17. Eingewöhnung

Die Wurzel über Arins neuem Bett hatte eine merkwürdige Form. Sie ähnelte dem Fuß einer Tänzerin, die in der Luft hing. Zeitlos, im Moment erstarrt.

Eine Melodie stieg in seinem Inneren auf, zunächst sanft, dann immer schneller. Fordernd. Arins Füße zuckten. Das Zimmer war nicht besonders groß. Ein Bett, ein Schrank und ein Schminktisch mit Stuhl. Nur neben dem Bett hatte er ein wenig Platz zum Tanzen, ansonsten drückten ihn die Möbel zu den Wänden.

Sein Kopf dröhnte, trotzdem spürte er den Bewegungsdrang. Er rollte zum Rand und zog sich an einem der geschnitzten Pfosten hoch. Sein Herz raste, gab einen Takt vor, der ihn inspirierte. Eine Stimme erklang, irgendwo draußen übte jemand Tonleitern. Ein Schritt, fast wäre er gestürzt. Dann erinnerte er sich an den Rauch. Mauerfuchs. Was war das nur für ein Kraut gewesen?

Der unbekannte Sänger wechselte zu einem Kinderlied. Fridolin, der Funkenjäger.

Arin musste lächeln. Wie hatte er Fridolins Abenteuer geliebt, damals, als sein Vater oder Nuf ihm die Geschichten jeden Abend vor dem Zubettgehen erzählt hatten. Trotz seiner wackeligen Beine wagte er eine Drehung. Dann noch eine.

Mit jeder Bewegung fühlte er sich sicherer. Als das Lied zu Ende ging, summte er es weiter. Er folgte Fridolin durch dunkle Höhlen, wirbelte immer wieder seine Arme herum, um imaginäre Flammen zu schaffen. Dann, am Baum der Hoffnung, sprang er so hoch, dass er beinahe mit der Stirn die Wurzeln in der Höhlendecke berührte. Er breitete seine Rabenflügel aus. In seiner Vorstellung wandelten sich die schwarzen Federn zu Fridolins bunt schillernden Schwingen. Bei der Landung fiel ein Topf laut polternd zu Boden, während sein Fuß das Laken mitriss. Arin tanzte weiter. Auf Zehenspitzen balancierte er zum Frisiertisch, beugte sein Haupt vor der Sirenenkönigin und brachte ihr die Flamme der Kunst. Er tänzelte zum Bettpfosten, kämpfte gegen Murch, die finstere Dunkelnymph, und jubelte, als sein vierter Streich sie besiegte.

Erschöpft hielt er inne. Sein Herz raste unnatürlich schnell. Mit einem tiefen Atemzug sog Arin die Luft in seine Lungen.

Hinter ihm klatschte etwas. Jemand applaudierte.

Arin drehte sich um und stolperte. Haltsuchend griff er nach dem Rahmen seines Bettes.

Im Türrahmen stand Mauerfuchs, die Augen hinter ihren Haaren verborgen, doch ihr Lächeln strahlte begeisterte Wärme aus. »Wundervoll«, jubelte die Nyr. »Ungelogen, das Schönste, was ich heute gesehen habe. Du bist wirklich gut.«

Arin wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Danke.« Ihr Lob fühlte sich unnatürlich an. Ungewohnt. »Sonst ermüde ich nicht so schnell. Aber der Rauch war ziemlich stark.«

Die Nyr legte den Kopf schief. »Meinst du? Eigentlich wirkt der Traumfinder eher belebend. Du hast ja kaum etwas erwischt. Normalerweise solltest du dich nur ein wenig wacher fühlen.« Ihre Schultern zuckten. »Nun, vielleicht verträgst du es einfach nicht.« Ein hellbrauner Mantel verhüllte ihre Gestalt. Sie trat einen Schritt in den Raum und maß die Einrichtung mit ein paar Blicken ab. Vorhin hatte sie ihm einfach nur die Tür geöffnet, jetzt war sie aufmerksamer.

»Was ist los?«, fragte er.

Ihr Lächeln drückte Vorfreude aus. »Admiral hat mir eine Liste und ein paar Münzen gegeben. Wir gehen einkaufen!«

»Einkaufen? Warum? Ich habe brauche doch nichts.«

Kopfschüttelnd ging sie voraus und ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. »Wenn du bei uns bleibst, wirst du ein paar Sachen benötigen. Keine Sorge, einiges wirst du von uns bekommen. Aber du brauchst auch etwas Neues.«

Der Gedanke, dass jemand Geld für ihn ausgeben wollte, war unangenehm. »Warte«, drängte er. »Das ist nicht nötig.«

Mauerfuchs ignorierte seine Forderung. Sie durchquerten den Schankraum. Ein paar Nyrs putzten die Theke und die Böden. An einem der Tische saß der Mann vom Eingang und aß einen Teller Eintopf, während er sich mit einem zweiten Stiersatyr unterhielt.

Mauerfuchs beschleunigte ihre Schritte, sodass sie fast durch den Gastraum rannten.

»Was ist denn los?«, fragte Arin, als sie durch einen schmalen Gang nach oben liefen.

Mauerfuchs zögerte. »Das hier ist der Mitarbeitereingang«, erklärte sie, ohne Arin anzuschauen.

»Das meine ich nicht.«

Mit einer Hand strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. »Große Satyrn machen mich oft nervös«, murmelte sie.

Der Gang war schmaler als der Hauptgang, dennoch konnten sie nebeneinander laufen. Jemand hatte Glühranken an den Deckenwurzeln befestigt. Die Wangen der Nyr nahmen einen leichten Rosaton an.

Durch eine dicke Holztür traten sie ins Freie. Draußen begrüßte sie dämmriges Licht. Aera roch nach der nahenden Dunkelheit. Mauerfuchs zog einen bronzefarbenen Schlüssel unter ihrem Mantel hervor. »Hinaus kommt man auch ohne, aber man braucht so einen, um hineinzukommen. Wenn du durchhältst, bekommst du deinen nächste Woche.«

»Durchhalten?«, fragte Arin, als sich Mauerfuchs zur Seite drehte, um sich bei ihm unterzuhaken.

Verwirrt schaute sich der Satyr um. Hatte er diesen Ort wirklich erst gestern gefunden? Er erschien ihm schon so vertraut, auch wenn er gar nicht wirklich wusste, wo er sich eigentlich aufhielt. Die Dorada war kaum zu erkennen. Ein kleines Schild hing unter einer Wurzel und deutete auf den Hauptgang, der tief unter den Baum hinab führte. Er kannte nicht einmal den Namen. Tanzwurzel. Das Wort war in die Oberfläche eingebrannt, schwarze Buchstaben auf hellbraunem Grund. Ein paar blassgrüne Ranken umrandeten den Zugang. Die Rinde war grob und bestand aus Kork. Es war auf jeden Fall ein schlauer Zug gewesen, die Schenke unter dem Stamm eines feuerfesten Flammeneiche zu bauen.

An den Baum waren zwei oberirdische Häuser angebaut. Das Linke hatte nur ein Fenster über dem großen Eingangsportal. Darüber befand sich eine Seilwinde. Ein Lager? Das andere Haus war heruntergekommen. Die Fensterläden hingen windschief herunter, die Fassade war löchrig und das Dach eingefallen. Eine Ruine.

Mauerfuchs bog in eine Nebenstraße ein. Die Häuser standen hier dicht an dicht. »Nicht alle finden hier das Leben, das sie suchen. Für manche ist es nur ein Zwischenstopp. Nicht jeder benötigt einen Schlüssel, denn nicht jeder fühlt sich hier zu Hause.« Mehr und mehr von Aeras Bevölkerung begegnete ihnen. Handwerker, die sich auf dem Heimweg befanden. Dienstmädchen, die kichernd durch die Straßen zogen und sogar ein paar feiner gekleidere Einwohner. Alle schienen auf der Suche nach etwas zu sein. Spaß? Ablenkung? Arin wusste es nicht. Allmählich verschluckte die Dämmerung das Licht. Ein Schimmer stieg von den Glühpilzen auf, die sich bereit machten, die Stadt in sanftes Leuchten zu hüllen.

Sie passierten einen kleinen Markt und endlich erkannte Arin, wo er sich befand. Der Blumenmarkt. Tagsüber war es ein sehr belebter Ort. Hier wechselten Pflanzen jeglicher Art den Besitzer. Teils mit Wurzeln, teils ohne oder nur für einen kurzen Moment bestimmt. Manche in Harz gefangen, andere getrocknet, gepresst oder gebunden. Die Stände waren abgebaut, doch in der Luft lag noch der Geruch nach Weiden und Seerosen. »Wohin führst du mich?«

»Als Erstes zu meinem Lieblingsgeschäft, danach besorgen wir ein paar Kleidungsstücke für dich.« Sie verließen das Blumenviertel und näherten sich dem Schneidermarkt.

Trotz seines Namens war dieser Bereich von Aera heruntergekommener als seine Nachbarn. Die Gebäude waren verwahrlost und es lag eine düstere Stimmung in der Luft. Arin konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass man sie beobachtete. Vielleicht hatte er aber auch nur zu viele Warnungen seines Vaters gehört, die ihn vor den finsteren Vierteln in Area warnten. Es hieß, wer nicht hierher passte, wurde ausgeraubt. Zumindest würde man bei ihm nicht viel finden.

Unbeirrt trabte Mauerfuchs vorwärts. Vor einem der besseren Bauten blieb sie stehen. Auf dem verblassten Schild war ein brauner Sack zu sehen, darüber der Schriftzug: Der Gewürzhändler.

Sie betraten das Haus durch einen Kellereingang. Das Licht war spärlich und noch bevor sich Arins Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnte, juckte seine Nase. Scharfe, stechende Gerüche lagen in der Luft, manche bekannt, aber viele konnte er nicht zuordnen.

Ein alter Mann stand hinter der Theke und musterte sie aus blassen Augen. Als er Mauerfuchs erkannte, lächelte er. »Meine Liebe. Du hast wohl geahnt, dass deine Lieferung eingetroffen ist?«

Der Laden war interessant. Auf Regalen, die sich bis zur Decke zogen, standen dicht an dicht Tiegel, Töpfe und sonstige Gefäße. Sie alle verströmten ein Sammelsurium der verschiedensten Düfte.

»Geahnt nicht, eher gehofft«, antwortete Mauerfuchs. Münzen wechselten den Besitzer und der Händler übergab seiner Begleiterin einen kleinen Beutel. Dann schaute er Arin an. »Willkommen beim Gewürzhändler. Wir kennen uns noch nicht. Man nennt mich Farasin.«

»Das ist Apollon«, erwiderte Mauerfuchs schnell. »Ein Neuzugang.«

Der Alte riss die Augen auf und Arin kam es vor, als ob er jedes Detail von ihm erfasste. Von den weißen Haaren über die Rabenflügel bis hin zu dem Festanzug, den er immer noch trug.

»Irgendwie kommst du mir trotzdem bekannt vor. Ich vergesse nie ein Gesicht.«

Bevor Arin etwas darauf antworten konnte, griff Mauerfuchs nach seiner Hand. »Nicht, Farasin«, murmelte sie. »Apollon beschreitet jetzt neue Wege.«

Der Alte verzog seine Lippen und hob in einer begütigenden Geste die Hände. »Natürlich, verzeiht mir.« Seine Augen fixierten eine Stelle an Arins Hals. Er zog einen kleinen Tiegel unter dem Tresen hervor. »Du hast da einen kleinen Einstich unter deinem Ohr. Creme ihn hiermit ein, damit er sich nicht entzündet.«

Arin fuhr mit den Finger an die beschriebene Stelle und tastete suchend umher, bis seine Finger über eine winzige Erhöhung fuhren. Wann war das denn passiert?

Mauerfuchs griff nach ihrem Münzbeutel, doch Farasin winkte ab. »Ist schon gut. Betrachtet es als Entschuldigung für meine Unhöflichkeit.« Seine Finger klopften sacht auf den Tresen, als ob er seinen Gedanken einen Takt verleihen wollte. »Die Zeiten sind rauer als sonst. Passt auf euch auf.«

Sie verließen den Gewürzhändler. Die nächste Kerze verbrachten sie bei einer Schneiderin, die Arins, oder nein, Apollons Maße nahm und ihm immer wieder nicht abgeholte Kleidungsstücke zum Anprobieren brachte. Da er nicht wusste, was in seinem Umfeld als angemessen galt, überließ er Mauerfuchs die Entscheidungen, die sie mit unerwarteter Begeisterung fällte. Am Ende trafen sie mit zwei gefüllten Säcken wieder in der Dorada ein. Sein neues Leben konnte starten. Warum also fühlte er sich so leer?

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