21.

Pia's P.o.V.

Mein Kopf dröhnt und mein Magen fühlt sich seltsam verknotet an. Das sind die ersten Gefühle, die ich wahrnehme.
Wieso tut mir fast alles weh? Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehe ich mich auf meine Seite, stabile Seitenlage, versteht sich.
Lust meine Augen zu öffnen, habe ich erstmal nicht. Ich warte lieber darauf, dass meine Erinnerungen oder der Schlaf wiederkehrt. Gegen ein Nickerchen wäre auch nichts einzuwenden.
Aber stattdessen kommen die Erinnerungen langsam zurück.
Ich bin weggerannt vor Lian. Warum? Ich weiß es nicht mehr, aber auf alle Fälle hatte ich einen Grund.
Und shit! Da waren Werfledermäuse!
Erschrocken setzte ich mich auf und schaue mich hektisch nach links und rechts um.
Die Männer sind nicht zu sehen, dass ist schonmal gut. Aber ein Kerker ist es auch nicht. Wieso bin ich so einem schönen Zimmer?
Es ist umgefähr fünfmal so groß wie das Zimmer im Jugendheim und sehr schön eingerichtet.
Neben dem Boxspring Bett, auf dem ich anscheinend liege, steht eine Komode. Ein Kleiderschrank steht mir gegenüber und die restliche Wand ist behängt von Waldbildern.
War ja klar bei all den Gestaltwandlern, aber wo zur Hölle bin ich hier?
Das Adrenalin schießt langsam in meine Adern und hektisch schaue ich mich um.
Bin ich hier Freund oder Feind?
Ich höre Schritte, anscheinend kommt jemand zum Zimmer. Im Normalfall hätte ich die bestimmt nicht gehört, aber bei der Aufregung nehme ich jedes kleinste Detail war.
Ich hopse aus dem Bett und tue das erste, was mir einfällt, um nicht gesehen zu werden. Ich krieche unters Bett, ein Vorhang, hinter dem ich mich verstecken könnte, ist nähmlich leider nicht in Sicht, die Fenster sind mit Rollos verschlossen. Aber immerhin liegt hier unten kein einziges Staubkorn.

Angestrengt atme ich aus dem Mund, um möglichst kein Geräusch zu verursachen, dass auf mich aufmerksam machen könnte.
Pia, ganz ruhig. Ich bin schon auf dem Weg zu dir, höre ich Lian raunen.
Einerseits fällt mir ein Stein vom Herzen, da die Werfledermäuse mich nicht bekommen haben, andererseits hat Lian mich jetzt. Ja, was denn?
Entführt? Mitgenommen? Mal ganz kurz ausgeliehen?
Ich höre seine Schritte nun immer lauter, aber mein Gehirn will einfach keine Lösung liefern. Was soll ich jetzt machen?
Ich bin vor Lian weggelaufen! Das sollte ich jetzt auch, aber warum? Wieso will ich weglaufen?
Verzweifelt überlege ich unterm Bett weiter bis sich die Tür lautlos öffnet.
In Schockstarre schaue ich auf seine Füße. Er trägt Nike Schuhe und Jeans, mehr ist aus meiner Perspektive aber auch nicht zu erkennen.
Weiterhin flach atmend warte ich auf seine Reaktion. Zuerst ist es einige Momente still, dann höre ich ein raues Lachen. Wieso lacht er bitte, findet er es lustig, dass er mich nicht sieht?
Ich bemerke, wie er sich bückt und dann immernoch lachend hervorbringt:
"Na Wischmopp, geht's dir wieder besser?"
Shit, er hat mich gesehen? Nach Luft schnappend stoße ich den angehaltenen Atem aus und ziehe eine Schnute. Bei seinem Lachen kann ich einfach nicht ernstbleiben.
Bei dieser Mimik bricht er wieder ins Lachen aus und ich nehme mir das erste mal Zeit ihn zu betrachten.

Das erste, das mir auffällt sind seine Augen, sie sind beinahe schwarz und fast nicht von der Pupille zu unterscheiden. Interessiert wandert mein Blick weiter. Er hat ein sehr kantiges Gesicht, welches aber durch ein paar Abrundungen nicht zu hart wirkt. Seine Lippen sehen voll und weich aus und auch der Zweitagebart darunter spricht mich an. Da würde ich mal richtig gerne mit meinen Fingern drüberfahren, während ich ihn küsse.

Geschockt über meine Gedankengänge schaue ich schnell auf seine Haare, sie sind von einem dunklen Braun. Und sie sind eher lang, aber nicht zu lang.
Gerade als ich mich seiner muskulösen Brust zuwenden will, höre ich ihn wieder sprechen. Dieses Mal ist es aber anders, denn ich höre ihn wirklich, nicht nur in Gedanken. Seine schöne und klare Stimme vernebelt meine Sinne, sodass ich den Sinn seines Satzes erst später verstehe.
"Willst du nicht rauskommen?"

Ich bin versucht sofort auf ihn zu hören, denn ich fühle mich von ihm wie von einem Magneten angezogen. Mit all meiner Willenskraft schaffe ich es schließlich liegen zu bleiben. "Nein, ich bleibe hier."
Wieder höre ich sein Lachen und bemühe mich nur auf das Bettgestell über mir zu schauen.
Er kann mich viel zu einfach um den Finger wickeln, bemerke ich, als sich mein Herz vor Wärme zusammenzieht. Das darf ich nicht zulassen.
"Na gute, Mate. Aber denk dran: Ich lass dich nicht mehr gehen, dann komme ich eben zu dir."
Mein Herz platzt fast vor Zuneigung zu ihm, aber äußerlich bleibe ich gelassen. Wenn er wüsste, was er für einen Einfluss auf mich hat, würde er es sicher ausnutzen. So wie mein Ex.
"Ist das ein Versprechen oder eine Drohung?", frage ich möglichst keck. Okay, meine Stimme wackelt vor Aufregung ein bisschen, aber das überspiele ich hoffentlich geschickt.
Ich sehe wie er sich auf den Bauch legt, um vorsichtig zu mir unters Bett zu robben.
Dabei muss er sich wirklich klein machen, da er fast oben anstößt. Fluchend kommt er schließlich bei mir an und ich kann mir ein Schmunzeln nicht mehr unterdrücken.
"Ein Versprechen.", antwort er schnaufend, auch wenn mich das schon gar nicht mehr interssiert.
Ein Werwolf der nicht robben kann? Zu komisch, kichere ich, werde aber sogleich wieder abgelenkt.
Sein Duft hüllt mich ein wie eine Decke. Er riecht nach Freiheit, Sicherheit und Männlichkeit, das ist sein natürlicher Duft und nicht irgendein eckelhaftes Deo, denke ich, könnte zugleich aber für meine absurten Gedanken einen Besen fressen. Seine Nähe verwirrt mich, mein Herz stolpert in meiner Brust und ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Wie liegen beide nur da, ich auf dem Rücken er auf dem Bauch und sagen kein Wort, aber das ist nicht schlimm. Irgendwie komme ich gerade dadurch zur Ruhe. Naja, bis er bemerkt, dass es auf dem Bauch nicht gerade gemütlich ist und eine umständliche Umdrehaktion startet.
Mich stört es nicht besonders, denn dadurch kann ich seinen muskulösen Körper begutachten. Seine Schultern sind breit, seine Oberarme trainiert, aber er schaut nicht aus wie so ein gegrilltes Brathähnchen. Es ist nicht dieser hässliche, übertrainerte Körper.
Eigentlich ist er perfekt...ein Schauer läuft mir den Rücken herunter.

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