24. Lagergeschichten
»Also, ich fasse das einmal zusammen.« Smillas Blick fixierte Dain. »Du hast ihren Bruder auf seiner Verlobungsfeier vergiftet. Dann bist du geflüchtet und jetzt sucht ihr zusammen nach einem Heilmittel?«
Dem konnte er nichts hinzufügen, so dass er bestätigend mit seinen Schultern zuckte. Das Werwolfmädchen hatte sie zu einem gemütlichen Zelt geführt, das etwas abseits des bunten Lagers stand. Sie hatten auf Kissen Platz genommen, die unter einem Baldachin einen Sitzbereich bildeten, während Smilla die geliehene Tunika gegen Hose und Hemd tauschte. Die Kleidungsstücke waren weit und schlotterten um ihren Körper herum, als würden sie zu einer Person gehören, die wesentlich größer war. Dain sah sich um. Der Ort für das Zelt war gut gewählt. Es wirkte so, als ob die Bewohner das rege Treiben lieber aus der Entfernung betrachten würden. Etwas, das Dain nicht verstand. Er wäre am liebsten in den Trubel hinein getaucht.
Es gab so viel zu entdecken. In der Luft verbanden sich der Geruch von gebratenen Speisen mit sanften Klängen zu einem Lockruf, der an ihm zog.
Smilla schaute zur Eisfeder. »Ich habe so viele Fragen.« Lore kläffte zweimal, bevor er sich auf ein eigenes Kissen legte.
»Er offenbar auch«, stellte die Eisfeder fest. »Aber ja, so hat es angefangen.«
»Warum habt ihr ihn nicht...« Smilla zögerte.
»Hingerichtet?« Dain zuckte zusammen, als seine Gefährten das unangenehme Wort aussprach. Er war wohl etwas empfindlich geworden.
»Nun, ja?«, bestätigte das Werwolfmädchen. Ihre kurzen hellen Haare umspielten wie Federn ihr Gesicht. In der Farbe glichen sie denen der Eisfeder, doch das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die Dain auffiel.
Smilla war offen, lebhaft, ungestüm und lebte ein freies Leben. Obwohl der hohe Norden das Land ihrer Geburt war, wirkte die Eisfeder vor dem schneebedeckten Bergmassiv viel natürlicher, als das Werwolfmädchen.
Seine unfreiwillige Gefährtin schlug die Beine übereinander, bevor sie antwortete. »Nun, er hat mich hierher geführt. Sein Leben für das Leben meines Bruders. So war die Abmachung.«
»Also, eigentlich habe ich dir nur das Gegenmittel versprochen.« Falls es nicht funktionieren würde, war es nunmal nicht seine Schuld.
Die Eisfeder nagelte ihn mit Blicken auf seinem Kissen fest. In Ordnung, sie sah das also anders. Darüber würden sie noch reden müssen.
Smilla unterbrach ihren schweigenden Austausch mit einem Lächeln. »Nun, so oder so, ich weiß genau die richtige Person, um euch ein Heilmittel zu beschaffen.«
»Wir würden uns über deine Hilfe sehr freuen.« Die Eisfeder blickte hoch zur Mittagssonne. »Und für einen Hinweis, wo wir die kommende Nacht verbringen können, wäre ich dankbar. Der Schlaf auf dem Rücken eines Flugtieres ist nicht so erholsam, wie man meinen könnte.«
Hatte die Eisfeder einen Witz gemacht? Dain zwinkerte überrascht und die Müdigkeit spannte Spinnweben in seinem Kopf. Zumindest die Kälte ließ sich mit dem Verbrennen seiner Kraft kompensieren. Für eine gewisse Zeit.
»Oh, das ist kein Problem. Wir haben ein Reisezelt, das könnt ihr euch gerne ausleihen. Und Platz ist genug. Lasst uns noch warten, bis mein Partner zurückkommt. Sein Name ist Falk. Dann besuchen wir Mutter Kiana.«
Die Eisfeder akzeptiere Smillas Worte mit einem Nicken. Langsam stand sie auf und ging ein paar Schritte auf die Wiese. Dort legte sie ihren Gürtel ab, beugte ihre Knie und fing an, gegen einen unsichtbaren Gegner zu kämpfen. Dain hatte den waffenlosen Übungskampf der Nymphen schon oft genug gesehen, um die Bewegungen zu erkennen. Es war eine Mischung aus Entspannung und Training, mit der sich die Wachen beschäftigten. Nichts wirklich nützliches, denn nur die Auseinandersetzung mit einem echten Gegner bereitete auf die Anforderungen eine Kampfes vor.
Mit dem Finger rieb Smilla an ihrem Nasenrücken. Auch dort war die Haut mit sichtbaren Haaren bedeckt. Man hätte sie niemals für eine Nymphe halten können. Immer wieder zuckte ihr Blick zu ihm. »Was ist?«, fauchte er schließlich.
Sie grinste. »Du siehst anders aus.«
Ihre Worte trafen einen Nerv. Es gab nicht viele Feuerfeen und noch weniger Feender. Es hieß, dass ihr Temperament zu heiß brannte, um viel Nachwuchs zu erzeugen. Auch wenn die Götter Nymphen und Satyrn für das Königshaus auswählten, in der Geschichte Aristeas hatte niemals eine Fee auf dem Thron gesessen. Eine weitere Ungerechtigkeit, die seinen Zorn erregte. »Du auch«, schnaubte er schließlich.
Ihr Lachen kam spontan, brodelte aus ihr heraus wie der Ausbruch eines Vulkans. »Du ahnst nicht wie sehr.«
Der Hund drehte sich auf den Rücken und fing an zu schnarchen. Doch Smilla ließ ihn nicht aus den Augen. »Darf ich dich etwas fragen?«
Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, aber er mochte ihre direkte Art. »Würde es etwas ändern, wenn ich nein sagen würde?«
»Nein.«
»Dann frag.«
Wieder rieb sie ihren Nasenrücken. »Was bist du?«
Eine gute Frage. »In erster Linie bin ich ein Sohn Aristeas. Ein Feuerfeender, ein Kind aus Asche und Glut. Es heißt, der Lachende Gott habe die erste Fee aus einem Kohlestück geformt. Hast du noch jemanden wie mich gesehen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Erst als ich mich Falks Rudel angeschlossen habe, wurde mir klar, dass ich nicht viel von Elysia kannte. Deine Haut ist dunkel, sogar noch dunkler als Falks. Im ersten Moment dachte ich, du wärst ein neu gebundener Vampyr, aber die haben keine Flügel.«
Dain verstand sie. Dies war sein erster Besuch außerhalb von Aristea. Sein Land war sehr abgeschottet. Nymphen und Satyrn gehörten zum Alltag, Hexen waren ungewöhnlich und von den anderen Völkern hatte er bestenfalls gehört.
Lore hob den Kopf. Seine Nase zuckte, als er schnüffelte. Bevor Dain etwas sagen konnte, sprang der Hund auch schon auf und stürmte schwanzwedelnd um das Zelt herum.
Smilla schnappte sich das Stück Geweih Horn und folgte ihm. »Falk kommt.«
Neugierig folgte Dain den beiden um das Zelt herum. Ein großer Mann kam näher. Seine Haut schimmerte in einem tiefen Blau. Smilla begrüßte ihn mit einem Kuss, während Lore um seine Füße sprang und laut bellte. Der Lärm hatte die Eisfeder angelockt, die sich neben ihn stellte.
Obwohl weder Dain noch seine Gefährtin etwas sagten, brach der Mann den Kuss ab und starrte zu ihnen hinüber. Die Eisfeder sog scharf die Luft ein. »Wie ungewöhnlich«, murmelte sie.
Als er näher kam, konnte Dain weitere Einzelheiten erkennen. Der Mann hatte keine Haare im eigentlichen Sinne. Es schienen eher schmale Federn zu sein, die ihm bis auf die Schultern fielen. Seine Augen schimmerten beinahe schwarz und eine kräftige Nase dominierte sein Gesicht.
»Das ist Falk«, stellte Smilla ihren Gefährten vor. »Er kann nicht reden.«
Die Eisfeder kreuzte einen Arm vor ihrer Brust und neigte grüßend den Kopf. »Mein Name ist Nurise Eisfeder, Mitglied der Wache des aristeanischen Königshauses.«
Falk neigte den Kopf, seine Miene wirkte nachdenklich. »Kennt ihr das Lied über die Nymphe, die mit Fischen reden konnte?«, fragte Smilla.
Irgendwas am höflichen Lächeln der Eisfeder kam Dain merkwürdig vor. War es ihr unangenehm? Er räusperte sich. »Ja, das ist unsere Eisfeder.« Er knuffte sie gegen den Oberarm und trat zur Seite, bevor sie sich revanchieren konnte. »Sie hat einmal sogar einen Hai dazu gebracht, ihren Gegner zu fressen.«
»Es gibt keine Haie in...«, warf die Eisfeder ein, doch Dain ignorierte sie.
»Einmal hat sie jemanden mit dem Wasser aus einer Blumenvase ertränkt.« Nachdem er in den letzten Jahren ständig Geschichten von ihr gehört hatte, fiel es ihm nicht schwer, sich an ein paar von ihnen zu erinnern.
Smilla lachte. »Ich wusste gar nicht, dass ich so eine Berühmtheit beherbergt habe.« Ihre Hand strich sanft über Falks Unterarm.
Zwischen den Augenbrauen der Eisfeder bildete sich eine senkrechte Linie. Dain hatte beobachtet, dass es ein Zeichen von Anspannung war, das sich immer zeigte, wenn sie genervt war. Also eigentlich immer, wenn sie miteinander sprachen. Jetzt räusperte sie sich. »Es sind nur Lieder. Ich vermute, dass es viel interessanter ist die Geschichte einer männlichen Sirene zu hören und warum sie dem Wunschmarkt folgt.«
Dain riss die Augen auf. Mit dieser Wendung hatte er nicht gerechnet. Erneut musterte er den großen Mann und versuchte sich alles ins Gedächtnis zu rufen, dass er über Sirenen wusste. Was nicht viel war.
»Wunderbare Sänger, diese Sirenen«, bemerkte er.
Falk starrte ihn nur an.
Für einen Augenblick waren alle still, dann hörte er Smilla glucksen. Sie griff nach Falk, um sich zu stützen, während in ihren Augen Tränen schimmerten. Dann perlte ein lautes Lachen aus ihrem Mund.
Die Eisfeder verzog keine Miene. »Nun, das ist Dain. Er ist ein Feuerfeender. Das fehlende Taktgefühl gehört bei ihnen dazu.«
»Aber ...«, versuchte sich Dain zu rechtfertigen, doch Falk winkte nur ab. Auf seiner Haut zeigten sich schimmernde Flecken. Dieser Mann war ein Kunstwerk.
Smilla sog zitternd Luft in ihre Lungen. Langsam beruhigte sie sich wieder.
»Jetzt wo wir uns alle kennengelernt haben, wäre es wirklich reizend, wenn uns jemand den Weg zu dieser Mutter Kiana zeigen könnte.« Immer wenn die Eisfeder diesen höflichen Ton anschlug, regte sich etwas in Dain. Es war nicht so sehr ihre Stimme, auch nicht ihre Wortwahl. Es war die Art. Ein Befehl im Samthandschuh. Es erinnerte ihn an seine Elternhaus und förderte jede Unze Rebellentum, die in ihm steckte.
»Meint ihr nicht, wir sollten vielleicht vorher noch einen Barden anheuern, der euch angemessen ankündigt?« Die Eisfeder ignorierte ihn, doch er hörte sie förmlich mit den Zähnen knirschen.
Smilla grinste und auch die Lippen des großen blauen Mannes zuckten erheiternd. Es war schön, neue Leute zu treffen.
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