23. Blumentanz

Arin sprang, wirbelte um Hexe herum und verlieh der Musik eine neue, körperliche Ebene. Dann senkte er den Arm, fiel auf seine Knie, bevor er die Hände zum Himmel reckte. Hexe ergänzte seine Bewegungen. Ihre grauen Haare flogen durch die Luft und in einer Pirouette wirbelte sie über ihn hinweg. Die Zuschauer jubelten. Die Musik nahm an Geschwindigkeit zu, bis er spüren konnte, dass ein weiterer Höhepunkt angesteuert wurde.

Angeführt von Admiral verließen die Anderen die Gassen, um singend in Richtung Brunnen zu strömen.

Land der Flüsse, Land der Wälder

Land der Seen und der Felder

Aristea leuchtet hier.

Land der Höhlen, Land der Glut

Land von Traum, Gesang und Mut

Aristea lebt in mir.

Es funktionierte. Alle Anwesenden, alte Händler, Pflanzer, Besucher und sogar die Bettler schlossen sich an. Das Volk sang mit, verlieh der Hymne eine einzige Stimme und verband die Geister der Sänger. Sie wurden nicht nur eins, zwischen den Zwergglocken und Waldschaumkraut waren sie eins.

Arin breitete seine Schwingen aus, nahm Anlauf und kreiselte in immer enger werden Spiralen dicht über den Köpfen der Elysianer hinweg. Der Chor aus Ausgestoßenen stimmte die neue Zeile an.

Land der Frauen, Land der Männer

Nymphen, Satyrn, Feen und Feender

Aristea, das sind wir.

Bei der letzten Zeile drehte sich Arin, schlug mit seinen Flügeln, so dass er steil nach oben flog. Er griff in seine Taschen, nahm die kleinen Holzmarken mit der eingebrannten Federrune heraus und warf die bunten Scheiben in die Menge.

Die Elysianer unter ihm starrten zu ihm herauf. Ein dicker Wirt begann zu klatschen. Eine Bäckerin fiel mit ein. Kinder jagten auf der Suche nach den Holzmarken zwischen den jubelnden Elysianern hinweg. Ein paar Worte, die das Volk ins Mark getroffen hatten. Arin erkannte, dass sich nicht nur die Nyrs ausgegrenzt gefühlt hatten, auch Satyrn jeglicher Herkunft, Hexen, Gnome, Alte und Junge, selbst die Nymphen zollten ihren Respekt. Langsam sank er herab. Doch bevor er den Brunnen erreichte, entdeckte er am Rande des Blumenmarktes eine Traube von Aristern näher kommen, die alle die gleiche sonnengelbe Kleidung trugen. Die Goldwachen.

Arin griff in seine Manteltasche, zog die kleine Pfeife hervor und sandte eine warnende Tonfolge aus. Schneller als gedacht reagierten die Musiker, nahmen ihre Instrumente und hasteten zurück in die Gassen. Sie hatten nicht viel Zeit für die Vorbereitung gehabt, aber sie waren alle Künstler. Gewohnt, Schrittfolgen schnell einzuüben und notfalls zu improvisieren. Sie alle tanzten nach Arins Plan.

Die Zuschauer klatschten weiter, schienen den Rückzug der Truppe nicht zu bemerken. Mit angelegten Flügeln landete Arin neben ein paar leicht bekleideten Feuerfeen. Die größte von ihnen musterte ihn auf eine Art, die ihm die Röte in die Wangen trieb. Dann erschien Admiral und warf ihm einen staubigen Umhang über die Schultern, während Hexe wieder nach seiner Hand griff. Sie zitterte, ob es die Aufregung oder schlichte Furcht war, konnte er nicht sagen.

Gemeinsam liefen sie den anderen hinterher. Aus der Gasse, in der sie zuvor noch gewartet hatte, kamen ihnen weitere Wachen entgegen. Admiral verlor keine Zeit, machte auf dem Absatz kehrt und tauchte in der Menge unter. Berghexe schob ihren Arm unter den seinen. Ihr Zittern hatte sich verstärkt.

Die Wachen fingen an, die Zuschauer zusammen zu treiben, doch es gelang ihm, gemeinsam mit Hexe an den Rand des Marktes auszuweichen. Er tat so, als würde er die Auslage eines kleinen Standes studieren, griff nach einem Sträußchen violetter Zwergglöckchen und zog eine Magerite aus seinem Beutel. Die Münze wechselte den Besitzer und Arin reichte die Blumen an Hexe weiter. Sie wirkte überrascht, nahm seine Gabe aber an.

»Was soll das?«, zischte sie.

Mit der Nase deutete er auf eine der Goldwachen. »Wir sind nur noch Käufer. Ein Mann und seine Liebste, für deren Aufmerksamkeit er sich mit einem Geschenk bedankt.«

Langsam schritten sie weiter über den Markt, unerkannt zwischen denen, die nur auf das Fremde achteten. Hexe vergrub ihre scharf geschnittene Nase zwischen den Zwergglöckchen. »Was werden sie mit uns anstellen, sollten sie uns finden?«

Eine gute Frage. »Offiziell gegen kein Gesetz verstoßen, abgesehen von den Regeln über die Nutzung der Instrumente«, begann Arin. Nuf hatte ihm immer erklärt, ein Gespräch, egal welchen Inhalts, wirkte auf Aussenstehende natürlicher als Schweigen. Daher antwortete er ehrlich. »Man würde in unserer Aufführung wahrscheinlich einen Angriff auf die Gesellschaftsstruktur sehen. Vielleicht Rebellion.«

Berghexe sagte nichts, doch ihre Finger umklammerten die violetten Blumen. Schon bevor sie in die Gasse getreten waren, hatte er dafür gesorgt, dass allen die Konsequenzen ihrer Darbietung bewusst waren. Wenn man etwas verändern wollte, musste man sich in Gefahr begeben. Aristea dürfte nicht mehr wegschauen. Das Königshaus sollte sie einen, nicht mit falschen Regeln und Gesetzen einen Keil zwischen das Volk treiben.

Eine stattliche Nymphe rempelte ihn an. Der Duft nach Fisch und Pilzen stieg auf. Er war so penetrant, dass Arin niesen musste. »Was ist?«, zischte Berghexe.

Sie zerrte ihn weiter und es dauerte einen Moment, bis er seine Orientierung wiederfand. »Das war widerlich«, erklärte er.

»Was?« Berghexe warf ihm unter gesenkten Lidern einen prüfenden Blick zu. Ihre Nase war weniger empfindlich, so viel stand fest.

Vor ihnen kontrollierten zwei Goldwachen einen jungen Satryr. Das war merkwürdig. Was machten die Königinnenwachen überhaupt auf dem Markt? Normalerweise wurde alles außerhalb des gläsernen Palastes durch die Steingarde beschützt, doch von denen fehlte jede Spur.

Insgesamt war Arin froh, dass die Goldwachen hier unterwegs war, auch wenn er in diesem Moment wirklich nicht auf seine Schwester treffen wollte. Die Steingarde war rauer, grober und manchmal auch einfach herablassend. Nur den Besten von ihnen wurden irgendwann die goldene Schärpe verliehen.

Der junge Satyr ließ die Kontrolle über sich ergehen, aber Arin sah deutlich, wie sein Wolfsschwanz unter dem Mantel hin und her fegte. Auch die dunkle Nymphe zu seiner Linken merkte es.

»Er hat etwas zu verbergen. Wir sollten hier weg«, flüsterte Arin, bevor er Berghexe zu der Auslage eines Schmuckladens zog. Auf dem Tresen lagen verschiedene Blumenkronen, Amulette und Anhänger.

Die Händlerin, eine dralle Wiesennymphe mit kornblumenblauen Augen, lächelte ihn breit an. »Etwas besonderes, für eure Dame?«

Arin merkte förmlich, wie Hexe neben ihm erstarrte. War es Angst, dass jemand die Nyr tatsächlich für eine Nymphe hielt oder doch etwas anderes?

Der Wolfssatyr legte seinen Kopf zurück und heulte. Mit einem Satz sprang er nach vorne. Doch die Nymphen waren geschickter. Die dunkle Frau drehte sich und stellt ihm in einer fließenden Bewegung ein Bein, während ihre Partnerin seinen Arm umfasste, und ihn niederrang. Etwas kullerte aus der Manteltasche des am Boden gefangenen Satyrn.

»Gerne«, krächzte Arin und tat so, als ob er versuchte, eine Entscheidung zwischen den bunten Halsbändern zu treffen.

Er konnte nicht hören, was zwischen den Wachen gesprochen wurde. Doch er roch den Gestank von Kohle und Brennpulver, dass von dem Satyr aufstieg. Arin runzelte die Stirn. Der Wolf roch verbrannt.

Seine Nasenflügel juckten. Nicht zu niesen war anstrengend. Aus dem Halsbeutel zog Arin eine Goldaster, die er der Händlerin zuwarf. Dann wählte er einen schlichten Silberreif, um den Schaumkraut geflochten war. Unzählige purpurne Veilchen schimmerten auf dem hellen Grund, als ob jemand die Farben des Himmels gestohlen und verdreht hätte.

Die dunkle Nymphe warf einen aufmerksamen Blick durch die Menge, als sie den Beutel aufhob. Arin wartete nicht darauf, dass sie den Wolf abführten. Die Händlerin gab ihm vier Mageriten zurück. Vorsichtig setzte er Hexe den Reif auf die silberne Perücke. Er hatte gut gewählt.

Seine Begleiterin blieb stumm. Noch immer umklammerte sie das kleine Sträußchen, dass er ihr zuvor gekauft hatte. Man merkte ihr an, dass sie in ihrem Leben noch nicht viele Geschenke bekommen hatte. Auch wenn er sie bisher noch nicht gut kannte, machte es ihm Spaß, ihr eine Freude bereiten zu können.

Wider erwarten war die Flucht über den Markt schön. Die Gefahr begleitete ihn, aber gerade sie machte ihn lebendiger, als er es jemals zuvor gewesen war. Selbst Hexe entspannte sich langsam. Sanft schob er ihren Arm unter seinen, damit er sie besser an den Ständen vorbei führen konnte.

Plötzlich blieb Berghexe stehen und erstarrte. Vor ihnen, am Brunnen, kreisten mehrere Wachen gerade eine Gestalt ein. »Das ist Admiral.«

Hexe musste ihn festhalten. Ihr Griff war stärker, als es den Anschein hatte. Gleich drei Goldwachen umringten seine Mentorin. Admirals Rücken berührte eine der Statuen, die den Brunnen einfasste. Deutlich war ihre Angst zu sehen. Dieses Mal zog Berghexe ihn weg, immer weiter weg vom Brunnen und den Wachen. Die Anführerin der Nyrs wurde verhaftet und er konnte nichts dagegen tun.

Ein Schrei hallte über den Marktplatz, doch Arin sah nicht zurück.

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