28. Aussprache

Der Nachthimmel über Dain schimmerte in bunten Farben. So etwas hatte er noch niemals zuvor gesehen. Es war nicht nur das schillernde Band, das sich einen Weg entlang der Sterne suchte, die schiere Weite des Himmels fühlte sich falsch an. Zuhause lebte er in einer Grotte oder wanderte unter dem schützenden Dach der Baumkronen entlang. Hier würde ihn nur die Jurtebahn eines Zeltes vor der Nacht bewahren.

Ein Unterschlupf, den er auch noch teilen musste. Trotz des Feuers, das vor ihm prasselte, zerrte die Kälte des Nordens an seinen Kräften. Es war schon irgendwie ein schönes Bild, das sich vor ihm ausbreitete. Die Lichter am Himmel, darunter die tanzenden Flammen in den Lagern der Wunschmarktbesucher. Doch er konnte es nicht genießen. In der Ferne blies jemand eine Melodie auf einem Kamm. Eine einfache Weise, die einen Gegensatz zu der Stimmung bot, die ihn erfasst hatte. Trotz der Aussicht, die sich ihm zeigte, fühlte er sich eingesperrt. Seine Finger berührten das schmale Lederband, das sein Handgelenk wie eine Fessel umschloss. Asche und Staub, sie hatten ihm eine elende Kette umgelegt. Der Schein konnte ihn nicht trügen. Anstatt eines Verschlusses hielt sein Haar den Zauber zusammen. Er hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn er etwas tat, dass er nicht sollte. Aber er war sich ziemlich sicher, dass er es bald herausfinden würde. Schnaubend stieß er eine Rauchwolke aus.

Ein Holzscheit knackte, als das Feuer ihn verbrannte. Ein Rascheln ertönte hinter ihm. Durch das hohe Gras kroch Motti näher, den Blick gebannt auf das rote Glühen gerichtet. Während die Libelle sich an die Rückseite des Zeltes gekuschelt hatte, suchte sein Reittier die Flammen. »Nein. Zurück mit dir«, knurrte er sein Reittier an. Motti rollte die Fühler ein und warf ihm einen verletzten Blick zu. Dain schnaubte. »Nicht dass du dich verbrennst. Das geht nicht gut aus mit dir und dem Licht.« Aus seiner Tasche förderte er zwei getrocknete Beeren hervor und warf sie der Kleinen zu. Sie fing sie geschickt mit dem Mund auf, kaute darauf herum und kehrte dann zu ihrem Schlafplatz zurück. Im Zelt von Smilla und Falk verlosch die Laterne. Lore hatte sich in den Wald zurückgezogen. Glücklicherweise war ihr Platz gerade so weit entfernt, dass er keine Geräusche vernahm. Liebesdinge interessierten ihn wenig, solange er nicht selbst einbezogen wurde.

»Du solltest hereinkommen. Die Nacht wird zu kalt für dich werden.« Ohne dass er es gemerkt hatte, war die Eisfeder in den Zelteingang getreten.

»Du bist nicht meine Mutter.« Dain zog ein Messer aus seinem Schuh, griff nach einem der Holzstücke und fing an zu schnitzen. Wenn er sich nur gut genug ablenkte, würde er die Wahrheit in ihren Worten am besten ignorieren.

»Offensichtlich nicht.« Sie zögerte, seufzte und trat dann zu ihm ans Feuer. »Bist du wütend? Also, wütender als du normalerweise bist?«

»Nicht doch. Ach was. Warum sollte ich? Weil du mir eine staubverbrannte Fessel verpasst hast? Obwohl ich dir keinen Grund gegeben habe, an meiner Hilfsbereitschaft zu zweifeln?«

Ihr Gesichtsausdruck verriet nichts und Dain musste sich schnell wieder auf sein Schnitzwerk konzentrieren, wenn er nicht einen Finger verlieren wollte. Motti drehte sich um sich selbst, fiepte einmal kurz und schob seinen Kopf unter den hauchdünnen Flügel der Libelle. »Ich verstehe.«

»Natürlich tust du das.« Er hasste ihren emotionslosen Tonfall. Ihre ganze Art. Immer vorbereitet, immer so furchtbar perfekt. Selbst hier hatte man von ihr gehört, der Heldin Aristeas, nein, ganz Elysias.

Ein weiterer Ast verbrannte, knackte und wurde von den Flammen gefressen. Doch Dain machte sich nichts vor. So stark das Feuer auch loderte, es gab immer etwas, das es löschen konnte.

Sie verschränkte ihre Beine, während ihr Blick den Farbverlauf im Himmel bewunderte. Grün, vermischte sich mit Blau. Dort oben feierte selbst die Nacht mit Wasserfarben.

»Was hättest du an meiner Stelle getan?«, fragte sie schließlich.

Die Frage verwirrte ihn. »Wie meinst du das?«

»Wenn das Leben deiner Rebellenfamilie in den Händen eines Anderen liegen würde, was hättest du getan?«

Die Antwort war offensichtlich, gefiel ihm jedoch nicht. »Das tut doch jetzt nichts zur Sache.«

»Tut es nicht?«

Er warf ihr einen mürrischen Blick zu, auf den sie mit einem schmalen Lächeln reagierte. Für einen Moment passte er nicht auf und schnitt sich in den Finger. Sein Zucken verriet ihn. Gemeinsam starrten sie auf seine Hand. Rotes Blut verfärbte das Holz, aus dem er gerade das Bein einer Nymphe herausgearbeitet hatte.

»Interessante Technik. Gehört das so?«

Mit einem wütenden Schnauben warf er die Schnitzerei ins Feuer. »Was willst du von mir?« Sein Körper war unruhig und er sprang auf. Ging ein paar Schritte, bevor er zum Feuer zurückkehrte. Es war wirklich empfindlich kalt geworden.

»Hör zu, wir können nur gemeinsam diese Sache hier schaffen. Ich dachte, das wäre klar geworden.«

Stumm hielt er sein Armband hoch.

Sie verstand den Hinweis. »Vielleicht bin ich die Sache falsch angegangen. Dieses Band soll nur verhindern, dass du mich hintergehst. Nicht mehr und nicht weniger.«

Ihre Worte schoben sich wie ein Splitter unter seine Haut. Was hätte er wirklich getan, wenn jemand seine Familie bedrohte? »Ich mache die Sachen auf meine Art«, stellte er fest.

»Solange du mich nicht verrätst, ist das in Ordnung für mich.«

Das war unerwartet. »Und wenn ich entgegen deiner Anweisungen handele. Wenn ich ein Heilmittel auf eine Art beschaffe, die dir zuwider ist?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Dann werden wir wohl eine Auseinandersetzung haben.«

»Keine Magie?«, fragte er nach, um sicher zu gehen.

Sie nickte bestätigend. »Keine Magie.«

»Und wenn ich beschließe, dass mein Vertrauen missbraucht wurde und ich dich und das Heilmittel einfach hier zurücklasse?«

»Wird das Armband etwas sehr Unschönes machen. Ich bin mir nicht sicher was, aber wenn es dich interessiert, kann ich Mutter Kiana morgen noch fragen.«

Dain starrte sie an. Eine gute Frage. Wollte er es überhaupt wissen? Der Lachende Gott war sein Zeuge, er wollte den Fehler wieder gut machen. Änderte das Armband etwas daran? Nein. Wurde dadurch sein Verhältnis mit der Eisfeder verschlechtert? Sicher nicht. Dort wo sie beide standen, ging es naturgemäß nicht weiter bergab.

Bevor er etwas sagen konnte, warf sie beide Hände in die Luft. »Hör zu, ich bin nicht gut in solchen Sachen.«

Hörte er richtig? Die perfekte Heldin hielt sich nicht für perfekt. Das konnte interessant werden. Er sorgte dafür, dass sich an seinem Gesichtsausdruck nichts änderte und wartete ab. Auch wenn es ihm schwerfiel.

»Normalerweise muss ich nicht viel erklären. Niemand erwartet das so richtig, verstehst du?«

Was sollte er tun? Nicken oder lieber Kopfschütteln? Zögernd entschied er sich für ein Mittelding.

»Ich meine, Blutwinder jagen, kein Problem. Das Königshaus beschützen - bekomme ich hin. Auch wenn manche Solleas wirklich eine Herausforderung darstellen. Aber diese ganze Reden, auf das deine Freundin Sumse sich so gut versteht? Nein, danke.«

Moment. Wann war das Nymphchen denn seine Freundin geworden?

»Selbst damals, als es diesen Aufstand gab, der von den Nachtnymphen geleitet wurde, waren die Fronten klar. Also, das waren auf jedenfall noch Aufständische, da könntest du mit deinen Rebellen...« Sie verstummte, blinzelte und verscheuchte eine Splittermücke, die auf Beute aus war.. »Nun, vielleicht auch nicht. Nichts für ungut.«

Konnte man eigentlich noch tiefer sinken, als von einer Heldin über erfolgreichen Widerstand beraten zu werden? Sicher nicht. So aufschlußreich dieses Gespräch auch war, irgendwie sorgte es nicht dafür, dass er sich besser fühlte.

Versonnen starrten sie beide ins Feuer. Seine Figur war am Rande der Glut gelandet. Nah genug, um von den Flammen angesenkt zu werden, aber nicht so nah, als dass sie selbst auf dem Weg ins Reich der Asche war. Er strich sich über die schwarze Haut und spürte, wie sich seine Haare gegen die Kälte aufrichteten. Es war wahrscheinlich sinnlos, ein Schweigeduell gegen jemanden wie die Eisfeder zu führen, daher sprach er als erstes. »Wie also willst du vorgehen?«

»Als erstes Hören wir uns morgen einmal um, was wir alles hier vor Ort kaufen können. Ich setze da auf unsere neuen Freunde. Als Sammler kennen sie den Markt und handeln soweit ich das verstanden habe mit allen. Sie sind wohl weitestgehend neutral. Sobald wie möglich reisen wir nach Dragonis. Dann Kantaa und schließlich Illismea. Ich glaube, wir haben ein paar aufregende Tage vor uns.«

Von den schneebedeckten Bergkuppen fuhr ein eisiger Wind zwischen sie. Die Eisfeder schnüffelte und inhalierte den Duft des Nordens. Dain biss die Zähne zusammen, damit er nicht vor Schmerzen aufkeuchte. Es wurde Zeit. Er musste ins Warme. So schnell es möglich war, stand er auf, streckte sich und floh ins Zelt. Auf jeder Seite der Plane lag eine Strohmatte mit jeweils einer Decke. In einem tragbaren Ofen dampften einige Kohlen. Die Eisfeder hatte ihren Packen auf eine Seite gestellt. Dain war zu müde, um darüber zu streiten. Es gelang ihm gerade noch, sich die Schuhe abzustreifen und zuzudecken, dann spürte er die Müdigkeit wie einen Gewittersturm herannahen. Das ständige Verbrennen seiner Energie hatte ihn ausgelaugt. Ein Besuch im Land von Lava und Höhlen würde genau das Richtige für ihn sein.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top