Alte Gefühle 1
Gedankenverloren drehte er das Bild von Delilah und sich in den Händen. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass ausgerechnet ihm, dem vermutlich unbegehrtesten Mann dieser Welt, so etwas passieren könnte.
Er liebte Delilah, aber er würde lügen, wenn ihm nicht bewusst wäre, dass sie sich gerade auseinanderlebten. Delilah war immer noch in Dubai und wenn sie sich einmal sprachen, endete das zumeist im Streit. Dazu kam, dass sie immer zu den unmöglichsten Zeiten sprachen. Er war es meistens, der sich die Nacht um die Ohren schlug nur, um mit ihr reden zu können.
Es zwei Tage zuvor hätte ihn um ein Haar ein Lastwagen umgefahren, wenn Tony nicht gewesen wäre. Er hatte ihn vor lauter Übermüdung einfach nicht registriert. Derweil war es Abby, mit der er in letzter Zeit viel unternahm. Mit ihr konnte er immer über alles sprechen.
Es war wie früher, als sie noch zusammen waren. Wenn er ehrlich war, dann glaubte er, noch immer etwas für sie zu empfinden. Aber war das nicht längst vorüber?
Ein Klatschen holte ihn in die Gegenwart zurück.
"McGoo, mach deine Arbeit!"
"Äh, ja klar."
"McGee, was ist?"
"Nichts, alles in Ordnung."
"Stopp, Tim. Ich kenne dich jetzt schon sehr lange und weiß wie du tickst! Also sag mir was los ist! Bitte."
"Nein, passt schon. Außerdem rede ich über solche Dinge sonst eher mit Ziva."
"Ziva? Ich dachte eigentlich immer, dass du, wenn dann mit Abby sprichst?! Aber Ziva, wie lange kennen wir uns jetzt schon? Ich bin schwer enttäuscht!"
"Tony, es dreht sich nicht immer nur alles um dich! Dieses Mal ist es mir wirklich ernst. Und seit wann kann man mit dir über ernste Dinge sprechen?"
"Mhm, ok. Weißt du was? Reden wir!"
"Aha, über dein Sexualleben oder doch lieber über deine Highschool Geschichten?"
"Nein, auch wenn es da sicherlich einige wirklich interessante Geschichte für dich gäbe, jetzt erzählst du!"
"Nicht hier."
"Tim, Fahrstuhl?"
"Meinetwegen, du willst es jetzt wohl wirklich wissen."
Er dachte nach, zurück an seinen Schreibtisch kam er nicht. Seine letzte Hoffnung war, dass Tony es für sich behalten könnte.
"Ich glaube, ich habe nie aufgehört Abbs zu lieben!"
"Wow, ehm, ja also. Ich hatte wirklich mit viel gerechnet, aber nicht damit. Was ist mit Delilah?"
"Ich liebe sie."
"Was genau soll das jetzt heißen? Dass du beide gleichermaßen liebst?"
"Das weiß ich selber nicht, nur dass es zwischen uns gerade kriselt und ich nicht weiß, ob es in dieser Beziehung noch irgendwas zu retten gibt!"
"Wir beide wissen, dass ich in Liebesdingen einst der falsche Ansprechpartner war, aber die Dinge haben sich geändert. Ich habe meine große Liebe gefunden. Deshalb mein Rat, spiel nicht mit Delilahs Gefühlen. Mach Schluss oder nehmt euch eine Auszeit, wenn es sein muss, aber mach' reinen Tisch. Dann werd' dir deinen Gefühlen bewusst. Es ist keiner von beiden fair gegenüber so zu tun, als ob nichts wäre."
Dann stieg Tony aus und ließ ihn im Aufzug stehen. Hatte er ihm gerade wirklich Liebestipps gegeben? McGee hatte das Bedürfnis, sich selbst in den Oberarm zu zwicken, doch auch als er es tat, wurde das Ganze nicht weniger surreal.
Er beschloss, zu Abby zu gehen und Tonys Rat in die Tat umzusetzen.
"Abby bist du hier?"
"Tim? Ja, was willst du hier? Ihr habt noch nicht etwa einen Fall von dem ich nichts weiß."
"Nein, aber Abbs, was hast du? Ich habe das Gefühl, dass du gerade noch hippeliger bist als sonst?"
"Äh, das liegt vermutlich an dem vielen CafPow, daran das ich dir was sagen muss, der Katze meines Nachbarn und natürlich Vance."
"Der Katze deines Nachbarn? Abby, wie viel CafPow hattest du?"
"Keine Ahnung, vielleicht elf oder zwölf, aber das ist jetzt unwichtig."
"Abbs, elf oder zwölf große CafPows? Wir haben erst Mittag."
"Mag sein, aber das was ich--"
"Nichts, du weißt! Das ist doch nicht normal. Weiß Gibbs das?"
"Timothy McGee, halt endlich einmal die Klappe! Denn ich liebe dich!"
"Ähm, ich. Iii-iccc-iiicccchhhhh, ich weiß nicht waa-- ich sagen soll."
"McGee, ich weiß, dass ich dich damit überfalle, aber denke bitte darüber nach."
Völlig perplex, nicht im Stande auch nur irgendeinen klaren Gedanken fassen zu können, lief er über die Treppen hoch ins Büro. An Tony vorbei, dem er lediglich einen kurzen Blick schenkte. Ganz offensichtlich schien Tony ihn etwas zu fragen, aber er war nicht mehr hier. Kopfschüttelnd schnappte er sich seine Jacke und lief, als er sich umdrehte, fast in Ellie hinein. Auch sie sah ihn besorgt an, doch Tim musste einfach an die frische Luft.
Er machte sich Sorgen, Sorgen um McGee, auch wenn er es nicht wollte. Als er zuvor aus dem Büro gestürzt war, sah man ihm an, dass es ihm nicht gut ging. Nun machte er sich Sorgen, ob das etwas mit Tims Gespräch mit Abby zu tun hatte. Irgendwann hielt er es vor lauter Unruhe nicht mehr aus und fuhr zu Abby.
Schon in der Tür vereinnahmte er Abby's gesamte Aufmerksamkeit, fiel mit der Tür ins Haus und konfrontierte sie mit der Tatsache, dass Tim völlig durch den Wind war. Abby redete, redete wie ein Wasserfall, wie immer. Nur zwischen zwei Sätzen konnte er die Quintessenz auffangen. Dieser Tag schien wirklich voller Überraschungen zu stecken! Abby liebte Tim. Tim liebte Abby. Und Delilah.
Er verließ Abby wortlos, zog spontan sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer seiner Zukünftigen.
"Hi. Seit wann rufst du während der Arbeit an?"
"Hey Sweetheart. Kann ich dich nicht einfach einmal so anrufen? Vielleicht wollte ich auch einfach nur wissen wie es unserer Kleinen und dir geht?"
"Dafür kenne ich dich zu gut. Was brauchst du?"
"Einen Rat. Ich habe Tim in Liebesdingen beraten."
"Moment, du hast was?"
"McIchkannmichnichtentscheiden in Liebesdingen geholfen. Und jetzt haben wir einen Timmy, der völlig durch den Wind abgehauen ist und eine Abby, die scheinbar eine neue Ebene der Hyperaktivität erreicht hat."
"Ich verstehe kein Wort, Tony. Wieso ist Tim verschwunden? Was hast du angestellt?"
"Nichts, ich habe vorhin mit ihm gesprochen. Dabei hat er mich gestanden, dass es zwischen Delilah und ihm nicht gut läuft, er sie dennoch liebt, aber nie aufgehört hat, Abby zu lieben."
"Und was genau hast du ihm geraten? Und lüg mich ja nicht an, Tony. Du weißt, dass ich das merke."
"Ja, Zeevah. Ich habe ihm geraten, dass er sich seinen Gefühlen bewusst werden soll und auch nicht mit den ihren spielen soll. Und er sich, wenn notwendig auch zeitweilig von Delilah trennen soll."
"Aha."
"Nur ein "Aha"?"
"Ich weiß nicht was ich sagen soll. Du hast ganz passable Tipps gegeben. Nicht dass da nicht noch Potential nach oben wäre. Erzähl weiter!"
"McGee war danach bei Abby. Als er wiederkam, war er entsprechend zerstreut. Ich bin dann zu Abby, die übrigens gerade nicht auszuhalten ist. Zu viel CafPow. Aber, sie hat Timmy ihre Liebe gestanden."
"Oh wow."
"Ja, oder? Ich weiß nur jetzt nicht was ich tun soll!"
"Mhm, eine ganz neue Seite an dir. Gefällt mir. Geh ihn suchen, biete ihm an zu reden, wenn er will. Ansonsten setze dich einfach nur neben ihm und gib ihm seinen Freiraum."
An diesem Nachmittag folgte er den Anweisungen seiner Liebsten, doch das Ergebnis konnte keiner herbei sehen!
Er traute sich kaum, die Haustür aufzuschließen, denn er wusste, dass die heutigen Geschehnisse außer Kontrolle geraten waren und er nun um sein Leben flehen musste. Schon als er eintrat, wurde Tony von ihrer eisigen Stimme in Empfang genommen. Natürlich hatte es sofort die Runde gemacht, dass Tim die Beziehung zu Delilah auf Eis gelegt hat. Gibbs hatte ihn daraufhin in den Fahrstuhl beordert, doch er war sich keiner Schuld bewusst. Denn als er Tim im nahegelegenen Park fand, hatte er ihm einfach nur zu gehört. Und ehe er sicher versah, hatte McTime eine Entscheidung getroffen. Er hatte Delilah angerufen, zwar hat diese nicht abgenommen, aber Tims Entschluss schien festzustehen. Nun unterstellten ihm alle, McGoo ins Gewissen geredet zu haben. Und über Ellie, der er alles anvertraut hatte, hatte es Ziva erfahren.
Tief durchatmen, sagte er sich. Dann grüßte er sie, ehe er behauptete, dass er gleich ins Bett wolle, da er hundemüde sei. Auch, wenn das nicht stimmte. Ohne sie das kommentieren zu lassen, schob er sich an ihr vorbei, ging ins Bad und machte sich bettfertig. Doch er hätte ihre Mossad-Vergangenheit und ihre Intelligenz bedenken müssen und auf keinen Fall unterschätzen dürfen. Sie wusste, dass er niemals schlafen gehen würde, ohne seiner kleinen Prinzessin einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Und genau das nutzte sie nun schamlos aus.
Langsam machte er kehrt und ließ sich am Sofa nieder. Er wog seine Chancen ab: er sah keine Chance, ihr unbeschadet zu entkommen. Deshalb beschloss er, dass er ihr einfach seine Version erzählte. Er bat sie sich, zu ihm zu setzen, doch sie verneinte. Sie würde es bevorzugen zu stehen. Bedächtig nickend startete er seinen Bericht. Ziva nickte gelegentlich, aber ließ sich nicht darüber aus, was sie dachte. Als er endete, gingen sie unverrichteter Dinge schlafen. Tony mochte das nicht, er konnte nicht schlafen, wenn zwischen Ziva und ihm Streit herrschte. Auch wenn sie sich nicht richtig stritten, wusste er, dass sie kolossal verärgert war.
Fortsetzung folgt
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