56. Backfreuden

»Wie lange wird es wohl dauern?« Dain beugte sich über Sioms Schulter, aber sie ignorierte ihn.

Aus dem Kessel stieg ein blassgrüner Rauch auf. Während die Hexe lautlos ihre Lippen bewegte, fügte sie eine Zutat nach der nächsten hinein.

»Ich könnte dir helfen. Wenn es schneller gehen soll?«

Siom hob ihren Blick. Ihre Augen leuchteten im magischen Grün ihres Schmucksteins. »Hüte dich!«, zischte sie.

Mit ausgebreiteten Händen trat er einen Schritt zurück. Zumindest hatte sie ihn dieses Mal nicht angegriffen, dafür sollte er wohl dankbar sein.

Motti schob ihre Nase gegen das Fenster und die Scheibe beschlug. Seit er sie aus dem Stall abgeholt und ein Großteil seiner Münzen an den Besitzer gezahlt hatte, begleitete ihn eine ungewohnte Ausgeglichenheit. Motti schien ihr neues Plätzchen im Unterschlupf zu mögen und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Schon jetzt freute Dain sich auf den Rückflug, das gleiten über den Baumwipfeln und den Abschlußsturz durch das Loch der Kaverne. Jetzt brauchte er nur noch den Heiltrank. »Aber kannst du in etwa abschätzen, wie lange ...?«

»Dain!«, unterbrach Siom ihn.

»Ja?«

»Wirst du wohl Ruhe geben!«

»Kokssack«, fluchte Dain. Das war einer der Punkte, die ihn schon immer verrückt gemacht hatten - warum musste nur alles so lange dauern. Hatte sie irgendetwas von der Arbeit gemacht? Nein. Man sollte doch meinen, dass das Zusammenmengen von den ganzen Dingen zumindest schnell gehen würde.

Ziellos stiefelte er in den Vorratsbereich. Wenn ihn seine Erinnerung nicht trog, bewahrte Siom hier irgendwo ein paar interessante Leckereien auf. Nach und nach förderte er Zutaten zusammen. Für eine Hexe lebte Siom eigentlich recht feudal. Sie hatte Bucheckernmehl, getrocknete Früchte und Kernöl. Sein Magen knurrte. Vielleicht wurde es Zeit für einen kleinen Imbiss.

In einem kleinen Tiegel fand er Ahornsirup und etwas weiter hinten, versteckt in einem Korb mit Reisflocken, entdeckte er einen Beutel mit Kräutern.

Dain öffnete ihn und schnupperte. Der Geruch kitzelte seine Nase. Woran erinnerte ihn das nur? Etwas, dass seine Mutter in der Küche verwendet hatte? Ganz einordnen ließ es sich nicht, aber der würzige Duft gefiel ihm.

Im Wohnbereich warf Siom eine weitere Zutat in den brodelnden Kessel. Es knallte und selbst von hier drüben konnte er die schillernde Blasen sehen, die mit einem satten Ploppen zerplatzen.

Wahrscheinlich würde es ihn nicht weiterbringen, wenn er Siom bei dem was sie tat ein weiteres Mal unterbrach. Ebensogut konnte er ein paar Kekse backen. Um den kleinen Backofen hatte Dain das Hexchen schon immer beneidet. Der war viel praktischer als das riesige Ding, das sie im Unterschlupf nutzten. Mit der Fingerspitze berührte er die aufgeschichtete Holzkohle, die sich sofort entzündete.

Dain vermischte Mehl mit Öl zu einem festen Teig, den er anschließend mit dem Sirup süßte. Für den Geschmack fügte er noch eine Handvoll Früchte hinzu. Nachdenklich strichen seine Finger über den Beutel. Auch wenn er nicht genau wusste, was das für ein Kraut war, wirklich schädlich roch es nicht. Mit einem Schulterzucken ergänzte er die Masse mit einer großen Portion.

Nacheinander riss er kleine Stücke ab, die er zu einfachen Ringen formte. Dann legte er sie neben die Glut.

Als sich die Tür öffnete, zuckte Dain zusammen. Die Eisfeder schob ihren Kopf herein.

»Ah, das sieht gut aus.« Sie ging zu Siom und musterte den Inhalt des Topfes. »Wie lange wird es noch dauern?«

Die Hexe schnaubte. »Bis es fertig ist!« Eine Böe entlud sich vor ihr in der Luft und peitschte ihr die Haare über den Rücken. »Und ich brauche hier Ruhe!«

Mit einem hellen Pfiff machte Dain auf sich aufmerksam und die Eisfeder zog sich zurück.

»Sie scheint etwas angespannt zu sein«, murmelte die Eisfeder, als sie sich neben Dain an den Tresen lehnte. »Glaubst du, es läuft alles?«

»Ich kann euch immer noch hören.« Eine gelbe Rauchschwade wabberte über den Kesselrand. »Also still jetzt.«

Erneut öffnete sich die Tür und Falk trat ein, dicht gefolgt von Smilla. Lora schaute ebenfalls hinein, nieste aber nach ein paar Schritten und zog sich mit einem Winseln wieder ins Freie zurück.

»Habt ihr gerufen?« Smillas Nase zuckte und sie verzog das Gesicht. »Dauert es noch ...?«

»Ja«, keifte Siom, ohne sich umzudrehen. »Und wenn ihr so weitermacht, wird es noch viel länger dauern!«

Alle versammelten sich neben Dain in der Kochnische. Die Eisfeder lehnte sich gegen am Vorratsschrank, während Smilla und Dain auf dem Tresen Platz nahmen. Falk griff nach dem Sirup und schwenkte die goldene Flüssigkeit.

»Riecht ihr das?«, flüsterte Smilla.

Die Eisfeder legte den Kopf schief und musterte die mittlerweile tanzende Hexe. »Ja. Was ist das?«

»Nein, nicht von dort, etwas anderes.« Mit einem Satz hüpfte Smilla vom Tresen und glitt an ihnen vorbei.

Falk deutete auf den Kräuterbeutel und hob eine Augenbraue, aber seine Gefährtin schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht. Es riecht verbrannt.«

Aus dem Backofen stieg dunkler Rauch auf. »Oh, ich glaube, langsam werden sie!« Dain rieb sich die Hände, während ihm schon das Wasser im Mund zusammen lief. Wie lange hatte er keine Kekse mehr gegessen?

Die Anderen starrten ihn an.

»Was denn?«

»Was stinkt denn hier so?« Siom trat zu ihnen in den Kochbereich und wischte sich die Hände an ihre Schürze ab. »Hast du etwa wieder gekocht, Dain?«

»Nachdem du es mir verboten hast? Das würde ich doch nicht wagen.« Nacheinander sammelte er die Brandringe ein. »Ich habe gebacken.«

»Die sind ja ganz schwarz«, merkte Smilla an.

»Stimmt. Genauso, wie sie gehören.« Dain biss ab und genoss den kohligen Geschmack des Kekses, der sofort auf seiner Zunge zerbröselte. »Wollt ihr?«

Sioms Stirnrunzeln deutete wohl eher auf eine Ablehnung hin. Selbst die Eisfeder schüttelte den Kopf und Smilla beschränkte sich auf ein Schnauben.

Nur Falk streckte seine Hand aus und nahm sich einen. Vorsichtig kratzte er die Kruste ab und probierte.

Smilla übersetzte. »Er meint, er ist etwas knusprig, aber geschmacklich in Ordnung.«

Auch das überzeugte die Anderen nicht. »Mehr für mich«, entschied Dain daher.

»Ist der Trank jetzt fertig?« Die Eisfeder ging zu dem dampfenden Kessel im Wohnbereich und schaute hinein.

»Nein! Beim achten Hexenzirkel, was denkt ihr eigentlich, was ich hier tue?«

Dain spuckte aus Versehen ein paar Krümel aus. »Zutaten kochen. Ist gar nicht so schwer, wie du immer behauptest, Hexchen.«

Ihr böser Blick durchbohrte ihn. »Ich fertige einen Hexentrank. Die Zutaten sind jetzt vermengt und müssen einkochen. Das dauert.«

Die Eisfeder ging zum nächsten Fenster und sah hinaus. »Es wird spät«, stellte sie fest. »Sumse wartet mit meinen Leuten vor den Toren.«

Im Wohnbereich stieß der Kessel einen Rülpser aus. Um nicht zu kichern, as Dain einen weiteren Brandring, die übrigen verteilte er in den Taschen seines Mantels. »Geht. Ich warte hier und wenn der Trank fertig ist, werde ich ihn Arin bringen.«

Erneut ruhte alle Aufmerksamkeit auf ihm.

»Was ist denn?«, fragte Dain schließlich.

Die Eisfeder kam näher und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich kann nur für mich sprechen, aber das ist das Vernünftigste, was ich je von dir gehört habe.«

»Ach, du übertreibst«, grinste Dain. Ob ihr bewusst war, dass ihre Haare schwebten? Als ob sie einen Blütenkranz tragen würde, nur aus Haaren. Dain konnte gar nicht wegsehen.

Die Eisfeder starrte ihn an, bevor sie Dain in eine feste Umarmung zog. »Ich danke dir, Dain. Du hast mich einmal gefragt, ob ich viele Freunde habe. Nicht viele, ich bin da wählerisch. Aber jetzt habe ich wohl einen mehr.«

Die Offenbarung kam selbst für Dain überraschend und ungelenkt klopfte er auf den Rücken der Wassernymphe. Nacheinander verließen ihn die Anderen, bis er mit Siom zurückblieb. Die Hexe seufzte, musterte den Tresen und griff nach einem Tuch, um die Mehlspuren zu beseitigen. Kleine Leuchtkäfer summten um ihren Kopf. Waren das Glühwürmchen?

Je mehr er von den Keksen naschte, desto hungriger wurde er. Ein weiterer Keks verschwand in seinem Mund.

Als Siom überrascht aufkeuchte, musste Dain sich festhalten, um nicht von der Anrichte zu stürzen. »Dain! Was hast du getan?«

Warum fragte ihn das eigentlich jeder? Ständig? Die Glühkäfer bildeten um ihren Kopf herum eine goldene Krone.

Siom deutete auf den Kräuterbeutel. »Hast du wirklich meinen Traumfinder verbacken? Zu Keksen?«

Winzige lachende Stimmchen umkreisten ihn. Ja, das würde tatsächlich einiges erklären.

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