26. Hexentränke
»Habe ich das richtig verstanden?« Die Hexe warf ihr mattschwarzes Haar in den Nacken und lachte. Ihre weißen Zähne standen dabei in einem interessanten Kontrast zur hellbraunen Haut. »Er hat deinen Bruder vergiftet und lebt noch?«
Warum ritten eigentlich alle auf diesem Detail herum? »Das tut doch nichts zur Sache«, murmelte Dain. »Kannst du uns jetzt helfen oder nicht?«
Smilla hatte sich auf dem Tresen gemütlich gemacht und schüttelte ein paar Flakons. Die schaumige Flüssigkeit im inneren wechselte bei jeder Bewegung die Farbe. »Mutter Kiana kann alles.«
»Danke, Liebes«, erklärte die Hexe. Dann drehte sie sich zu Falk um, der gerade auf einem Hocker Platz nahm und sich einen Tee einschenkte. »Was sie zerstört, wirst du bezahlen.«
Der Mann zuckte zusammen, sodass etwas von der heißen Flüssigkeit auf den Tisch spritzte. »Und das gilt auch für dich, Falke.« Doch ihr Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe. Ihre Augen waren mit Fältchen umgeben, doch weder in ihrem Haar noch an ihrem Hals zeigten sich Spuren des Alters. Dain konnte schwer einschätzen, wie alt diese Mutter Kiana war. Er würde sie zumindest nicht so nennen. Es gab bereits eine Mutter in seinem Leben, das reichte völlig.
Falk zog die Augenbraue hoch und sah Smilla an. Die seufzte tief, bevor sie die Flakons zurück stellte.
»Ich dachte, sein Name sei Falk?« Stirnrunzelnd betrachtete die Eisfeder die Runde.
Mutter Kiana starrte zurück. »Bevor er Smilla traf, verständigten wir uns mit Zeichnungen. Nenn es die Eigenart einer alten Frau, sich nicht auf einen neuen Namen festzulegen.«
Nickend akzeptierte die Eisfeder ihre Erklärung und sah sich weiter im Laden um.
Während sich Kiana eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich, warf sie Dain einen Blick unter gesenkten Lidern zu. Er erwiderte die Musterung mit einem Lächeln, das seine spitzen Zähne gut zur Geltung brachte. Doch sie zuckte nicht zusammen. Die Eisfeder, die bis eben noch ruhig die Regale inspiziert hatte, trat zum Tisch und nahm auf einem der schmalen Hocker platz. Falk bot ihr eine Tasse an, doch sie schüttelte nur den Kopf. Verständlich. Wenn Siom ein Maßstab war, lohnte es sich vorsichtig sein, wenn Hexen Tränke brauten.
Dain selbst spürte eine innere Unruhe. Etwas brannte unter seiner Haut, als ob er sich einen Splitter eingetreten hatte. Erst als sie ihren Blick abwandte, konnte er wieder durchatmen. War das Magie gewesen? »Wenn du mich verzauberst, breche ich dir die Finger«, knurrte er.
Die Eisfeder sprang auf, doch weder Falk noch Smilla reagierten. Lore gähnte sogar und rollte sich auf einem Teppich zusammen. Zum ersten Mal wirkte selbst seine unfreiwillige Gefährtin überrascht und sank langsam zurück auf den Hocker.
»Subtilität ist nicht deine größte Stärke, nicht wahr, Dain Funkenschlag?«, fragte Kiana munter.
Wieder spürte er ein Kribbeln, dieses Mal massierten unsichtbare Finger seine Schläfen. Ein durchaus angenehmes Gefühl.
»Es ist ein Mythos, dass Hexen Finger zum Zaubern benötigen.« Ein Fingernagel bohrte sich in seinen Nacken. Nicht wirklich schmerzhaft aber eine deutliche Warnung. Dann verschwand sie und Dain ertappte sich dabei, den beruhigenden Druck zu vermissen.
Die Hexe drehte sich um, als sei nichts geschehen. Hinter ihrem Tresen stand ein Regal mit Büchern. Sie zog eins heraus und blätterte darin. Als sie nichts fand, griff sie nach einem zweiten.
»Was tust du da?«, fragte Dain.
»Lesen, Dain. Du solltest es auch einmal versuchen.« Sie sah ihn über den Rand des Buches hinweg an. Ihre Augen leuchteten bernsteinfarben. Es war unschwer zu erkennen, dass er sie erheiterte. »Unterschätze niemals die Macht der Bücher.«
Dain erinnerte sich an das Buch, das Sumse vor ein paar Tagen nach ihm geworfen hatte. Gewiss würde er keines mehr unterschätzen. Zumindest kein dickes. Lore schlief ein und das Zelt der Hexe wurde von seinen Schnarchgeräuschen erfüllt. Smilla spielte erneut mit den Flakons und Dain blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Als es klirrte, tauchte Kiana wieder hinter dem Buch auf. Smilla lächelte entschuldigend und hielt die Flakons hoch. »Nichts passiert!«
»Vielleicht solltest du Dain einmal den Sommermarkt zeigen, Liebes. Ich werde noch etwas lesen müssen und wenn ich ehrlich bin, hänge ich an meiner Einrichtung.« Kiana wedelte mit einer Hand Richtung Ausgang.
»Aber ...«, hob Smilla an, wurde jedoch von der Hexe unterbrochen.
»Falke wird dich rufen, wenn ich gefunden habe, was ihr sucht.«
Smilla zuckte mit den Achseln. Mit einem Satz sprang sie vom Tresen. Dain folgte ihr. Ein Ausflug lockte ihn weit mehr als das Warten im Zelt.
Obwohl Smilla nicht in ihre Kleidung passte, fügte sie sich gut zwischen die anderen Besucher des Platzes ein. Dain entdeckte ein paar andere Sorestnatý, deren Kleidung ebenfalls lose herab hing. Zwar hegte er weniger Interesse als die Nymphen an seinem Erscheinungsbild, aber die hellen Nordlandbewohner waren eindeutig nicht an ihrer Garderobe interessiert. Sobald sie das Zelt verließen, tauchten sie in ein Sammelbecken der verschiedensten Melodien ein. Am Ufer des kleinen Baches, der hinter Kianas Zelt über die Wiesen floß, saß ein hochgewachsener Elf, der ihn mindestens um Haupteslänge überragte. Seine Haut war faltig, wirkte auf die Entfernung beinahe wie Rinde. Es hätte Dain nicht verwundert, wenn sich der Alte direkt vor seinen Augen in einen Baum verwandelt hätte. Während er Smilla weiter folgte, holte der Elf einen Valin-Kamm hervor und entlockte ihm eine sanfte Tonfolge.
Smilla drehte sich übermütig im Kreis, bevor sie den Kopf hob und schnüffelte. Ihr Grinsen war wölfisch. »Komm mit. Jetzt zeige ich dir meinen Lieblingsort.«
Ihre Füße trommelten über die unebene Wiese. Während Dain aufpassen musste, dass er nicht in Kaninchenlöcher trat und stolperte, flog Smilla förmlich über Hindernisse hinweg. Immer mehr Elysianer gingen ihren Geschäften nach und die Stimmung heizte sich auf. Dann roch Dain etwas.
Schärfe, Aroma und der Duft von Gebratenem schoß ihm in die Nase. Er bekam sofort Hunger. Smilla kicherte, als er beschleunigte und zu ihr aufschloß. »Was ist das?«, fragte er. Dain musste fast schreien, um das Stimmengewirr der anderen zu übertönen.
»Gebirgskäse«, antwortete das Werwolfsmädchen. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und heulte. Eine Antwort ertönte aus mehreren Kehlen. Dain sah sich um. Aus allen Richtungen strömten Soresnatý auf einen schmalen Leiterwagen zu. Dort stand ein kleiner Mann und wedelte mit einem Spieß. »Ihr stellt euch an, sonst gibt es nichts«, brüllte er.
Die Nordlandbewohner bildeten tatsächlich eine ordentliche Reihe. »Es ist eine Spezialität«, erklärte Smilla, während sie die anderen ignorierte und auf den Koch zuging.
»Bei Waòs roten Backen, komm her, Mädchen«, begrüßte sie der kleine Mann. Er reichte Dain nur bis zur Schulter, hatte einen breiten Brustkorb und lange, zottelige Haare.
Smilla wurde in eine feste Umarmung gezogen. Als der Koch sich von ihr löste, steckte sie ihm ein kleines Tütchen zu. Das runzlige Gesicht des Fremden strahlte. »Großartig! Möchtest du etwas essen?« Als sie nickte, kratzte sich der Koch am Kinn. »Was ist mit deinem geflügeltem Freund, hier. Mag der Gebirgskäse.«
Die Nordlandbewohner murrten ungeduldig, doch der kleine Mann ließ sich nicht drängen.
»Es riecht zumindest schon ganz gut«, erklärte Dain.
Smilla boxte ihn in die Seite. »Er wird ihn lieben!«
Der Koch warf Dain noch einen misstrauischen Blick zu, dann eilte er hinter den Tresen. Es dauerte nicht lange, dann beugte er über den Verkaufsbereich und hielt zwei Brote in der Hand. Darauf glänzte goldgelb der Käse. Smilla schnappte beide und rannte weiter. Sie verließen den Zeltbereich und das Werwolfmädchen führte ihn zu einem Bach. Dort überreichte sie ihm das Brot.
Auf dem Käse waren kleine Knollen und Gemüsestücke, die Dain nicht kannte. »Was ist das?«
Smilla bis ab, bevor sie antwortete. »Ein Stück Himmel.« Dann legte sie den Kopf schief. »Beeil dich lieber. Mutter Kiana will uns sehen.«
»Woher weißt du das?«
Zunächst zuckte Smilla nur mit den Schultern, bevor sie sich am Ohr kratzte und den Kopf schief legte. »Falk und ich verstehen einander. Ohne Worte. Es ist eigentlich ganz einfach. Seine Worte tauchen in meinem Kopf auf und umgekehrt.«
Asche und Staub, der Käse roch wirklich gut. Dain beließ es bei ihrer Erklärung und kostete. Als der Geschmack von Wald und Schmelz seine Zunge traf, schloß er die Augen. Der Käse war würzig, beinahe scharf. Er harmonierte wunderbar mit den anderen Zutaten. Obwohl Smilla schnell aß, beendete Dain vor ihr sein Mahl.
»Gut«, erklärte er, bevor er sich das Gesicht an seinem Ärmel abwischte. Sie tat es ihm gleich. Auch wenn er viel lieber noch ein Brot verschlungen hätte, kehrten sie zu Kianas Zelt zurück.
Als sie ins Innere traten, beugten sich Mutter Kiana und die Eisfeder gerade über ein Buch. Die Seiten wirkten so alt, dass sie wahrscheinlich zerbröseln würden, sollte es jemand werfen.
Falk trank einen weiteren Tee und Lore hatte sich seit ihrem Aufbruch nicht bewegt. Sein Schnarchen schallte immer noch zwischen den Regalen hervor.
»Es wird nicht einfach werden«, murmelte die Hexe.
Die Eisfeder fixierte Dain mit kalten blauen Augen. »Wir zahlen jeden Preis.«
Smilla schlenderte zu Falk und überließ es Dain, neben die Eisfeder zu treten.
»Großartig. Damit hätten wir also ein Heilmittel.« Er stützte seine Unterarme auf den Tresen und musterte die Seite. Er konnte die Sprache nicht lesen. Aber es reichte ja auch, wenn es der Hexe gelang. Dafür war sie ja schließlich da.
Mit dem Zeigefinger pikste er gegen die aufgeschlagene Seite. Zu seiner Überraschung zerfiel sie nicht.
Eine unsichtbare Hand klopfte ihm auf den Handrücken. »Das ist das große Buch der Bernsteinhexen. Das Buch der Ewigkeit. Behandle es mit Respekt. Zumindest, soweit du dazu fähig bist.« Kiana hatte nicht einmal den Kopf gehoben.
»Das sind nur die Zutaten, Feender«, seufzte die Eisfeder. »Bis zum Trank ist es noch ein weiter Weg.«
»Kokssack«, fluchte Dain leise. Der lachende Gott war also noch nicht fertig mit ihm. Seufzend stemmte er sein Kinn auf die Handflächen. »Das ist ein Wunschmarkt. Du kannst doch alles hier kaufen.«
Die Hexe schüttelte ihren Kopf. »Den Trank Elysia kann man nicht einfach kaufen. Ein paar Zutaten habe ich hier. Einige andere könntet ihr an anderen Ständen erwerben. Doch es gibt welche, die sind so selten, dass ihr sie selber suchen müsst. Oder ihr beauftragt einen Sammler wie Falke.«
Die Eisfeder holte einen schweren Beutel hervor, den sie um den Hals getragen hatte. Sie öffnete das Lederband und zahlreiche Goldstäuße purzelten auf die Holzplatte. »Wird das reichen?«
Das war mehr Geld, als Dain jemals zuvor gesehen hatte. Seine Finger zuckten.
»Denk nicht einmal daran«, zischte die Wassernymphe und legte eine Hand auf einen der Stöcke, die an ihrer Hüfte baumelten.
Kiana fächerte die Münzen auf, sodass die Sträuße nebeneinander lagen. Falk war ebenfalls an den Tresen getreten und nickte.
»Fein«, antwortete die Hexe. »Dann lasst uns mal schauen. »Bei der Werwolfkralle könnte euch Smilla behilflich sein. Keine Sorge, Liebes, wir brauchen nur einen Splitter. Ich habe tatsächlich einen Schneesturmwind vom Re'taz-Gebirge, eine Glockenblumenblüte und einen Lavabrocken aus dem Abgrund von Dragonis. Bei Nischo habt ihr gute Chancen auf ein Stück Älggeweih und ein Wurzelfragment eures Königsbaums.« Die Eisfeder erstarrte. Eine Ader an ihrem Hals pochte. Dain unterdrückte ein Grinsen. Der Gedanke, dass jemand den unantastbaren Solleabaum angerührt hatte, musste ihr körperliche Schmerzen verursachen. Ja, als Wache hatte man es nicht leicht.
Smilla trat zu ihnen und zog das Horn aus ihrer Tasche. »Na, wie gut, dass Lore und ich heut morgen spazieren waren.«
Ihr blauer Freund schien das anders zu sehen. Sein Stirnrunzeln machte es deutlich.
»Sehr gut.« Mit spitzen Fingern griff Kiana nach dem Horn und legte es auf eine Seite des Tresens. »Was den Wüstenkristall und die Haut der Zeitschlange betrifft, da müsst ihr euch umhören. Vielleicht habt ihr Glück. Die Dramärenschuppe, die Drachengeistträne, das Elfenholz, der Drospenstachel und das Vampyrblut sind ein ganz anderes Kaliber. Das müsst ihr selbst beschaffen. Probleme macht mir eher der Begriff Lebenswasser. Das kenne ich nicht.«
Smilla und Falk verschränkten gleichzeitig ihre Arme vor der Brust und funkelten sich an.
Kiana seufzte. »Ignoriert sie einfach. Die machen das ständig.«
Ignorieren viel Dain nicht schwer, vor allem weil er längst den Überblick verloren hatte. »Sehr gut. Und das ist dann alles? Wenn wir alles haben, stellst du dann den Trank her?«, fragte er.
»Nicht ganz. Nur die Hexe, die das Gift herstellte, kann das Gegenmittel brauen.« Siom also. Mutter Kiana deutete auf eine weitere Zutat im Buch. »Aber das dürfte kein Problem sein.« Ein unsichtbare Hand fuhr über seinen Hinterkopf. Plötzlich zog sie an und riss ihm eine Strähne dichtes Haar aus.
»Asche und Staub, was sollte das denn?«, fluchte er und sprang vom Tresen zurück. In Kianas Hand lag ein Bündel Haare. Sie hatten mindestens den Umfang eines Fingers.
Kiana nahm ein einzelnes Haar und legte es zum Horn. Ein weiteres gab sie der Eisfeder und den Rest verstaute sie in einem schmalen Zylinder. »Unter normalen Umständen ist es nicht einfach, das Haar eines Feuerfeenders zu beschaffen«, sinnierte die Hexe.
»Wenn ihr nur eins braucht, warum habt ihr mich halb skalpiert?«, schimpfte Dain, bevor er die pochende Stelle am Hinterkopf abtastete.
»Es ist ja nicht das einzige, wofür man euer Haar brauchen kann. Immerhin führe ich ein Geschäft.« Kiana lächelte breit. »Keine Sorge. Du siehst immer noch hinreißend aus.«
Dain schenkte ihr einen bösen Blick. »Und warum bekommt sie auch eins?«
Sein Haar wirkte zwischen den hellen Fingern der Wassernymphe noch dunkler. Diesmal war sie es, die antwortete. »Es freut mich, dass du fragst.« Irgendwas an ihrem Gesichtsausdruck sorgte dafür, dass sich seine Nackenhaare aufstellten. »Mutter Kiana hat zugestimmt, mir bei einer kleinen Vertrauenssache zu helfen.« Ihn beschlich ein ungutes Gefühl.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top