Kapitel 5
Am nächsten Morgen war Touya der Erste, der wach wurde und mit viel Mühe seine Augen aufschlug. Er richtete sie auf die weiße Decke über dem Bett und musterte sie mit leeren Blicken. Das alles fühlte sich nicht ganz real an, wie ein Traum oder reine Einbildung, entstanden durch seine bloße Fantasie und den Entzug.
Aber so war es nicht. Er musste nicht einmal zur Seite schauen, damit er wusste, dass es nicht Tenko war, der halb auf ihm lag, den Kopf auf seiner nackten Brust ruhend. Doch beide Männer schliefen neben ihm, klammerten sich auf ihre Weise an Touya, sodass er sich kaum rühren konnte.
Vorsichtig befreite er seinen Arm, den er um Keigo gelegt hatte, und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Wenn er es nicht selbst spüren und sehen könnte, dann würde er einfach annehmen, dass die letzte Nacht ein langer und verdammt erotischer Traum gewesen war. Jedoch war das alles viel zu klar und er war definitiv wach – in einem fremden Bett, zwischen Tenko und Keigo.
Er grinste und legte den Arm über seine Augen, noch immer konnte er es nicht fassen. Nicht nur, dass Tenko von sich aus Sex wollte, er ließ sich auch noch auf einen Dreier ein. Diese Bilder würde Touya nie im Leben vergessen können, vor allem nie vergessen wollen.
Langsam senkte er seinen Arm und legte ihn wieder um Keigo, der ruhig und stetig atmete, dann wandte er sein Gesicht seinem Freund zu. Tenkos Gesicht war so nah an Touyas, dass seine Haare ihm leicht kitzelten. Der junge Mann hatte seinen Arm um Touyas Hüfte gelegt, während sein Kopf auf dessen Schulter lag. Touya drückte ihn fester an sich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Du hast Ideen, Tenko.« Der Schwarzhaarige murrte im Schlaf und drückte sich wieder von Touya, nur um sich gleich darauf umzudrehen. Dabei zog er die halbe Decke mit sich und beanspruchte sie beinahe gänzlich für sich. Deswegen hatten die beiden zuhause zwei Decken – jeder für sich eine.
Die einzige Wärmequelle, die ihm blieb, war Keigo, der nicht sonderlich erfreut darüber schien, dass man ihm die Decke weggezogen hatte und deswegen den Kopf hob.
»Morgen«, brummte er, als er bemerkte, dass Touya ebenfalls wach war und ihn ansah. »Wieso bist du schon wach?« Langsam setzte er sich auf, drehte Touya den Rücken zu und gähnte, während er sich streckte.
Der Blick des Älteren fiel erneut auf den tätowierten Rücken des Blonden, worauf er seinen Arm hob und mit dem Finger die Linien nach zog.
»Konnte nicht mehr schlafen, und ihr beide habt so geklammert«, antwortete er leise und fuhr mit der Tätigkeit fort.
Die roten Flügel waren ihm vorher bereits aufgefallen, doch nun, im Tageslicht, da erstrahlte die Farbe unter Keigos Haut viel mehr. »Sie sind wirklich schön, hat das Tattoo eine besondere Bedeutung?« Keigo drückte den Rücken durch, als Touyas Finger zwischen seinen Schulterblätter entlang wanderten und ihn allem Anschein nach kitzelten.
Er zog seine Beine an und sah anschließen über die Schulter zu ihm. Für einen Moment befürchtete Touya, dass er etwas Falsches gesagt hatte, denn Keigos Blick wirkte für den Bruchteil einer Sekunde so unendlich traurig. Doch dann klärte er sich und das gewohnte Grinsen kehrte wieder zurück. Womöglich verbarg der Blonde einiges dahinter, was er anderen nicht zeigen wollte und lieber verschloss.
Sein freundliches, stets fröhliches Gesicht wirkte keineswegs aufgesetzt, so, als hätte er es über Jahre perfektioniert
»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«
»Du willst es nicht verraten? Von mir aus«, entgegnete Touya und setzte sich mühevoll auf. Ihm schmerzte jeder Muskel im Körper, während seine Kehle einfach nur ausgetrocknet war. Er leckte sich über die Lippen und rutschte weiter zur Bettkante.
»Hast du zufällig etwas zu trinken hier?«, fragte er schließlich und suchte auf dem Boden nach seinen Kleidern. Sie lagen um das Bett herum verstreut, doch eigentlich suchte er lediglich nach seiner Hose, in der seine Zigaretten sein müssten.
»Klar«, entgegnete Keigo und hielt Touya wenig später eine Flasche Wasser hin, die der Weißhaarige dankend annahm. »Willst du einen Kaffee? Oder wirst du Tenko wecken und gleich abhaue?« Der Blonde stand auf und schlenderte zu seinem Kleiderschrank, nur um sich ein paar gemütliche Kleider anzuziehen. Danach sammelte er die Wäsche vom Boden auf und legte sie ordentlich zur Seite, wobei er Touyas Sachen direkt neben ihn aufs Bett legte.
»Das kommt darauf an, ob du uns loswerden willst, oder den Kaffee anbietest, weil wir bleiben sollen. Mir ist beides Recht«, gab Touya zu und stellte die Flasche auf den Boden ab, dann erhob er sich und zog gleich darauf die Shorts und Hose an. Der Rest blieb liegen, und während er auf Keigos Antwort wartete, kramte er seine Schachtel heraus.
»Weißt du, normalerweise sind die Männer am Morgen verschwunden, sobald ich wach wurde, oder ich war derjenige, der in der Früh abgehauen ist. Das hier ist neu für mich, bin mir also nicht ganz sicher, was jetzt angebracht wäre«, erklärte Keigo sogleich und steckte die Hände in die Hosentaschen.
Stirnrunzelnd sah Touya ihn an, dann wandte er sich dem schlafenden Tenko zu. Ehrlich gesagt würde er ihn lieber weiterschlafen lassen und später gehen. »Also ich hab nichts dagegen, wenn ihr etwas bleibt. Lass ihn ruhig noch schlafen.«
»Alles klar. Und Kaffee klingt verführerisch, wenn du jetzt noch einen Balkon hast, auf dem ich eine Zigarette rauchen kann, dann gibt es für mich keinen Grund abzuhauen. Zumindest noch nicht.«
»Musst dich leider mit dem Küchenfenster zufrieden geben«, gab der Blonde an und verließ den Raum sogleich, wobei Touya ihm direkt folgte – die Tür schloss er leise hinter sich, damit Tenko in Ruhe ausschlafen konnte. »Hier, ein Aschenbecher.«
Als er die Küche betreten hatte, war das Fenster bereits geöffnet und ließ die kalte Morgenluft hinein. Kurz erschauderte er, dann steckte er sich die Zigarette zwischen die Lippen und nahm den roten Aschenbecher entgegen.
»Danke.«
»Willst du dir nicht lieber etwas überziehen? In dem Aufzug wirst du doch frieren.«
Touya winkte ab und lehnte sich etwas hinaus. Ihn störten die kalten Temperaturen kein bisschen, deshalb war es auch irrelevant, dass er Oberkörperfrei am Fenster stand und sich die Zigarette anzündete. Keigo sagte dazu nichts und ließ ihn in Ruhe rauchen, während er Kaffee kochte. Erst danach gesellte er sich zu Touya, der beinahe aufgeraucht hatte und nun zu ihm sah. Die Tasse stellte er auf die Fensterbank und nippte sogleich an seinem eigenen Kaffee.
»Kann ich dich etwas fragen, was mir seit vorhin nicht aus dem Kopf gehen will?« Er drückte den Stummel in den Aschenbecher und nahm daraufhin die Tasse in die Hand. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, dass Keigo zu ihm blickte und langsam mit dem Kopf nickte. »Machst du sowas öfters?«
Touya drehte sich um, sodass er nun mit dem Rücken zum offenen Fenster stand, den heißen Kaffee zwischen den Händen haltend. Zögernd formte er seine Worte, denn er wollte Keigo nicht zu nahe treten. »Ich meine, es geht mich nichts an und ich hab kein Problem damit –«
»Bevor ich vor zwei Jahren den Job hier angeboten bekommen habe, war ich Sexworker, wenn das deine Frage beantwortet. Bin damals abgerutscht und in der Branche gelandet, aber das heute Nacht, das hat nicht damit zu tun«, antwortete er ruhig und ehrlich, vermied dabei dennoch jeglichen Blickkontakt zu Touya.
Ob es daran lag, dass er fürchtete, dass Touya ihn verurteilen würde? Sie hatten doch alle irgendwelchen Dreck am stecken, weshalb es für Touya selbst keine Relevanz hatte. Er war lediglich neugierig. »Es ist schwer auszusteigen, wenn man erst einmal drin ist. Vor allem, weil viele es nicht einmal freiwillig machen.«
Zwischen den beiden entstand für eine Weile Stille, ehe sich von der Fensterbank abstieß und die nun leere Tasse auf die Ablage stellte. Dabei folgte Touyas Blick ihm die ganze Zeit. »Ich mag dich, wirklich, und freue mich jedes Mal, wenn du während meiner Arbeitszeit hier auftauchst. Aber ich hab ehrlich gesagt nie gedacht, dass du dich auf mich einlassen würdest, schon gar nicht mit Tenko zusammen. Aber das hier war das erste Mal seit langem, dass ich Sex hatte, weil ich es wollte und mit wem ich wollte.«
Erneut füllte er die Tasse auf, doch dieses Mal kam er nicht wieder ans Fenster, sondern blieb an Ort und Stelle. »Wenn du mich also verurteilen willst, dann nur zu. Ich bin selbstsüchtig und habe euch, euren Zustand, ausgenutzt.«
»Ich urteile nicht, denn Tenko und ich haben ebenfalls eine Vergangenheit, und das war auch keine besonders rosige. Ehrlich gesagt bin ich dir dankbar für den Abend, die Nacht und den Kaffee«, antwortete Touya und brachte Keigo mit den letzten Worten zum Schmunzeln. »Ich würde es sogar wiederholen, vorausgesetzt, dass Tenko mich nach dieser Nacht nicht erwürgt, weil ich das so schamlos ausgenutzt habe.«
Nachdem er den Kaffee ausgetrunken hatte, schloss er endlich das Fenster und stellte die Tasse in die Spüle. Er blieb neben Keigo stehen und sah zu ihm hinab, nur um sich etwas zu ihm zu beugen. »Und nur, wenn du ebenfalls eine Wiederholung wollen solltest«, flüsterte er ihm ins Ohr, ehe er ihm einen Kuss auf die Wange gab und sich wieder entfernte.
»Sehr verlockendes Angebot, ich werde darauf zurückkommen, Touya.«
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