40. Offenbarung

Als Bise Sollea mit einem falschen Lächeln und ausgebreiteten Armen auf Sumse zu stürmte, war es schwierig, nicht die Zähne zu fletschen.

»Ich freue mich ja so für dich«, zwitscherte die Prinzessin, bevor sie ihren Kopf drehte und Luftküsse verteilte. Eine Wolke aus Zedernholz und Buschveilchen hüllte Sumse ein. Der Duft brachte sie zum Niesen.

»Danke« Mehr als sonst achtete sie darauf, dass ihr Rücken gerade und die Schultern entspannt wirkten. Im gläsernen Palast dürfte man keine Schwäche zeigen. Aber auch hier, im goldenen Reichsgarten war kein Raum für morsches Holz. Markin trat an ihre Seite und nickte hoheitsvoll, bevor sie gemeinsam in Richtung Pavillon schritten, der mit Blumen und bunten Bändern für die Verbindungsfeier dekoriert worden war. Michin folgte ihnen, hielt aber einen angemessenen Abstand.

Ein Meer aus Gesichtern wogte vorbei. Wald-, Wiesen- und Wassernymphen, eigentlich alles was Rang und Namen hatte, war gekommen. Ihr Griff um seinen Arm wurde fester.

Markin verlangsamte seine Schritte und legte eine Hand auf ihre. »Du wirkst angespannt.«

Die Gerüche wurden immer intensiver. Holzrosen, Mischkraut und Bachweibchen standen in voller Blüte. »Es geht schon«, flüsterte Sumse. Kein Zögern. Keine Angst. Sie musste Haltung bewahren

Markins Ohren zuckten, doch ansonsten blieb er ruhig. Sumse musterte ihn, nur aus den Augenwinkeln, damit er nichts bemerkte. Ganz langsam zog er an ihrem Arm, veränderte mit jedem Schritt die Richtung. Der Boden unter ihren Füßen wurde gröber, wilder. Markin führte sie weg vom Pavillon und um einen riesigen Busch herum. Ihr Herz klopfte, als Sumse die Hainbuchen sah. Das königliche Labyrinth. Was hatte er vor?

»Es gibt einen alten Brauch«, begann Markin schließlich. Unter einem Blätterbogen, der den Eingang offenbarte, blieb er stehen.

»Einen Brauch?«

Markin nickte. »Wenn sich das Sollea-Mal auf dem Körper bildet, wird der oder die Auserwählte zum Labyrinth geführt. Es heißt, dass sich hier der Weg und die Stellung offenbart, die dem Träger im Königinnenhaus zusteht.«

Blätter raschelten, als ein kleiner Vogel über die Äste hüpfte. Sein rotes Gefieder schimmerte, wie das Innere eines Bernsteintropfens. »Aber ich bin keine Auserwählte.«

»Aber mit unserer Verbindung wirst du eine Rolle unter den Solleas einnehmen. Du bist eine hochrangige Waldnymphe und du wirst einen Platz zwischen uns erhalten.« Seine Mundwinkel hoben sich und offenbarten ein Lächeln. Sanft und freundlich, allerdings nicht nachgiebig. Es war merkwürdig einen Satyr zu treffen, der im Rang über ihr stand. »Außerdem steht dieser Ort jedem offen, nicht nur uns.«

Der Vogel legte den Kopf schief. Seine Knopfaugen schienen sie zu mustern. Dann nickte er, drehte sich um und schoß wie ein Pfeil aus dem Busch hervor. Direkt in das Labyrinth hinein. Sumse schluckte. »Was erwartet mich dort drinnen?«

Zwischen den Büschen ertönte ein Tschilpen, beinahe ein Ruf. Markin ließ ihre Hand los und trat einen Schritt zurück. »Du warst noch nie hier?«

»Nein.« Eine Brise kam auf, fuhr durch die Blätter und löste eine Strähne aus Sumse Zopf.

Markin legte nur den Kopf schief und beobachtete sie, wie sie sich die Haare zurückstrich. Als wäre Sumse ein Rätsel, das er lösen wollte.

Mit einem Seufzen sprach sie weiter. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm die komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter zu erläutern. »Ich bin beschäftigt. Für sowas hatte ich bisher keine Zeit.«

»Nun gut. Das ist das ja eine neue Erfahrung für dich. Wie schön.«

Sumse bis erneut ihre Zähne zusammen, tarnte es dieses mal jedoch mit einem Lächeln. Es gab so viel zu tun. Berichte schreiben, lesen, aufsetzen und diktieren. Arins Verschwinden, der Anschlag und die Überfälle auf die Satyrn mussten aufgeklärt werden. Bei Floras blühender Krone, alles war besser, als - wie nannte man das - spazieren zu gehen?

Nun, unvermeidbares sollte sie möglichst schnell hinter sich bringen. Sumse warf Michin einen Blick zu und nickte in Richtung Pavillon. Dort würde sie ihn wieder treffen. Ihr Wächter verbeugte sich und folgte ihrem unausgesprochenen Befehl. Mit einem Knicks, der dem Protokoll entsprach wandte sich Sumse von Markin ab und ging auf den Eingang zu. Kies knirschte unter ihren Füßen, als sie auf den Weg trat, der ins Innere führte.

Doch schon der erste Gang, den sie wählte, offenbarte eine Sackgasse. Sumse tippte sich an die Nase. So wurde das nichts. Sie würde nicht den ganzen Tag damit zubringen, hier Wurzeln zu schlagen. Wenn sie nur einen Plan besitzen würde, der ihr die Wege zeigen würde.

Über ihr sang ein Vogel und Sumse schaute nach oben. Der kleine Vogel von vorhin, oder einer, der genauso aussah, saß auf dem Ast und pfiff ein paar Töne. Wollte er sie damit auslachen oder ermuntern? Egal, wahrscheinlicher war, dass er damit einen Partner anlocken wollte. Ihm hatte bestimmt keiner gesagt, wenn er heiraten sollte.

Sumse schloß die Augen und atmete tief ein. Das Labyrinth war groß und wurde von den Hainbuchen umschlossen. Es sollte verschiedene Plätze beinhalten, die der Entspannung und Besinnung dienten. Brunnen, Wiesen, Beete und Statuen, wenn sie sich richtig erinnerte. In ihrer Bibliothek standen ein paar entsprechende Bände, die sie irgendwann einmal gelesen hatte.

Die Hainbuchen. Sumse sank auf die Knie und schob ihre Hände vorsichtig in die Erde. Ganz langsam, bis sie die Wurzeln fühlen konnte. Die Haarsträhne löste sich wieder, doch Sumse ignorierte das Kitzeln und konzentrierte sich ganz auf das, was sie fühlte. Feuchter Boden und feste Stränge, die beinahe miteinander verwoben waren. Das könnte funktionieren.

»Zeige«, befahl sie. Hinter ihren Lidern entstand das Bild von Wurzeln, die sich in gewundenen Linien zusammengeschlossen. Doch zwischen ihnen konnte sie einen Weg entdecken, der auf die andere Seite zu einer weiteren Lücke in der Hecke führte. Der Ausgang.

Sie zählte die Abbiegungen, bevor sie die Augen aufschlug und sich auf den Weg machte. Das Blätterdach, das die Hauptstadt Aristeas wie eine grüne Kuppel umspannte, war hier durchlässiger als in der Nähe das Floratiums. Immer häufiger trat sie aus den Schatten durch lichtere Stellen. Selbst ihre Haut wurde durch die Sonnenstrahlen aufgehellt. Eigentlich ein angenehmes Gefühl.

Gedämpftes Gelächter und tuschelnde Stimmen deuteten daraufhin, dass Sumse nicht die Einzige war, die durch das Labyrinth wanderte. Mal bemerkte sie ein helles Tuch, mal einen blonden Schopf, der hinter einer Ecke verschwand. An einem Brunnen stand ein Händchenhaltendes Pärchen, das sich verliebt musterte.

Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Es war nicht so, dass sie Romantik ablehnte. Aber es war hier so unheimlich friedlich. Gerade durch die leisen Geräuschen drückte die Stille beinahe wie ein Gewicht auf ihre Schultern. Grimmige Borke, warum nur hatte Markin sie nicht begleitet. Nicht mal erwähnt hatte er diesen Brauch. Weshalb war sie hier?

Zwei Vögel stimmten einen Gesang an und flogen in engen Kreisen umeinander herum. Sollte das eines dieser Zeichen sein, der ihre Position offenlegte? Dass sie Markin umkreisen würde, wie ein vernarrter Spatz? Das ungute Gefühl verstärkte sich.

Der Ausgang sollte nicht mehr weit sein. Ihrer Erinnerung zur Folge, sollte es hier eine versteckte Nische geben, durch die sie Abkürzen könnte. Ihre Hand wanderte an den Blättern entlang, bis sie tatsächlich eine Lücke fand. Interessant, dass die Wurzeln sich hier nicht verbanden hatten. Ob die Gärtner hier mit Magie nachhalfen, damit das Labyrinth nicht verwilderte?

Sumse schob sich zwischen die Büsche und konnte auf der anderen Seite einen Baum entdecken, an dessen Stamm eine Bank stand. Zwei Personen saßen nebeneinander und unterhielten sich. Ein Satyr mit pelzigen Ohren und eine Steingardistin. Noch ein heimliches Stelldichein?

Der Satyr sprang auf und lief unruhig vor der Bank umher. Seine Arme bewegten sich, doch Sumse konnte keine Worte hören. Die Gardistin stand ebenfalls auf und trat aus dem Schatten des Baumes heraus. Eine Kapuze bedeckte ihr Haupt. Sumse sog die Luft ein. Das Gesicht der Nymphe war wunderschön, ebenmäßig und doch irgendwie merkwürdig. Etwas stimmte nicht. Der Hautton war seltsam, beinahe rötlich. Die Augen standen enger zusammen und sie war groß, überragte den Satyr deutlich. Die Gardistin verzog keine Miene, während die Gesten des Anderen immer schneller wurden. Sein Mantel klaffte auseinander und Sumse erkannte eine hellbraune Schwanzspitze. Ein Streit unter Liebenden? Was auch immer hier passierte, es war nicht für ihre Augen bestimmt.

Es wurde Zeit, das Labyrinth zu verlassen, wenn sie heute noch irgendetwas schaffen wollte. Außerdem würde Michin langsam ungeduldig werden.

Sumse schob sich zurück, rief sich den Umweg ins Gedächtnis und setzte ihren Weg fort. Aber gleichzeitig tauchte auch das Gesicht der Gardistin vor ihren Augen auf. Dieser Hautton. Einzigartig.

An der nächsten Ecke bog sie nach rechts ab. Zwischen den Vogelstimmen und dem Rauschen der Blätter erklang eine Melodie. Eine Nymphflöte, kaum wahrnehmbar, die sich in die Töne des Waldes einfügte. In dieser Richtung musste der Pavillon liegen.

Sumse bog um eine weitere Ecke. Die Melodie wurde lauter und verband sich mit dem rhythmischen Schlagen einer Ashita. Großartig. Wenn sie mit dem Spaziergang fertig wäre, würde sie tanzen müssen. Die große Flora forderte ihr heute einiges ab.

Ob es sich bei der Gardistin um ein Mischling handelte? Eigentlich hatten nur Feuerfeen dunkle Haut und Waldnymphen rötliche Färbungen. Nachkommen aus solchen Verbindungen waren selten, aber es gab sie. Das könnte es erklären.

Vor ihr öffnete sich die Hecke und Sumse atmete erleichtert aus. Endlich kam der Ausgang näher.

Michin wartete bereits auf sie, als sie den Kiesweg verließ. Sein Lächeln wirkte eine Spur breiter als sonst, beinahe als würde er sich über etwas erheitern. Sumse zog ihre Augenbrauen zusammen und die Schultern in Position.

Die Gruppe der Feiernden war noch größer geworden. Die Solleas, in ihren gelben Gewändern saßen auf dicken Kissen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite hatten sich die ernsteren Mitglieder des Floratiums versammelt. Ihre Mutter stand zwischen ihnen und trug ein selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen.

Als sie den Pavillon erreichte, trat Markin hervor und überreichte ihr eine Kette aus goldenen Astern. Sumse neigte den Kopf, damit er sie ihr um den Hals legen konnte.

Ein Gewicht traf Sumse am Rücken und sie ging mit einem Ächzen zu Boden. Markins Körper fing ihren Sturz ab, doch es konnte nicht besonders angenehm für ihn gewesen sein. Plötzlich war alles voller Wächter, die einen schützenden Ring um sie bildeten. Michin rollte sich ab, erhob sich in einer fließenden Bewegung und deutete zum Labyrinth.

Zwischen den Beinen der Wächter hinweg, war es schwer etwas zu erkennen. »Bleib hier, Herrin«, befahl Michin und die Reihe öffnete sich, um ihren Wächter hindurch zu lassen.

Dort, vor dem Labyrinth, stand eine Wächterin mit einem Bogen in der Hand. Selbst auf diese Distanz erkannte Sumse den rötlichen Farbton ihrer Haut. Mit einem gewaltigen Satz sprang die Fremde zurück zwischen die Büsche. Michin und ein paar der anderen Wächter folgten der Frau.

Kräftige Hände zogen Sumse auf ihre Füße. Terrin Sollea fiel neben ihr auf die Knie und begann, Markins Körper abzutasten. Blut sickerte unter seinem Körper hervor und durchtränkte die goldenen Blumenkette, die zerrissen neben ihm lag. Sein Gesicht war blass und die Augen geschlossen.

»Ist er ...?« Sumses Stimme zitterte. Ein weiterer Anschlag? Ihr wurde kalt, obwohl ihre Hände schwitzten. Sie biss die Zähne zusammen, bis ihr ganzer Kiefer schmerzte. Es wäre niemandem geholfen, wenn sie jetzt die Nerven verlieren würde.

Terrins dunkle Augen waren feucht. Weinte er?

Weitere Solleas kamen hinzu und Sumse wurde immer weiter weg gedrängt, bis sie Markins Körper nicht mehr sehen konnte. Schließlich war es Sumses Mutter und ihr mit einem Blick bedeutete, ihr aus dem Chaos zu folgen.

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