10.
9 Jahre zuvor
Seit diesem ersten Besuch machen wir ständig Ausflüge zu A.N.G.S.T. Jedes Mal lernen wir etwas über ein neues Thema und müssen ein Protokoll dazu führen. Unsere Lehrerin meint, dass es viel für unser Leben beitragen wird und manche aus unserer Klasse haben jetzt schon beschlossen, dass sie, wenn sie ihren ersten Schulabschluss haben, sich freiwillig als Testperson bewerben werden. Deswegen freuen sich fast alle auf den Besuch. Heute ist ein ganz besonderer Tag, denn wir dürfen heute in Kleingruppen das Quartier selbst erkunden. Natürlich dürfen wir nicht irgendwo hinlaufen, wo wir wollen, das wäre ja zu nett. Jede Kleingruppe wird mit einem Mitglied von A.N.G.S.T. mitlaufen. Newt und ich konnten es irgendwie organisieren, dass wir mit dem Jungen, der sich Alby nennt, rumlaufen dürfen. Er hat uns nämlich damals zurück zu unserer Lehrerin gebracht, uns aber nicht verpfiffen sonder die Schuld auf sich genommen. Er ist schon komisch, doch mit ihm rumzulaufen ist wenigstens noch einigermaßen erträglich.
„Hallo, meine Freunde. Oh, ich bin schon so aufgeregt, euch heute meine Heimat zeigen zu dürfen. Glaubt mir, mit mir seid ihr in der besten Gruppe und werdet heute am meisten erleben und am meisten Spaß haben. Ich werde euch meine Freunde zeigen, Mädchen sind auch unter ihnen ..." Ich höre dem Gequassel von Alby gar nicht richtig zu und Newt anscheinend auch nicht, denn er schielt planlos umher und schneidet Grimassen, bei denen ich mich beherrschen muss, nicht loszuprusten. „ ... auf jeden Fall, folgt mir jetzt! Wir dürfen keine Zeit verlieren!", beendet Alby seinen Redeschwall und kehrt uns den Rücken zu. Wir fangen an, einige Gänge entlangzulaufen, zu denen Alby ständig etwas erzählt, doch wir beide hören ihm nicht zu. „Was ist denn nur mit dem los?!", fragt Newt völlig entgeistert und zeigt ihm einem Vogel, den er zum Glück nicht sieht. „Komm, lass uns abhauen und irgendwo verkriechen, Maria", schlägt Newt begeistert vor und ich muss mich wirklich beherrschen, ihm nicht freudig zuzustimmen. Der Gedanke, sich hier vor allen doofen Heinis einfach zu verkriechen und sich über sie lustig zu machen, ist einfach zu gut. Doch wir haben leider nicht die Möglichkeit, an unserem genialen Plan weiter rumzufeilen, denn Alby hält auf einmal abrupt an und verstummt, was dazu führt, dass ich beinahe in ihn hineinkrache. Wir stehen vor einer weißen Tür, wie eigentlich alle Türen, Räume, Wände und alles weitere in diesem Gebäude. Ein bisschen Farbe würde sicherlich auch nicht schaden. Ich werfe einen Blick auf das Schild, es steht in großen, schwarzen Buchstaben »Gruppe B« darauf. Was soll das denn jetzt bitte bedeuten? „Alby, das ist mir jetzt schon öfter mal aufgefallen, an manchen Türen steht A oder B, hat das etwas Wichtiges zu bedeuten?", frage ich ihn und Alby strahlt mich an, als wäre er wohl froh, jetzt endlich mal dem Namen Albert Einsteins gerecht zu werden und etwas erklären zu dürfen. „Ava Paige teilt uns in zwei Gruppen ein, wir sind sozusagen zwei Teams, wie Parallelklassen, doch wir verstehen uns immer super. Wir machen morgens unsere Tests zusammen, dann sind alle zufrieden und wir können uns unterhalten. Manchmal, wenn wir ganz gute Antworten gegeben haben, kriegen wir sogar ein Spiel, einen Film oder etwas zu essen. So macht lernen Spaß!", verkündet er strahlend. Was hat dieser Junge denn für Probleme? Wie kann man es denn nur mögen, den ganzen Tag über irendwelchen Tests unterzogen zu werden, damit man dann vielleicht mal etwas zu essen bekommt? Die Kinder hier tun mir total leid, obwohl Alby die einzige Testperson ist, die ich persönlich kenne. Anscheinend soll sich das aber jetzt ändern, denn anscheinend befindet sich in dem Raum, vor dem wir uns befinden, auch noch jemand. Newt schaut mich total ungläubig und verwirrt an, als würde er denken, dass Alby nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, was ich aber ehrlich auch denke. Newt hakt sich bei mir unter und lächelt mir ermutigend zu, während Alby mit einem konzentrierten Gesichtsausrdruck einen Schlüssel aus seiner Hosentasche fischt. Er steckt ihn ins Schloss und lässt uns in einen, mal wieder weißen, Raum eintreten. Erstaunt blicken Newt und ich um uns. Er ist fast komplett leer, bis auf drei Betten in einer Ecke, von dem allerdings nur eins besetzt ist. Warum kommt mir alles hier so trist vor? Das Mädchen, das auf dem Bett sitzt, hebt ihren Kopf an und blickt mir direkt in die Augen. Sie hat blonde, leicht lockige Haare und blaue Augen, die allerdings äußerst betrübt aussehen. Sie sieht sehr gequält aus, als hätte sie keine Lust hier zu sein. Das kann ich ehrlich gesagt aber auch verstehen. Sie tut mir leid und ich würde gerne etwas tun, damit sie mitkommen kann, in die Welt da draußen und nicht mehr länger hier vor sich hinvegetieren muss, denn das ist einfach nur zu grausam. „Stell dich doch mal vor, ich habe Freunde mitgebracht", strahlt Alby und tigert wild entschlossen hin und her. Er soll sie doch einfach mal in Ruhe lassen, das ist doch wohl kein so großes Problem oder? Doch das Mädchen lächelt mir nun sogar schüchtern zu und steht auf. „Hey, ich bin Lilli. Ich hoffe, ihr habt ein schöneres Leben als ich und möge euch euer Weg in der Zukunft weit von hier wegführen." Sie streckt mir ihre Hand hin und ich schüttele sie. „Ich bin Maria und das ist mein Freund Newt. Wir sind heute mit unserer Klasse hier, das sind wir öfter mal. Wir können ja das nächste Mal wieder hier vorbeischauen. Vielleicht schaffen Newt und ich es auch, ein Brettspiel oder so etwas mitzubringen. Halte auf jeden Fall durch!" Newt nickt zur Bestätigung, dass er es genau so sieht wie ich und Lilli fängt daraufhin an, zu schluchzen und fällt mir um den Hals. Sie tut mir so leid! „Danke, ihr werdet sicherlich die einzigen und besten Freunde sein, die ich jemals haben werde!" Ich streiche ihr beruhigend über den Rücken. Ich finde sie symphatisch und hoffe wirklich, dass wir in Zukunft etwas tun können, um ihr Leben etwas schöner zu gestalten. Alby scheint damit ja nicht so viele Probleme zu haben. In dem Moment stürmt meine Lehrerin ins Zimmer und reißt mich aus Lillis Armen. „Bitte, hilf mir ...!", fleht sie schluchzend, bevor wir beide weggeschleift werden.
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