39. Evakuierung
»Glaubst du wirklich, dass das notwendig ist?« Arin studierte den kleinen Kasten, der an einem der stützenden Holzbalken lehnte und so unscheinbar aussah, dass man ihn mit Sicherheit übersehen würde.
Mauerfuchs pustete sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und antwortete, ohne aufzusehen. »Ich hoffe nicht. Aber wenn etwas geschieht, möchte ich vorbereitet sein.« Sie beugte sich vor und zog einen winzigen Stöpsel aus der Holzwand. Ihr Nacken versteifte sich, als sie sich vorbeugte und einen Halm durch das Loch steckte.
»Wie funktioniert es?«, flüsterte Arin. Auch wenn kein Grund dafür bestand, besonders leise zu sprechen, wollte er keinesfalls, dass seine Stimme sie erschreckte.
Mauerfuchs positionierte den Halm, bevor sie sich auf ihre Hacken zurücksinken ließ und Arin ein schmales Lächeln schenkte. »Es ist ein alchemistischer Explosionskasten. Schau her -«, sie deutete auf das kleine Loch an der Seite, »hier ist die Verbindung zum Auslöser. Wenn wir in Gefahr geraten, werfe ich einen Glimmstein auf die Erde.« Ihr Finger wischte über den Boden und Arin sah einen matten schwarzen Film, der sich auf der Kuppe bildete.
Er kniff die Augen zusammen. »Sind das Sporen?«
»Feuerpilzsporen«, erklärte Mauerfuchs mit einem ungewohnt gefährlichen Funkeln in den hellblauen Augen. »Es reicht ein kleiner Funke, um ein Feuer zu entzünden.«
Arin schluckte. Auch wenn es nur eine Vorsichtsmaßnahme sein sollte, hatte er kein gutes Gefühl bei der Sache. »Ich halte das für keine gute Idee.«
Für einen Moment verschwanden Mauerfuchs' Züge hinter einem Vorhang aus Haar. Ein seltenes Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. »Ach, Arin. Du hast ein gutes Herz. Ich verspreche dir, dass ich damit niemanden verletzen möchte. Es geht nur darum ein Hindernis zu erschaffen, sollte man uns verfolgen. Ich will mir keinen Kampf mit der Steingarde liefern.«
Sein Magen knurrte, obwohl es noch nicht lange her war, dass er in den Höhlen der Rebellen Pilzeintopf gegessen hatte.
Seine Freundin erhob sich und hielt ihm eine Hand hin. »Komm, es wird Zeit, uns beim Treffpunkt einzufinden.« Auch wenn die ehemaligen Rebellen ihren Warnungen aus allen Teilen Aeras gefolgt waren, gab es nur wenig Wege, über die sie die Hauptstadt verlassen konnten. In den letzten Tagen hatte Arin Pläne und Karten gewälzt und mit allen Arten von Einwohnern gesprochen. Alle Arten von Dieben, Sammlern, Kehrern und Dienstboten waren darunter gewesen. Auf Mauerfuchs' Anraten war er zu Farasin, dem Gewürzhändler, gegangen und hatte mit dem alten Mann über alte Tunnel und Wurzelwege geplaudert. Jetzt fühlte er sich gut gerüstet.
Mauerfuchs ging voran und führte ihn zurück in die große Halle, die in der Nähe der Tanzwurzel lag. Schon aus einiger Entfernung hörte er Stimmengewirr. Mehrere Dutzend Satyrn standen in kleinen Gruppen beieinander, alle mit Rucksäcken oder Beuteln ausgerüstet. Nur vereinzelt konnte er Nymphen ausmachen. Natürlich, bisher waren auch nur Männer verschwunden. Die meisten Frauen bleiben in der Stadt zurück, um ihrer Brüder, Väter oder Cousins mit Nahrung versorgen zu können, denn Essen war bei den Rebellen immer noch knapp. Sein Bauch meldete sich erneut, daher fischte er einen Winterapfel aus seiner Tasche und biss hinein. Die Frucht schmeckte bitter, würde seinem Magen aber hoffentlich genug zu tun geben, damit er sich weiter auf den Ablauf konzentrieren konnte.
Alle Köpfe drehten sich zu ihm um. In seinem Nacken breitete sich eine schwitzige Hitze aus. Mauerfuchs schob sich näher an ihn heran, bis sie mit ihrer Schulter seinen Oberarm berührte.
Zwischen den fremden Gesichtern machte er einen grauen Haarschopf auf aus, der immer näher kam.
Berghexe.
Sie sah müde, aber zufrieden aus. »Sechsundvierzig Satyrn, dreizehn Nymphen und zwei Feuerfeender möchten evakuiert werden.« In den letzten Tagen hatten die Nyrs Admirals Listen abgearbeitet und die ehemaligen Rebellen gewarnt. Alipe selbst hatte Nachrichten verfasst, die durch die Hände der Skeptiker gegangen waren. Nun waren sie hier, in einer kalten Höhle und setzten ihre Hoffnungen in ihn. Einen Satyr, der vor seiner eigenen Hochzeit geflüchtet war und sich seitdem nicht traute, seinen Eltern gegenüberzutreten. Wenn das hier vorbei war, musste sich etwas ändern.
Das Gemurmel verstummte. Eingerahmt von Mauerfuchs und Berghexe fand er genug Kraft, um einige Worte an die Wartenden zu richten. »Mein Name ist Arin.« Sein Hals wurde trocken, aber er breitet seine Flügel aus und sprach weiter. »Meine Freunde und ich haben uns entschlossen, euch über die Wurzelwege aus der Stadt hinaus zu bringen. Wir werden in mehreren Kleingruppen gehen. Es ist wichtig, dass ihr dabei so leise wie möglich seid, damit uns die Garde nicht erwischt. Sollte es zu einem Zwischenfall kommen, folgt den Führern eurer Kleingruppe.«
Nach und nach traten Trauermantel, Koralin, Perlmutt, Flockenblume und schließlich auch Schornsteinfeger hervor, um ihre Schützlinge in Empfang zu nehmen. In diesem Moment würde Frostvogel mit ein paar Anderen in der Tanzwurzel für einen reißenden Abend sorgen. Niemand würde sie vermissen. Berghexe drückte ein letztes Mal seine Hand, dann machte sie sich auf den Weg, um die Gruppen anzuführen.
»Und du?« Mauerfuchs schaute ihn verwirrt an. »Kommst du nicht mit?«
Mit einer Hand drückte er die Stelle in seinem Bauch, die trotz Eintopf und Apfel immer noch schmerzte. »Doch, natürlich. Aber ich werde mit dir den Abschluß bilden. Wenn es Schwierigkeiten gibt, werden sie nicht in der Mitte, sondern am Ende auftreten.«
Er konnte seiner Freundin ansehen, dass sie noch etwas sagen wollte. Aber Arin hatte seine Entscheidung getroffen und stand zu ihr. »Komm«, sagte er daher, während er durch die sich leerende Höhle blickte. Die Satyrn machten wie gewünscht keine Geräusche. Die Hufträger hatten sich soweit er sehen konnte, sogar ihre Füße mit Bandagen umwickelt. Als es Zeit wurde, griff er nach Mauerfuchs' Hand. Anhand der feuchten Innenfläche bemerkte er, dass sie ähnlich aufgeregt war wie er.
Zahllose Gänge erwarteten sie. Zum Glück hatte Mauerfuchs am Morgen noch ihren Weg mit braunen Tuchfetzen markiert, sonst hätte er schnell die Orientierung verloren. »Möge der lachende Gott uns gewogen sein«, murmelte die Nyr an seiner Seite leise, während sie einen Fetzen nach dem nächsten wieder einsammelte.
Wurzeln hingen von der Decke herab und erschwerten ein Durchkommen. Wie Spinnweben hielten sie Arin fest und zupften an seiner Kleidung. Er hielt Abstand zu den anderen, achtete stets darauf, dass er von der letzten Gruppe nichts mehr hören konnte. Die Glühranken, die sich in Fußhöhe über den Boden wanden, erhellten zwar die nähere Umgebung, machten das Fortkommen jedoch nicht einfacher. Seine Beinmuskeln krampften bei der ungewohnten Anstrengung.
Sie erreichten eine Abzweigung und folgten der Spur aus Tüchern in den dunklen Gang. Stirnrunzelnd bemerkte Arin, dass die Vorangegangen trotz aller Vorsicht die Ranken platt getreten hatten und deutlich zu sehen war, dass sich hier jemand aufgehalten hatte.
»Schau«, raunte Arin und deutete mit einem Nicken auf die Spur. »Das ist nicht gut.«
»Sieht nach einer Horde von Höhlenbibern aus«, antwortete Mauerfuchs. »Die Ranken sollten sich allerdings bald wieder aufstellen. Es sieht nicht so aus, als wäre etwas abgerissen worden.«
Sie hatte recht. Glühranken waren wirklich robust. Als sie jünger waren, hatten Nuf und er ein paar Experimente betrieben und sich an ihnen abgeseilt. In seiner Erinnerung schwang er sich durch die Luft, spürte die Bewegung in seinen Flügelfedern und ließ sich lachend in den kleine Höhlenteich fallen, der sich bei Regenfällen immer unter dem Nachbargrundstück gebildet hatte.
Je weiter sie kamen, desto mehr veränderten sich die Gänge. Erdwälle und Holzgitter blockierten Abzweigungen und auch die Wurzeln wurden spärlicher. Der Rankenteppch unter ihren Füßen dünnte aus und es wurde schwieriger, das Dunkel zu durchdringen. Dennoch ging Mauerfuchs unbeirrt voran. In manchen Gängen sorgten tiefe Pfützen für Matsch, während andere von dicken Spinnen bevölkert waren, die bedrohlich klackerten, als sie sie passierten. Arin atmete auf, als ein Stück Steindecke anzeigte, dass sie die Mauer erreicht hatten. Die Flüchtlinge hatten Area erfolgreich verlassen.
Der Knoten in seinem Magen entspannte sich endlich wieder.
Dann erscholl ein Pfiff aus dem Gang. Hinter ihnen.
Ein Pfiff, dann hörten sie das Trampeln von schweren Stiefeln.
Mauerfuchs erstarrte für einen Moment, blickte mit großen Augen in die Dunkelheit. Arin reagierte schneller. »Komm«, zischte er und riss sie hinter sich her. Sie flogen durch die Gänge und holten nach kurzer Zeit die letzte Gruppe ein.
»Jemand kommt!« Seine Warnung wurde weitergegeben und die Truppe beschleunigte. Mauerfuchs stürmte neben ihm her und über dem Zischen ihrer Atemzüge hinweg war es schwer, etwas anderes auszumachen. Wurden sie wirklich verfolgt? Und wenn ja, von wem?
Schließlich blieb die Nyr an seiner Seite stehen. Mit schräg gelegtem Kopf lauschte sie und Arin tat es ihr nach. Doch, da war immer noch jemand. Eine Gruppe, die näher kam. Obwohl es im Gang kalt war, breiteten sich Schweißtropfen aus. Er wollte Mauerfuchs weiter ziehen, immer weiter, doch sie bohrte ihre Hacken in den Grund. Fragend sah er sie an.
Mit einem Nicken deutete sie zum Kasten, der still und unscheinbar dort wartete, wo sie ihn vor ein paar Kerzen zurückgelassen hatten. »Nein«, murmelte Arin. Doch Mauerfuchs schien ihn nicht zu hören.
Ihre Finger zitterten, als sie in ihre Tasche griff und die Glühsteine hervor zog. Die Schritte wurden lauter und nun hörte er auch die Atemgeräusche. Sie waren zu nah.
Arin griff nach Mauerfuchs' Arm. Doch anstatt sie weiterzuziehen, schlug er ihr den Stein aus der Hand. Ihr Gesichtsausdruck war mehr überrascht als wütend.
Der Stein hüpfte über den Boden, versprühte einen Funken und landete direkt neben dem Loch. »Oh nein«, flüsterte Mauerfuchs. Sie schubste ihn nach vorne. Arin stolperte ein paar Schritte. Aus den Augenwinkeln sah er eine graue Uniform aufblitzen, gefolgt von einer zweiten. Dann explodierte der Gang. Steine rieselten herab, immer größere, gefolgt von Erde und Wurzelstücken. Mauerfuchs schob ihn gewaltsam weiter. Dann polterte es, ein riesiger Findling stürzte vor ihm herab und blockierte den Ausgang. Sie saßen in der Falle. Die Erde bedeckte die Ranken und es wurde dunkel. Auch der Rückweg wurde durch Trümmer versperrt. Ein Stein traf Mauerfuchs am Kopf, riss einen blutigen Pfad ihre Wange entlang. Eine Wurzel brachte seine Schulter zum Brennen und zwang ihn in die Knie. Es donnerte weiter. Ein weiterer Treffer. Arin fiel, versuchte mit seinen Flügeln den Oberkörper zu schützen. Wo war Mauerfuchs? Etwas begrub seinen linken Fuß und die Welt versank in Schmerz.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top