5. Einbruch

Irgendetwas hatte Sumse aufgeweckt. Vielleicht ein Albtraum? Doch das leise Scharren an ihrem Fenster machte ihr schnell klar, dass es sich um etwas anderes handelte. Um etwas ganz anderes. Jemand versuchte, in ihr Schlafzimmer einzubrechen. Nein, Moment. Der Riegel klapperte und das Fenster schwang auf. Jemand brach gerade ein!

Eine bodenlose Dreistigkeit! Sie brauchte eine Waffe. Natürlich bestand ihr Bett nur aus Kissen und Decken, aber das schwere Buch auf dem Nachtisch sollte ein gutes Wurfgeschoss abgeben. Ihre Finger tasteten auf der vom Fenster abgewandten Seite über das Holz und suchten den dicken Ledereinband. Schritte näherten sich und sie zog die Enzyklopädie der Rindenschädlinge zu sich heran. Schädling gegen Schädling. Der Einbrecher blieb stehen, so dass sich Stille über dem Raum ausbreitete. Eine angespannte, beinahe bedrohliche Stille. Lauernd richtete sich Sumse auf. Ihr Vorhang wurde durch einen Luftzug, der durch das offene Fenster ins Innere drang, gebläht und es zeigte sich eine Lücke. Im schwachen Licht des Mondes nahm sie einen Schemen wahr, gegen den sie ihr Buch schmiss. »Leuchte«, zischte sie. Der Nachtpilz auf dem Beistelltischchen begann zu glimmen. Sumse sprang der Enzyklopädie hinterher, griff nach Stoff und Haaren. Etwas riss, als sie mit aller Macht zog. Der Aufprall warf den Einbrecher um. Jetzt nur noch schreien, um ihre Wachen zu alarmieren. Tief holte sie Luft, da drehte sich der Fremde und sie lag auf dem Rücken. Eine Hand verschloss ihren Mund. Sie trat und traf etwas Weiches.

Ein Keuchen, schmerzhaft, aber nicht laut genug um jemanden zu alarmieren.

Aber vielleicht hatten die Wachen das Poltern gehört und kam nachsehen? Sumse biss zu, bekam jedoch keine Haut zu fassen.

Der Einbrecher knurrte und sie sah dunkle Flügel, die über ihr auffächerten. Keine Federn, sondern eine durchscheinende Membran. Moment, eine Fee? Spitze Zähne funkelten, als der Fremde lautlos fluchte. »Still, Asche und Staub. Ich tue dir nichts!« Ein Feender. Seine Stimme klang beinahe vorwurfsvoll. »Du weckst ja noch das ganze Haus!«

Nun, das war ja auch die Idee gewesen!

Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie ihn. Der Einbrecher besaß tatsächlich die Frechheit, zu lächeln, und sie erkannte die Knochenscheibe, die den Feennasen ihre auffällige Form gaben. »Warte. Ich will nur reden.«

Sumse schnaubte ungläubig. Sein Gewicht nagelte sie auf dem Boden fest und sie nutzte die Zeit, um ihn zu mustern.

Ein langer schwarzer Zopf hing über seine Schultern und bot eventuell einen Angriffspunkt. Wenn es ihr gelang, eine ihrer Hände aus seinem Klammergriff zu befreien. Vielleicht konnte sie ihm auch mit einem gezielten Kopfschlag die Nase brechen.»Also Nymphchen«, begann er.

Sie traute ihren Ohren nicht. Wie konnte er es wagen, sie so zu nennen? Diesem ungeholbelten Stück Kohle würde sie zeigen, dass er sich das falsche Opfer ausgesucht hatte. Sie zappelte, um seinen Griff zu lösen. Wie gerne würde sie ihn nur mit Blicken in etwas Waldiges verwandeln, doch ohne ihre Stimme funktionierte die Magie nicht. Grimmige Borke, warum hatte sie auch ein Buch geworfen, statt ihn sofort unschädlich zu machen?

»Shhh.« Seine goldbraunen Augen leuchteten wie Bernsteinfeuer. »Ich könnte dich einfach mit einem Biss lähmen, wenn es dir lieber wäre.«

Wenn dieses Gerücht über Feuerfeen wirklich der Wahrheit entsprach, warum hatte er es denn noch nicht getan?

»Aber ich will dich nur warnen.«

Warnen? Vor was, nächtlichen Einbrüchen?

»Dein Verlobter wurde vergiftet.«

Überrascht hielt sie still. Arin?

Der Einbrecher schien zu spüren, dass er nun ihre Aufmerksamkeit besaß. In seinen Wangen zeigten sich Grübchen. So richtig bedrohlich sah er eigentlich gar nicht aus. Auch wenn sein Gewicht sie zu Boden drückte und er immer noch ihren Mund verschloß, achtete er darauf, ihr genug Luft zu lassen und nicht weh zu tun. Flüsternd erzählte er ihr eine wilde Geschichte über einen mysteriösen Auftraggeber, das Fest vom vergangenen Abend und ein Blasrohr. Auf der dunklen Haut über seinem rechten Auge erblühte währenddessen ein Veilchen. Dort hatte sie ihn mit ihrem Buch getroffen. Mit jedem seiner Worte entspannte sie sich mehr.

»Ich möchte nur Arin finden. Um ihm zu helfen.«

Sumse runzelte die Stirn. Ihre Gedanken fielen schneller zu Boden als Kastanien im Herbst. Was stimmte nicht? Machte der Feender etwas? Wenn es mehr von ihnen geben würde, wären ihre Fähigkeiten nicht so ein Mythos. Aber sie hielten sich immer so bedeckt. Mit der Zunge fuhr sie an ihren Zähen entlang. Da, eine Erinnerung poppte auf. Ihre Stimmen sollten beruhigend wirken. Der Zauber der Feen.

Ohne zu atmen, verengte Sumse ihre Lider und suchte nach einer auffälligen Maserung in der Vertäfelung. Sie hatte nicht jahrelang politische Verträge ausgehandelt, um sich nun von einer freundlichen Stimme einlullen zu lassen. Konzentration! Nur das Holz war wichtig, alles andere verdrängte sie . Ihre Sinne analysierte seine Worte, blendeten Betonungen und Formulierungen aus. Da war ein Zögern, ein Augenblick der Unsicherheit, der sie auf ein großes Loch in seiner Geschichte hinwies. Es gab nur eine Person, die alle Details dieser Geschichte, soweit sie der Wahrheit entsprach, kennen konnte. Der Feender musste selbst der Attentäter sein.

Weidenschnell bäumte sie sich auf und drückte ihren Körper an seinen. Der Einbrecher riss seine Augen auf und hatte wohl nicht mehr mit Gegenwehr gerechnet. Überrumpelt lockerte er seinen Griff, bis sie ihre Hand befreien konnte. Er versuchte, nachzufassen und ließ ihren Mund los. Das war alles, was sie benötigte.

Ihre Finger glitten über den stabilen Holzfußboden. Das filigrane Bettgestell wäre nicht stark genug, aber die Dielen würden ihn halten. »Fessle«, improvisierte sie und spürte eine Müdigkeit in sich. Zauber, die sie nicht gewohnt war, laugten sie schnell aus. Und sie befahl ihrem Fußboden nicht all zu oft, jemanden zu umschlingen. Das Ergebnis war allerdings zufriedenstellend. Fingerlange Zweige hatten ihn mit dem Boden verflochten. Endlich hatte sie die Oberhand! Mit einem süffisanten Lächeln beugte sich Sumse über ihn und unterdrückte ein Gähnen. Er durfte nicht wissen, dass sie ihre Kraftreserven aufgebraucht hatte. »Was sollte mich daran hindern, den schmierigen Attentäter, der, wohlgemerkt, meinen ehemaligen Verlobten vergiftet hat, durch das Holz meines Fußboden zu drücken?«

»Die Flecken? Blut geht schwer ... « Ihr Gesichtsausdruck musste ihn gewarnt haben, dass sie nicht in der Stimmung für Witze war und er fügte rasch hinzu. »Ich könnte ihn retten.«

»Warum sollte mich das interessieren?«

In seinem dunklen Gesicht zeigten sich wieder die spitzen Zähne, als er grinste. Sie bildeten einen seltsamen Kontrast zu den anmutigen Gesichtszügen. Weich zu scharf. »Weil du ihn, Verlobung hin oder her, magst. Weil du nicht seinen Tod verantworten willst.«

»Es wäre nicht meine Verantwortung«, protestierte sie.

Er schwieg, aber sein Blick sprach Bände. Der Wind blähte den Vorhang, die wie eine Nebelwand über ihren Rücken strich. Sumse erschauderte.

»Grimmige Borke, was willst du von mir?«, fuhr sie ihn an. Die Erschöpfung veränderte sie, machte sie reizbar und forsch.

»Wo ist er hingegangen?«

Sie zögerte, dachte nach. »Ich weiß es nicht.«

Auf dem Flur draußen erklangen Schritte. Ernsthaft? Jetzt kam jemand, der nach dem Rechten sehen wollte?

Der Fremde starrte sie an, mehr neugierig als beunruhigt.

Es klopfte leise an ihrer Tür. Sie schüttelte ihren Kopf, um sich zu fokussieren. »Ja?«, seufzte sie, gerade laut genug, dass der Wächter sie hören konnte.

»Ich habe ein Rumpeln gehört.« Sie erkannte die Stimme ihres Hauptmanns, Konstantin, die durch die Tür drang. Normalerweise übernahm Crispein die Nächte. Ihr Hauptmann musste sich Sorgen machen, wenn er persönlich kam.

»Ich bin aus dem Bett gefallen«, antwortete Sumse, ohne genau zu wissen, warum sie log.

Konstantin zögerte. »Würdet Ihr bitte kurz öffnen?«

Richtig, so verlangte es das Protokoll. Mühsam stand sie auf, ging zu Tür und stellte sich so, dass der Wächter den Einbrecher nicht sehen konnte. Verhaften lassen konnte sie ihn später auch noch, aber dann würde man die ehrenwerte Sumse Weidensang nicht mehr zu ihm lassen. Und sie hatte noch Fragen. Viele Fragen. Sumse schob den Riegel zurück und die Tür schwang auf.

Der ältere Satyr starrte auf sie herab. »Ihr seht furchtbar aus«, stellte er trocken fest.

»Ein Albtraum.« Sie hielt kurz inne. »Ich hatte schon bessere Tage.«

Konstantin nickte und die Hörner an seinem Kopf glänzten im Schein des Mondes, das durch das Flurfenster hinter ihm fiel. Der Stiersatyr hätte ihre Tür auch problemlos auf andere Weise öffnen können, wenn sie es nicht selber geschafft hätte.

Einen besseren Wächter hätte sie nicht finden können.

Seine mächtige Hand senkte sich auf ihre Schulter. Eine Geste, die er sich nur aufgrund ihrer langjährigen Vertrautheit erlauben durfte. »Legt Euch wieder hin, Herrin. Morgen wird ein besserer Tag.« Es war ein ungeschickter Trost, aber einer, der von Herzen kam. Mit einem Nicken drehte sich Konstantin um und stapfte langsam den Gang entlang Richtung Dienstbotenunterkünfte.

Als sich Sumse wieder zu dem Fremden umdrehte, hielt sie überrascht inne.

Die Äste am Boden waren fein säuberlich durchgeschnitten und von dem Einbrecher fehlte jede Spur. Wie hatte er das nur geschafft? Sie ging näher heran und stutzte. Trotz der Schwäche in ihren Gliedern musste sie Grinsen.

Aus kleinen Stöckchen geformt stand dort:

Bis bald, D.

Rebellenanführer.

Sie konnte nicht auf morgen warten, es gab zu viel zu tun. Nachdenklich hob sie die Enzyklopädie über Rindenschädlinge auf. Vielleicht konnte sie die Untersuchung der Leoken-Bäume abgeben, um sich dringenderen Fragen zu widmen. Wo war Arin? Und vor allem noch: Wieso hörte sie immer wieder von Rebellen?

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top