4. Veränderung

Dain musterte die massive Holztür, hinter der das Pärchen verschwunden war. Was passierte da drinnen? Ein romantisches Stelldichein? Er schnaubte. Konnten sie nicht bis nach der Festlichkeit warten? Es war pures Glück gewesen, dass er das Pärchen gesehen hatte, als es durch die Gänge entlang gelaufen war. Sie hatten ihn für einen Diener gehalten und waren fröhlich an ihm vorbei gehastet. Narren.

Mit der rechten Hand umklammerte Dain das Blasrohr. Der kleine Pfeil im Inneren war mit dem Gift des Rotbauchteichlings bestrichen. Ein sehr langsam wirkendes Gift, das sich je nach Konstitution des Opfers erst in zwei bis vier Monden als tödlich erweisen würde. Unmöglich nachzuverfolgen, bis es zu spät war. Niemand würde auf die Rebellen zeigen. Niemand würde es überhaupt für einen Auftragsmord halten. Auch wenn er Gift verabscheute, zum Schutz seines Volkes konnte er seine moralischen Bedenken zur Seite schieben. Der Lachende Gott würde es verstehen. Immerhin diente er hier dem großen Ganzen. Sein Auftraggeber mochte sich etwas Schnelleres vorgestellt haben, vielleicht einen direkten Angriff. Aber hier, im Herzen des Floratiums, fand Dain seinen eigenen Weg.

Die Tür öffnete sich wieder und Dain verschmolz mit den Schatten. Er visierte die erste Gestalt an, die das Zimmer verließ, holte tief Luft und jagte den Pfeil seinem Bestimmungsort entgegen. Ein Stück Haut blitzte auf, genau dort, wo er es erwartet hatte. Der Pfeil fand sein Ziel und Dain wandte sich ab. Später könnte man den winzigen Einstich für einen Kratzer halten, soweit man ihn überhaupt bemerken würde. Der Stachel besaß keine Widerhaken und würde bei den nächsten Schritten abfallen. Sein Auftrag war damit erledigt - doch ein Geräusch hielt ihn davon ab, das Weite zu suchen.

Aus dem Gang hinter ihm klapperten schnelle Schritte über den Boden. Eine schlanke Nymphe mit weißem Haar lief auf das Paar zu. »Arin«, zischte der Neuankömmling. »Was macht ihr hier? Die Prinzen Markin und Terrein Sollea sind gerade eingetroffen. Man erwartet euch.«

Sie wollte noch weitersprechen, aber der junge Satyr mit den Rabenflügeln fiel ihr ins Wort. »Hör mal, Nuf - Sumse und ich ...«

»Später, das muss warten. Es gab eine Warnung.« Mit schmalen Augen sah sich die Weißhaarige um. »Es wird ein Anschlag der Rebellen befürchtet.«

Ihre Worte überraschten Dain und er schob sich noch näher mit dem Rücken zur Wand. Eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme oder hegte man einen konkreten Verdacht? Eine Falle?

Nun ergriff Sumse Weidensang zum ersten Mal das Wort. »Welche Rebellen?«, fragte sie.

Was sollte das heißen, welche Rebellen?

»Es wird keine Verbindung geben.« Die Worte platzen aus Arin förmlich heraus.

Keine Verbindung?

»Keine Verbindung?«, fragte Nuf.

»Nein«, antwortete Arin und umfasste Sumses Hand.

Was ging hier vor?

Arin löste sich von Sumse und zog die Weißhaarige in seine Arme. Er flüsterte ihr etwas zu, aber Dain verstand die Worte nicht. Langsam sollte er wirklich verschwinden, bevor man ihn entdeckte. Noch konnte er in ein leeres Zimmer schleichen und still wie eine Fee bei Nacht aus dem Fenster hinausschlüpfen. Aber irgendwas stimmte hier nicht.

Wie sie so beieinander standen, bemerkte Dain, dass sich Arin und Nuf ähnlich sahen. Nicht nur die allgemeine Hausähnlichkeit, sondern mehr. Er tippte auf Geschwister. Seinen Recherchen zufolge hatte Arin Rabenfeder nur eine ältere Schwester, Nurise Eisfeder. Dain spürte Schweiß auf seiner Stirn. Legende hin oder her, in diesem Moment war sie keine Gardistin, sondern Gast. Dieses Verwandtschaftsverhältnis war Pech, aber keine Katastrophe. Die Eisfeder war nicht einmal bewaffnet. Passte wohl nicht zur eleganten Aufmachung. Vielleicht hätte sie ihm früher auffallen sollen, aber er hatte sich eine Nymphe mit einem derartigen Ruf einfach anders vorgestellt. Weniger nymphig.

Sie trug einen blassblauen Wickelrock, dessen aufwendig besticktes Ende über ihre Schulter nach hinten fiel. Normalerweise trugen die Goldwachen sonnengelb, hatten jegliche Hauszugehörigkeit abgelegt, doch bei diesem Fest ging es um die Häuser und nicht die Garde. Wobei ihre Kleidung nichts an ihren Fähigkeiten änderte, soweit die Gerüchte stimmten.

Nurise schob Arin weg und musterte die Ecke, in der sich Dain befand.

Theoretisch war es unmöglich, dass sie ihn entdeckte. Er klemmte abseits der Lampen zwischen dem Mauerwerk und einem Stützpfeiler. Ein unsinniger Ort, der nur dazu diente, Schatten zu werfen und Staub zu sammeln. Lautlos atmete er ein. Es hieß, dass erstklassige Kämpfer es fühlen würden, wenn man sie beobachtete. Und er war zwar gut, aber einem Mitglied der Goldwache möglicherweise nicht gewachsen. Es war nicht ausgeschlossen, dass diese Nymphe so ein Kunststück beherrschte. Aus den Augenwinkeln konnte Dain sehen, wie Arin ihm unbewusst zu Hilfe kam, indem er Nurises Aufmerksamkeit auf sich zog.

Der Junge hatte wohl noch etwas zu sagen. Auch Sumse mischte sich ein und Dain nutzte den günstigen Augenblick und zog sich langsam zurück. Er huschte um eine Ecke und verschwand in einem Nebengang.

Sein Bauchgefühl mochte richtig sein, aber was nützte es ihm, wenn es ihn in den Kerker brachte?

Viel später, kurz vor der dämmrigen Zeit, stand Dain in der Nähe des vereinbarten Treffpunkts und wartete auf das Wieselherz. Er hasste Verspätungen, zumindest, wenn die Unpünktlichkeit sich gegen ihn richtete. Es dauerte, bis er verstand, dass niemand kommen würde. Man hatte ihn betrogen. Ihn und sein Volk der Ausgegrenzten. Nicht einmal Wachen waren aufgetaucht, um ihn zu verhaften. Er war nur ein Stück Kohle im Spiel der Häuser gewesen, offenbar unwichtig. Man fürchtete keine Repressalien. Das war ein Fehler. Der geheimnisvolle Auftraggeber würde noch bereuen, ihn in seine Machenschaften hineingezogen zu haben. Dain wusste genau, was er nun zu tun hatte.

Aera schloss seine Pforten zur Nacht, doch Dain kannte die Schleichwege. Er folgte einem kleinen Trampelpfad. Links von ihm erhob sich eine Wand aus rotbraunem Stein. Die Außenmauer war an vielen Stellen von Pflanzen überwuchert, galt aber dennoch als gut befestigt. Alles war perfekt verfugt und bot keinen Halt. Aber das war auch nicht notwendig. Oben auf dem Wehrgang patrouillieren in regelmäßigen Abständen Soldaten der Mauerwache. Da Aera aber nun seit Jahrhunderten nicht mehr belagert worden war, verrichteten die Nymphen ihre Aufgabe nicht besonders aufmerksam. Seine dunkle Haut hätte es jedoch auch konzentrierten Wachen erschwert, ihn überhaupt wahrzunehmen. Dain bog vor dem Osttor ab und folgte der Begrenzung, bis er einen massiven Feuerpilz erreichte, der ihm bis zur Brust ging. Die Rodung eines solchen Schädlings gestaltete sich als aufwendig. Auf seiner Oberfläche befanden sich feine Härchen, die ein schmerzhaftes Nesselgift absonderten, das diejenigen quälte, die ihre Hände nicht für sich behalten konnten. Sollte jedoch jemand die Oberfläche beschädigen, explodierte eine Mischung aus Säure und Öl, die noch wesentlich schlimmere Verätzungen hervorrief. Diese Pilze ernähren sich größtenteils von Insekten und kleinen Tieren, andere ihrer Art duldeten sie nicht in der Nähe und bildeten auch keine Sporen. Da eine Ausbreitung damit nicht zu befürchten war und der Pilz die Rattenpopulation eindämmte, unternahm Aeras Verwaltungsapparat auch nichts gegen ihn. Glücklicherweise waren Feuerfeen immun gegen das Nesselgift. Dain duckte sich und krabbelte unter dem Lamellendach entlang zur Mauer. Auch wenn er nicht wusste, wer diesen Durchgang ursprünglich geschaffen hatte, nutzte und pflegte er ihn. Dain drückte sich durch einen engen Tunnel und kletterte über mit Moos überwachsene Steinbrocken. Trotz der Höhlen, mochte er enge Wege unter der Erde nicht. Sein Herz hörte erst auf zu trommeln, als er die schmale Gasse auf der anderen Seite der Mauer erreichte.

Abseits der Hauptstraßen wucherten keine Nachtpilze über die Steine, um in der Dunkelheit ihr fahles Licht zu verbreiteten. Es begrüßten ihn nur Schatten und ein paar Ratten, die aber schleunigst das Weite suchten, als er sich zwischen sie schob. Ein paar Schmuggler, mit denen die Rebellen freundschaftlich verkehrten, hatten den Ausgang mit ein paar Brettern getarnt, die lose hinter einem Vorsprung an der Wand lehnten. Hier würde niemand, der nicht von dem Durchgang wusste, eine Lücke vermuten.

Sein Weg führte ihn direkt zu einem abgelegenen Schrein des Lachenden Gottes. Eigentlich war es kaum mehr als ein Verschlag und Dain ging jede Wette ein, dass es keine der ausgekühlten Nymphen im Floratium jemals betreten hätte. An der morschen Holzwand fanden sich die verschiedensten Gaben, von kaputten Puppen über abgeschlagenes Geschirr und zerrissene Tücher. Auf einem Regal lag sogar ein einsamer Schuh. Alles, was keine Verwendung mehr fand, wurde dem lachenden Gott gespendet. Wer etwas fand, dass er noch benutzen wollte, tauschte das Objekt der Begierde gegen den eigenen Tand, der Rest wanderte in die wöchentliche Opferflamme.

Dain kümmerte sich nicht um die Gaben, sondern ging auf direktem Weg zur heiligen Flamme. Während ein Teil von ihm die Spiritualität seines Volkes mehr als Aberglaube empfand, waren die Bräuche doch zu tief verwurzelt, um sie völlig zu ignorieren.

»Bist du da?«, knurrte Dain, als er sich vor der brennenden Kerze auf die blanke Erde hockte.

Niemand antwortete.

»Asche und Staub, ich habe keine Zeit für funkenloses Handeln.« Als es weiterhin still blieb, biss sich Dain frustriert auf die Lippe. Dank seiner spitzen Zähne quoll ein kleiner Blutstropfen über seine Haut. Vorsichtig fing er ihn mit dem Zeigefinger und schnippte die Flüssigkeit in die Flamme.

Ein Glöckchen ertönte.

»Gut. Also, hör zu, ich bräuchte einen Rat.« Seine Finger trommelten auf die Erde. »Die Vorgeschichte ist nicht wichtig, aber ich habe eventuell eine falsche Entscheidung getroffen.«

Zwei aufeinanderfolgende Töne motivierten ihn zum Weitersprechen. »Jetzt sieht es so aus: Mein Auftraggeber hat mich hintergangen. Wodurch schade ich ihm mehr? Indem ich ihn suche und verbrenne oder indem ich sein Ziel verhindere?«

Warum dauerte es nur so lange, eine Antwort auf eine einfache Frage zu erhalten? Dain stand kurz davor, einfach den Schrein zu verlassen, als eine Abfolge von Tönen erklang. Kurz und lang, gefolgt von einer heiteren Melodie.

Fein. Aber was sollte das nun bedeuten? »Also der Auftraggeber?«, riet er.

Die Glocke schwieg.

Dains Seufzen kam von Herzen. Was hatte er auch erwartet? Der Lachende Gott wählte immer den komplizierten Pfad. »Also das Ziel.«

Vielleicht würde es ja reichen, wenn er eine Warnung überbringen würde. Das Klingeln des Glöckchens begleitete ihn, bis er durch die Tür ins Freie trat.

Ja, so musste es sein. Ein geflüsterter Hinweis, so dass er die Asche der Schuld loswurde. Zufrieden orientierte er sich und eilte durch die Gassen. Es dauerte nicht lange, bis er ein gepflegteres Viertel erreichte. Nachdem er dieses Mal alleine vorgegangen war, hatte er sich auch selbst um die Hintergrundüberprüfung kümmern müssen.

Vor allem der junge Satyr hatte nicht wie jemand gewirkt, der mit Waffen auf einen Boten losgehen würde. Das Gebäude wirkte gutbürgerlich, viel gemütlicher, als er es einer Familie aus Areas Elite zugetraut hätte und verfügte sogar über einen schmalen Garten samt Teich. Ohne Probleme konnte er ein Rankgitter erklimmen, das neben der Terrasse angebracht war. Ein Blick durch das Fenster offenbarte ein Einzelzimmer, in dem sich niemand aufhielt. Für ein Gästezimmer waren die Bilder an der Wand zu persönlich, zeigten sie doch Arin und dessen eisige Schwester. Es war der richtige Raum, doch nutzte ihm das ohne Arin wenig. Dieser Weg führte also in eine Sackgasse.

Damit blieb also noch der aufsteigende Stern in Areas Floratium übrig: Sumse. Auf seinem Weg durch die Nacht musste er immer wieder den Patrouillen ausweichen, die mehr oder weniger aufmerksam nach Betrunkenen, Dieben oder anderem Gesindel Ausschau hielten. Es war praktisch, dass er nicht nur auf festen Boden angewiesen war, sondern dank seiner Flügel mühelos auch immer wieder auf Mauern oder Balkone gelangen konnte. Auch wenn ihm Gleiten leichter fiel und er nur kurze Distanzen fliegen konnte, aber ein Feender zu sein, barg einen großen Vorteil: Niemand schaute jemals nach oben, warum auch immer. Gerade wenn man Einbrecher suchen sollte, bot sich ein Blick in Richtung Baumkronen doch förmlich an, sollte man meinen. Aber er wollte sich nicht beschweren.

Wenig später musterte Dain sein neues Ziel. Die Villa stand frei und lag inmitten eines kleinen Parks. Alles stank nach Reichtum. Die Mauer unter seinen Füßen war mit Glasscherben verziert, allerdings ziemlich stümperhaft. Welch freundlicher Empfang. Dain breitete seine Flügel aus und glitt in eine Bluteiche, die ihre mächtigen Äste über dem Rasen ausgebreitet hatte.

Eine kleine Fledermaus flatterte protestierend um ihn herum. Wahrscheinlich hatte er das Tier beim Fressen gestört.

Dain packte zu und die kleine Fledermaus zitterte in seiner Hand. Seine Mutter predigte zu unrecht, dass er viel zu unbeherrscht war. Sie verstand nicht, dass wie hell seine Flamme brennen konnte. »Wiederhole«, befahl er in dem leiernden Singsang, der sein Feensprech aktivierte.

»Wiederhole«, fiepte die Fledermaus.

Dain nickte. »Folge mir bis zum Dämmerlicht. Wenn ich meinen Befehl nicht widerrufe, suche die Höhlen im Norden der Stadt auf. Suche die Feuerfee, die dort lebt und sage ihr: Du bist dran.«

Die kleine Fledermaus gab Wort für Wort seine Formulierung wieder. Sehr gut, damit hätte er auch eine Absicherung geschaffen, falls etwas schief ging. Von Wegen, er würde seinen Kopf zu wenig zum Denken nutzen. Mit einem Schnauben öffnete er seine Hand und das Tierchen flatterte in die Luft.

Die Nutzung seiner Kräfte machten ihn immer müde. Besonders vorsichtig umrundete Dain den Stamm und kletterte in Richtung Villa, bis die Zweige zu dünn wurden. Dann sprang er. Schwebte zwei Feen-Längen und krallte sich an die Außenmauer.

Wie ein Eichhörnchen klebte er am Mauersims. Seine Finger fanden die Rillen zwischen den Steinquadern und Stück für Stück stieg er höher. Durch die Fenster schaute er hinein und suchte das richtige Zimmer. Beim dritten Mal hatte er Glück. Das zarte Gewand, das über einem Sessel lag, erkannte Dain sofort - Sumse hatte es noch vor ein paar Kerzen getragen. Aus der Innentasche seines Mantels zog er eine Sammlung von Dietrichen. Er wählte den schmalsten aus und fuhr in den Schlitz zwischen den beiden Rahmen hinein. Vorsichtig hob er den Riegel an, der die beiden Fenster von der anderen Seite verschloß. Beinahe lautlos klafften die Seiten auseinander, so dass er einsteigen konnte. Das Bett war mit einem dichten Stoff verhüllt. Spöttisch lächelte er. Selbst der größte Reichtum schützte nicht vor Zugluft. Sanfte Atemgeräusche erklangen hinter dem Vorhang. Dain lauschte für einen Moment, ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Es wurde Zeit für seinen Auftritt. Sorgfältig wählte er die Stelle aus, an der ihn das Mondlicht am besten in Szene setzen würde.

Alles lief wie geplant.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top