16. Planänderung
Die Eisfeder verschränkte die Arme. Ihr Gesichtsausdruck war nachdenklich, der Zug ihrer Mundwinkel sprach von Resignation. Offensichtlich hatte sie eine Entscheidung getroffen, doch Dain war nicht sicher, ob sie ihm diese auch mitteilen würde.
Um die Stimmung ein bisschen aufzulockern, schenkte er ihr ein breites Grinsen. »Tja, hängen oder nicht hängen, das ist hier die Frage.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden, Feender.« Ihr Gletscherblick ruhte weiterhin auf ihm. Was hatte sich der Lachende Gott nur dabei gedacht, dass er ihm diese Nymphe in den Weg geworfen hatte?
Sie war dermaßen kalt, dass selbst ihre Nähe reichte, um ihn frösteln zu lassen. Sanft schürte er die Glut in seinem Inneren, um seine Körpertemperatur anzuheben. Leicht würde er es ihr jedenfalls nicht machen. »Die Hoffnung stirbt zuletzt.«
»Aber sie stirbt.«
So kamen sie nicht weiter. Vielleicht sollte er sich weniger auf seinen Charme und mehr auf seine Fähigkeiten verlassen, auch wenn es anstrengend wäre.
Die Eisfeder unterbrach seine Gedanken und deutete in den weiteren Gang.
Hinter einem Torbogen führte eine Treppe hinab. Noch weiter nach unten? Wie verzweigt waren die Höhlen eigentlich?
»Komm« Ihr straffes Tempo war eine Herausforderung. Sie stiegen zahllose Stufen nach unten, bis seine Muskeln zu krampfen begannen. Mehr als einmal kämpfte er mit seinem Gleichgewicht.
Die Gänge wurden schmaler, sodass Dain seine Flügel eng am Körper tragen musste. Natürlich wäre ihm die Anstrengung wesentlich leichter gefallen, wenn er die vergangene Nacht nicht bewusstlos am Boden einer Zelle zugebracht hätte. Allerdings würde er lieber umfallen, als der Eisfeder gegenüber eine Schwäche einzugestehen und so torkelte er verbissen hinter ihr her. Die Treppe endete in einer Nische und mit einem Stöhnen blickte Dain in einen weiteren Gang. Hier unten war das Licht schwächer. Zum Glück funktionierte seine Feensicht. Seine Umgebung versank in Grautönen.
Es dauerte eine Weile, bis ihm bewusst wurde, dass sie sich rauschendem Wasser näherten. Mittlerweile hatte er völlig die Orientierung verloren. Hatten sie die Höhlen schon verlassen? Er schreckte aus seinem dumpfen Trott auf.
Die Wände um ihn herum waren von einer glitschigen Schicht bedeckt, die einen strengen, beinahe fischigen Geruch absonderte. Seine Augen schmerzten. Zu lange schon verließ er sich auf seine Feensicht. Wie die Eisfeder das wohl machte? Er rieb sich eine pochende Schläfe. Wie konnte sie in dieser Dunkelheit denn überhauptet etwas erkennen?
Der Tunnel gabelte sich erneut, das Rauschen wurde schwächer. Am Liebsten hätte er die Eisfeder mit ihrem Zopf, der neckisch vor seiner Nase wippte, erdrosselt. Dann, endlich, sah er ein Licht.
Die Eisfeder beschleunigte ihre Schritte und Dain musste erneut die Zähne zusammenbeißen, um mitzuhalten.
Sie verließen den Gang und tratten in das gedämpfte Licht des Waldes. Irgendwie hatten sie die Stadtmauer unterwandert, denn sie waren eindeutig nicht mehr in Aera. Das Laub unter ihren Füßen raschelte, als sich die Eisfeder zu ihm umdrehte.
Dain ignorierte sie. Tief sog er die würzige Luft in seine Lungen.
Auch die Eisfeder schnüffelte, doch verzog gleich darauf ihre zarte Nase. »Du stinkst.« Ihr Tonfall war eindeutig vorwurfsvoll.
Dain zuckte nur mit den Schultern. »Die Unterbringung war eher zweitklassig.«
Ihre Gletscheraugen bohrten sich in seine, aber er gab nicht nach. Sie schnaubte. »Die Hexe?«
Dank des Mooses auf den Baumstämmen konnte er sich ungefähr orientieren und deutete in die Richtung, in der er Illismea vermutete. »Sie wohnt an der Grenze, etwa eine Tagesreise von hier. Wir könnten ja einen Treffpunkt vereinbaren oder ich suche dich im Meer der Tränen auf.«
Die Eisfeder zwinkerte. Einmal. Zweimal. Dann fing sie an zu lachen. Mit einer Hand stützte sie sich an einem der Mammutbäume ab. Immer wieder schnappte sie nach Luft und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. »Du denkst tatsächlich, dass ich dich nach all dem einfach deiner Wege spazieren lasse?«, hechelte sie.
Dain runzelte die Stirn. »Ich gebe dir mein Wort ...«, begann er.
Ein Hickser schlich sich in ihr Lachen, als eine weitere Salve sie überrollte. »Dein Wort!«
Hatte schon jemand zuvor sein Wort angezweifelt? Nicht einmal seine Mutter wäre so unverschämt gewesen.
Wind kam auf und fuhr durch die Baumwipfel. Von irgendwoher hörte er ein paar Vögel schimpfen. Schließlich atmete die Eisfeder tief durch, bevor sie sich eine Träne von der Wange wischte. »Hör zu, Feender. Es läuft wie folgt. Du besorgst das Heilmittel, ich begleite dich. Ganz einfach.«
»Du hast ein Vertrauensproblem.«
»Ich bin nicht die mit den Problemen.« Ihre weiße Augenbraue hob sich. Dann schnüffelte sie. »Komm mit. Wir machen einen kleinen Umweg und besuchen dann jemanden, der mir noch einen Gefallen schuldet.«
Der neue Plan gefiel ihm nicht. Ehrlicherweise gefiel sie ihm nicht. Irgendetwas an ihr schüchterte ihn ein. Nymphen spielten sich immer auf, auch wenn sie selten Feen in ihre Machenschaften einbezogen. Die Eisfeder war anders. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sie ein wenig gefügiger zu machen. Er räusperte sich.
»Wenn du auf die falschen Gedanken kommst, verlierst du deine Zunge.«
»Ich wollte nicht ...«, begann er, doch die Eisfeder stapfte schon weiter.
Nun ging es ein paar Hügel hinauf und wieder hinunter. Blautraubenranken und Blutdisteln verhakten sich in seiner Kleidung. Immer wieder rutschte er auf dem Laub aus. Eine Wurzel hielt seinen Fuß fest. Dain wedelte mit den Armen und spannte seine Flügel auf. Gerade noch rechtzeitig fand er sein Gleichgewicht wieder.
Die Eisfeder setzte ihren Weg unbeirrt fort. Ab und an hob sie ihr Näschen, schnüffelte in der Luft wie ein Hamster, der auf der Suche nach Futter war. Dann änderte sie die Richtung und sie wanderten weiter.
»Wird dich denn niemand vermissen, wenn du einfach so dem Dienst fern bleibst?« Die Stille zwischen ihnen gefiel ihm nicht.
»Nein.« Dann hielt die Eisfeder an.
Dain trat neben sie auf die Hügelkuppe. Vor ihnen lag ein See. In seiner Mitte blühten Seerosen und Schilf umgab das Ufer. Früher war er ihn mit den Mitgliedern seines Hauses häufig besucht, aber seit seiner Abspaltung, mied er die Veranstaltungen. Dain seufzte. Jede Entscheidung barg Konsequenzen - angenehme und andere.
Die Eisfeder nickte zufrieden. Dann drehte sie sich blitzschnell herum und trat ihm die Füße weg.
Obwohl Dain noch mit den Armen wedeln konnte, rutschte er in Richtung See. Gerade, als er seine Flügel aufspannte, traf er auf die Wasseroberfläche auf. Das Schilf bog sich zur Seite, sodass er wie ein Stein im See versank. Die Kälte belebte ihn. Er fühlte, wie das Feuer der Wut in seinen Adern pulsierte. Mit einem Schrei tauchte er auf.
Sie stand noch immer auf der Hügelkuppe, unbeweglich wie eine Statue.
»Was, beim Lachenden Gott, stimmt nicht mit dir?«, brüllte er.
Sie lächelte, Asche und Staub. Ihr Gesicht strahlte dabei wie ein sonniger Wintertag. »Du hast gestunken.«
Drohend richtete er sich auf, breitete seine dunklen Schwingen aus und bleckte die Zähne.
Die Eisfeder gähnte. »Wasch dich. Wir müssen weiter.« Sie warf ihm etwas zu, das er reflexartig auffing. Ein Stück Seife. Woher hatte sie jetzt ein Stück Seife?
Das kalte Wasser tat ihm gut, auch wenn er es für nichts in der Welt aussprechen würde. Er musste reagieren. Es würde ihrer Partnerschaft, so man es denn so nenne wollte, nicht gut tun, wenn er hier einfach wie ein Hänfling herumstehen würde. Mit einem Knurren drehte er sich um und schleuderte seine Schuhe von den Füßen. Leider verfehlten sie die Eisfeder um eine Handbreit. »Ich hätte gerne ein Bad genommen, allerdings ziehe ich es unbekleidet vor.«
Die Wassernymphe hob eine Augenbraue an, während sie seine Possen beobachtete. »Ich musste sichergehen«, erklärte sie schließlich.
»Sicher gehen, dass ich bade?«
»Nein. Dass du hinterher nicht mehr stinkst. Alles auf einmal machte mehr Sinn. Und nun komm. Wir müssen weiter.«
Glücklicherweise war es immer noch warm, ein angenehmer Frühsommertag. Er machte sich nicht die Mühe, die Eisfeder nach Wechselkleidung zu fragen und sie bot ihm keine an. Seine Hose und auch die Tunika trockneten schnell, was auch an seiner warmen Haut lag. Allerdings quietschen seine Schuhe bei jedem Schritt.
Sie stapften wieder durch den Wald, dieses Mal allerdings wesentlich zielgerichteter. Aera konnte nicht mehr weit entfernt sein, denn er roch den Rauch der Schornsteine.Es dauerte nicht lange, bis die Eisfeder ihn zu einer Unterkunft führte, die mitten auf einer grasbewachsenen Lichtung stand. Das Haus war schlicht gehalten. Es bestand aus zwei Geschossen und benötigte dringend einen neuen Anstrich. Je näher sie kamen, desto mehr Einzelheiten erkannte Dain.
Hinter dem Haus befand sich ein Stall, der durch einen überdachten Weg mit dem Haupthaus verbunden war. Ein paar Obstbäume, wenn ihn nicht alles täuschte Pflaumenbäume, bildeten einen Garten und ein kleiner Bach suchte sich plätschernd einen Weg vom Waldrand über die Lichtung.
Die Eisfeder blieb stehen und pfiff eine kurze Tonfolge. Zweimal tief, einmal hoch. Sie wartete. Dann stürmte ein korpulenter Satyr aus dem Stall heraus, der in einer Hand eine große Mistgabel schwenkte. Es war schwer zu erkennen, ob er sie vor Freude wedelte, oder weil er sie gleich damit aufspießen wollte. Wobei das eine, das andere ja nicht ausschloß.
Dain trat vorsichtig einen Schritt zurück.
Vom Kopf des Satyrn standen zwei Fühler ab, die bei jedem Schritt wackelten. »Das gibt es ja nicht«, brüllte er. »Wenn das nicht meine Lieblingsnymphe ist. Wie geht es dir, Mädchen?« Dann erreichte der große Mann die Eisfeder und zog sie in eine feste Umarmung. Es hätte Dain nicht verwundert, wenn er das Brechen einiger Rippen gehört hätte. Der leicht gequälte Gesichtsausdruck der Nymphe entschädigte ihn irgendwie für die nassen Schuhe. Dain fing ihren Blick auf und erwiderte ihn mit einem breiten Lächeln. Die Mistgabel wackelte bedenklich, aber der Satyr war geschickter, als Dain zuerst vermutet hatte. Dann trat er einen Schritt zurück, um Dain mit glänzenden Augen zu mustern. »Ein Freund von dir?«
Die Eisfeder brauchte einen Moment, um sich von der Umarmung zu erholen. Schließlich antwortete sie mit einem verhaltenen Nicken. »Sowas in der Art. Grüß dich, Barkin.«
Ein mächtiger Prankenschlag zwang Dain beinahe in die Knie. »Sehr gut! Deine Freunde sind auch meine Freunde. Schön euch zu sehen. Ich bekomme hier so selten Besuch.«
Ein Umstand, den Dain dank der Begrüßungen nicht verwunderte. Seine Schulter schmerzte wie Eiswasser.
»Es ist auch diesmal leider weniger ein Besuch als eine Bitte, alter Freund«, erklärte die Eisfeder.
Die Wangen des Satyrs verfärbten sich beinahe rosa, während seine Fühler begeistert wackelten. »Nach all dem, was du getan hast, erfülle ich dir jeden Wunsch!«
»Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.« Wieder lächelte die Eisfeder. Ob sie von der ungewohnten Mimik schon Muskelkater bekommen hatte? »Wir brauchen eine Reisemöglichkeit.«
Dain stutzte. Sie brauchten was?
Barkin, der Satyr, strahlte und zog sie beinahe in den Stall. Ein erdiger Geruch strömte aus dem Inneren auf sie zu. Dazu kam ein Brummen. Etwas stimmte hier nicht.
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