I
»Oh mein Gott, du kommst wirklich? Das ist kein Witz? Oh mein Gott, oh mein Gott, ich freue mich so!«
Lachend halte ich das Handy für den Moment des Freudenschreis vom Ohr weg.
»Ja, ich komme morgen«, nutze ich die kurze Pause, in der meine kleine Schwester Luft holen muss, und fahre fort. »Ich hab spontan Urlaub einreichen können. Ein wichtiger Termin ist abgesagt worden und alle anderen Termine, die morgen angestanden hätten, habe ich verschoben. Ich kann mittags den Zug nehmen und bin dann am frühen Abend bei euch.«
Wieder ertönt ein lauter Schrei. Angesichts der Aufregung schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Am Samstag wird Marie zwanzig, aber im Herzen ist sie immer noch ein kleines Kind, wenn sie sich für etwas begeistert.
»Kommst du allein?« Maries Stimme klingt neugierig und ein wenig hoffnungsvoll. Ich stelle mir vor, wie sie irgendwo sitzt, vielleicht in ihrem Zimmer, und ein wenig nervös auf eine Antwort wartet.
»Ach Marie, bitte nicht das Thema«, winke ich schnell ab. »Natürlich komme ich allein.«
»Ach, Jenna! Was ist denn mit dem Typen, mit dem du dich seit einiger Zeit triffst? Lars war sein Name, oder? Warum bringst du ihn nicht mit?«
Ich seufze laut. »Wir schreiben nur, wir daten nicht. So weit sind wir noch nicht, Marie.«
»Jetzt sag mir nicht, dass du immer noch auf diesen Versager wartest?«
Die Worte kommen nicht überraschend, und doch treffen sie mich jedes Mal bis ins Mark. Sofort spüre ich, wie ich ihn und damit auch irgendwie mich verteidigen will, obwohl es überhaupt nicht gerechtfertigt ist. Tief durchatmend versuche ich, dem ersten Impuls zu widerstehen und einen kühlen Kopf zu bewahren.
»Ich warte auf niemanden«, schaffe ich es erstaunlich ruhig zu antworten und bin ein bisschen stolz auf mich.
Meine Schwester ist da weniger diplomatisch und viel emotionaler. »Das will ich hoffen. Das Arschloch hat dich vor einem Jahr von einem Tag auf den anderen sitzen lassen und aufs übelste geghostet. So behandelt man doch nicht die Frau, die man liebt!«
»Marie, hör auf!«, versuche ich meine Schwester zu bremsen. »Ich bin einfach noch nicht so weit. Lars ist nett, aber irgendwie springt der Funke nicht über. Er hat definitiv noch nicht den Status erreicht, dass ich ihn mit auf die Geburtstagsparty meiner kleinen Schwester nehme. Apropos, du hast mir immer noch nicht gesagt, was du dir wünschst!«
»Du kommst, das ist Geschenk genug«, antwortet sie und ich bin sehr erleichtert, dass sie auf meinen Themenwechsel anspringt.
Ein paar Minuten versuche ich noch aus ihr herauszukitzeln, was ich ihr schenken könnte. Nicht, dass ich das in den letzten Wochen nicht schon versucht hätte. Und leider bleibt meine Schwester auch diesmal stur. Da mir aber meine Anwesenheit als Geschenk für einen zwanzigsten Geburtstag zu wenig ist und ich gleichzeitig wenig Lust habe, mich in Geschenkpapier und Schleife einzuwickeln, brauche ich eine Alternative.
Die Sonne wirft warme Strahlen auf die gepflasterte Einkaufsstraße. Menschen eilen mit Tüten in den Händen aneinander vorbei. Ein paar Straßenmusiker spielen fröhliche Melodien, die Läden leuchten einladend. Der Duft von frisch gebackenem Brot liegt in der Luft, als ich an einem Bäcker vorbeigehe.
Ich dränge mich durch die Menge, lasse meinen Blick über die Schaufenster schweifen und bleibe an einem kleinen Laden hängen, der handgemachte Seifen verkauft. Ich spüre, wie ich langsamer werde und schließlich stehen bleibe.
»Marie, ich muss jetzt auflegen. Ich rufe dich morgen an, wenn ich im Zug sitze, okay?«
»Ja, mach das. Ich freue mich schon auf dich!«
»Ich mich auch, Kleine«, sage ich lächelnd. »Bis morgen! Grüß Mama und Papa von mir.«
Nachdem ich das Handy weggesteckt habe, betrete ich den kleinen, süßen Laden und werde sofort von einer intensiven Duftwolke umhüllt. Fasziniert von den Farben und Formen der Seifen schlendere ich an den Regalen entlang. Es gibt welche mit getrockneten Blütenblättern, andere sehen aus wie kleine Kunstwerke aus Marmor. Die bunten Stücke sehen fast zu schön aus, um sie zu benutzen. Aber während ich den ganzen Laden leerkaufen könnte, ist das alles irgendwie nicht das Richtige für meine Schwester.
Ein wenig enttäuscht trete ich wieder auf die Straße und setze meinen Weg fort. Es ist Abend und ich bin auf dem Heimweg von der Arbeit. Es ist ein weiter Weg und eigentlich wäre ich mit dem Bus viel schneller. Aber ich liebe es, mir nach einem langen Tag im Büro die Beine zu vertreten und noch ein paar Besorgungen in der Stadt zu machen.
Am Ende der Fußgängerzone muss ich eine vierspurige Straße überqueren. Ich bleibe am Straßenrand stehen und warte, bis die Fußgängerampel auf Grün springt. Aus den Augenwinkeln nehme ich eine Bewegung wahr und drehe den Kopf. Ein junger Mann mit riesigen Kopfhörern auf den Ohren bringt sein Skateboard neben mir zum Stehen, tritt in einer fließenden Bewegung auf das hintere Ende und schnappt es sich. Unsere Blicke treffen sich kurz und ich sehe ein kleines Lächeln über sein Gesicht huschen. Dann springt die Ampel auf Grün. Mit einem Nicken stellt er sein Skateboard wieder auf und fährt los.
Während ich ihm nachschaue, kommt mir eine weitere Idee für ein Geschenk. Sie liebt Sports-Romance abgöttisch. Und hatte ich nicht neulich auf Booktok die Werbung für eine gesehen, die gerade erschienen ist?
Während ich weiterlaufe, zücke ich wieder mein Handy und schaue konzentriert auf das Display. An den Titel des Buches kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber ich glaube ungefähr zu wissen, auf welchem Profil ich das Video gesehen habe. Das Buch kann ich dann mit etwas Glück im Buchladen kaufen, an dem ich gleich vorbeikommen werde.
Ich achte nicht auf meine Umgebung, deshalb trifft mich der harte Aufprall völlig unerwartet. Ein Schmerz durchfährt meine Schulter. Ich verliere das Gleichgewicht und stolpere. Mein Handy fliegt dabei in hohem Bogen zu Boden.
Verärgert blicke ich auf und sehe einen Mann mit Kapuzenpulli, der sich bückt und wortlos in der Menge verschwindet.
»Hey!«, rufe ich ihm wütend hinterher. »Pass doch auf, verdammt!«
Ein anderer Passant, ein älterer Herr mit freundlichem Gesichtsausdruck, kommt auf mich zu und streckt mir die Hand entgegen. »Alles in Ordnung? Warten Sie, ich helfe Ihnen.«
»Vielen Dank!«, sage ich und lasse mich von ihm hochziehen.
Ich bücke mich nach meinem Handy und hebe es auf. Doch als ich es in der Hand halte, merke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Es ist das gleiche Modell wie meins, aber die Hülle fühlt sich fremd an. Mit einem mulmigen Gefühl drehe ich es um und sehe einen tiefen Kratzer auf der Rückseite, der nicht neu zu sein scheint. Das ist definitiv nicht mein Handy.
Hektisch blicke ich mich um, aber der Mann mit dem Kapuzenpulli ist nirgends zu sehen. Schnell renne ich um die nächste Häuserecke, in die Richtung, in die ich ihn habe verschwinden sehen. Vergeblich - er ist weg.
Ratlos starre ich auf das fremde Handy in meiner Hand. Ich schalte es ein und sehe den Sperrbildschirm. Es zeigt ein mir unbekanntes Bild einer Wüstenlandschaft. Eines der üblichen Hintergrundbilder.
Plötzlich vibriert das Gerät in meiner Hand. Auf dem Sperrbildschirm erscheint eine Nachricht, eine Nachricht, die ich jedes Wort lesen kann und die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.
»Hey Minou! Schön, dich zu sehen!«
Mein Herz setzt für einen Moment aus. Es gibt nur einen Menschen, der mich jemals Minou genannt hat – die Person, über die sich meine Schwester gerade furchtbar aufgeregt hat und die vor einem Jahr urplötzlich aus meinem Leben verschwunden ist.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top