20. Nymphentod
Mit ihren Fingerknöcheln trommelte Sumse auf das Holz der Tischplatte. Sie konnte das Blatt drehen und wenden wie sie wollte, aber es zeigte sich kein Ausweg. Die Königin wollte eine Verbindung und ihre Mutter hatte Sumse angeboten. Mehr Opfergabe als ein Symbol der Einheit.
Die Notizen ihrer Mutter lagen ausgebreitet vor Sumse. Arin hätte ein Freund werden können, doch die neuen Vorschläge hatten wenig Anziehendes an sich. Dennoch würde sie sich entscheiden müssen. Ein Pfauensatyr, von dem gemunkelt wurde, er würde Sympathie für Goldastern anbieten. Ein Fuchssatyr mit einer Vorliebe für Flugrennen und Wetten. Ein Buntspecht, der viel zu oft dem Blauwein zusprach. Keine Frage, das Haus des Wasser gab sich wirklich alle Mühe, ihr diese Wahl so schwierig wie möglich zu machen.
Ein leises Klopfen brachte eine willkommene Abwechslung. »Ja, bitte?«
Konstantin streckte seine Stierhörner in den Raum. Als Bucci seinen Lieblingswächter erkannte, zirpte er aufgeregt, doch die ernste Miene ihres Hauptmanns sprach dagegen, dass er ihren Käfer mit Süßigkeiten zu verwöhnen. Also keine Blattlaussekretdrops für den Kleinen. »Es gab einen Vorfall im Flussviertel. Das Meer der Tränen ist bis auf die Grundmauern abgebrannt.«
Bei Floras blühender Krone, das war eine Überraschung. Sumse lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, während sie sich mit zwei Fingern in ihre Nasenwurzel kniff. »Ist diese Information bestätigt?«
»Unser Kontakt bei der Steinwache hat einen Boten geschickt und Crispein ist sofort aufgebrochen. Im Moment durchsucht man den Brandort. Es wurden zwei Leichen geborgen.« Seine schwarzen Augen verengten sich. »Es geht das Gerücht um, es hätte die Eisfeder erwischt.«
Das vorwurfsvolle Zirpen ihres Käfers sorgte für eine Ablenkung. Konstantin beugte sich nun doch zu dem kleinen Kerl, der auf seinen Beinen hin und her trippelte. Mit einem entschuldigenden Lächeln gab er nach und steckte Bucci zwei Beeren zu.
»Verstehe«, murmelte Sumse. Eine innere Unruhe ergriff sie, sodass sie aufstand und im Raum umher ging. »Sie hat mir einen Botenfalter geschickt, dass sie auf dem Weg zum Sommermarkt ist. Dort folgen sie einer Spur, die ihnen hoffentlich das Heilmittel einbringt.« Ihre Füße versanken im hellbraunen Teppich. »Ich frage mich, ob es ein zufälliger Brand war oder mehr dahinter steckt.«
Mit verschränkten Armen stand Konstantin mitten im Raum. Im Gegensatz zu ihr fiel ihm langes Stillstehen nicht schwer. »Ein Brand kann viele Ursachen haben.«
»Es ist nur so ein Gefühl. Der Zeitpunkt hängt zu eng mit dem Auftauchen dieser Rebellen zusammen.« Sie ging zu dem kleinen Tisch und nahm zwei Kelche, in die sie Bergwasser aus Arisheim goß. Die Stirn ihres Hauptmanns runzelte sich, doch Sumse fügte lediglich in ihr Getränk einen zusätzlichen Schluck Harzhonig hinzu. Sumse reichte einen Kelch an ihren Hauptmann, der nur mit einem deutlichen Zögern zugriff.
»Ihr müsst nicht ...«, begehrte er auf, doch Sumse konterte mit einer hochgezogenen Augenbraue. Sie spielten dieses Spiel jedes Mal, doch es schien ihm wichtig zu sein, dass sie die Grenzen nicht vermischte. Genauso wie es ihr ein Anliegen war, sich über altmodische Konventionen hinwegzusetzen.
Sie nippte an ihrem Kelch. Die klebrige Süße hatte eine herbe Note, die Sumse als ungemein erfrischend empfand. »Du warst bei deinem Bruder. Hast du etwas Interessantes erfahren?«
Konstantin trank das Wasser in einem Zug aus, dann tauschte er das Gefäß gegen Bucci, den er in seine Armbeuge bettete. »Es gibt Unruhen, die über das zu erwartende Maß an gewalttätigen Vorfällen hinausgehen. Betroffen sind vor allem die Künstler- und Armenviertel. Einige Bewohner werden gnadenlos zusammengeschlagen, andere ausgeraubt.«
Mit überschlagenen Beinen nahm Sumse auf der Tischplatte Platz und verschob damit die Notizblätter ihrer Mutter. »Hast du Hinweise auf Bandenaktivitäten gefunden?«
»Nein«, erklärte Konstantin bestimmt. Mit der freien Hand streichelte er den kleinen Käfer sanft zwischen den Fühlern. »Michin hat persönlich unsere Verbündeten aufgesucht. Niemand weiß etwas.«
Ihr Fuß wippte. »Gibt es neben unserem vermissten Dienstboten noch andere?«
Konstantin schüttelte seinen Kopf, sodass ihm eine rotbraune Locke in die Stirn fiel. »Nicht laut den gültigen Listen.«
Irgendwie hingen diese Punkte zusammen. Ihr Gefühl betrog sie selten. Ein spannendes Rätsel. Ihre Nasenwurzel juckte, bis Sumse sie mit einem Fingernagel bearbeitete. Sie brauchte mehr Hinweise. Mit einem Satz sprang sie vom Schreibtisch. »Also gut. Dann lass uns dem Meer der Tränen einen Besuch abstatten.«
Konstantin blinzelte verständnislos. »Aber es ist abgebrannt?«
Ohne sich umzudrehen, zuckte Sumse mit den Schultern. Sie verließ sich darauf, dass er ihr folgte. »Wenn die Leute denken, dass die Eisfeder dort ihr Ende fand, sollte ein Repräsentant des Haus des Waldes auftauchen, meinst du nicht?«
Mit schnellen Schritten schloß er zu ihr auf. »Ihr wollt niemandem Bescheid geben, dass die Eisfeder noch lebt?«
Nebeneinander eilten sie durch die Gänge des Floratium, vorbei an strengen Gemälden und schlichten Statuen. Überall standen Aristeaner in kleinen Grüppchen beisammen. Eine untypische Geräuschkulisse wehte durch die Gänge. Ein Tuscheln und Diskutieren, dazwischen kamen ihr immer wieder blasse oder verweinte Gesichter entgegen. Offenbar hatten auch andere vom Ende der Eisfeder gehört. Abgesehen vom Tod einer Königin würde nichts anderes im Floratium eine derartige Massenreaktion hervorrufen.
»Erstmal nicht. Wer auch immer dafür verantwortlich ist: wir sollten niemanden aufschrecken.«
Es war nicht weit bis ins Flussviertel. Ein strammer Fußmarsch von weniger als einer halben Kerze. Die Eisfeder hatte ihre Unterkunft mit Bedacht gewählt. Das Gasthaus stand zwischen Palast und Floratium, zumindest das, was von dem einst prächtigen Gebäude noch übrig war. Verkohlte Balken und zerborstene Steine. Die Luft roch angesengt, nach Asche und Verlust.
Sumse stieß einen leisen Pfiff aus, als sie das Ausmaß der Zerstörung überblicken konnte. »Grimmige Borke, das ist übel.«
Eine Schar Turmhüter goß immer noch Wassereimer über die letzten Brandherde, bis schließlich der ganze Platz in dichten Nebel gehüllt war. Schweiß lief über die blassen Gesichter der Nymphen, doch sie arbeiteten unbeirrt weiter. Am Rande lehnte Crispein an einer Häuserwand. In seinem grauen Umhang ähnelte er einer Statue. Eines seiner Eulenaugen blinzelte, als sie ihm zunickte, ansonsten stand er still.
Sumse umrundete das Gemäuer, bis sie zwei Umrisse ausmachte, die unter einer Decke verborgen waren. Ein junges Schankmädchen hockte in der Asche und weinte. Bei Sumses Eintreffen zuckte sie zusammen. »Da, dort liegt die Eisfeder. Vorgestern noch habe ich ihr das Essen aufs Zimmer gebracht.« Tränen liefen ihre Wangen herunter und tropften auf die festgetretene Erde. »Sie ist fort«, weinte das Mädchen. »Beim lachenden Gott, was sollen wir nur tun?«
Übel war gar kein Ausdruck. Gerüchte verteilten sich wie die Samen einer Korbblume zur Blütezeit - federleicht, schnell und unmöglich zu fangen. Jetzt würde niemand glauben, dass die Eisfeder noch lebte. Wieso war sich das Mädchen so sicher, es konnte doch gar nicht die Eisfeder sein?
Sumse beugte sich herab, um unter die Decke zu schauen. Der Geruch nach verbranntem Fleisch war schwer zu ertragen. Eine Nymphe mit blonden Haaren lag neben einer weiteren, deren dunkle Haut an Mahagoni erinnerte. Beide trugen die Überreste einer gelben Uniform. Während das Gesicht der Blonden bis zur Unkenntlichkeit zerstört war, wirkte die andere, als ob sie lediglich schlafen würde. Natürlich. In Aristea glaubte man an das, was man sah. Eine hellhaarige Nymphe im Meer der Tränen? Das konnte nur die Eisfeder sein. Abgesehen davon bildete die Abwesenheit der Heldin eine ganz eigene Botschaft. Denn jeder stellte sich jetzt die Frage, warum sie nicht hier war, um den Vorfall aufzuklären. Was für ein Desaster.
Konstantin trat neben Sumse. Beim Anblick der beiden Nymphen wurde sein gebräuntes Gesicht kalkig, sodass die Sommersprossen hervortraten. Hastig sprang er zurück und atmete tief durch. »Setz dich auf den Boden. Kopf zwischen die Knie«, ordnete Sumse an. Etwas schabte hinter ihr über den Boden, doch Sumse konzentrierte sich auf die beiden Toten. Irgendetwas störte sie. Die dunkle Nymphe war unverletzt. Was hatte sie getötet?
Das Mädchen hatte bis dahin die Vorgänge still gemustert. »Wer seid ihr überhaupt?«, fragte sie schließlich. Sumse überließ es ihrem Wächter, zu antworten.
»Das ist Sumse Weidensang, Mitglied des Floratiums und aus der Kammer für Grünflächen und Waldbedürfnisse.«
Die Uniformen wiesen keine besonderen Abzeichen auf. Wo blieben überhaupt die Mitglieder der Garde? Irgendwer sollte doch in der Lage sein, die beiden Nymphen zu identifizieren.
»Soso«, flüsterte das Mädchen. »Aber warum interessiert sich jemand aus der Kammer für Grünflächen für einen Brandort?«
Konstantin zögerte nicht lange. »Die Bauordnung gehört ebenfalls zu diesem Bereich. Wir kontrollieren, ob gegebenenfalls Baumängel für das Feuer verantwortlich waren.«
Vorsichtig beugte sich Sumse vor. Es war wichtig, den Körper nicht zu berühren, dennoch wollte sie so viele Informationen wie möglich gewinnen. Der Kopf der dunklen Nymphe blickte zur Seite, die Augen starr auf einen Punkt in weiter Ferne gerichtet.
»Kann ich euch irgendwie helfen?« Konstantins Stimme klang gepresst. Seine Stärken lagen eher darin, ihr Vorhaben mit Gras zu bedecken, als tote Areaner zu berühren.
»Es reicht, wenn du dich nicht übergibst.« Da. Unter dem Hals war ein kleiner Punkt. Ein Einstich?
»Ist das überhaupt eure Aufgabe?«, überlegte das Mädchen. »Ihr seid doch ein Wächter und sie ein Ratsmitglied, oder nicht?«
Sumse deckte die Nymphen wieder mit der Decke zu und drehte sich um. »Konstantin hat es nicht so mit Toten.«
Die blauen Augen des Mädchens waren klar, ihre Haare zeigten keine Spuren von Locken. Eindeutig eine Teichnymphe. Die waren immer besonders hartnäckig.
»Frische Tote stören mich nicht«, murmelte Konstantin. Er stand auf und lächelte Sumse gequält an. Er war ein ausgezeichneter Hauptmann und ein gefährlicher Gegner. Es gab keinen Grund für ihn, sich für diese Schwäche zu schämen.
Ein hoher Warnruf erkannte. Crispein. Sie legte ihren Kopf schief und lauschte. Vom Ende der Gasse ertönte nun das gleichmäßige Trommeln von Stiefeln. Die Steingardistinnen trafen ein.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top