05| Fünftes Kapitel
„Uff, ich hätte heute gleich nach Hause fahren sollen."
„Das hättest du wirklich. Du siehst aus, wie dreimal überfahren und vertrocknet. Aber gut zu wissen, dass ich dir so wichtig bin."
„Wow. Nett wie immer, Calvin. Nur so nebenbei, nicht du, sondern mein Projekt ist mir wichtig."
„Sicher."
„Okay, wir beginnen. Immer verschwenden wir viel zu viel Zeit mit einem unsinnigen Begrüßungsgespräch."
„Zeit scheint wohl dein Lieblingswort zu sein?"
„Hör auf, abzulenken! Das ist echt eine schlimme Angewohnheit von dir."
„Wer sagt, dass ich es nicht absichtlich mache?"
„Calvin!"
„Schon gut, ich lasse es. Am Ende verrenkst du dir noch deine Augen, so oft, wie du sie in meiner Anwesenheit verdrehst."
„Du provozierst es ja geradezu. Meine erste Frage für heute; Wieso bist du oft so abweisend, obwohl du davor noch relativ offen warst?"
„Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? Sag bloß, du hast keine Ideen mehr, was du mich fragen sollst, Baby."
„Natürlich habe ich noch Ideen. Oh, Mist! Diese scheiß Brille! Ich hasse dieses verdammte Teil! Immer rutscht sie!"
„Sie steht dir. Die Brille lässt dich schlau aussehen."
„Aber ich bin es nicht, oder wie?"
„Weiß ich nicht."
„Na danke auch. Zurück zu meiner Frage."
„Können wir sie überspringen? Ich antworte nicht auf dumme Fragen."
„Meinetwegen. Dann also eine andere Frage. Hast du irgendwelche Ängste oder Phobien?"
„Ich habe Angst vor kleinen Insekten. Spinnen, Käfer und so etwas. Aber eigentlich vor allem, was mehr als vier Beine hat. Sie sind einfach ekelhaft."
„Das kommt überraschend."
„Ich weiß. Komme wohl nicht wie so jemand rüber."
„Nicht wirklich."
„Siehst du, jetzt lächelst du wieder. Du solltest öfter Lächeln. Dabei siehst du wirklich hübsch aus."
„Calvin, ich bin nicht hier, um mit dir zu flirten."
„Du magst es nicht, wenn man dir Komplimente macht, nicht wahr?"
„Überhaupt nicht. Das ist ein schreckliches Gefühl. Vor allem, nicht zu wissen, was man antworten soll. Aber ich stelle hier die Fragen."
„Das heißt, ich darf gar nicht nachhaken?"
„Nein. Und jetzt machen wir weiter. Wie fühlt es sich für dich an, hier zu sitzen und dich mit mir unterhalten zu müssen?"
„Das hat doch gar nichts mit deinem Buch zu tun."
„Nein, aber ich will es trotzdem wissen."
„Ich mag dieses schelmische Lächeln. Jetzt gerade siehst du nicht so ernst und gestresst aus, wie sonst."
„Ich habe gesagt, du sollst das lassen!"
„Ich kann nicht. Du bist einfach zu niedlich, wenn du dich aufregst. Um deine Frage zu beantworten, es ist witzig. Es ist eine Ablenkung und dich kann man im Gegensatz zu den Pflegern so leicht provozieren."
„Du lachst dich also innerlich über mich kaputt?"
„Ich würde es eher als mit dir lachen beschreiben. Ich lache mit dir, nicht über dich."
„Wo lernt man diese Schlagfertigkeit?"
„Die ist grandios, nicht wahr? Aber so perfekt Kontern ist angeboren. Gute Gene eben."
„Meine Güte. Ich bin wirklich permanent am Augen-verdrehen. Aber bei dir geht es wirklich nicht anders. Nächste Frage, diesmal hat sie wieder etwas mit meinem Buch zu tun; Dürft ihr hier Alkohol konsumieren?"
„Nein. Zumindest ich nicht. Allerdings weiß ich nicht, wie es bei denen ist, die sich selbst eingewiesen haben. Dazu müsstest du einen Pfleger fragen."
„Ja, das werde ich tun. Vermisst du es nicht, manchmal Alkohol zu trinken?"
„Natürlich. Ich habe schon fast vergessen, wie es sich anfühlt, wenn mir ein hochprozentiger Shot prickelnd die Kehle hinunterfließt."
„Hast du früher oft Alkohol getrunken?"
„Nur, um für ein paar Stunden zu vergessen. All meine Sorgen und Probleme für kurze Zeit los zu sein, dafür habe ich getrunken. Doch am nächsten Morgen waren sie wieder da- beinahe doppelt so schlimm und erdrückend. Und mit einem Kater."
„Wusste dein Vater davon? Ich meine, wusste er von deinen Problemen?"
„Nur bedingt. Ich habe ihm schon erzählt, dass ich in der Schule von den anderen geärgert wurde, doch das genaue Ausmaß erfuhr er nie. Ich schämte mich einfach zu sehr, so schwach zu sein."
„Es war keine Schwäche von dir, Calvin. Einzig die anderen Kinder waren schwach. Du hingegen warst stark, denn du hast all das ertragen."
„Stark wurde ich. Aber erst nach meiner Rache."
„Wie hast du dich gerächt?"

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