𝖝𝖑𝖎. Cooler Besuch










╭⸻⸻╮
KAPITEL EINUNDVIERZIG
Cooler Besuch
╰⸻⸻╯

MANCHMAL FRAGTE SICH ELOISE, OB ES EINE SCHWÄCHE WAR, EIN GUTES HERZ ZU HABEN. Es war die Tugend, die einem in Büchern und Filmen immer wieder angepriesen wurde, aber sie hatte dennoch das Gefühl, es sei dumm von ihr, noch einmal mit Graham reden zu wollen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen — und es war nur fair, oder?

Irgendwie war sie diesen Nachmittag doch mit ihm in Hogsmeade gelandet. Eigentlich wollte sie nur darüber reden, dass es ihr leid tat, aber das zwischen ihnen nie mehr sein könnte, weil es Fred gab. Das mit Fred würde sie natürlich weglassen. Aber es war die Wahrheit.

Sie hatten erst ein paar Häuser des Zaubererdorfs hinter sich gelassen, als Eloise sich leise räusperte und versuchte, die richtigen Worte zu finden.

„Ich freue mich, dass du dich entschuldigen möchtest", meinte Graham plötzlich. Sie wusste nicht, ob das die richtige Bezeichnung dafür war.

„Ich wollte einfach noch mal reden nach dem letzten Gespräch", gab sie zurück. „Um das nicht so ungeklärt stehen zu lassen."

Graham nickte und vergrub seine Hände in seinen Jackentaschen, während etwas nachdenklich in seinem Kopf zu arbeiten schien. „Dann lass uns ins Drei Besen gehen", schlug er vor, aber Eloise blieb stehen, ein wenig abweisend. Sie hatte Angst, das nicht hinter sich zu bringen, wenn er weiter mit seinem üblichen höflichen Charme zu lange mit ihr redete.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist", brachte sie die Worte hervor, die ihr auf der Seele brannten. „Ich denke... Du merkst es sicher auch... Unsere Interessen sind verschieden — und unsere Ansichten auf viele Dinge. Ich denke, dass wir einfach..."

Graham sah sie einfach nur mit seinen eisblauen Augen an. Ihr Herz schlug schneller, als sie sich in sie bohrten und ihr blieben die Worte fast im Hals stecken. Jedoch auf eine schlechte Art. Nicht wie bei Fred. „Du hast kein Interesse an mir?", fragte er ruhig. Unheimlich ruhig.

„Ich..." Sie konnte nicht so direkt Ja sagen. Vielleicht wusste er das. „Ich denke, zwischen uns würde nicht mehr als—" Sie wollte Freundschaft sagen, aber sie glaubte, nicht einmal das würde funktionieren. „Zwischen uns passt es einfach nicht."

Mit klopfendem Herzen sah sie dabei zu, wie Graham den Kiefer anspannte und leicht schnaubte.„Weißt du, meine Ex-Freundinnen waren alle ein wenig... exzentrisch." Er setzte ein gleichgültiges Lächeln auf. „Ich bin es also gewöhnt."

Eloise atmete frustriert durch. Egal was er sagte, er sorgte immer dafür, dass sie sich dadurch schlecht fühlte.

„Meine Ex-Freundin hat mich mit meinem besten Freund betrogen. Sie war sowieso völlig durch den Wind, ständig mit ihrer Nase in einem Buch und ihre eigenen Romane am Schreiben."

Sie wusste nicht, wen er meinte, aber irgendetwas sagte ihr, dass sie nicht so war, wie er sie gerade darstellte. Wie würde er denn erst über sie reden? Sie war sowieso völlig durch den Wind, ständig von Muggeln am Schwafeln.

„Seit wann läuft das mit Weasley?" Seine Augen waren kalt.

Sie sah ihn fassungslos an. „Zwischen mir und ihm ist nie etwas passiert", sagte sie betont ruhig. Es war, als würde sie neben sich stehen.

Graham jedoch stieß ein spöttisches Geräusch aus. „Du wirst das bereuen, weißt du?", meinte er und dass er immer noch so gelassen blieb, machte Eloise unruhig. „Ich dachte, du hättest nur die falschen Freunden, den falschen Einfluss. Ein bildhübsches Mädchen wie du, mit einem so angesehenen Namen, sollte jemanden an ihrer Seite haben, der ebenso bedeutsam ist — du gibst dich mit Menschen unter deiner Würde ab. Ich wollte nur das Beste aus dir herausholen. Ich habe schnell gemerkt, dass es nicht zu spät für dich ist, dich zu ändern—"

„Du kannst Menschen nicht formen, wie du sie gerne hättest", meinte Eloise abweisend und trat einen Schritt zurück.

„Ich sehe einfach mehr in dir", sagte er, aber Eloise wusste, dass das nicht stimmte. Er sah in Wahrheit nicht mehr als ihren Namen und hatte die Hoffnung gehabt, jemanden Makellosen in ihr zu finden, der stillschweigend und freundlich lächelnd allem zustimmte, was er wollte. Er hatte nie sie gewollt, nur was sie darstellte.

„Ich glaube, ich gehe jetzt", begann sie und wollte an ihm vorbeigehen, aber bevor sie das konnte, packte er sie am Arm und hielt sie zurück.

„Ich glaube nicht", meinte er finster und sah ihr mit diesem intensiven Ausdruck in die Augen. „Du sympathisierst öffentlich mit Werwölfen, lässt dich auf kleine Lichter wie die Weasleys ein, freundest dich mit Namen ohne Bedeutung an und bist besessen mit Muggeln. Meinst du, er kann dich glücklich machen? Du bekommst alles was du willst von deinen Eltern — das wird er dir nie geben können. Du wirst arm sein, genau wie sie, sieh dir ihren Vater an und was seine Liebe zu Muggeln ihm beschert. Wenn du so weitermachst, wirst du nie eine angesehene Hexe sein oder etwas Großes vollbringen."

Ihre Hand zitterte, als sie ihn ansah. Nicht weil sie sich fürchtete, nein. Sie war scheiße wütend. Nicht vieles schnürte ihr auf die Art die Brust ab, wie wenn jemand schlecht über Fred und seine Familie redete. Vielleicht war es der Ausdruck in ihren Augen, weshalb er sie losließ, aber sie presste ihre nächsten Worte dennoch hervor: „Die Menschen, die den einfachen Weg gehen, leben in einer Scheinwelt, in der sie sich überlegen fühlen, aber sie haben noch nie Großes vollbracht."

Sie drehte sich um, da sie ihn am liebsten gegen diese Wand hinter ihm hexen wollte, und als Graham erneut fest nach ihrem Arm griff, wirbelte sie herum, ihren Zauberstab erhoben, um einen Zauber auf ihn zu schleudern, der ihn am Boden festklebte.

Da Graham einen Schritt nach vorne machen wollte, geriet er aus dem Gleichgewicht und schwankte herum. Kurz bevor er sich vorm Fallen bewahrt hatte, rief Eloise: „Expelliarmus!"

Seine Augen funkelten. „Ist das dein—?"

„Entschuldige dich", unterbrach sie ihn bestimmt.

„Was?" Graham blickte sie wütend an.

„Entschuldige dich", wiederholte Eloise stur.

„Auf gar keinen Fall", knurrte er.

„Na gut." Eloise lächelte lieblich und legte seinen Zauberstab auf den Boden. „Dann ist das nicht mehr mein Problem."

Und dann ging sie.

Oh Gott, was hast du da gemacht?, dachte sie verzweifelt, als sie ihn wütend hinter sich herrufen hörte. Irgendjemand würde schon vorbeikommen und ihm helfen. Sie fühlte sich wie eine andere Person. Aber irgendwie hatte es sehr gut getan.

Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie war viel zu aufgewühlt, um irgendeinen klaren Gedanken fassen zu können. Alles wirbelte nur so und sie herum und sie lief ziellos durch die Straßen, bis sie in einen abgelegeneren Teil des Dorfs kam, um sich auf eine Bank zu setzen, wo all ihre Gefühle über sie hereinbrachen.

Sie wusste nicht, was sie für Graham empfand oder warum es sie so verletzte, was er gesagt hatte. Er hatte ihr gutgetan, als ihr Herz gebrochen war, er war beliebt und hübsch und hatte sie sich als etwas Besonderes fühlen zu lassen. Es war ein Gefühl, dass jeder gerne gewahrt hätte, wenn er es hätte haben können. Aber jetzt war er weg und sie war am gleichen Punkt wie vorher. Sie wusste nicht, was das bedeutete. Eigentlich wusste sie überhaupt nichts mehr.

Sie wusste nur, dass sie traurig war.

„Pfefferkobold?"

Eloise zuckte zusammen, als sie die Stimme neben sich hörte. Überrascht sah sie in das grinsende Gesicht, das neben ihr aufgetaucht war. „George", sagte sie überrascht, als er sich neben sie setzte und ihr die Tüte mit den Süßigkeiten hinhielt. Mittlerweile war es nicht mehr so schwer, sie zu unterscheiden. Sie spürte es einfach. Bei George schlug ihr Herz nicht höher, sobald sie ihn sah. „Nein danke, die sind mir zu scharf."

George atmete hörbar durch und saß sich eine Weile schweigend neben sie, bevor er fragte: „Montague?"

Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Also vergrub sie ihr Gesicht auf seiner Schulter und stieß ein verzweifeltes Geräusch aus. „George, ich hab was ganz Dummes gemacht", begann sie aufgebracht.

„Was denn?", fragte er interessiert.

Sie hob ihren Kopf wieder hoch und stützte ihn stattdessen in ihre Hände. „Er hat so blödes Zeug gesagt", begann sie. „Und da... Na ja... Ich hab Graham irgendwie am Boden festgeklebt, seinen Zauberstab außer Reichweite liegen lassen und ihn da stehen lassen."

George schien für einen Moment sprachlos zu sein. „Du hast— wow." Er klang begeistert. „Voll krass!"

Eloise warf ihm einen hilflosen Blick zu, bevor sie ihr Gesicht wieder in ihren Händen vergrub. Dann lachte sie leise, wenn auch verzweifelt. George stieß ihr mit der Schulter sanft in die Seite.

„Komm schon", sagte er mit einem aufmunternden Lächeln. „Ich zeig dir was — wir haben coolen Besuch."

Eloise runzelte verwirrt die Stirn, aber George erhob sich von seinem Platz und hielt ihr seine Hand hin. Er führte sie hoch zum Schloss und über das Schulgelände, sobald sie sie ergriff und zu ihrer Überraschung sagte er nicht einmal viel währenddessen. George war immer der ruhigere. Fred war der, der immer die Gespräche suchte — und George sprang darauf an.

„Du willst mich aber nicht entführen, oder?", fragte Eloise, als er nicht den Weg zurück zum Schloss einschlug. Ihre Ausdauer war zwar gut, aber sie wusste auch, dass sie den Weg nach Hogwarts noch laufen mussten und eigentlich würde sie sich gerade am liebsten hinlegen. George musste sich derweil immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Eloise nicht so lange Beine hatte wie er, um sein Tempo zu drosseln.

„Heut nicht", entgegnete George mit einem leichten Grinsen. Er sah sich kurz um, als müsse er überlegen, wo es langging, bevor er auf den Wald zuging. Dann war ein lautes dröhnendes Geräusch hinter den Baumwipfeln zu hören, das sich regelmäßig wiederholte.

„Da können wir nicht hin", sagte Eloise sofort. „Das ist der Verbotene Wald, vergessen?"

George sah sie ausdruckslos an. „Wenn du nicht mitkommst, trag ich dich rein, und das wird es uns wesentlich schwerer zu machen, vor den Monstern da drin zu flüchten." Er hob die Augenbrauen, als Eloise grübelnd und unzufrieden mit den Zähnen knirschte.

„Na gut", murmelte sie und folgte ihm mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Dennoch war sie ein wenig neugierig. Und das Gefühl ihres schnell klopfenden Herzens, der geschärften Sinne und der ständigen Fluchtbereitschaft hatte etwas so... Aufregendes.

Sie hörte ein paar Stimmen miteinander reden, bevor sie ein riesiges Gehege entdeckte, das mit breiten Holzplanken gesichert worden war. Das Dröhnen wurde immer lauter, manchmal überlagerte es sich sogar. Erst als sie etwas aufleuchten sah, erkannte sie, was sich dort befand. Drachen. Echte Drachen.

Ihr klappte der Mund auf. Drachen sah man schließlich nicht alle Tage.

Und das laute Dröhnen... Sie schnarchten. Vier große Drachen lagen auf dem Boden wie ausgeknockt. Sie waren riesig, obwohl sie lagen. Der größte von ihnen sah aus wie eine gewaltige schwarze Echse, mit Stacheln auf seinem Rücken und Schwanz, die bestimmt so lang waren wie Eloises Unterarm. Bei jedem Atemzug entwich eine kleine Stichflamme seinem Maul, die bestimmt drei Meter weit ragte.

Aber allen von ihnen wollte sie nicht ohne Gehege begegnen.

„Woher—", begann sie verwirrt, als eine große, schwarzhaarige Frau mit Pixie-Cut und einer Narbe unter dem linken Auge auf sie zukam und die Arme verschränkte. Sie kniff missbilligend die Lippen zusammen, die von einem Piercing geziert wurden.

„Was macht ihr hier?", fragte sie mit einem hartem osteuropäischen Akzent.

„Ich wollte nur meinen Bruder besuchen", sagte George, was der Frau Anlass gab, ihn zu mustern. Eloise schätzte, dass sie Anfang 30 war.

„Charlie?", fragte sie skeptisch.

„Die roten Haare haben's verraten, was?", meinte George, gerade als Eloise Charlie auf sich zukommen sah.

Es war nicht schwer, die Ähnlichkeit zwischen George und Charlie zu erkennen. Vermutlich sahen sie sich von allen Geschwistern am ähnlichsten. Percy und Ron waren beide groß und schlaksig — Ron war jetzt schon größer als die Zwillinge, die ähnlich wie Charlie kleiner, aber dafür breiter und muskulöser gebaut waren.

„Das ist mein Bruder, Oana", meinte Charlie schnell. „Kein Grund sie zu verjagen — auch wenn ich ihm und Fred eigentlich geschrieben hatte, dass sie nicht kommen sollen." Er warf George einen strengen Blick zu, den er grinsend erwiderte.

„Wenn du das Gegenteil geschrieben hättest, hätte das geklappt — aber du weißt, wie es endet, wenn wir was nicht machen sollen. Du hättest es gar nicht sagen sollen."

Charlie schüttelte seufzend den Kopf. „Vermutlich." Dann sah er zu Eloise. „Ritas Lieblingsopfer ist ja sogar mitgekommen."

Eloise setzte ein schmollendes Gesicht auf, als er das sagte. Charlie begann zu lachen. „Na kommt schon mit", meinte er dann und führte die beiden am Drachengehege vorbei, auf das Eloise einen weiteren neugierigen Blick warf. Wenn die Drachen hier waren... Das musste etwas mit dem Trimagischen Turnier zu tun haben, oder? Aber dann sollte sie Cedric—

„Ihr dürft nur nichts davon erzählen, ja?", sagte Charlie, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Wir sind heute erst angekommen. Sie schlafen noch wegen des Schlafelixiers. Wir lassen sie erst heute Nacht in Ruhe aufwachen, das ist besser für sie."

„Also müssen die Champions gegen sie kämpfen?", fragte Eloise völlig überwältigt. Sie war wirklich froh, dass Fred kein Champion war, aber als sie daran dachte, dass Cedric vielleicht den Stacheln des schwarzen Drachens ausweichen musste, wurde ihr schlecht. Oder Harry... Sie betrachtete die breite Narbe auf Charlies Oberarmmuskel und schluckte. Jeder, der mit Drachen arbeitete, hatte mindestens eine Narbe, nahm sie an. Wie würden die Champions nach der Aufgabe nur aussehen? Sie musste es Cedric sagen. Oder wäre das unfair? Weil Harry es dann auch wissen sollte? Und Viktor und Fleur?

Er führte sie in ein kleines Zelt abseits des Geheges und schob den Zelteingang für die beiden zur Seite, um sie reinzulassen. Von innen war es wesentlich größer und Eloise sah sich kurz in dem rustikal aussehenden Hauptraum um, in dessen Mitte ein Holztisch stand, auf den Charlie zuging.

„Weiß Mum davon?", fragte George, während er sich auf den Stuhl warf und die Beine auf den Tisch legte. Im Vergleich dazu setzte sich Eloise geradezu grazil auf den Platz neben ihn und überschlug ordentlich die Beine. Sie fühlte sich ein wenig seltsam, einfach so bei den beiden zu sitzen.

Charlie verzog das Gesicht und atmete tief durch. „Nein. Sie ist eh schon völlig fertig wegen Harry", erzählte er. „Wenn ich ihr das sagen würde... Nach dem Artikel im Tagespropheten war sie außer sich. Einmal weil Harry wirklich mitmachen muss und weil er immer noch wegen seiner Eltern weint." Er sah zu Eloise. „Oh, und dann war sie auch sehr herzzerrissen wegen der Sache mit Fred und dir."

Eloise wollte im Boden versinken. „Da ist gar keine Sache", meinte sie.

George machte ein Gesicht, als würde er das ganz anders sehen.

„Wo ist eigentlich Fred? Wenn wir schon dabei sind", fragte Charlie, bevor er die Augenbrauen zusammenzog und zwischen Eloise und George hin und her sah. „Oder seid ihr—"

„Nein", sagte Eloise sehr energisch, ehe er seinen Satz beenden konnte.

George blickte zu ihr. „Autsch."

Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Mum hat mich gefragt, ob ich wusste, dass Fred und du ein Paar wart—"

„Waren wir nicht", sagte Eloise sofort.

Charlie sah nicht aus, als würde er ihr das abnehmen. Wie waren sie denn jetzt auf das Thema gekommen? Sie dachte, George wollte ihr etwas Cooles zeigen und jetzt waren sie wieder hier. Sie wollte nicht darüber sprechen.

„Es ist kompliziert", antwortete George für sie.

„Der Klassiker also", stellte Charlie fest. „Drachen sind einfacher als Frauen, hab ich schon immer gesagt."

„Nur nicht so schön", warf George ein und die beiden sahen sich kurz an, bevor sie lachten. Eloise betrachtete währenddessen die Wand. Charlie sah kurz zu ihr und schien dann auf eine Idee zu kommen.

„Ich glaube, ihr müsst mal was trinken zum Auflockern", meinte er. „Vor allem du. Irgendwelche Wünsche?"

Nun blickte Eloise schüchtern zu ihm. „Ähm", begann sie. „Wasser wäre gut."

Charlie blinzelte zweimal. „Für dazwischen?", fragte er.

„Dazwischen?", wiederholte sie.

George schlug sich eine Hand gegen die Stirn, bevor er sich an Charlie wandte. „Ja, für dazwischen."

Eloise dachte sich nicht viel dabei, als Charlie aufstand, zumindest bis er mit drei kleinen Gläsern, einer Wasserflasche und... einer Flasche Feuerwhiskey zurückkam. Oh. „Musst du nicht arbeiten?", fragte sie skeptisch.

„Erst wenn die Drachen aufwachen", gab Charlie schulterzuckend zurück. „Und ich plane ja nicht, die ganze Flasche alleine zu trinken."

„Er ist der beste große Bruder, den's gibt", grinste George. „Neben Bill natürlich."

„Hat Percy euch etwa nie Alkohol geschmuggelt?", fragte Charlie zutiefst enttäuscht, während er begann, die dampfende bernsteinfarben schimmernde Flüssigkeit in ihre Gläser zu schütten. „Bill hat unserem Jahrgang damals immer was besorgt." Eloise zögerte kurz, aber sie erinnerte sich daran, wie sie bei Grace das erste Mal Feuerwhiskey probiert hatte. Das Zeug hatte es in sich, aber es hatte die wundervolle Wirkung, Sorgen zu verdrängen und Zuversicht zu verleihen. Was gerade ganz gut klang.

George sah sie überrascht an, als sie das Glas in die Hand nahm, ohne dass er sie überreden musste. „Hast du schon mal welchen getrunken?", fragte er, als würde ihn ein Ja auf diese Frage verblüffen.

„Klar", gab Eloise zurück.

Er grinste. „Eloise Fudge." Feierlich hob er sein Glas und stieß mit ihr an. „Du überraschst mich immer wieder."

Charlie und George schluckten den Whiskey in einem Schluck hinunter, während Eloise sanft an ihm nippte, um ihn langsam zu trinken.

„Was machst du da?", fragte George.

„Trinken", gab sie zurück.

„Kipp ihn runter."

„Wieso?", fragte Eloise.

„Na, weil man das so macht."

Sie atmete angestrengt durch. Na schön. Ihr Hals verbrannte fast, als sie die Flüssigkeit ihren Hals herabrinnen ließ, aber gleich darauf wurde ihr ganz warm in der Brust und sie seufzte wohlig. Nach dem zweiten merkte sie ein leichtes Schwindelgefühl, aber es war irgendwie witzig. Hach, kein Graham, kein Fred. Einfach nur George und Charlie, die witzige Sachen erzählten.

„Du musst ja wissen, Charlie", sagte George ein wenig später, nachdem Charlie davon erzählt hatte, wie er in seinem vierten Schuljahr eine Feuerkrabbe in den Schlafsaal geschmuggelt hatte. „Eloise macht nie irgendwas Aufregendes."

„Das ist überhaupt nicht wahr", meinte sie ein wenig undeutlich, bevor sie nach der Flasche griff, um sich noch ein Glas einzuschenken. Die Hälfte ging allerdings daneben.

„Ja, ich weiß, das Buffet, das du vom Tisch geschmissen hast." George begann herzhaft zu lachen und Eloise, die ihren Zeigefinger hob, um eine Geschichte zu erzählen, prustete allerdings nur noch vor sich hin. „Okay, hör jetzt zu — hör zu. Sei still."

„Ich sag doch gar nichts", verteidigte sich George mit hoher Stimme.

„Erinnerst du dich nicht— erinnerst du dich— hallo—" Mit einem hohen seltsamen Geräusch beim Einatmen lachte sie wieder los und ließ ihre Stirn gegen Georges Oberarm fallen, während Charlie die Gläser wegräumte. „Die Sache in der Küche?", brachte sie dann heraus.

„Ah, das", meinte George. „Harmlos. Niemand wusste, dass du es warst."

„Aber das war doch das Geniale", diskutierte Eloise laut und warf ihre Hände durch die Luft.

„Merlin", murmelte George, als sie wieder zu lachen begann. „Ich glaub, es wird Zeit, dich ins Schloss zu bringen."

Es war schon am Dämmern, als sie sich von Charlie verabschiedeten, der sogar Eloise umarmte, und den Weg zurück zum Schloss stolperten. Sie lachten dabei über die dümmsten Dinge und George bekam sich kaum ein, als sie bei dem Schuhu einer Eule vor lauter Schreck gegen ihn fiel.

„Also, was machen wir jetzt?", fragte Eloise nach einer Weile übermütig, während sie über das Schulgelände lief und bei jedem Schritt einen kleinen Hüpfer einbaute.

„Ins Bett gehen — oder erstmal Abendessen. Am besten in der Küche", meinte George amüsiert, als Eloise plötzlich stehenblieb und ihn schwungvoll am Kragen seiner Jacke festhielt.

„Wir könnten Alicia unsere Gefühle gestehen", schlug sie mit einem Strahlen vor.

„Wenn sie nicht diesen blöden Ravenclaw hätte...", sprang George sofort finster auf ihren Vorschlag an, ohne auf ihre gute Laune einzugehen, bevor er weiterlief. „Er ist nicht mal witzig."

„Aber er ist Quidditch-Captain", meinte Eloise undeutlich, als sie über Roger Davies nachdachte. Alicia hatte sich auf jeden Fall jemanden gut aussehenden geangelt. „Und sie wird ihn ja wohl mögen, wenn sie mit ihm zusammen ist — was natürlich nicht heißt, dass ich will, dass sie zusammenbleiben, ich will natürlich, dass sie merkt, dass sie dich über alles liebt und so."

George warf ihr einen Seitenblick zu, als sie auf den Boden sah und die Hände in ihren Jackentaschen vergrub. „Tut mir leid"; sagte er plötzlich. „Dir geht's mit Angelina vermutlich ähnlich."

Daraufhin schwieg Eloise. Sie wusste nicht, wie viel George seinem Bruder erzählte — was er alles wusste und nicht wusste. Deswegen hatte sie ja nie wirklich etwas vor George zugegeben.

Er warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu. „Wenn's mit Fred nicht klappt, kannst du ja Charlie nehmen", schlug er mit einem Grinsen vor. Eloise sah ihn vorwurfsvoll an und schlug ihm auf den Arm. „Hey." George rieb sich über die Stelle, wo sie ihn getroffen hatte. „Irgendeinen von uns musst du mal heiraten. Du bist die perfekte Schwiegertochter für meine Eltern."

„Wieso?", fragte Eloise, die nicht mehr in der Lage war, darüber nachzudenken.

„Du liebst Muggel — wie Dad — und Celestina Warbeck — wie Mum."

„Oh, da hab ich eine Lösung." Eloise grinste. „Du könntest ihre Enkelin heiraten."

George sah verwirrt aus.

„Die Ravenclaw? Warbeck?", half Eloise ihm auf die Sprünge. Alles drehte sich so beruhigend in ihrem Kopf. „Sie ist schön."

„Ja, aber anstrengend." George gab ein genervtes Schnauben von sich, bevor er realisierte, dass er ihr indirekt zugestimmt hatte. „Und so schön ist sie auch wieder nicht."

Erst als sie mit einem Lächeln zu ihm sah, fiel ihr ein... George war angetrunken, sie war angetrunken... Vielleicht beantwortete er ihr ein paar Fragen. „Sag mal", begann sie unheilvoll. „Was hat Fred eigentlich so gesagt? Über Angelina, mich, du weißt schon? Und was hat Angelina gesagt?"

„Ich glaube, das darf ich nicht weitererzählen." Plötzlich begann George zu lachen. Ohne zu wissen, worum es ging, stimmte Eloise ein. Dann stolperte sie über eine Wurzel und klammerte sich hastig an George, um sich festzuhalten, der jedoch ein paar Sekunden mit umfiel. Als Eloise mit ihren Händen und Knien aufschlug, musste sie sich eine Weile halten. Ihr war schwindlig. Langsam ließ sie ihre Stirn auf das Gras sinken und begann hysterisch zu lachen. „Aber was man nicht alles nicht darf."

Eloise hob den Kopf und sah zu ihm. Er lag jetzt auf dem Rücken im Gras und schien nicht bereit dazu, aufzustehen. Gut, sie auch nicht.

„Also, Fred hat ja immer davon gesprochen, wie sehr er auf dich steht—"

„Echt?", unterbrach Eloise ihn.

„Offensichtlich", gab George zurück, als könne er es nicht glauben, dass sie daran immer noch zweifelte. „Und Angelina war immer die, die meinte, er soll jetzt endlich mal was machen, aber ich wusste nie, ob das alles zu hundert Prozent so gemeint war."

„Hm", meinte sie dazu.

„Naja, also hab ich sie mal gefragt." George hielt kurz inne. „Ob da gar nichts ist für Fred bei ihr. Merlin, ich sollte echt nichts davon sagen. Zumindest meinte sie, sie weiß es nicht. Also meinte ich, wenn sie es rausfinden will, hat sie bestimmt noch ne Chance. Zu meiner Verteidigung, wir waren ein bisschen high bei dem Gespräch, sonst hätte ich mehr an dich gedacht, aber ihr macht mich fertig. Apropos, ich würd dich echt mal gern high erleben", fuhr er fort. Eloise versuchte mitzukommen. Ihre Gehirnströme funktionierten heute Abend ein wenig anders.

„Aber wenn er sagt, er mag mich", murrte Eloise. „Warum küsst er dann sie?"

„Weiß nicht", antwortete George wenig hilfreich. „Ich sollte das nicht erzählen. Aber er stand ja auch mal auf sie und wenn man von einem hübschen Mädchen geküsst wird... weißt du?"

„Nein", gab Eloise zurück. Dann dachte sie daran, dass sie für Graham auch nicht das gleiche wie für Fred empfand, aber er so attraktiv war, dass sie auch manchmal das Gefühl gehabt hatte, sie hätte es erwidert, hätte er einen Schritt auf sie zugemacht und sie geküsst. „Vielleicht." Möglicherweise hoffte Fred auch, dass es mit Angelina etwas wurde, weil es mit ihr nicht klappte.

„Außerdem haben die beiden mal diesen Knutschwettbewerb in der Dritten miteinander gewonnen, also war es nicht das erste Mal, dass sowas passiert ist", fuhr George entspannt fort.

Was für einen Wettbewerb?", fragte Eloise fassungslos. Das fiel aber auch nur Gryffindors ein.

„14 Minuten haben sie geschafft", meinte George sachlich. „Wovor ich Respekt habe, ich hab nur sechs geschafft. Wird irgendwann ziemlich anstrengend. Fred schwört, seine Zunge ist seit diesem Krampf nicht mehr dieselbe."

Eloise hatte zu viel gehört. Aber irgendwie schweiften ihre Gedanken bei der Vorstellung von Freds Kusskünsten ab. Grace meinte, manche Jungs könnten besser küssen als andere. Ob Fred einer dieser besseren war? Was hieß gut? Wäre sie gut? Langsam ließ sie sich ins Gras sinken.

Sie wusste nicht, wie lange George und sie dort lagen und schweigend in den sich verdunkelnden Himmel blickten. Als George „Komm, lass uns reingehen" sagte, fühlte sie sich aber bereits wesentlich klarer. Zu ihrer eigenen Überraschung redeten sie nicht fiel, als sie in die Eingangshalle gingen und statt zur Großen Halle hinab in den Keller liefen.

Gerade als Eloise sich instinktiv an die vertrauten Fässer neben ihr wenden wollte, hörte sie ein leises Knarzen. Hastig stellte sie sich schnell hinter George, obwohl es ja eigentlich noch gar nicht Sperrstunde war. Aber aus der Küche kam... ein weiterer George? Das war Fred, sagte ihr Gehirn ihr und sie fing über ihre eigene Verwirrung zu lachen an.

Fred blickte von ihr skeptisch zu George. Doch bevor er etwas fragen konnte, meinte George: „Schon wieder am essen, Freddie?"

Eloise blickte auf die Tüte mit Nüssen, die er in den Händen hielt. Ihr Magen knurrte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie noch nichts gegessen hatte. War nicht gerade sogar Zeit fürs Abendessen?

„Du weißt, dass es im Moment ganz schlimm ist", murrte Fred. „Ich hab einfach immer Hunger."

Während er sprach, war Eloise langsam auf ihn zugekommen und beäugte die Tüte in seinen Händen. Fred sah sie an und hob die Augenbrauen, als er sie bemerkte. „Darf ich was von deinen Nüssen haben?", fragte sie. Fred sah fast schon vorwurfsvoll zu George rüber, bevor er seufzend antwortete: „Na klar kannst du was von meinen Nüssen haben."

Eloise griff herzhaft in die Tüte — sie liebte Erdnüsse — bevor sie bei Freds Blick verstand und losprustete, bevor sie überhaupt zum Essen kam. Freds Mundwinkel zuckten angestrengt, um sich zurückzuhalten, als er sie betrachtete, bevor er zu George sah. „Was hast du mit ihr gemacht?", fragte er leise.

„Was hat Charlie mit ihr gemacht?", korrigierte George ihn sofort.

„Ihr wart bei Charlie?", fragte Fred. „Er meinte doch, wir sollen nicht zu ihm."

„Er meinte doch, wir sollen nicht zu ihm", imitierte Eloise ihn kauend und deutete stolz auf sich selbst. „Seht mal, wer nicht gehört hat."

Fred hob fassungslos die Augenbrauen.

„Ach übrigens." Eloise grinste zufrieden, während sie in Redelaune geriet. „Ihr wolltet doch dieses Buch, richtig? Arwen hat Professor Sprout um die Erlaubnis gebeten und sie hat sie ihr gegeben. Es ist oben."

„Echt?", fragte die beiden gleichzeitig.

„Ihr seid die besten!", fügte Fred begeistert hinzu.

„Kommt mit." Eloise winkte sie übermütig zu sich heran. „Ihr werdet jetzt das große Geheimnis erfahren, wie man in unseren Gemeinschaftsraum kommt."

Die beiden sahen darüber ernsthaft aufgeregt aus.

„Okay, es ist das zweite Fass von unten in der Mitte der zweiten Reihe von unten", erklärte sie schnell. Als Fred und George sie äußerst verwirrt ansahen, seufzte sie und deutete nach vorne. „Das Fass da."

„Ah", sagten die beiden gleichzeitig.

„Wieso sagst du das nicht gleich?", fragte Fred kopfschüttelnd. „Okay, dann mal los."

Aber Eloise hielt ihn am Arm zurück. „Du kannst nicht einfach so klopfen."

„Und wie dann?", gab er zurück.

„Im Rhythmus von dem Wort Helga Hufflepuff."

Fred verzog das Gesicht. „Ich kenn mich nicht mit Rhythmen und Musik und so aus."

George hob derweil die Faust in die Luft und versuchte konzentriert, dieses Rätsel zu lüften. „Also fünfmal?", fragte er dann.

„Ja, aber mit der richtigen Betonung — guckt mal." Dann klopfte sie gegen das Fass.

Als sich der Eingang zu ihrem Gemeinschaftsraum öffnete, zuckte George mit den Schultern. „Ja, fünfmal halt."

„Aber im Rhythmus!"

„Du hast einfach nur fünfmal geklopft", mischte sich auch Fred ein.

„Ja, aber mit Betonung, ihr—" Sie stieß ein frustriertes Geräusch aus und drehte sich um, um durch das Fass zu klettern.

„Wir—?", fragte Fred, während er ihr hinterher in den schrägen Gang kletterte, der ein Stück nach oben führte. Sie antwortete nicht. Eloise lief zielstrebig weiter, aber sobald die beiden in dem runden Raum angekommen waren, sahen sie sich mit offenem Mund um. Alles war so fröhlich und gemütlich — so typisch Hufflepuff. Überall fand man die Farben gelb und schwarz wieder, ob es die honigfarbenen Holztische oder die Türen waren, die an den Wänden zu sehen waren und vermutlich zu den Schlafsälen führten. Überall waren Pflanzen in kräftigen Grüntönen, die in der Dachsbau ähnlichen Umgebung zu gedeihen schienen. Als sie Eloise folgten und an den Kakteen auf den Holzregalen vorbeikamen, winkten die Pflanzen ihnen fröhlich zu. Sobald Fred zurück winkte, tanzten sie glücklich. George zuckte zusammen, als ihm eine Efeuranke durchs Haar strich, weshalb Fred ihn auslachte, bis ihm selbst ein Farn von der Decke ins Gesicht schlug.

„Ist echt schön hier", meinte Fred verblüfft, als sie vor einer Tür stehenblieb.

„Was dachtest du denn?", fragte Eloise zurück. „Dass wir in einem Erdloch ohne Licht wohnen?"

„Nein, aber...", begann George und sah zu den kleinen runden Fenstern, hinter denen man das dunkle Schulgelände am Fuß des Schlosses sehen konnte. „Nicht das."

Als Eloise die Tür öffnete, blieben Fred und George automatisch davor stehen. Sie runzelte die Stirn. „Was ist?", fragte sie.

„Wir können da nicht rein", sagten sie fast gleichzeitig.

„Ist schon okay, ich sag euch doch, ihr könnt reinkommen", meinte Eloise sofort und winkte sie herein.

Fred und George sahen sich skeptisch an, bevor Fred sagte: „Aber wir können doch nicht. Wegen den Schutzzaubern?"

„Oder können Jungs bei euch in die Schlafsäle?", fragte George, der schneller zu verstehen schien, dass Eloise einfach keine Ahnung hatte, dass es bei den Gryffindors nicht normal war, zu den Mädchen gehen zu können.

„Ja", antwortete Eloise verwirrt. „Wartet mal, bei euch nicht?"

„Nein", sagten sie gleichzeitig, und Fred grinste. „Mensch Helga, du mochtest Kinder gerne, was?", meinte er und schüttelte seinen Kopf in Richtung des Bildes der Hausgründerin über dem Kamin, bevor er über die Schwelle trat und mit einem Grinsen zu George sah.

„Krass, wir sehen das erste Mal einen Mädchenschlafsaal", merkte George an.

„Das erklärt, warum Ophelia und Lee manchmal verschwinden, aber nicht bei uns sind", meinte Fred, als hätte sich ein großes Mysteriums des Universums für ihn gelöst, während er sich interessiert umsah und Eloise hinterherlief.

Eloise jedoch verstand nicht so wirklich, was er meinte, und drehte sich um, damit sie ihn stirnrunzelnd ansehen konnte. „Warte", entfuhr es ihr dann. „Du meinst, die beiden haben hier..." Sie fuchtelte mit ihrer Hand herum, einen überforderten Ausdruck im Gesicht.

„Ja, sie haben..." Fred imitierte mit einem unheilverkündenden Grinsen ihre Geste. Sie errötete und wandte sich hastig von ihm ab.

Während Eloise zu Arwens Kommode lief, um Höchst potente Zaubertränke zu finden, griff Fred neugierig nach einem Buch auf Eloises Nachttisch und nahm es in die Hand, um den Klappentext zu lesen. „Aha aha", meinte er sichtlich amüsiert. „Valentina, eine reinblütige Hexe in einer lieblosen Ehe lernt also einen Muggel kennen, der — Zitat — ihr zeigt, was es heißt, lebendig zu sein."

Eloise hörte ihm kaum zu und blieb schließlich wieder vor ihm stehen, um ihm das Buch hinzuhalten. Da Fred nicht reagierte und ihr Buch bei ihrem Lesezeichen aufschlug, seufzte sie und hielt es George hin, der auf ihrer Kleidertruhe an ihrem Bettende saß und sich angestrengt nach vorne beugte, um es ihr abzunehmen.

„Oh, Eloise", grinste Fred hinter ihr. „Ich wusste ja nicht, dass du sowas liest." Er machte wieder ihre Geste von vorhin.

Merlin. Eloise erinnerte sich plötzlich, wo sie aufgehört hatte, zu lesen. Sie hatte das Buch seit September nicht mehr angerührt. Grace hatte es ihr geliehen, weil sie meinte, Eloises Liebesromane wären zu langweilig, aber als sie merkte, dass Grace mit langweilig ohne Sex meinte, hatte sie nach dem ersten Kuss mit hochrotem Kopf zugeklappt. Ophelia fand es süß, dass sie so darauf reagierte, Grace verklemmt, aber das war sie nicht. Also... Sie hatte ja nicht einmal eine Ahnung, wie sie sich diese ganze Sache vorstellen sollte. Was vielleicht ein Grund wäre, das Buch wirklich mal zu lesen, aber es war ihr unangenehm. Die groben Details reichten doch. Sowas las man nicht, richtig? Das gehörte sich nicht.

Ihre Wangen brannten und sie versuchte ihm das Buch aus der Hand zu reißen, doch da ihre Reflexe im Moment wesentlich langsamer waren als seine, sprang er nur allzu leicht zurück und hüpfte über Ophelias Bett auf die andere Seite des Raumes, wo er auf Graces Bett stehenblieb und das Buch in die Luft hielt. Eloise ließ sich verzweifelt auf ihr Bett sinken, während George von der Kleidertruhe am Fußende lachte.

„Lasst mich vorlesen!", verkündete Fred, der das alles viel zu sehr genoss, bevor er zu lesen begann:

»Dann hör auf so zu tun, als würde ich dir nichts bedeuten.« Henry war frustriert, das konnte ich sehen, als er seine Handfläche mit einem genervten Schnauben neben meinen Kopf schlug. Ich zuckte zusammen. Ich wünschte, ich könnte widersprechen. Sagen, dass er mir nichts bedeutete. Sein Atem streifte mein Gesicht und jagte Schauer durch meinen gesamten Körper, als ich zu ihm aufblickte. »Sonst hättest du mich nicht so geküsst.«

Er näherte sich mir, seine Lippen dicht über meinen, und je mehr ich die Hitze spürte, die er ausstrahlte, desto lauter pochte mein Herz in meinen Ohren. »Sag, dass du mich nicht willst — sag es und ich höre auf«, flüsterte er mir ins Ohr, doch kein Wort verließ meinen Mund, selbst als ich ihn öffnete.

„Hör auf", sagte Eloise mit hochroten Wangen und lief auf ihn zu, aber Fred fuhr unbeirrt und leidenschaftlich fort:

Seine Lippens strichen über die Haut unter meinem Ohr und meinen Hals—

Gerade als Eloise auf Graces Bett steigen wollte, sprang er herunter und las einfach weiter, auch als sie ihm hinter lief. „—und ich vergrub meine Hand in seinem starken Oberarm, bevor ich sein Gesicht zu mir heranzog—"

„Ich hab das überhaupt nicht gelesen", unterbrach Eloise ihn hastig und lief mit einem leichten Schwindelgefühl hinter ihm her.

„Das ist ja nur der Anfang — sie küssen sich doch nur", meinte Fred, der endlich zu ihr aufsah, während er sich auf ihr Bett setzte, vor dem sie nun ebenfalls stehengeblieben war. „Nichts, was jemand von uns noch nie gemacht hat."

Eloise runzelte die Stirn, als Fred wieder auf das Buch hinabsah. „Jetzt fangen sie zwei Seiten an, richtig heiß rumzuknutschen und—" Er blickte zu ihr auf und sah verwirrt aus, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. „Was denn?"

Nichts, was jemand von uns noch nie gemacht hat?", wiederholte sie.

„Na ja, wir haben alle schon mal jemanden geküsst, oder nicht?" Er sah sie an, bevor er bei ihrem Blick verstand. „Warte, du hast noch nie—?"

Sie schüttelte den Kopf und konnte nicht anders, als dass ihre Wangen wieder rot wurden. „Was dachtest du denn?", murmelte sie.

„Ich... Na ja, ich... Ich dachte— Ich weiß nicht, was ich dachte, aber ich dachte halt... Du hast es nie gesagt."

„Muss man immer alles sagen?", fragte Eloise und schob sich verlegen eine Haarsträhne zurück.

George sah zwischen den beiden hin und her und schüttelte den Kopf. „Also ich hätte da einen Vorschlag—"

Aber Fred hörte ihm gar nicht zu. „Habt ihr nie Flaschendrehen oder so gespielt?"

Eloise zog die Augenbrauen zusammen. „Ja, zum Geschenke verteilen."

„Krass", sagte Fred. „Also nicht krass im negativen Sinne, aber... krass."

„Ist das unnormal oder—?", begann Eloise, aber Fred und George unterbrachen sie sofort, als sie merkten, wie sich die Selbstzweifel auf ihrem Gesicht abzeichneten.

„Nein nein nein", beteuerten sie ihr energisch und Eloise sah in ihren Blicken, dass sie es auch so meinten. George setzte sich sogar ein wenig auf. „Sowas passiert ja auch nicht einfach so. Besser so, als wenn du es nur gemacht hättest, um es eben gemacht zu haben. Mach dir keinen Stress."

Eloise lächelte ihn dankbar an und er zwinkerte ihr zu. „Du wartest eben auf jemanden Besonderen", fuhr er fort und sah zu Fred, der nachdenklich auf das Buch herabschaute und darin herumblätterte. Sie warf George einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Na ja, dann wissen wir jetzt zumindest, warum du sowas liest", merkte Fred mit einem frechen Grinsen an und sie verdrehte die Augen. War ja klar, dass sowas von ihm kam, statt irgendetwas Ernsthaftem. „Oho, das ist mein neuer Lieblingssatz."

„Fred—", begann Eloise warnend.

„Er war kein Zauberer, doch seine Hände waren magisch, als sie über die empfindliche Haut meines Innenschenkels fuhren", las Fred breit grinsend vor:

»Henry«, wisperte ich.

Fred las den Namen voller Inbrunst, während Eloise aufstand und auf ihn zuging.

»Bitte.« Ich wusste nicht einmal, worum ich bat. Doch er wusste es und legte seine Lippen—

„Das ist bestimmt nur eine Szene", unterbrach Eloise ihn mit hochrotem Kopf und schaffte es endlich, ihm das Buch aus der Hand zu nehmen. Panisch warf sie es hinter ihren Rücken. Es landete auf Graces Bett. „Und ihr habt jetzt euer Buch, also..."

„Ah, du willst uns loswerden", sagte Fred und hielt sich eine Hand ans Herz. „Klar."

Aber Eloise hatte die beiden schon jeweils an einem Arm gepackt und schob sie mit hochroten Wangen zum Ausgang.

„Viel Spaß beim Lesen", rief Fred ihr frech hinterher und kaum dass er „Kann ich mir das mal ausleihen?" gesagt hatte, hatte sie schon die Tür hinter ihm zugeschlagen.

Als sie wieder allein war, lehnte sie sich für einen Augenblick gegen die Holztür. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie wusste nicht einmal wieso. Ihr Blick fiel auf das Buch auf Graces Bett und sie atmete tief durch. Langsam ging sie darauf zu und packte es an einer Ecke, um es wieder zu ihrem Nachttisch zu tragen, als wäre es etwas sehr Ekelhaftes.

Einen Moment blieb sie reglos stehen, um einfach nur auf das Buch zu starren, dann nahm sie es schnell an sich, als würde es dadurch aus ihrem Kopf verschwinden.

Ihre Augen waren schwer und sie fühlte sich, als bräuchte sie dringend Entspannung. Seltsamerweise hatte sie keinen wirklichen Hunger mehr — und wenn, konnte sie ja später zur Küche gehen. Sie brauchte erstmal ein Bad.

Mit einem wohligen Seufzen ließ sie sich ein paar Minuten später in das heiße Wasser sinken. Sie wusste nicht, warum sie einen inneren Kampf ausgefochten hatte, ob sie das Buch mitnehmen sollte oder nicht — noch weniger wusste sie, warum die Seite gewonnen hatte, die es mitnehmen wollte.

Gott, ihr war immer noch ein bisschen komisch vom Feuerwhiskey. Ihr Blick fiel skeptisch auf das Buch am Wannenrand und sie streckte skeptisch die Hand aus, um danach zu greifen. Sie konnte es ja wieder weglegen. Nur mal kurz reinschauen... Wenn sie es schon extra mit einem Wasserschutzzauber versehen hatte...

Sie schlug die Seite auf, bei der Fred vorher aufgehört hatte und biss sich auf die Lippe. Oh. Dort legte er seine Lippen hin. Eloise errötete, als ob jemand sie beim Lesen dieses Buches beobachten würde, aber irgendetwas hieran war schrecklich... aufregend.

Freds tiefe Stimme klang unbewusst in ihren Ohren wider, als sie weiterlas. Sex war für sie immer ein großes Mysterium gewesen, das einfach passierte. Er existierte, er passierte, man sprach nicht darüber, zumindest hatten ihre Eltern ihr das nahegelegt. Also war Eloise bei den zweideutigen Witzen ihrer Mitschüler einfach still geblieben, weil sie mit ihren Gedanken nicht die Details ausspielen wollte. Aber dieses Buch war ziemlich schamlos, was das anging. Dieser Muggel Henry war ziemlich schamlos.

Aber ihre Haut kribbelte dabei, sich diese Seiten durchzulesen.

Als die Szene vorbei war, biss sie sich auf die Lippe. Sie war vorbei, aber sie fühlte sich seltsam... unruhig. Leer. Unzufrieden. Als ob ihr Körper etwas von ihr verlangte, dass sie nicht ganz verstand.

Sie sah kurz zur Seite, als könnte jemand sie dabei beobachten, dann hielt sie das Buch etwas näher an sich heran und blätterte weiter, auf der Suche nach einer weiteren solchen... Szene.

»Ich komme aus einer der mächtigsten magischen Familien, die es gibt. Normalerweise müsstest du vor mir auf die Knie gehen«, sagte ich gereizt. Henry lachte leise, dieses Geräusch, dass mich immer noch wackelig auf den Beinen machte. Er trat an mich heran.

»Oder, du mächtige Hexe«, raunte er in mir Ohr. »Du gehst vor mir auf die Knie.«

Sie hatte die Vorstellung davon immer ein wenig seltsam, aber die Art, auf die es auf den nächsten Seiten beschrieben wurde... Es machte etwas mit ihr.

Mit einer zarten Bewegung strich sie mit ihrem Daumen über ihre Lippen und streifte dabei mit ihren Fingern über ihre Wange und ihren Hals, wie Henry es bei Valentina getan hatte — und wie Fred es bei ihr tun könnte. Das sanfte Prickeln auf ihrer Haut spürte sie noch Sekunden, nachdem sie ihre Hand wieder an das Buch gelegt hatte.

Das war doch lächerlich. Vielleicht sogar erbärmlich. Und trotzdem konnte sie nicht aufhören. Nicht mit dem Lesen, nicht mit dem Vorstellen und schließlich auch nicht mehr damit, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, ihre Hände seien seine.

Fred hatte ihr schon viele schlaflose Nächte beschert, weil ihre Gedanken zu laut gewesen waren, um sie schlafen zu lassen. Und auch an diesem Abend dachte sie viel an Fred — aber ihr Kopf war dabei zum ersten Mal völlig leer.


Wir sind Graham los 🥳

Und ich lebe für George und Eloise BAHAHA aber sie muss sich ja auch gut mit ihrem zukünftigen Schwager verstehen, nh?

Sagt mir gerne, wie ihr das Kapitel fandet ❤️
Und keine Sorge, es dauert nicht mehr lange 😏🦋

Und ich habe ja schon mal erwähnt, dass Eloise nicht sonderlich gut aufgeklärt ist, also finde ich es auch einfach wichtig, ihre Entwicklung, was Sexualität angeht, mit einzubeziehen. Weil es für sie immer etwas war, über das man nicht redet. Aber wenn man Fred hat 🦋

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top