21. Herzenston
Ein Ton zerschnitt die Stille auf dem Blumenmarkt. Dann der nächste. Eine Ashita, unschwer an den rhythmischen Schlägen zu erkennen, verlieh dem Platz einen eigenen Herzschlag. Die meisten Besucher bemerkten nichts, Geschäfte wurden getätigt und Pflanzen jeder Gattung wechselten den Besitzer. Arin liebte vor allem die Zwergglocken, purpurfarbene Ableger aus dem riesigen Glockenblumenwald im Süden, deren Kelche sanft klingelten, wenn man sie anstupste. Aber auch goldene Sonnenröschen, Fliederäuglein, Seeherzen und Waldschaumkraut leuchteten auf den Verkaufstischen. Der Duft der Natur zog bis in die Gasse, in der Arin mit Admiral und den anderen wartete.
»Bist du wirklich sicher, dass du das tun möchtest?«, fragte seine Mentorin mit ernster Miene. Sie würde mitziehen, da war sich Arin sicher. Aber der Anstoß musste von ihm kommen. Es war seine Überzeugung gewesen, wegen der sie nun hier standen.
Ein Satyr namens Orudin Gluthand hatte ihnen für ihr Vorhaben das Dach seiner Bäckerei zur Verfügung gestellt. Von dort schloß sich nun die tiefe Binou an. Arin konnte Trauermantel förmlich vor sich sehen. Ihr blondes Haar, dass sich über ihre Schultern ergoß und sich als Einziges von der schwarzen Kleidung abhob. Weder die dunklen Flügel noch die Sackpfeife, aus der sie dem Lied eine Seele einhauchte, würden von unten zu erkennen sein. Wie Wind oder Licht erreichte die Binou nun das Volk. Die ersten Köpfe drehten sich um, suchten, spürten das etwas in der Luft lag. Doch noch war es zu wenig, um wirklich etwas zu erreichen. Doch unbeirrt blies die Schneiderin die Binou, so dass sich die feinen Härchen auf Arins Armen erwartungsvoll aufrichteten.
Nun traten fünf Gestalten aus ihrer Nachbargasse hervor. Sie alle trugen tiefblaue Umhänge, die sie wie Wasser umspielten. Drei Nymphen und zwei Satyrn, deren Gesichter von den Kapuzen verhüllt wurden. Arin hatte zuvor mit jedem von ihnen gesprochen.
»Es ist Zeit. Zeit, dass sie uns sehen. Uns hören. Uns wahrnehmen. Wir sind Teil dieser Welt.« Arins Herz passte sich den Schlägen der Ashita an. Er kannte den Spielmeister nicht persönlich, es war ein Meister aus der Trommlergilde. Musik vereinte wirklich, die Seele und den Geist. Alle waren gekommen.
Die Marktbesucher machten Platz, gingen den fünf Musikern instinktiv aus dem Weg. Vor dem Brunnen hielt die Gruppe inne, griff gleichzeitig in ihre Mäntel und förderten ihre Nymphflöten zu Tage. Es war nur den Nymphen gestattet, diese Instrumente tatsächlich zu spielen, daher war es notwendig, dass die Musiker in den Schatten blieben. Einer nach dem anderen fing an zu spielen. Esses Lied der Morgendämmerung. Arin schloß seine Augen.
Vor über hundert Jahreswechseln war diese Hymne aus einem Traum entstanden, so zumindest hatte es die Schöpferin erzählt. Es war leicht, diesem Gedanken zu folgen. Die Ashita, deren Trommelschläge den eigenen Atem verdeutlichten. Die Binou mit ihrer Tiefe, welche genau den Moment vor der Dämmerung einfing. Die Lichtstrahlen wurden von den fünf Flötenspielern dargestellt. Der Blumenmarkt hielt förmlich den Atem an.
»Das Lied war eine gute Wahl, Apollon.« Admirals Flüstern war kaum zu vernehmen, doch konnte Arin selbst ihre Ergriffenheit spüren. Es war einer dieser Momente, die man nie vergaß.
Die Gruppe am Brunnen wiederholten die Klangfolge, sodass nun auch der letzte Besucher wusste, was hier gespielt wurde.
Dann wurde es Zeit für den nächsten Auftritt. Eine Nymphe trug ihr Klangbrett zum Brunnen, nahm am Rand Platz und schloss sich dem Stück an. Ihr dunkelrotes Haar verriet, dass sie ein Teil des Waldes war. Doch ihre Musik hatte eine andere Farbe. Wie Wolken stoben ihre Künste durch die Menge, fuhren durch die Herzen und berührten ihre Besitzer auf eine ursprüngliche, kaum zu beschreibende Art und Weise. Esse hatte damals, ohne es zu wissen, etwas geschaffen, dass nun ganz Aristea als Lied der Heimat bezeichnen würde. Es war nicht wichtig, welchem Haus man angehörte, dieser Augenblick, in dem die Nacht zum Tage wurde, war Teil ihrer Kultur.
Das Bild nahm nur durch die Klänge Gestalt an. Ashita, Binou, Nymphflöten und Klangbrett. Licht, das den Horizont erreichte.
Über Arin öffnete sich ein Fenster und Perlmutt steckte ihren Kopf hindurch. Das Tageslicht fing sich auf ihrer glatten grauen Haut, sodass sie strahlte. Obwohl die Helligkeit ihr schaden konnte, beugte sich die Nyr vor und inhalierte die Luft. Auch Arin konnte die Töne beinahe schmecken. Als das Brunnenorchester den Höhepunkt erreichte, zog sie sich mit einem Lächeln zurück. Arins Herz schmerzte vor Vorfreude.
Kaum jemand ahnte, was nun kommen würde. Aus dem Fenster erscholl ein Ruf. Das Waldhorn schloß sich den Anderen an, vervollständigte etwas, das schon perfekt gewesen war. Es fuhr zwischen sie, forderte ihre Aufmerksamkeit und der Blumenmarkt antwortete.
Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Aristeaner begannen, mit den Füßen auf dem Boden zu stampfen, verstärkten den Rhythmus der Ashita. Kisum erfüllte die Herzen seiner Anbeter, forderte ihre Aufmerksamkeit und schenkte ihnen Liebe.
Doch es war noch nicht vorbei. Mit der Violar unter dem Kinn stolzierte Mauerfuchs aus der Gasse heraus. Ihr Gang war aufrecht, ihr Rücken durchgedrückt. Als sie den Markt betrat, führte sie den Bogen über die Saiten und gab den Feuerfeen eine Stimme. Bei jedem Schritt wogte die dunkelrote Mähne, leuchtete im Licht als würde sie selbst brennen. Sie symbolisierte die Sonnenscheibe, stand für den Aufstieg und das Strahlen. Am Ende der Tonfolge drehte sich Mauerfuchs einmal um sich selbst, das Gesicht drückte zum ersten Mal Sehnsucht statt Spott aus. Ihr weiter Rock wogte, ließ ihre Beine hervorblitzen, dann stellte sie einen Fuß auf den Brunnen, direkt neben der Nymphe mit dem Klangbrett. Auch wenn Mauerfuchs selbst eine Nyr war, in diesem Moment waren sie Schwestern.
Arin schluckte. Mittlerweile kannte sein Herz keine Zurückhaltung mehr, es schwamm durch Kisums Meer der Musik, immer dem Takt hinterher. Jemand griff nach seiner Hand. Er drehte sich um, sah in die tiefblauen Augen von Berghexe, die nun neben ihn trat. Ihren Kopf schmückte eine graue Perücke im Stil der Kantaaner, vorne länger als hinten, bis auf einen schmalen Zopf, der ihr auf die Schultern fiel.
Ohne darüber nachzudenken, verschränkte Arin seine Finger mit ihren. Hexe schritt voran und gemeinsam traten sie auf den Markt. Es wurde Zeit für ihren Auftritt.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top