Kapitel 9

Am nächsten Morgen stehen Alexander und ich früh auf. Die Arbeit ruft nach uns. Vor allem aber nach Alexander. Sein Telefon hat heute Morgen schon sieben Mal geklingelt. Nach der gemeinsamen Dusche hat er dann auf seinem Laptop seine E-Mails gecheckt. Die steinerne Geschäftsmannmine ist dabei nie verrutscht. Er hat mir erklärt, dass er sich zuletzt vor zwei Jahren ein Wochenende freigenommen hat und jetzt die liegengebliebene Arbeit aufholen muss, weshalb mich ein schlechtes Gewissen plagt.

Dass er mit mir die Feiertage Daheim verbracht und die Tage davor in Deutschland verbracht hat, wird also eine Ausnahme bleiben, dessen bin ich mir bewusst. Ich will es ihm dabei so leicht wie möglich machen. Keine Aufstände wegen langen Geschäftsessen oder Außenterminen. Ich werde das Verständnis in Person sein. Ich weiß, dass Männer wie er, mehr als eine 80 Stunden Woche haben.

Mit meinem Stiefvater war es anfangs nicht anders. Der Alltag musste erst neu arrangiert werden, bis meine Mutter und ich einen festen Platz darin einnehmen konnten. Die Zeit die ihm zur Verfügung stand, musste besser genutzt werden und genau dabei möchte ich Alexander unterstützen, wann immer es eben geht. Er hat zwar keine Vergleichsmöglichkeiten, doch ich wollte die beste Freundin sein, die er sich vorstellen konnte. Ich würde ihm keine Bürde sein.

Während er also - immer noch in Boxershorts - seine E-Mails beantwortet, hole ich seinen Wäschesack zu meinem Bett und legte ihm seine Kleider zurecht. Aus seiner Reisetasche holte ich ein paar Socken und eine Krawatte. Zufrieden begutachtete ich meine erledigte Arbeit. Als ich aufsehe, lächelt mir ein amüsierter Alexander entgegen.

„Was?", frage ich ebenfalls lächelnd.

„Was tust du da? Willst du mich etwa loswerden?"

Er zieht eine Augenbraue hoch. In meinem durchsichtigen Unterwäscheset gehe ich auf ihn zu, nehme ihm den Laptop vom Schoss, stelle ihn zur Seite. Er beobachtet all meine Bewegungen, bis ich mich auf seinen Oberschenkel setze.

„Während du, halbnackt, dein Imperium regierst, wollte ich dir einen Gefallen tun. So schnell werden Sie mich nicht mehr los, Mr. Black."

„Sehr gut, ich hatte nämlich auch nicht vor so schnell zu verschwinden."

Er legt mir seine starken Arme um den Körper und sieht mir dabei auf die Brüste, deren steife Nippel durch die dünne Spitze zu sehen sind. Als sich daraufhin seine Erektion an meinen Rücken bemerkbar macht, springe ich von seinem Schoß und lache lauthals.

„Vergiss es!", rufe ich und schlage ihm spielerisch gegen den Oberarm. „Wir müssen zur Arbeit. Los zieh dir etwas über."

Schmollend blickt er mir hinterher, als ich an meinen Schrank trete und mir eines meiner Businessoutfits heraussuche. Immer noch lachend ziehe ich mich an und schirme so meinen Körper von seinen eindringlichen Blicken ab. Auch er hat sich mittlerweile von meinem weißen Sessel erhoben und begutachtet, was ich ihm auf dem Bett zurechtgelegt habe.

Als nur noch die Krawatte gebunden werden muss, tritt er auf mich zu. Er reicht mir das Kleidungsstück und sieht mich auffordernd an. Ich überlege eine Sekunde ob ich ihm gleich beichte, dass ich sie nicht binden kann, oder mir einen Spaß erlaube. Da mir Variante zwei wesentlich ansprechender erscheint, nehme ich die Krawatte entgegen und werfe sie ihm über den Kopf.

Er lässt seinen Kopf in den Nacken sinken, um mir mehr Raum zu verschaffen. Ich verkneife mir ein Lächeln und binde ihm das Ding um den Hals. Letztendlich sieht es wie eine große, missratene Schleife aus. Ohne mir etwas anmerken zu lassen trete ich zur Seite. Als er gerade nach seinem seidenen Kleidungsstück blicken möchte, verlasse ich den Raum.

„Marie", ruft er mir hinterher.

Unschuldig strecke ich den Kopf zur Tür herein. Sobald ich mein Kunstwerk noch einmal in Augenschein nehme, kann ich das Lachen nicht zurückhalten. Selbst Alexander kann sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Er öffnet die Krawatte wieder und bindet sie erneut, während ich in der Küche verschwinde, um uns einen Kaffee zu kochen.

„Es gibt also tatsächlich etwas, das du nicht kannst", schmunzelt Alexander als er zu mir tritt. „Das binden einer 100 Dollar Krawatte ist nun wirklich nicht dein Ding."

Er drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Ich lasse meine Augen nach unten wandern und lache über die kleinen Falten die sie von meiner Verschönerungsaktion davon getragen hat.

„So würde ich gerne jeden Morgen aufwachen", raunt er und drückt mich an sich.

Erschrocken blicke ich ihn an. Meint er das etwa ernst? Er würde gerne jeden Morgen mit mir aufwachen? Als hätte ich die Fragen laut ausgesprochen antwortet er mit einem schlichten „Ja."

Ich sehe ihm tief in die Augen und überlege einen kleinen Moment darüber nach.

„Das wäre schön", flüstere ich.

„Ich könnte das arrangieren."

„Wie meinst du das?"

„Ich meine, ich könnte deine Sachen in mein Penthouse bringen lassen. Heute Abend schon könntest du bei mir einziehen."

Seine Stimme ist klar und deutlich, doch ich bezweifle wirklich, ihn richtig verstanden zu haben. Er hat mich doch gerade eben gefragt, ob ich bei ihm einziehen möchte, dass sehe ich doch richtig, oder? Wir sind gerade erst seit ein paar Wochen zusammen und da möchte er einen so großen Schritt wagen. Ich schüttle nur den Kopf.

„Möchtest du nicht bei mir einziehen?"

Er klingt verletzt. Nein, er klingt nicht nur so, er ist verletzt. Sein Blick zeigt, dass es ihn tatsächlich schwer getroffen hat. Ich reiche ihm seinen Kaffee und kuschle mich mit meiner eigenen Tasse an ihn. Sein Arm liegt um meine Taille, während er einen Schluck aus seiner Tasse nimmt.

„Ich würde gerne mit dir zusammen wohnen", seine Miene erhellt sich sofort, „aber es ist noch viel zu früh, Alexander. Lass und noch ein paar Jahre warten."

Mit bleichem Gesicht sieht er zu mir herunter.

„Ein paar Jahre?"

„Nun zumindest ein paar Monate. Bitte. Lass es uns nicht überstürzen. Lass es uns richtig machen, wie die anderen Paare auch. Wir nehmen uns Zeit, genießen es beieinander zu sein", schlage ich vor.

„Wie viele Monate?", knurrt er beinahe.

„Keine Ahnung. Sechs oder sieben?"

Plötzlich lässt er von mir ab, dreht mir den Rücken zu, stellt seine Tasse auf die Anrichte und fährt sich mit beiden Händen durch seine Haare.

„Warum ist das so wichtig für dich?", frage ich ihn und würde ihn gerne berühren, doch es fühlt sich an, als wäre er Meilenweit entfernt.

„So ist es eben nun einmal. Ich kann nicht anders, ich will dich in meiner Nähe wissen. Aber sechs Monate ist definitiv zu viel."

„Naja vielleicht auch früher, aber du wolltest eine Zeitangabe und daher sage ich sechs Monate."

„Nein", knurrt er jetzt wirklich. „Marie, ich bitte dich nicht Morgen bei mir einzuziehen, obwohl es genau das ist, was ich am liebsten tun möchte. Ich gebe dir ein paar Wochen Zeit und dann ziehst du zu mir."

„Du kannst doch nicht einfach so über mein Leben bestimmen", rufe ich frustriert aus. Wild gestikulierend spreche ich weiter. „Ich werde dann zu dir ziehen, wenn ich es für den passenden Moment halte", ich hebe die Hand und bringe ihn damit zum Schweigen, als er ansetzen möchte. „Sollte ich mich in ein paar Wochen soweit fühlen, dann mag es so sein. Sollte ich mich erst in sechs Monaten dazu bereit fühlen, werde ich eben erst dann zu dir ziehen. Ende dieser sinnlosen Diskussion."

Wir brodeln beide innerlich vor unterdrückter Wut. Ich verstehe nicht, warum er sauer ist. Er kann mich nicht dazu zwingen bei ihm zu wohnen. Wir brauchen Zeit für einander. Es bringt doch Niemandem etwas, wenn wir es überstürzen. Und erst Recht nicht, wenn er denkt, er könnte es mir befehlen! Ich bin keine seiner Assistenten, die er herumkommandieren kann.

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