III
Ein Mädchen tanzte, feingliedrig wie eine Elfe, in weißgerüschtem Schwanentutu durch den Saal. Sie hielt die Augen geschlossen, sie schwebte, schien beinahe zu fliegen, jede Bewegung ein Bild der Anmut in silbrig zartem, geschmeidigem Tanz. Im Licht des Leuchters, der mit unzähligen kristallenen Tropfen ein funkelndes Lichtspiel über sie ergoss, erschien ihm ihr Körper ein einziger Traum, ihre langen Beine sinnliche Verheißung, ihre Brust verlockende Harmonie. Was für ein Anblick! Man müsste sie malen! Sie tanzte zu den Klängen der Musik, leichtfüßig federnd, betörend vollkommen. Die Zeit stand still, er stand und schaute, Sekunden oder Stunden, er hätte es nicht sagen können. Er fühlte Freude, Verzückung, eine ungeahnte Leichtigkeit! Himmel, war das Mädchen schön! Eine nie gekannte Trunkenheit hatte von ihm Besitz ergriffen, er hätte sie ewig betrachten können. Was für ein Bild der Götter!
Unwillkürlich schnappte er nach Luft, merkte, dass er vor Ergriffenheit viel zu flach geatmet hatte und wurde sich bewusst, dass er immer noch an der Tür stand. Erschrocken über das Ausmaß dieses plötzlichen Aufwallens einer Empfindsamkeit, die er sonst nicht an sich kannte, wich er zurück und lehnte sich an den Türrahmen. Sein Herz klopfte wild, unentschlossen stand er da, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, zu ihr hineinzugehen oder aber zu fliehen an einen Ort, wo er die Kontrolle über seine Empfindungen wieder zurückerlangen würde. So leise er konnte, schloss er die Tür und lief nach unten.
Kurze Zeit später stand er wieder draußen vor dem Eingang des Gebäudes in der Kälte und sog begierig die eisige Luft ein. Allmählich beruhigte sich sein Herzschlag und er war wieder fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Er musste sie sehen! Himmel, er hatte noch nicht einmal ihre Augen gesehen!
Etwas Zeit verstrich, ihm wurde kalt. Sollte er doch wieder hinaufgehen? Doch direkt vor dem Tanzsaal wollte er nicht warten, es war zu offensichtlich. Schließlich wollte er nicht den Anschein erwecken, ihr aufzulauern. Frierend rieb er sich die klammen Finger. Es schien ihm eine Ewigkeit, bis sie endlich aus der Tür trat.
Sein „Guten Abend" hörte sich rau an, seine Frage an sie, ob sie einen roten Schal in der Garderobe gesehen hatte, albern. Doch er sah ihr Gesicht, er sah ihre Augen, er sprach mit ihr!
Ihre Haare trug sie jetzt offen, in leichtem Schwung fielen sie lang und kupferfarben auf ihren schwarzen Mantel hinunter, ihr schmales, herzförmiges Gesicht mit den vom Tanzen geröteten Wangen, den wohlgeformten Lippen, dem geschwungenen Bogen ihrer Brauen. Sie brachte ihn durcheinander, wie sie da stand und ihn mit freimütiger Offenheit und einem kleinen Lächeln anschaute. Ihre Augen waren grün, er tauchte in sie ein, versank in ihnen, fand unter ihrem so aufmerksamen Blick kaum die Worte, die er sich doch eben noch zurechtgelegt hatte.
„Mein Schal! Ich habe ihn oben vergessen!"
Ihr Lachen, als sie zusammen die Stufen hochstiegen, ansteckend und prickelnd wie Champagner, hallte an den Wänden des Treppenhauses wider. Er hätte gerne ihre Hand genommen und ihr gesagt, wie bezaubernd er sie fand, doch da war diese Verlegenheit, dieses unvermittelte Gefühl von Befangenheit. Was war nur mit ihm los? Hatte er all seine Selbstsicherheit verloren?
„Ich bin Jonas", stellte er sich vor.
„Jonas", wiederholte sie und ein kleines Lächeln lag auf ihren Lippen. „In der Grundschule habe ich die biblische Geschichte von Jonas und dem Walfisch geliebt!"
„Ich stehe lieber dir gegenüber als von einem Wal ausgespuckt zu werden", grinste er. Sie lachte ein fröhliches Lachen.
„Tanzt du hier?", fragte er sie und kam sich dabei ziemlich töricht vor, denn was außer Tanzen sollte man sonst in einem Tanzstudio machen.
Während sie ihm munter von ihrem Auftritt nächsten Monat erzählte, dachte er nur an ihre unmittelbare Gegenwart und daran, wie sehr sie ihn verwirrte.
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