Kapitel 12 - James
Als ich nach Hause komme, klingt leise Musik aus der Küche. Marie steht an unserem Herd und bereitet unser Essen zu. Sie wirkt total versunken in ihren eigenen Gedanken. Um sie nicht zu erschrecken räuspere ich mich, ehe ich auf sie zugehe. Ein Lächeln umspielt ihre Lippen, doch in ihren Augen kann ich lesen wie in einem Buch und sie verraten mir, dass sie alles andere als glücklich ist.
"Was ist los Süße?"
"Nichts, ich bin nur echt müde...der Tag war super anstrengend. Ich denke, ich werde wohl auch bald ins Bett gehen."
Während ihrer Erklärung verzieht sie das Gesicht. Ich muss über ihren Missmut lachen.
"Was hat er angestellt?"
Nach dieser Frage sieht sie mich irritiert an, doch es ist gespielt. Sie würde gerne verbergen was sie so beschäftigt, doch mir gegenüber hat sie das noch nie geschafft. Zum Glück. Sie ist so komplex und verschlossen, dass ich es ohne meine 'Fähigkeit' gar nicht schaffen würde, sie zu verstehen. Ich lege den Kopf schräg und versuche ihr Mut zu machen.
"Es ist völlig idiotisch. Kindisch. Egoistisch. Aber...nun gut, lass mich nochmal von Vorne anfangen. Er hat mir geschrieben, er würde sich jetzt sofort auf den Weg machen. Wir haben heute Morgen gestritten und ich war froh, dass er wirklich kommen wollte, aber ein paar Minuten später ändert er seine Meinung wieder. Er meinte, er wurde aufgehalten und das ich nicht warten soll. Das ist so ...ich fühl mich so betrogen, verletzt und allein gelassen. Tut mir leid. Ich werde jetzt wieder in den Erwachsenenmodus schalten", über den letzten Satz lachen wir beide herzlich.
Ich nehme sie in die Arme und streiche ihr sanft über den Rücken, wie ich es schon immer getan habe. Unsere Berührungen sind vertraut und tröstlich für uns Beide.
"Das ist schon in Ordnung Süße. Am Anfang muss es sich sicher so anfühlen. Wir Beide sind nun wirklich keine Experten auf diesem Gebiet, was?"
Wieder grinsen wir. Die lockere Stimmung wirkt sich auch auf Maries Gemütszustand aus. Wir holen uns jeweils einen Teller, geben uns eine Portion ihrer Köstlichkeiten darauf und setzten uns an die Frühstückstheke.
Nach ein paar Minuten schaut Marie von ihren Teller auf und mich an. Sie sieht mir direkt in die Augen, denkt nach. Ich kann warten, denn das sie etwas sagen will ist klar. Sie stellt die Sätze in ihrem Kopf noch etwas um. Bastelt an netteren Formulierungen. Ich weiß, dass es nicht mehr lange dauert. Sie wird kurz zuvor einen tiefen Seufzer lassen und dann loslegen, in dieser Hinsicht ist sie verlässlich wie ein Uhrwerk. Und dann kommt auch schon der erwartete Seufzer.
"Wir müssen über Emily reden, Jimmy."
Überrascht sehe ich sie an. Über Emily? Mit diesem Thema habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich dachte sie würde ihre kleine Tirade über Alexander noch etwas ausbauen, und schaue sie daher fragend an.
"Ja, Emily!", bestätigt sie.
"Was ist mit ihr?"
"Die Frage lautet wohl eher, was ist mit euch?"
"Mit uns?", jetzt werde ich noch unsicherer.
"Ich meine, seid ihr irgendwie zusammen? Oder habt ihr eine Affäre?"
"Nein, nichts der Gleichen...denke ich", antworte ich ohne zu zögern, doch das brauche ich gar nicht, denn wenn Marie erst einmal Lunte gerochen hat, ist sie wie ein Bluthund.
"Denke ich? Was soll das denn nun bedeuten?"
"Ich weiß nicht, es gab da diesen Moment an Weihnachten. Wir haben uns davon erzählt, wie schrecklich einsam wir sind. Sie hat mir erklärt, dass sie eventuell auf ihren Chef steht und ich habe ihr alles über Zack und meine Vergangenheit gebeichtet."
Es hatte sich so gut angefühlt Emily davon zu erzählen. Wie ein Befreiungsschlag. Ein ähnliches Gefühl habe ich jedesmal mit Marie, daher habe ich nicht weiter darauf geachtet. Es war wie seiner Schwester von seinen Sorgen zu erzählen, oder jemanden, bei dem man wusste, dass die eigenen Geheimnisse gut aufgehoben waren.
"Sie hat zu weinen angefangen und ich habe sie getröstet...", nach diesen Worten bleibe ich vorerst still.
Auch wenn ich nicht will das Marie es erfährt, weiß ich, dass sie es schon längst ahnt. Bluthund eben.
"Wie weit bist du mit ihr gegangen?"
Wütend blickt sie mich an. Ihre Augen scheinen in diesem Moment nicht mehr viel für mich übrig zu haben. Zornig funkeltet sie mich an und ich senke geschlagen den Kopf. Ja, wie weit sind wir gegangen? Nicht weit - nicht weit für mich - nicht weit genug für mich?
"Beruhig dich wieder, Marie. Wir haben uns nur geküsst. Nichts worüber du dir Gedanken machen müsstest. Wie kommst du überhaupt auf dieses Thema?"
Jetzt sieht sie schuldbewusst zu Boden. Wie kommt sie darauf? Hat Emily vielleicht etwas erwähnt? Natürlich muss es Emily gewesen sein, sonst wusste Niemand etwas über uns.
"Als Frau spüre ich sowas", erklärt sie, doch ich kann die Lüge in ihren Augen lesen.
Ich sage nichts dazu, lasse sie in dem Glauben, ihr das Ganze abzunehmen. Aber eines geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Warum hat Emily mit ihr darüber gesprochen? Wir waren uns einig nichts zu erzählen und erst recht nicht meiner besten Freundin, sie würde ausflippen, wenn sie wegen mir den Job verlieren würde. Nicht das Emily so nachtragend wäre, aber Marie geht automatisch vom Schlechtesten aus. Für sie natürlich die fristlose Kündigung, nach einer wilden Knutscherei zwischen ihrer Vorgesetzten und mir. Marie sollte es niemals erfahren.
Oder Emily hat ihr davon erzählt, weil sie sonst zu Niemandem gehen kann, weil sie über mich sprechen will. Über ihre Gefühle... hat sie denn Gefühle für mich? Und was ist mit mir, habe ich Gefühle für sie? Sie ist eine wunderbare Frau, dass ist unumstritten, doch kann ich so für sie empfinden? Zack bringt mir momentan genug Ärger, ich kann nun wirklich nicht auch noch über dieses Kapitel nachdenken. Ganz im Gegenteil, es wäre schön, einmal einen Tag freizubekommen - von meinen Gedanken.
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