Vom Nichts getrieben (Teil 1)
Mitten im Wald lag ein kleiner Junge. Ahnungslos, zurückgelassen, verwundet und in seiner Hand ein mit Blut verschmutztes Messer. Noch schlief er, aber wenn er aufwachte, würde sich das Kind an nichts weiter als den Ort, an dem es lag erinnern. Der Junge würde nicht wissen, woher er kam, warum er dort schlafend lag oder wieso er den Drang nach Morden im Sinn hatte. Der Kleine würde sich nicht an seine Vorgeschichte erinnern können. Weder an die verrückten Forscher noch an die grausamen Experimente, welche an ihm durchgeführt wurden. Vielleicht war das auch das Beste für ihn, andererseits würde das auch seine scheinbar vom Nichts getriebene Mordlust erklären.
Langsam strahlten die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen durch den immer heller werdenden Nachthimmel. Auch der Junge wurde langsam munterer und begann sich zu bewegen. Wie eine gerade zum Leben erweckte Puppe, bewegte der Kleine seine Gliedmaßen nacheinander. Zuerst die zarten, zerbrechlichen Arme und dann die ebenso schmalen Beine. Dann hob das Kind langsam den Kopf. Sein Herzschlag erhöhte sich und wenige Sekunden später war der Junge hellwach. Seine Sinne waren messerscharf. Er hörte in sich hinein und versuchte heraus zu finden, auf welche Weise er in diese ungewöhnliche Landschaft gelangt war. Allerdings konnte er sich keine Antwort zusammenreimen.
Frustriert warf der Junge einen Blick auf sich hinunter und begutachtete seine zerlumpte, mit Blutflecken verschandelte Kleidung. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte man denken können, er stammte aus einer armen Familie. Doch genau das Gegenteil war der Fall, seine Eltern waren sehr reich gewesen und strebten nur das Verdienen von Geld an. Möglicherweise erklärte das auch den Grund für sein wiederfinden bei den Wissenschaftlern. Von den Eltern als Versuchskaninchen, für Tests an der menschlichen Psyche zur Verfügung gestellt, wurde der Junge an die Wissenschaftler übergeben.
Ja, so musste es wohl gewesen sein, doch an nichts davon würde sich das Kind erinnern können. Nie würde es herausfinden, wer seine leiblichen Eltern waren und warum er so war, wie er nun mal war. Ohne sich darüber weiter Gedanken zu machen, tat der Junge ein paar Schritte in eine x-beliebige Richtung. Jedoch waren seine kleinen Beine schwach und sein Körper sehnte sich nach etwas Verzehrbaren. In der Ferne vernahm das Kind das Rauschen von vorbeifahrenden Autos. Daraus konnte es schließlich, dass eine Straße in der Nähe sein musste.
Von dem Verlangen nach Essen getrieben, folgte es dem Geräusch. Erst jetzt bemerkte der Junge das Messer in seiner Hand. Es fühlte sich gut an und es war perfekt ausbalanciert. Zusätzlich war seine Kante schärfer als jeder Dolch. Ein Lächeln huschte über das blasse Gesicht des Jungen, welches aber schnell wieder erstarb. Denn er wusste ganz genau wozu so eine Klinge gut war. Im selben Moment schwor er sich nie einem Menschen ein Haar zu krümmen, obwohl es sich mehr als nur verlockend anhörte.
Der Junge stolperte über einen Ast und fiel zu Boden. Ein Funken von Wut durchströmte seinen kleinen Körper, jedoch erlosch er rasch wieder, denn das Kind hörte eine Wühlmaus direkt unter ihm in der Erde. Ob er sie erreichen könnte? Wohl eher nicht, dachte sich der Junge und erhob sich wieder vom Boden, um seinen Weg fortzusetzen. Ein paar Minuten später hatte das Kind tatsächlich eine Waldstraße erreicht. Verdutzt blieb der Kleine am Straßenrand stehen, denn er sah auf der anderen Straßenseite ein kleineres Wesen liegen. Trotzdem das Tier tot und zermatscht aussah, überkam dem Jungen ein merkwürdiges Gefühl. Er wollte zu dem toten Leib gehen und es begutachten.
Ehe er sich daran hätte hindern können, hockte das Kind schon neben dem Leichnam am gegenüberliegenden Straßenrand. Noch vorsichtig beäugte er das tote Wesen. Von der Neugier getrieben griff er langsam nach dem Tier und drehte es auf die Seite. Nun konnte er das zerstörte Gesicht des Tieres sehen. Vermutlich war es ein Marder oder ähnliches gewesen. Schnell verlor der Junge das Interesse an dem eigenartigen Fund und ließ es einfach so liegen. Der Junge beschloss nicht weiter auf ein daherkommendes Auto zu warten, sondern der Straße zu folgen, denn irgendwo müsste sie hinführen.
Nach ungefähr zwanzig Minuten Fußmarsch konnte das Kind eine Siedlung in naher Ferne sehen. Hungrig leckte es sich über seine trockenen Lippen. Der Junge hatte mittlerweile einen mörderischen Durst und Hunger bekommen. Wenn er nicht bald etwas zwischen die Zähne bekam, müsste er sich in der Gegend nach etwas anderem Verzehrbaren, wie Beeren oder kleinen Lebewesen, umschauen. Auch wenn es ihm davor grauste Tiere oder der Gleichen zu essen, wollte er sein Hungergefühl stillen. Selbst wenn sich das Kind einmal vegetarisch ernährt hatte, würde es sich nicht mehr an diese Zeit erinnern. Es war fast so, als hätte es diesen Zeitraum nie gegeben, und so fühlte es sich auch für den Kleinen an.
Geboren auf der Lichtung im Wald und verdammt an das Ziel zu überleben. Hätte das Kind keinen Lebenswillen gehabt, wäre es wahrscheinlich im Wald liegen geblieben. Hätte geweint und sich die Augen vor Angst und Verlust ausgekratzt. Doch das Kind hatte einen starken Überlebenswillen aus welchen Gründen auch immer. Also lief es geradewegs auf das Dorf zu. Es schien nicht groß zu sein, aber Essen würde der Kleine dort finden, da war er sich sicher oder zumindest war seine Hoffnung so groß, dass es keine weiteren Optionen gab.
Kurze Zeit später stand er vor der Ortstafel und versuchte die Buchstaben zu einem Wort zu verbinden, da er aber nie eine Schule besucht hatte, fiel es ihm sehr schwer und er ließ es bleiben. Das Kind hatte jetzt größere Probleme, als die unleserliche Ortstafel. Hungrig und einsam machte es sich auf die Suche nach einer Bezugsperson. Schon in der nächsten Seitenstraße wurde er fündig. Eine alte Frau hängte gerade, ihre über Nacht getrocknete Wäsche, von einer langen Schnur. Obwohl die Frau ein Stockwerk höher auf einem kleinen Balkon stand, hatte sie der Junge gleich bemerkt. Es durfte nicht vergessen werden, dass die Sinne des Jungen um einiges besser als die der unseren waren. Er spürte förmlich ihre Anwesenheit über ihm. Unwissend wie er auf sich aufmerksam machen sollte, rief er ein kurzes: „Hallo? Entschuldigung, aber können Sie mir bitte helfen?", hinauf in Richtung der alten Dame.
„Wen haben wir denn da? Einen kleinen Jungen", sagte die, vom Alter gestrafte, faltige Frau mit lieblicher Stimme. Aufmerksam schaute sie vom Balkongeländer auf den kleinen Jungen herab. Das Glück des Kindes war, dass die Alte nicht mehr gut sehen konnte, sonst hätte sie vielleicht das Blut an seiner Kleidung gesehen oder das festumschlungene Messer in seiner kleinen, rechten Hand. Doch das alles sah die Frau nicht, also machte sie sich auf den Weg nach unten zur Haustür. In dem Moment konnte die zerbrechliche Frau noch nicht gewusst haben, was für einen gravierenden Fehler sie gerade machte, aber aus solchen Fehlern lernte man bekanntlich.
Wenig später saß der Junge schon in der Küche der Alten. Die unwissende Frau kochte dem Kind gerade eine Gemüsesuppe. Sie meinte er würde dadurch groß und stark werden, also war der Junge erstmal zufrieden. Als er aber von der Suppe kostete, musste er feststellen, dass sie ihm nicht schmeckte und auch das Wasser, welches er von der naiven Frau bekommen hatte, behagte ihm nicht. Besorgt fragte die Alte den Jungen, was denn an der Gemüsesuppe nicht gepasst hatte, denn die zerbrechliche Frau hatte sich wirklich Mühe bei der Zubereitung gegeben.
Der Junge konnte ihre Frage nicht beantworten, denn er konnte sich düster an eine Zeit erinnern, in der er Suppe geliebt hatte. Plötzlich wusste er was er wollte. Das Kind wollte saftiges, blutendes Fleisch. Mittlerweile war dem Kleinen egal, wie verstörend dieses Verlangen sein musste. Er hatte so einen Hunger und Durst, dass ihm alles andere egal vorkam. Also fragte das Kind die Alte geradewegs, ob sie nicht Fleisch oder Ähnliches für ihn machen könne. Die gutmütige Frau wollte nur das Beste für ihren art Flüchtling und machte sich auf die Suche nach Fleisch, welches sie für den Jungen kochen konnte.
Während die Alte das neue Gericht zubereitete, schaute sich der kleine Junge im spärlichen Zimmer um. Es war nicht gerade groß und außer dem Küchentisch und der Herdplatte sowie Regalen und einem kleinen Kühlschrank, befand sich nicht viel in dem Raum. Der Boden war braun und die Wandfarbe war gelblich. Irgendwann musste sie weiß gewesen sein, doch davon konnte man nichts mehr erkennen. Die Lampe an der Decke war staubig und sah bei weitem älter als die alte Frau aus. Dem Jungen durchflutete ein Gefühl von Unbehagen, er kannte die Frau nicht und sie kannte ihn nicht. Vielleicht wollte die naive Alte den Jungen vergiften. Zumindest dachte das der Junge für einen kurzen Augenblick.
Trotzdem biss der Junge in das saftige Stück Fleisch, doch es stillte sein Verlangen nur gering. Jedoch war es immer noch besser als die Gemüsesuppe und irgendetwas müsste der Junge zu sich nehmen. Also schlang das Kind das ganze Gericht in ein paar Minuten hinunter. Die ganze Zeit hatte die alte Frau ihn mit einem Lächeln auf den Lippen beobachtete. Sie freute sich, dass ihr Essen dem Jungen schmeckte. Als er fertig gegessen hatte, gähnte das Kind herzhaft. Es war von dem vielen Essen müde geworden, also richtete die gutmütige Frau dem Kleinen ein Bett her.
Nach geraumer Zeit wachte der Junge in dem weichen Bett auf. Sein Verlangen nach Morden war größer als zuvor. Es war nicht zu bändigen, also folgte das Kind dem Drang und fand sich draußen in der Seitenstraße wieder. Die Tür von dem Haus der alten Frau stand offen und die Alte war nirgendwo zu sehen. Das war dem Jungen nur recht so, denn das was er jetzt tun würde, war so grausam, dass es einem die Nackenhaare aufstellen konnte. Die Seitenstraße war eine kleine Sackgasse, welche man leicht zum Einzingeln von Tieren oder sogar von Menschen verwenden konnte. Und genau das, hatte der Junge im Sinn, denn er hatte eine Katze in einem der naheliegenden Müllcontainer erblickt.
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