Alles in Ordnung

  „Können Sie dem Fuchs helfen? Bitte! Er ist auch nur ein Tier!"

~~

Jemand schluchzte.

„Er hat einige Brüche und schwere, innere Blutungen, aber ich kann Ihnen von dem Dank des Fuchses aussagen, dass Sie ihm das Leben gerettet haben. Wären Sie später gekommen, hätten wir es nicht geschafft, ihn in einen stabilen Zustand zurückzubringen. Er wird leben."

„Wann kann ich ihn nach Hause nehmen?"

„Sind Sie sicher, dass Sie das übernehmen wollen? Wir kennen einige, gute Tierschutzorganisationen, die sich gut um ihn kümmern würden."

„Nein. Er ist mein Fuchs. Ich möchte ihn pflegen und aufnehmen, bis er wieder zurück in die Freiheit kann. Schließlich verdanke ich auch ihm mein Leben."

„Wenn das so ist, bräuchte ich noch Ihren Namen, Adresse und den Namen der Füchsin. Zur Sicherheit gebe ich Ihnen die Nummer der Fuchsorganisation in der Nähe, wo Sie gerne anrufen können, um sich beraten zulassen. Einen Fuchs aufzunehmen ist nicht unbedingt leicht."

„Füchsin? Es ist ein weiblicher Fuchs?"

„Ja. Eine sehr schöne Füchsin."

„Kirschblüte. Ihr Name ist Kirschblüte, weil ich sie zum ersten Mal bei den Kirschbäumen im Wald getroffen habe."

~~

~~

Nach einer halben Ewigkeit, wo sich jeder Atemzug wie eine neue Freiheit anfühlte und wo ich für jeden, gefühlten Herzschlag mich bedankte, waren die ersten Geräusche die verärgerten Worte eines Wesens und ein fürchterlicher, erstickender Geruch von menschlicher Medizin, Salben und Kräuter stieg mir in die Schnauze.

„Jetzt bist du echt ganz übergeschnappt, Jinki! Wie kommst du auf die Idee, den Fuchs in unsere Wohnung zu bringen? Was wird Minho davon denken?! Hast du mal an uns beide gedacht?! Natürlich nicht!" Das Wesen spuckte mit seinen Worten fast schon Feuer, aber ich fühlte mich noch zu schwach, um die Augen zu öffnen. Ich fühlte mich im Allgemeinen sehr träge, als hätte ich wochenlang nur dagelegen, und es war ein sehr weicher und warmer Untergrund, auf dem ich die Ewigkeit verbracht hatte.

Schade, dass das hier nicht der Himmel war. Ich hätte es als Willkommen empfunden, besonders weil ich das vertraute und schöne Gefühl hatte, dass Jinki die ganze Zeit über in meiner Nähe geblieben war.

„Der Fuchs wird uns nicht schaden, Kibum. Er hat mich vor einem Wildschwein beschützt und dabei wäre er fast selbst umgekommen, und ich wollte ihm nicht irgendwelchen Menschen in die Hände drücken. Nach allem, was er für mich getan hat, möchte ich genauso für ihn da sein sowie er für mich da gewesen ist. Ich bitte dich und Minho darum, das zu verstehen und meine Entscheidung zu akzeptieren." Das war Jinki. Er war tatsächlich hier. Irgendwo in dieser Dunkelheit war er hier. Mein Herz machte einen Freudensprung. Das Rätsel um das andere Wesen löste sich nun auch auf. Es handelte sich hierbei ebenfalls um einen Menschen.

Dieser seufzte gerade. „Jinki..." Schon bei meiner Mutter mochte ich diesen ernsten Tonfall nie. Seiner war sogar schlimmer. „Es ist trotzdem ein wildes Tier. Ein Tier kann keinen Menschen ersetzen. Das weißt du. Ich hoffe es mal."

„Kibum..."

„Der Fuchs kann hier so lange bleiben, bis er wieder gesund ist. Nicht länger, okay?"

Eine Last schien von Jinkis Schultern zu fallen. „Danke, mein Freund."

„Aber ich kann dir leider nicht sagen, was Minho davon halten wird. Das musst du mit ihm alleine besprechen." Ich konnte den anderen Menschen nicht genau einschätzen. Er war schwer. Seine Stimme hatte diesen eigenartigen Ton, der einerseits sanft und einfühlsam klang, andererseits spielte Arroganz und Selbstsicherheit mit. Es schien umöglich zu sein, ihn direkt eine bestimmte Gruppe von Menschen zu zuordnen, weil ich hatte das Gefühl, als würde dieser Mensch immer eine ganz besondere Meinung haben, die kein anderer hätte. Dabei schien ihm das Wohl der anderen vorallem am bedeutsamsten zu sein. Das beeindruckte mich, ehrlich zugegeben.

„Ich weiß, Kibum, doch ich werde meinen Fuchs nicht einfach so aufgeben." Ich musste seine persönliche Sonne nicht sehen, um zu wissen, dass diese sein Gesicht umschmeichelte. Seine fröhliche, schöne Stimme verriet es mir nämlich schon.

„Du weißt, dass es ein Tier keinen Menschen ersetzen kann. Ich möchte nur, dass du wieder ein normales Leben führst. Um den Fuchs geht es mir hierbei nicht", meinte Kibum mit seiner ernsten, doch besorgten Stimme. Es war mir egal, dass ich ihn nicht bekümmerte, denn er war mir schon zu sympathisch geworden. Er wollte wie ich nur Jinki am Zerbrechen hindern.

„Das ist in Ordnung", erwiderte Jinki als einziges auf seine Worte wie ein tonloser Satz, den er ständig sagte, weil ihn kein anderer einfiel.

Kibum seufzte. Ich hätte gerne dasselbe getan. „Um 19 Uhr gibt es Abendessen. Chicken und Reis."

Die Atmosphäre wurde träger.

„Gut. Ich lese in der Zwischenzeit." Jinki verstummte danach, ehe Schritte erklangen. Sie näherten sich mir, bloß fühlte ich mich immer noch zu müde, zu schlapp, um die Augen aufzuschlagen. Selbst das Atmen brannte und mein Herz rasselte.

Die Hitze wurde schrecklich schwüler, dass ich am liebsten zum See gehen und schwimmen wollte, gemeinsam mit Jonghyun natürlich. Sowie wir es immer im Sommer taten. Ich wollte nicht an unsere enge Freundschaft und die Einsamkeit und dem Schmerz denken. Qualvolle Dinge, die ich ihm von mir zurückgelassen hatte. Er musste sich momentan furchtbar fühlen, besonders weil er nun wieder alleine war.

Ich winselte und diese Schuldgefühle geisterten um mich herum. Selbst in dieser Dunkelheit konnte ich mich nicht vor ihnen verstecken.

„Kirschblüte", flüsterte Jinki plötzlich und er schien mir so nahe zu sein, dass ich seinen aufgeregten Herzschlag vernehmen konnte. „Alles okay bei dir? Hast du Schmerzen?" Seine Finger kraulten mir zärtlich den Kopf und ich presste angestrengt einatmend meinen Kopf in die Richtung, wo ich seinen Arm vermutete. Ich stieß auf etwas Warmes und Glattes.

Ihn zu spüren und zu wissen, dass er bei mir war, das beruhigte mich unheimlich. Langsam kam ich der Geborgenheit eines Zuhauses näher.

„Keine Sorge, meine Kleine. Bei mir bist du sicher. Hier ist alles in Ordnung." Seine Hand streichelte sanft weiter und ich genoss diese Wärme und liebliche Zuneigung von ihm. Es ließ mich die ganze Grausamkeit dieser Welt vergessen.

Jinki vergrub sein Gesicht in meinem Fell und selbst der medizinische Geruch schien ihn nicht zu stören. Er sog meinen Duft instinktiv ein, als wäre er das Mittel gegen seinen Schmerz. Sein anderer Arm zog mich vorsichtig an ihn, und ich stellte mir vor, wie wir gemeinsam in einem Berg voller Laub lagen, das uns sanft berührte und wog. Es raschelte nicht, aber es war bequem und freundlich.

Ich wünschte mir, wir könnten für immer in dieser Position liegen und dass die Zeit aufhören würde, sich zu drehen und um sich zu schlagen. Sie sollte einfach anhalten.

~~

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Als ich das nächste Mal aufwachte, hörte ich zuerst ein tief schnaufendes Wesen und wunderte mich, ob Jinki möglicherweise Jonghyun gefunden und zu mir gebracht hätte. Der Schäferhund konnte nachts wie eine nervige Kettensäge schnarchen. Doch dieses klang etwas anders, als wäre etwas verstopft, das den Atemzug erschwerte.

Ich grummelte leicht, die Vorderpfoten von mir streckend, und plötzlich schlug ich hellwach die Augen auf.

Wo war ich? Wie kam ich hierher? Und vor allem, wieso war ich hier?

Mein Bewusstsein holte sich Schritt für Schritt aus dem langem, trägen Schlafzustand heraus. Meine Ohren schnellten in die Höhe, und ich duckte mich, als mein Kopf auf etwas Hartes stieß. Ich spürte, dass das Blut in mir raste, als wäre ich auf der Flucht vor dem Jäger. Meine Augen huschten aufmerksam umher, und dann entspannten sich ganz plötzlich meine Muskeln wieder, als ich sein verschlafenes Gemüt entdeckte, ganz an mich gekauert wie jemand, der ohne meine Nähe sterben würde.

„Ganz ruhig, Kirschblüte." Jinki sah mich sanft an, sein Gesicht vor meinem und er streckte seine Hand nach mir aus, bis seine Fingerspitzen leicht über meine Stirn strichen. „Ich habe deine schönen, grünen Augen vermisst." Tränen stiegen in seinen Augen auf, und ich fand sie nicht so nervig. Es war in Ordnung, dass er meinetwegen weinte. Schließlich hatte er mich fast verloren, genauso wie seine Geliebte.

Ich drückte meinen Kopf gegen seine Brust und lauschte seinem Wimmern und Herzschlag, während er sein Gesicht wieder in meinem Fell vergrub und wie bei Regen wurde es nasser. Sein Körper zitterte, und in meinem Herzen verspürte ich ein Stechen, weil er wegen mir so litt. Hätte ich mich bloß besser gegen die Sau verteidigt, dann wäre er nicht so in Sorge um mich gewesen. Allmählich erinnerte ich mich wieder an das, was geschehen war, und in mir leuchtete etwas auf, mit dem ich nie gerechnet hätte.

Jinki hatte mich zu sich in seinen Bau geholt, weil ich zu verletzt und schwach war, um zurück in den Wald zu gehen. Er hatte mich gerettet.

Er hatte mein Leben gerettet.

Jetzt konnte mir Jonghyon alle Gründe nennen, warum ich Menschen nicht vertrauen sollte, weil es wäre mir ganz gleichgültig. Jinki hatte nämlich bewiesen, dass ich ihm vertrauen konnte und dass ich einen wundervollen Menschen gefunden hatte. Nichts mehr auf dieser grausamen Welt würde mich umstimmen können. Diese Tatsache machte mich unendlich glücklich.

„Hey, ihr beiden!" Eine sanfte, gutgelaunte Stimme kroch in mein Gehör. Es war nicht Kibum, denn seine Stimme konnte ich bereits identifizieren. Ich hatte sie mehrmals in der Dunkelheit vernommen. Meistens diskutierte er mit einem Minho und Jinki herum, wie unordentlich sie seien und dass Minho sein Fußball gefälligst in seinem Zimmer schauen sollte, weil er selbst seine geliebte Soap sehen wollte. Die beiden hatten oft nur gelacht, als würde es sie immer wieder amüsieren, wie der andere sie zusammen schrie. Aber es gab auch viele Momente, wo sich die drei friedlich und amüsant unterhielten.

Diese Stimmte musste also Minho gehören. Laut den Gesprächen arbeitete dieser in einem Krankenhaus und erzählte viel von den Patienten, die er mit vollem Herzen versorgte. Manchmal hatte er ziemlich traurig geklungen, wenn er von etwas wie „Misslungene Operation, Herzstillstand oder unheilbaren Krankheit" redete. Aber dann hatte Kibum ihn immer aufmuntern können.

„Es ist egal, welch große Fortschritte die Medizin und Forschung je machen wird. Sie wird nie den Prozess des Lebens verändern können. Zur jeder Geburt gehört der Tod und zu jedem Herz gehört eine tickende Uhr, die irgendwann anhalten wird. Das ist unser Leben und das Leben kann man nicht für immer leben, weil irgendwann sterben wir innerlich daran und dann wollen wir es selbst nicht länger." Das hatte Kibum immer gesagt. Es waren machtvolle Worte, so fand ich es.

„Was macht ihr beiden so Schönes?" Ich hob schließlich meinen Kopf an und spähte in die Richtung, woher diese Stimme kam. Ein männlicher Mensch mit flauschigen, lockigen Haaren und einem schönem Gesicht mit einem bezaubernden Lächeln blickte durch einen Rahmen in den Raum.

Der Raum war riesig. Hier und dort hingen ein paar Gemälde und Lichterketten, die ich von den großen Wintermärkten der Menschen kannte, ein großer, weißer Schrank stand direkt an der Wand und jetzt realisierte ich auch, dass ich mit Jinki gemeinsam auf einem Doppelbett aus dunklen Holz und mit einer großen, weinroten Decke und zwei weißen, flauschigen Kissen lag. Neben dem Bett standen zwei kleine Nachttischchen. Auf dem einem war eine kleine Lampe mit einem großem Helm, auf dem anderem lagen zwei Bücher. Über diesem Raum hatte er oft mit seiner verstorbenen Geliebten gesprochen, deshalb fühlte es sich auch so eigenartig bekannt an, als wäre ich hier schon mal gewesen. Alles harmonierte in diesem Raum miteinander. Wie gemütlich ein menschlicher Bau sein konnte.

Jinki regte sich neben mir und wandte seinen verschlafenen Blick ebenfalls zum anderem Menschen. Sofort strahlte seine Mundwinkel in die Höhe. „Wir kuscheln ein bisschen", antwortete er fröhlich und drückte mich etwas an sich, bevor er mich auch anschaute. „Das ist Minho", stellte er mir den anderen Burschen vor. Damit bestätigte er mir meine Vermutung und ich musterte Minho genauer.

Er hatte neugierige, braune Augen, die mich ebenfalls beobachteten, und sein dunkelbraunes Haar stand unordentlich in allen Richtungen, schlug dabei einige Locken um sich. Er war so groß, dass nur noch wenige Zentimeter fehlte und er hätte nicht mehr durch den Rahmen gepasst. Er hatte sich sehr dunkel gekleidet, nur das dunkelrote Oberteil und die graue Strickjacke stachen hervor, und seine Lippen hatte er breit in die Höhe gezogen. Sein Blick wirkte ganz weich und vorsichtig und irgendwie unsicher, als würde er befürchten, ich könnte wegen seiner Größe oder Fremdheit Angst bekommen. Aber das tat ich nicht.

Achtsam kam er näher zum Bett heran, ohne seinen behutsamen Blick von mir abzuwenden. „Glaubst du, sie hat Angst vor mir?", fragte er unruhig und schielte mit dieser Frage zu Jinki, der den Burschen bloß sanft ansah.

„Ich denke, das kann sie dir nur selbst beantworten. Versuch sie doch mal zu streicheln, dann weißt du es", antwortete dieser gelassen. Er hörte sich so sorgenlos und glücklich an, als wäre von einem Tag auf dem anderem all seine Sorgen verschwunden und es gäbe nichts mehr, das ihn noch niedermachen wollte. Doch wir beide wussten, dass es nicht so war.

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