10. Boten

Konstantin klopfte an Sumses Tür. Ein kräftiges Pochen, das sie aus ihren Gedanken riss.

»Ja, bitte?«, rief sie und massierte abwesend ihre Schläfen.

Der Stiersatyr öffnete und trat herein. »Ein Bote ist angekommen.« Eine kurze Verbeugung, dann händigte er ihr eine Besucherkarte aus.

Sumse musterte das weiße Kärtchen. Am oberen Rand prangte ein gelbes Band und darunter, fast unsichtbar, der Umriss einer Feder. Es gab nur eine Person, die ein solches Symbol zur Unterschrift nutzte. Also gab es Neuigkeiten.

Nickend bedeutete sie Konstantin vorauszugehen, bevor sie aufstand, ihren Morgenmantel enger band und ihm folgte. Als sie ihr Zimmer verließ, warf sie einen letzten Blick auf die Stelle, an der sie noch vor ein paar Kerzen mit ihrem unerwarteten Besucher gerangelt hatte. Die kleinen Äste hatte sie zurück in den Boden geschoben. Nichts in dem Raum verriet, dass sie vor ein paar Kerzen beinahe Opfer eines Überfalls geworden war. Lediglich die Enzyklopädie auf ihrem Nachttisch sah etwas mitgenommen aus.

Sumse hatte ein paar Nachrichten geschrieben, bevor sie in einen kurzen, aber zumindest erfrischenden Schlaf gefallen war. Seit dem Morgengrauen hatte sie jedoch auf Antworten gewartet.

Erst als sie eine Hand auf das Treppengeländer legte, sah sie, dass ihre Finger zitterten. Was würde der Bote wohl berichten? Hatte man Arin gefunden? Oder den Feender? Wer steckte hinter diesem Anschlag?

Die Eingangshalle glänzte, vom fast schwarzen Parkett bis zur gewundenen Holztreppe, über die sie hinunter stieg. Eines der Dienstmädchen musste sie gerade poliert haben. Um nicht auszurutschen, verlangsamte sie ihre Schritte und folgte der Treppe hinab bis zur Bibliothek, in der sie Gäste empfing.

Doch statt Nurise selbst erblickte Sumse einen schlaksigen Jungen, der teils ehrfürchtig, teils neugierig die Bücher in ihren Regalen musterte. Ein Hundesatyr, dessen hellbraune Schlappohren aufgeregt zuckten. Sie konnte es nachvollziehen, denn eine solche Sammlung war selten und unbeschreiblich wertvoll.

Sumse nickte dem Jungen zu, der ihre Geste mit einer ungeschickten Verbeugung erwiderte. Der blütenblaue Stoff ihres Morgenmantels bauschte sich um ihren Körper, als sie sich in einen der beiden karierten Sessel sinken ließ.

Ein Räuspern lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ihren Hauptmann, der eine Augenbraue nach oben zog. Mit zwei Fingern strich er über sein Handgelenk.

Die Kommunikation, die Sumse für sich und ihre Vertrauten entwickelt hatte, war etwas, auf das sie immer noch ziemlich stolz war. Eine einfache und vor allem unauffällige Art, sich auszutauschen. Laut Konstantin war ihre Tagwache eingetroffen, daher entließ sie ihren Hauptmann, damit er den Wachwechsel durchführen konnte. Er hatte sich seinen Dienstschluss redlich verdient.

»Welche Nachricht hast du für mich?«

Der Junge zuckte regelrecht zusammen. Warum man einen so schreckhaften Jungen überhaupt als Boten ausgewählt hatte? Hoffentlich hatte er die Worte nicht vergessen. Sie lächelte ermutigend.

Unter den sonnenblumengelben Locken des Hundesatyrs bildeten sich Schweißtropfen, doch er nahm auf der Stelle Haltung an. »Leibmarschallin Eisfeder sendet ihren Dank für die gelieferten Informationen. Der Attentäter versuchte in der Nacht auch bei ihr einzudringen, konnte aber gestoppt werden.«

Sumse nickte zufrieden. »Wie will sie weiter vorgehen?«

Ein weiterer Schweißtropfen lief an der Schläfe des Boten hinab. »Der Attentäter wurde in die Höhlen gebracht und wird dort bis zu seiner Verurteilung eingesperrt werden.«

»Nun, schön und gut. Aber was hat sie über die Hintermänner erfahren? Wann soll der Feender befragt werden?«

Mit jeder Frage wurde der Junge unsicherer. »Eine Befragung wurde noch nicht durchgeführt.« Sein Kehlkopf hüpfte auf und ab, als er schluckte. »Leibmarschallin Eisfeder wird die notwendigen Schritte durchführen und euch gegebenenfalls im Anschluss informieren.«

Sumse erstarrte. »Gegebenenfalls?«, hakte sie nach.

Der Hundesatyr war aufmerksamer, als sie es erwartet hätte. Irgendetwas in ihrer ruhigen Stimme hatte ihn gewarnt. Seine Augen zuckten immer wieder zur Tür. Jede Wette, dass er sich im Moment wünschte, ein anderer wäre für diesen Auftrag ausgewählt worden.

»Waren das genau ihre Worte? Gegebenenfalls?« Sumse unterdrückte die Wut, die sich langsam in ihr aufbaute. Natürlich waren das Nurises Worte gewesen. Der Bote hätte nicht gewagt, etwas anderes zu sagen. Wie konnte es die Leibmarschallin nur wagen, sie wie einen dahergelaufenen Informanten zu behandeln?

Es klopfte an der Tür. Die Erleichterung im Gesicht des Jungen war eindeutig. Ein Ausdruck der deutlich machte, dass der Bote die Nachricht wortgetreu wiedergegeben hatte.

»Ja, bitte?« Sumse wandte sich mit einem kalkulierten Lächeln zur Tür.

Dort schob sich Michin, ihre Tagwache, hinein. Der Kopf des großen Mannes war mit Fell bedeckt, die runden Ohren gaben ihm ein freundliches Aussehen, von dem man sich besser nicht täuschen lassen sollte, denn dieser Satyr verfügte nicht nur über die Gestalt, sondern auch die Kraft eines Bären. »Benötigt Ihr irgendetwas?« Michin musterte den Boten, bevor er mit dem Daumen über sein Ohr fuhr.

Sie bestätigte ihre Worte, indem sie ihre Zeigefinger kreuzte. »Nein, es ist alles in Ordnung. Der Bote wollte gerade aufbrechen. Bitte begleite ihn zur Tür.«

Die braunen Augen des Hundesatyrs leuchteten dankbar auf. Eine tiefe Verbeugung, dann schoss er förmlich aus dem Raum hinaus. Michin folgte ihm, sodass sie alleine in der Bibliothek zurückblieb.

Endlich musste sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie sprang auf, nahm eins der Zierkissen und warf es auf den Boden. Es befriedigte sie nicht wirklich, aber mehr war im Moment nicht zu machen. Die Bücher waren zu kostbar und wenn sie mit den Gläsern oder Karaffen werfen würde, die auf der Anrichte zwischen den Regalen stand, hätte sie sofort ihre vollzählige Wachmannschaft hier versammelt. Ein Vergnügen, auf das sie gerne verzichten wollte.

Sie trat das Kissen durch den Raum. Es war ein ungünstiger Zufall, dass sich in diesem Moment die Tür erneut öffnete und Michin die Landung des Polsters miterleben konnte.

Zwar kommentierte er es nicht, dennoch war seine Erheiterung zu spüren. »Habt Ihr einen Auftrag für mich?«, fragte er mit seiner polternden Stimme.

Sie zog mit einer festen Bewegung am Gürtel ihres Morgenmantels und schnürrte ihn dabei so eng, dass das Einatmen schmerzte. »In der Tat«, antwortete sie. »Bitte bereitet die Kutsche vor. Wir werden den Höhlen einen Besuch abstatten.« Ihre Mutter hatte immer gesagt: Wenn du etwas richtig getan haben möchtest, sorge dafür, dass du es selber tust. Es wurde Zeit, dass sie ihre Pläne selber umsetzen würde.

Michin strahlte sie an, als ob er sich schon immer gewünscht hatte, Aeras Gefängnis zu sehen. Vielleicht hatte er das sogar. Pfeifend machte er sich auf den Weg, um ihrem Befehl nachzukommen.

So schnell es ihr eingeschnürter Körper zuließ, machte sich Sumse auf den Weg in ihr Ankleidezimmer, um eine formellere Garderobe anzulegen. Sie entschied sich für eine lindgrüne Tunika, die sie auch gerne zu politischen Verhandlungen trug. Es war immer gut, schon mit seiner Kleidung Stellung zu beziehen. Sie klingelte nach ihrer Zofe, die gemeinsam mit Sumses schillerndem Hauskäfer im Arm erschien. Während Meride anfing, Sumses rote Haare mit Holzspangen zu bändigen, kraulte sie ihren Käfer hinter dem Köpfchen. Seine langen Fühler rollten sich genüsslich auf und das Tier machte es sich auf ihrem Schoß gemütlich.

»Bucci hat Euch vermisst«, plapperte Meride gleich los. »Er hat kaum gefressen heute morgen -Irgendetwas hat ihn aufgeregt.«

Nun, Sumse konnte nicht sagen, dass der entspannte Käfer in irgendeiner Form anders wirkte, als an den vorherigen Tagen. Dennoch genoss sie seine Gegenwart. Ihre Zofe brauchte nicht lange, um die Haare zu frisieren und ihre Tunika zu schnüren. Spontan entschied sich Sumse dafür, Bucci mitzunehmen. Ein Ausflug würde ihm nicht schaden und seine Gegenwart beruhigte ihre Nerven. Sie streichelte erneut über seinen grünblau schimmernden Körper, bis sie seine Vibration fühlte. Dann stand sie auf und setzte sich das Tier auf die Schulter, sein Lieblingsplatz, seit er das Larvenalter verlassen hatte. Er rollte seine Fühler ein, bis sie wie zwei Kreise an seinem Kopf wirkten und sie verließen den Raum.

Unten hatte Michin alles vorbereitet, sodass Sumse nur noch in die Kutsche steigen musste.

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