Zwischen Kriegstreibern und Rebellen

Die Uhr zeigte 4 Uhr 19, doch er saß eine weitere Nacht infolge in seinem Keller und starrte an die Decke. Nicht, dass es keine offenen Fälle gab oder er sich nicht anderweitig hätte beschäftigen können. Nein, er wollte und konnte nicht. Seine Gedanken kreisten Tag und Nacht nur um Jack. Jack, die irgendwo in Afghanistan steckte und zu der ihm jeglicher Kontakt fehlte.

Auch wenn er wusste, dass sie durchaus in der Lage war, sich selbst zu verteidigen, bereitete ihm ihr Aufenthalt in diesem Land die schlimmste Art von Bauchschmerzen. Denn mit einer ganzen Armee von Taliban im Rücken würde auch sie nicht fertig werden. Er hoffte nur, dass sie sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte.

Zeitgleich war ihm allerdings bewusst, dass das Wörtchen ‚Sicherheit' relativ war. Spätestens seitdem die Terrororganisation die afghanische Regierung gestürzt hatte, war niemand mehr sicher. Und als amerikanische Frau verkörperte Jack nur noch einmal mehr das bestehende Feindbild.

Er hatte bei seinem Frühstück im Dinner davon erfahren und sofort versucht, sie zu erreichen. Vergeblich. Anschließend war er ins Hauptquartier gerast und stand bei Vance auf der Matte. Doch dieser konnte ihm lediglich die Auskunft geben, dass ihm die Hände gebunden waren. Vance hatte zudem geäußert, dass er sich bereits seit den frühen Morgenstunden im Büro aufhielt. Dort tat er sein möglichstes, um ihre gemeinsame Freundin zurück in die Vereinigte Staaten zu holen. Da sie jedoch keine Bundesbeamtin mehr war, sahen die zuständigen Behörden keine Dringlichkeit. Auch so merkte man deutlich, dass die Behörden überfordert waren. Das FBI und auch Interpol hatten vorab keine Kenntnis von der bevorstehenden Eskalation gehabt. Allen war bewusst gewesen, dass die Lage in dem Krisengebiet höchst angespannt war. Seither versuchte die amerikanische Regierung, den Schaden zu begrenzen, indem sie ihre Angestellten schnellstmöglich nach Hause holten.

Das war jetzt eine Woche her, es gab keine Fortschritte. Und Gibbs hatte immer noch kein Wort von ihr gehört. Und um Mitternacht ging die letzte Maschine aus Afghanistan raus. Er wusste jedoch, dass das niemand aus der Wüste rechtzeitig schaffen konnte. Dafür war die Siedlung einfach zu abgeschieden.

Zusätzlich war das Camp der Navy, in dem sie damals untergekommen waren, wenige Wochen zuvor aufgelöst worden, sodass er auch nicht in der Lage gewesen wäre, jemanden vor Ort zu bitten, einmal dort vorbeizuschauen. Seufzend stellte er seinen unberührten Bourbon zur Seite und machte sich daran, seine sieben Sachen für das Büro zu richten, ehe er wenig später aufbrach.

„Gibbs, ich wollte Sie gerade anrufen. Bei der Navy ist eine verschlüsselte Nachricht eingegangen. Berichten zufolge kam sie von Sloane! Seien Sie in fünf Minuten im MTAC."

Eine Nachricht von Jack? Er hoffte von Herzen, dass das etwas Gutes hatte. Hatte sie die letzte Maschine doch erwischt? Das ‚Pling' des Fahrstuhls riss ihn aus seinen Grübeleien. McGee trat heraus und kam schnellen Schrittes auf ihn zu. Wortlos überreichte dieser dem Marine seinen Kaffee. Nickend nahm Gibbs ihn an und trank einen kleinen Schluck. Schwarz und ohne anderen Firlefanz, genauso wie er ihn mochte. Zwei Minuten später ließ er den Becher in den Müll fallen und wandte sich mit McGee dem Aufzug zu. Dieser öffnete sich nun bereits zum dritten Mal zu dieser frühen Stunde. Heraustraten – gerade rechtzeitig – Bishop und Torres. Zur Eile gebeten, machten sie sich auf den Weg in den Videokonferenzraum.

Dort wartete bereits der Director, der seinen Mitarbeiter anwies, den Videocall zu starten. Der General, der die Wand erhellte, wirkte undurchdringlich. Unter normalen Umständen würde Gibbs nicht mehr hineininterpretieren, aber diesmal ließ ihn der Schleier in dessen Augen nicht los. Er schien keine guten Nachrichten für sie zu haben.

„Director Vance, Agent Gibbs. Schön Sie wiederzusehen. Wenn auch die Umstände nicht die besten sind. Wir haben um kurz vor drei Uhr morgens eine Nachricht von Ms. Jacqueline Sloane aus Afghanistan erhalten. Als Militärangehörige und ehemalige NCIS-Agentin fällt sie in Ihre Zuständigkeit. Auch wenn ich befürchte, dass Sie nicht viel für sie tun können werden. Ich habe Ihren Leuten bereits das gesamte, vorhandene Material übermittelt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg."

Damit war die Verbindung unterbrochen, aber etwas in Gibbs hatte sich verändert. Denn nun hatte er Mittel und Wege, um sich selbst der Angelegenheit annehmen zu können. Und er würde alles tun, um sie zurückzuholen. Selbst wenn er dafür eigenständig dorthin müsste. Vance bat derweil darum, dass die Aufzeichnung abgespielt wurde.

Doch er hörte nicht mehr richtig zu, die wichtigsten Informationen hatte er gleich zu Anfang erhalten, daher drehte er sich um und verließ schweigend den Raum. Gibbs war bewusst, dass kein privater Dienstleister mehr freiwillig nach Afghanistan fliegen würde, also würde er ein paar Gefallen bei Navy-Angestellten einlösen müssen. Im Großraumbüro schnappte er sich die wichtigsten Dinge und verschwand Richtung Wagen.

„Boss, Boss, warte. Wir wissen, dass du sie auf eigene Faust retten willst. Das machst du aber nicht allein. Das gesamte Team begleitet dich; Vance organisiert gerade eine Militärmaschine. Ich bitte dich, komm mit mir zurück ins Büro, damit wir einen Plan aufstellen können. Das allein durchzuziehen wäre ein Selbstmordkommando und das weißt du. Lass uns dir helfen."

McGee hatte in den vergangenen Jahren wirklich an seiner Hartnäckigkeit gearbeitet. Von daher fiel es Gibbs schwer die angebotene Hilfe, die er – wenn er ehrlich war – wirklich gut gebrauchen konnte, abzulehnen. Er wollte seine Familie unter keinen Umständen in Gefahr bringen, doch wenn er die Entschlossenheit in dem Gesicht seines Schützlings sah, wusste er, dass jegliche Diskussion vergebens wäre.


Nach einer unerträglichen Ewigkeit war die Militärmaschine endlich nahe der iranischen - afghanischen Grenze gelandet. Von dort aus ging es zu Fuß weiter. Am Rückweg würde sie ein Heli aufgabeln. Die zweite Drittel des Fluges hatte er mit seinem Team ihre gemeinsame Strategie besprochen. Er wusste, dass die Wahrscheinlichkeit für einen planmäßigen Ablauf gering war. Doch so einfach würde er nicht aufgeben, nicht, solange er nicht alles versucht hatte.

Nun marschierte Gibbs mit seinen Verbündeten durch die Wüste. Dabei kämpfte er mit aller Macht gegen seine Resignation, die rasant zunahm. Keiner traute sich, seine Bedenken zu äußern, das wusste er, dennoch brachte er es nicht auf den Tisch.


„Gibbs, dort! Schau mal. Ist das der Rest eines Dorfes?", äußerte Nick.
„Gut möglich. Es hat Ähnlichkeit mit dem, wo Jack gelebt hat, aber es ist es nicht. Von dem sind wir fast fünf Kilometer entfernt. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.", erwiderte er.

Rechts von ihm entstand plötzlich Tumult, der ihn dazu veranlasste seine Waffe zu ziehen und sich in Deckung zu begeben. Aus dem Augenwinkel bekam er mit, dass Nick, der sich zuvor ein Stück seitlich von Gibbs weitergepirscht hatte, es ihm gleichtat. Dann analysierte Gibbs seine Umgebung und versuchte, die Ursache der Aufregung auszumachen.

Kurz darauf hatte er diese ausgemacht und entspannte sich. McGee kniete in den Dünen und Ellie stand neben ihm. Sie wirkten auf Gibbs so, als ob sie etwas entdeckt hätten. Deshalb näherte er sich vorsichtig und geistig für alles gewappnet.

Tim wollte ihn und Nick gerade zu sich winken, als er bemerkte, dass auch Torres sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Er machte einen kleinen, handlichen Gegenstand in Ellies Hand aus, den sie gerade sorgfältig untersuchte.

„Gibbs, wir haben was entdeckt. Es ist eine silberne Armbanduhr. Sie scheint nicht mehr zu funktionieren.", erklärte Timothy, als Gibbs und Nick bei der Fundstelle standen.

Bishop reichte sie ihm und deutete auf die Gravur, die sie auf der Rückseite der Uhr ausmachten. JS. Jacqueline Sloane. Gibbs drehte die Uhr und prüfte die Uhrzeit. 19: 49. Somit müsste sie gestern einige Stunden nach ihrem Notruf kaputt gegangen sein. Von daher dürfte sie nicht mehr als zwei Stunden Vorsprung haben. Wahrscheinlich hatte Jack hier in der Nähe ein Nachtlager gesucht. Die Überreste der Stadt! Verdammt, wieso hatte er sie nicht durchsucht?

Flink wendete er und lief mit den Worten „Kehrt, Marsch!" los. Auf die Widersprüche seines Teams achtete er nicht. So wie die Uhr aussah, hatte Jack wohl einen Streifschuss abbekommen und Gibbs wusste beim besten Willen nicht, wie schlimm es wirklich war. Sowie wie viel Zeit sie noch hatte.

Den halbstündigen Fußmarsch zurück, absolvierte er in fast der Hälfte der Zeit. Dort wies er sein Team an, auszuschwärmen, wobei sie damit ohnehin bereits gestartet hatten. Sie hatten verstanden, dass er die verwaiste Stadt, die sich als Ruine herausstellte, ins Auge gefasst hatte.

Nachdem sie sichergestellt hatten, dass alles ruhig war, stürmte das Team das Gebiet. Vor ihm bewegte sich etwas, kurz darauf wurde das Feuer eröffnet. Während er seine ersten Schüsse absetzte, die wohl auch das restliche Team auf den Plan riefen, vernahm er eine Frauenstimme. Sie kam aus der Ecke, von der geschossen wurde. Es war paschtunisch. Viel verstand er nicht, aber der amerikanische Akzent war nicht zu überhören. Gibbs deutete McGee das Schießen einzustellen, ehe er die Stimme erhob und verlauten lies, wer er und sein Team waren. Daraufhin endete das Feuergefecht abrupt.

Jack trat sichtbar erleichtert aus dem Schatten:„Gibbs, ihr seid gekommen? Wie? Ich dachte schon, dass wir das hier nicht überleben würden.". Wenig später, aber weitaus vorsichtiger wagten sich drei Kinder heraus. Sie drehte sich langsam um und erklärte den Kindern beruhigend, dass wir gekommen waren, um sie zu retten. Erst jetzt geriet ihr linker Arm wieder in sein Blickfeld. Sie hielt sich ihn, als Jack aber seinen besorgten Blick wahrnahm, machte sie nur eine wegwerfende Handbewegung.

McGee hatte derweil dem Piloten ihre Koordinaten durchgeben, der sie ihr hier in Kürze abholen sollte. Während er sich bei Jack erkundigte, was passiert war, versorgte Nick die Kleinen – die Gibbs alle auf um die zehn Jahre alt schätzte – mit Wasser.

Kurz darauf bemerkte er, dass Ellie, die an der Tür Wache bezogen hatte, unruhig wurde. Deshalb stand er auf und trat schweigend zu ihr. „Director Vance hat sich eben gemeldet. Er meinte, dass unbemannte Drohnen, die sich gerade in diesem Luftraum befinden, Bewegung registriert hatten. Sie sind knapp 15 Minuten entfernt.", tat Bishop leise kund.

Das, was sie allerdings nicht aussprach, konnte er sich auch ohne denken. Der Militärhelikopter würde nicht landen können, wenn die Information stimmte und Kämpfer hier auftauchen würden. Vor allem nicht, ohne unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das würde bedeuten, dass sie alle hier ausharren müssten. Gibbs hoffte, dass der Heli schneller hier war.

Fünf Minuten später vernahm er Motorengeräusche, die ihn aufhorchen ließen. Der Helikopter war in Sichtweite. Die Truppe setzte sich in Bewegung. Sie hatten eine militärisch-taktische Formation gewählt. Jack und die Kinder gingen in der Mitte, während vom ausgebildeten Team jeder einer Seite flankierte.

Ein Stück unter dem Platz, wo der Heli landen würde, gingen sie in Deckung. Gemeinsam mit Jack half Gibbs den Kindern, ihre Augen vor dem aufgewirbelten Sand zu schützen. Er nahm die Hand des jüngeren Mädchens, dass sichtbar Angst hatte. Er verstand das, solche Dinge hatten in ihrem jungen Leben wahrscheinlich nie etwas wirklich Gutes bedeutet.

Gibbs unterstützte McGee dabei, die Kinder in den Helikopter zu heben, während Nick und Ellie die Umgebung beobachteten. Als Jack einstieg, brach Aufruhr hinter ihm aus. Gibbs drehte sich um und sah in der Ferne, Staub aufwirbeln. Bishop und Torres hatten sich bereits angriffsbereit positioniert und behielten den Fleck am Horizont genau im Auge. Sie wussten genauso wie Gibbs selbst, dass sie schneller hier sein würden als gedacht. Deshalb traf Gibbs die einzig logische Entscheidung, indem er den protestierenden Timothy in den Heli schob und den Piloten anwies abzuheben.

Kaum war dieser in der Luft, eröffneten die feindliche Gruppe das Feuer. Sowie Ellie und Nick suchte Gibbs Schutz. Irritiert wartete er einen Moment ab, ehe er sich sicher war, dass die Schüsse nicht ihnen oder dem Heli galten. Sie schienen auf etwas hinter ihnen zu schießen! Er drehte sich um und schrie im selben Moment entsetzt auf.

Keine Sekunde später, zog er die beiden mit sich hinter einen Stein, der ihnen für den Moment Sicherheit bieten sollte. Doch das änderte nichts daran, dass sie wohl mitten in eine Schießerei zwischen Taliban und Rebellen geraten waren. Ein Blick zu seinen beiden Agents bestätigte ihm, dass sie exakt dasselbe dachten.

Mittlerweile schien auch die andere Kriegspartei sie entdeckt zu haben. Denn sie eröffneten das Feuer nun auch auf sie. Mit der Vermutung, dass das wahrscheinlich die örtlichen Taliban waren, durfte er wohl recht gehabt haben. Sie hatten keine andere Wahl als die Rebellengruppe zu unterstützen und zu hoffen, dass sie sie im Gegenzug nicht umbrachten.

Der Senior Federal Agent wies seinen Agents an, sich links und rechts von ihm zu positionieren. Nun konnten sie nur beten, dass ihnen keiner in den Rücken schoss.





Fünf Wochen später:

„Daddy, Daddy. Wo soll ich die Untersetzer hinstellen?", fragte das hibbelige Mädchen neben ihm.
„In der Mitte, damit auf den Seiten genug Platz für die Brotkörbe ist. Wie weit ist deine Mum mit dem Kochen?", erkundigte er sich im Gegenzug.
„Sie hat gerade das Essen in den Ofen geschoben. Ich soll dir ausrichten, dass du dann aufbrechen sollst, um die DiNozzos vom Flughafen abzuholen. Und, ähm, ich wollte fragen, ob ich vielleicht mitkommen kann!", fuhr sie fort.

Knapp nickte Gibbs. Daddy genannt zu werden, war für ihn nach Kellys Tod immer noch ungewohnt, aber sie hatten es sich so gewünscht, dass er schließlich nachgab. Und nach den vergangenen Wochen wollte er die Kleinen auch gar nicht mehr missen. Die Zeit nach seiner Rückkehr war ein weiterer Kampf gewesen, den Jack und er zu führen hatten. Die Behörden wollten die drei Waisen tatsächlich zurück nach Afghanistan schicken.

Jack und Leroy waren sich einig gewesen, dass sie das nicht zulassen konnten und hatten deshalb spontan einen Antrag auf Adoption gestellt. Jack und die drei hatten sich sofort nach ihrer Ankunft bei ihm einquartiert. Seither fand er jegliche Stille in seinem Haus unerträglich. Unter normalen Umständen wären sie bereits zu alt für eine Adoption gewesen, aber dadurch, dass die Sprösslinge keine Verwandten mehr hatten und sich ihnen bereits anvertraut hatten, ließ man den Antrag durch.

Somit hatte seine Familie neben Thanksgiving auch die abgeschlossene Adoption von Asadeh, Liah und Jonis zu feiern. Besonders freute ihn, dass dieses Jahr wirklich die gesamte Familie kommen würde. Denn er hatte noch etwas anderes zu verkünden.

Asadeh ähnelte Gibbs sehr und hing deutlich an ihm. Nur reden tat sie lieber als er. Anfangs mangelte es ihr noch an Selbstvertrauen auf Englisch zu kommunizieren, aber mittlerweile stellte es für sie keine Herausforderung dar. Liah hingegen bereitete ihnen ein bisschen Sorgen. Sie sprach nur sehr wenig und wenn dann auf Paschtu. Jack vermutete ein psychologisches Trauma und hatte ihr einen Platz bei einer renommierten Psychologin, mit der sie gemeinsam studiert hatte, verschafft.

Gibbs und Asadeh standen mittlerweile in der Ankunftshalle am Flughafen und warteten. Der Flieger von Paris Charles de Gaulle war bereits vor einer halben Stunde gelandet, was bedeutete, dass die junge Familie demnächst ums Eck kommen müsste. Asadeh wurde zunehmend nervös und holte neugierig Erkundigungen ein. Ihr fiel es schwer zu verstehen, dass Ziva und Tony für ihn wie Tochter und Sohn waren, dennoch liiert und irgendwie trotzdem nicht seine Adoptivkinder waren.

Gibbs empfand große Vorfreude. Seine Enkelin hatte ihm zwar häufig geschrieben, aber er vermisste es doch schmerzlich sie umarmen zu können. Dieser Gedanke fühlte sich ungewohnt an. Tali hatte sich in sein Herz geschlichen und hatte Emotionen in ihm freigesetzt, die ihm Angst machten. Zum einen da das eine Schwäche war, die Gegner nutzen könnten, wenn sie davon wüssten und zum anderen, da er seiner kleinen Maus nichts abschlagen konnte.

Tali hatte ihn sogar überredet, sie in Paris zu besuchen und mit ihr die typischen Sehenswürdigkeiten zu besichten. Noch hatte Gibbs dieses Versprechen nicht eingelöst, aber bei der Sturheit, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, würde er ihr an diesem Wochenende die genaue Zeit nennen müssen. Er schmunzelte. Das zählte eindeutig zu den Sachen, die der Silberfuchs vermisste, seit die junge Familie nach Paris gezogen war.

Dann endlich schwang die Tür auf und ein „Grandpa" erfüllte die stark frequentierte Halle. Wenige Sekunden später lag Tali in seinen Armen. Gibbs drückte sie sanft an sich und setzte sie erst – als ihre Eltern bei ihnen – wieder ab.
„Ziva, Tony. Schön, dass ihr da seid. Das ist Asadeh. Asadeh, das sind Tali, Tony und Ziva. Wie war euer Flug?", erkundigte der Ermittler sich. Er versuchte seine Freude, die gerade wie ein Guss aus ihm herauszubrechen drohte, zu überspielen.
„Hallo Asadeh, hallo Gibbs. Auch wenn Tony das wie üblich anders sieht, war der Flug wirklich angenehm. Danke.", erwiderte Ziva, bevor DiNozzo die Chance dazu hatte.
„Er war ungemütlich! Und der Mann hinter mir trat schlimmer als Tali.", grummelte dieser wie zur Bestätigung.

Lächelnd schnappte er sich einen der Koffer und nahm Kurs Richtung Ausgang. Mittlerweile waren weitaus weniger Menschen am Flughafen unterwegs. Die Sonne brannte dafür direkt herab. Kaum trat er mit seiner Familie aus dem Gebäude, entledigte er sich seiner Jacke. Für die Jahreszeit war es verhältnismäßig kalt, dennoch reichte ihm ein Pullover. Wenig später öffnete er seinen Wagen und hob die beiden Koffer in den Kofferraum.

Jack zufolge entwickelte Gibbs neuerdings eine emotionalere Basis. Das psychologische Gequatsche hätte er, ehe er sie kennengelernt hatte, nie geglaubt. Das tat er auch jetzt nur begrenzt, aber er merkte selbst, dass er seine Gefühle öfters offen zeigte.


Später beim Thanksgiving-Dinner, als der Nachtisch bereits in die Küche gebracht wurde und die Kinder den Tisch zum Spielen verlassen hatten, ergriff Gibbs die Gelegenheit. Er stand auf und verschaffte sich automatisch die Aufmerksamkeit aller. Sogar Ducky und Leon hatten es geschafft. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen schaute er in die Runde, keiner konnte auch nur ansatzweise erahnen, wie froh er war, dass seine Familie vollzählig anwesend war. Gibbs war sich darüber im Klaren, dass seine Neuigkeiten der festlichen Stimmung einen ordentlichen Dämpfer verpassen würde, deshalb würde er sich die erfreuliche Nachricht für danach aufheben. Dann räusperte er sich.

„Zuerst einmal, es freut mich sehr, dass ihr es alle geschafft habt. Das bedeutet mir, uns wirklich viel. Ja... also, hm, ich habe etwas zu verkünden. Ich habe kürzlich eine wichtige Entscheidung getroffen, die mir definitiv nicht leicht fiel. Denn leider musste ich in den letzten Monaten einsehen, dass ich nicht mehr so leistungsfähig bin wie früher. Deshalb gehe ich in den Ruhestand."

Während Vance nur verständnisvoll nickte, was wahrscheinlich daran lag, dass dieser es bereits wusste, zierten Schock und Überraschung die Gesichter seiner Teammitglieder. Ziva und McGee schienen es recht gefasst zu nehmen, aber DiNozzo kämpfte deutlich mit seinen Emotionen. Amüsiert beobachte Gibbs wie Tony sich einen Kommentar verkniff. Der Gesichtsausdruck war einmalig. Gibbs entkam ein prustendes Laut. Auf die irrierten Blicke seines Teams, deutete er nur auf den Grimassenkünstler. Dann fuhr er mit seinen Ankündigungen fort.

„Mir ist klar, dass das für euch alle ein Schock sein muss, aber wir möchten noch etwas anderes verkünden.", Gibbs ergriff Jacks Hand und lächelte sanft: „seit dieser Woche ist die Adoption von Jonis, Liah und Asadeh durch. Wir sind nun offiziell deren gesetzlicher Vormunde."

Nun wich der erdrückenden Sprachlosigkeit ein Schwall an Glückwünschen, der schlussendlich in der größten Gruppenumarmung endete, die Gibbs jemals erlebt hatte. Anschließend wurde ein emotionaler Toast ausgesprochen, ehe Tony die festliche Stimmung mit zwei weiteren Neuigkeiten unterbrach: „Um dieses Thanksgiving nicht mit der Tradition zu brechen – ich bin dankbar noch ein weiteres Mal Vater werden zu dürfen. Ziva ist im vierten Monat schwanger. Außerdem bin ich dankbar dafür, dass Tali und das Baby dort großwerden, wo ihre Familie lebt."

Der Inhalt Tonys Aussage war noch gar nicht richtig bei Gibbs angekommen, da rannten ihm auch schon einige Tränen die Wangen herunter. Mit glasigen Augen zog er seine Familie erneut in eine Umarmung.
>>Family's more than just - DNA. It's about... people who care and take care of each other.<<


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