke verfinsterten sich, als er Dain wahrnahm. »Du Staubhirn, elendes! Was hast du dir dabei gedacht, mir die Eisfeder in den Laden zu schicken?«
Dain hob mahnend seinen Finger. »Reg dich nicht auf, Farasin. Das tut dir nicht gut.«
»Ich werde -«
»- mir jetzt meine Frage beantworten.«
Der ältere Satyr blinzelte. Seine Raubvogelaugen ließen Dain keinen Moment aus den Augen. »Und warum sollte ich das tun?«
»Nun«, begann Dain und klopfte sich auf die Tasche, bis er einen letzten, krümeligen Brandring fand. »Du wolltest mir nicht glauben, dass sie noch lebt. Es war damit deine Entscheidung.«
»Meine Entscheidung?« Farasin sog immer schneller Luft ein, bis er einem Dampkessel vor dem Ausbruch glich.
»Ja.« Dain schob den Keks zu dem Satyr rüber. »Hier, ein Friedensangebot. Jetzt ist doch alles klar, oder?«
Der alte Gewürtshändler starrte wortlos zu ihm hinüber. Zuerst zuckten seine Wangen, dann sein Bauch. Schließlich begann er schallend zu lachen. »Du bist wahrlich ein Sohn des Lachenden Gottes. Genauso verrückt und durchtrieben.«
»Ich geben mein Bestes.«
Langsam griff Farasin nach dem Brandring und brach ihn entzwei. Dann schnüffelte er. »Was ist da drinnen?«
»Buchenmehl, Ahorsirup und eine Spur Traumfinder.«
»Oh«, der Alte leckte sich über die Lippen. »Dann danke ich dir. Das ist aber wohl eher etwas für später. Wenn das Geschäft geschlossen hat.«
»Mir war gar nicht bewusst, dass du auch schließt.«
Farasin zwinkerte. »Ab und an. Nicht regelmäßig. Nur, wenn es einen Anlass gibt.«
»Dann können wir jetzt über das Geschäftliche reden?«
Mit einer Hand wischte Farasin den Keks und die Krümel auf einen Teller. »Das können wir.«
»Gut. Ich suche einen Mann. Einen Satyr, der für Konsulin Seidensang arbeitet. Meines Wissens nach ist er untergetaucht.«
Der Gewürzhändler legte seinen Kopf zur Seite und starrte ins Leere. Dann pfiff er kurz und zog ein Buch unter dem Tresen hervor. Sein Finger glitt die Zeilen entlang. »Du hast Glück. Junge. Dein Satyr war hier, vor ein paar Kerzen. Er wollte eine sichere Passage. Die wird heute nacht stattfinden.«
Endlich spürte Dain wieder die Nähe seines Gottes. »Heute Nacht? Wie praktisch. Wo ist er untergebracht?«
Farasin lächelte. »Im Rabenfeind. Kennst du die Kneipe?«
»Ich kenne sie.« Mit einem Nicken verabschiedete er sich und stieg die Stufen hinauf.
»Dain«, hielt ihn der Gewürzhändler zurück.
»Ja?«
»Schicke mir nie wieder eine Goldwache ins Geschäft.«
Über seine Schulter blickend warf sich Dain in die perfekte Abschlusspose. »In Ordnung. Und du, zweifle nie wieder an meinem Wort.«
Ohne eine Antwort abzuwarten verließ er das Geschäft, begleitet von Farasims heiserem Gelächter.
Das war doch ganz gut gelaufen. Passagen aus der Stadt hinaus hatten das Ziel, die Goldwachen zu umgehen. Daher fanden sie frühestens zur dunkelsten Stunde statt. Die Dämmerung hatte gerade erst eingesetzt, damit blieben ihm noch mehrere Kerzen, die er nutzen konnte, um das Gelände um den Rabenfeind auszuspionieren.
Gerade als Dain in Richtung Flussviertel abbiegen wollte, stutzte er. Gestalten schlichen durch die Nacht.
Nacheinander nutzten sie den Schatten zwischen Mauern und Glühranken, um unentdeckt die Straßen zu passieren. Dain verharrte. Eine der Wachen drehte sich um und goldene Beschläge blitzten unter einem dunklen Mantel hervor. Goldwachen?
Dains Augen huschten von den Goldwachen zur Abzweigung, die er eigentlich jetzt nehmen müsste. Offensichtlich hatte sich die Eisfeder auf den Weg gemacht. Jetzt musste er sich entscheiden - folgte er seiner Moral oder seiner der Loyalität, die er neuerdings fühlte?
Erst als die letzte Nymphe zum Stadttor schlich, traf er seine Entscheidung.
»Asche und Staub. Wehe, das geht nicht schnell.« Dain folgte den Wachen mit deutlichem Abstand.
Am Tor trat eine der Nymphen vor. Ein Beutel wechselte den Besitzer und die Steingardistin öffnete eine schmale Pforte in der Eingangstür. Dain beschleunigte seine Schritte, stülpte seinen Umhang über und schlüpfte hinter der letzten Goldwache aus der Stadt hinaus. Niemand wunderte sich, niemand zählte nach. Es war beinahe zu einfach. Seine Schritte störten einen winzigen Nachtfalter, der steil nach oben schoß, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Dain streckte seine Hand aus. Das Tierchen landete zitternd auf seiner Hand. Mit leiser Stimme erteilte er dem Tier Befehle. »Wiederhole.«
»Wiederhole.« Die Antwort des Tieres war kaum zu vernehmen. Dennoch, es musste reichen.
»Suche die Feuerfee in den Höhlen im Norden der Stadt. Sage ihr: Ich brauche euch.« Wort für Wort wiederholte der Falter Dains Worte. Zufrieden warf er das Tier in die Luft und eilte weiter.
Als sie den Wald betraten, ließ er sich zurückfallen, bis die Nymphen zwischen den Bäumen kaum noch zu sehen waren. Dain folgte ihnen nach Norden. Ihr Tempo war ausdauernd, wenn auch nicht besonders schnell.
Die Goldwachen folgten immer dem Wasser, umrundeten den großen See und eilten dem Zufluss nach immer tiefer ins Hinterland Areas. Hier waren die Bäume stärker den vom Norden hinabwehenden Winden ausgesetzt. Dickes Moos bedeckte die Rinde und hing selbst von den Ästen herunter. Die Dunkelheit war absolut, aber trotzdem fanden sich die Nymphen zurecht. Ihr Weg dauerte mehr als zwei Kerzen und mehr als einmal war Dain versucht umzudrehen. Wem wollte er überhaupt etwas vormachen? Es war höchst unwahrscheinlich, dass seine neue Freundin die Hilfe, die Dain geben konnte, überhaupt brauchen würde.
Kurz vor der Grenze zu Illismea drehten die Wächterinnen bei und überquerten den Fluß. Einige hatten Schwierigkeiten, auf den nassen Steinen ihr Gleichgewicht zu halten. Wahrscheinlich hatte die Eisfeder nicht nur Wassernymphen um sich versammelt.
Am Fuße eines Baumes rief ein ein weiteres Mal seine Kraft. Vorsichtig isolierte er ein Stück Totholz, schirmte es ab und erhitzte es, bis er Kohle in der Hand hielt. Dann legte er die Wegmarkierung neben eine Wurzel, deren Spitzen über dem Wasser hingen.
Schon wieder hielt er sich zu lange auf. Dain schwang sich zur Baumkrone hinauf, kletterte auf den höchsten Ast und entfaltete seine Schwingen. Lautlos stieß er sich ab. Der Wind trug ihn zum anderen Ufer, ohne dass er dem Wasser zu nahe kommen musste. Hoffentlich begriffen die Satyrn irgendwann ebenfalls, dass Flügel alles andere als ein Nachteil zu sein brauchten.
Die Goldwächterinnen schwärmten aus und erklommen einen Hügel. In diesem Teil Areas war Dain mit Sicherheit noch nicht gewesen. Und hier sollten sich nun die Blutnymphen aufhalten? Eigentlich ging ihn dieser Teil nichts mehr an. Weder mit den Blutnymphen im Allgemeinen, noch mit der Anführerin aus Sumses Geschichten hatte Dain Streit. Zwar verband sie der gleiche Auftraggeber, aber wer konnte schon sagen, ob der seinen neuen Gehilfen nicht ebenfalls verraten hatte. Oder würde.
Dennoch, im Zweifel würde er kämpfen. Nicht für die Königin, nicht für dieses Konstrukt, dass sich Aristea nannte. Aber für Freunde.
Die Goldnymphen verteilten sich und kauerten am Boden. Zwei von ihnen schlichen weiter, bis sie die Kante erreichten und nach unten schauten.
Dain musterte die Nymphe, die auf der linken Seite lag. Ihre Kapuze war hinab gerutscht und enthüllte schneeweiße Haare. Dain kannte diese Haare. Dort war also jemand, für den er Kämpfen würde.
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