101. Weißt du nicht mehr?

James

Schwer atmend und mit tauben Gliedern nahm ich das dumpfe, mir nur allzu vertraute Schmatzen wahr. Auch wenn sich das Lächeln, welches sich aus Gewohnheit auf meine Lippen legte, nicht so angenehm anfühlte wie sonst, ließ es mich klarer werden. Tief sog ich die Luft ein und musste doch wirklich vor überforderten Lungen husten. Wobei es eine Schande wäre das als husten zu bezeichnen. Eher ein Röcheln verließ meine Kehle, welche von innen so trocken und aufgerissen schien. Schmerzverzerrt öffnete ich reflexartig prompt die Augen und bereute dies genauso sehr wie das tiefe einatmen zuvor. Wie ein Zauberstrahl durchbohrte der Lichtschein meine Iris und ließ mich glatt blind werden. Meine Taten bereuend sank ich wieder tiefer in die Kissen und schluckte stark, ehe ich einen erneuten Versuch startete meine Augenlider zu öffnen. Blinzelnd und mich eher dazu zwingend gewöhnte ich mich etwas an das Licht. Noch immer nahm ich das leise Schmatzen Lily's wahr, während ich nach ihr suchte. Im Augenwinkel erkannte ich schließlich ihren markanten, roten Schopf und musste nur noch mehr grinsen, als ich merkte wie sie durch meinen Lärm aus ihrer Traumwelt erwachte. Sie sah so süß aus. Ihre Hand mit meiner verschränkt, ihr Kopf auf diesen ruhend, mit schmatzendem Mund und verwirrten Haaren drum herum. Wenn sie nicht so verkrampft dasäße und langsam unruhig werden würde, hätte ich sie Ewigkeiten so betrachten können. Doch war diese Position sicher nicht allzu bequem zum schlafen. Jedenfalls weckte auch ihr zerknittertes Gesicht Mitleid, als sie ihre Augen blinzelnd öffnete und ihren verwuschelten Kopf hob.
Ihr verwirrter und verschlafener Blick wirkten so göttlich, dass ich es am liebsten aufgenommen hätte. Mit meiner Kamera festgehalten. Sie war nie schöner gewesen, so kam es mir vor. Erst recht als dieser erfreuter, voller Euphorie triefende Ausdruck in ihre Augen trat und mein Herz doch sogleich doppelt so schnell schlagen ließ.

„Bei Merlin du bist wach! Mein Gott James wie kannst du mir nur solche Angst einjagen!? Bei Merlins gepunkteter Unterhose!", rief sie aufgeweckt aus, ehe sie in nicht einmal einer Sekunde bei mir im Bett war und mich so fest drückte, dass ich glaubte sie würde meine so schon geschundenen Lungen zerquetschen. Ich brauchte wohl kaum zu erwähnen, dass ich komplett überfordert mit dieser rasanten Reaktion war. Ebenso mit diesem plötzlichen Druck und gleichzeitigen Schmerz, als sie bald auf mir saß.
Und wieder machten sich meine überforderten Lungen bemerkbar und hinterließen ein ersticktes Röcheln, während ich versuchte wieder zu Atem zu kommen.
„Ach bei Merlin, hab ich dir weh getan? Es tut mir so leid, James. Ich, ich hab vollkommen unbedacht gehandelt. Warte, ich, ich soll die Schwester rufen, wenn du aufwachst. Es tut mir so leid.", hampelte Lily kurz darauf wieder vor mir rum, während ich mich wieder einmal fragte wie sie so schnell erneut vom Bett runter gekommen war. Ich musste ehrlich sagen, dass mich diese abrupte Freude und dieser Eifer so schockten, nachdem ich sie so friedlich hatte schlafen sehen.
„Lily, Lily jetzt warte doch mal.", krächzte ich und versuchte meine Frau davon abzuhalten, sofort aus der Tür zu stürmen und irgendeine Schwester zu rufen. Ich fragte mich immer mehr welche Schwester sie doch meinte. Petunia wäre das sicher nicht. Zumal ich mich fragte wo wir hier überhaupt waren.
„Ja entschuldige. Möchtest du was trinken? Das hilft sicher.", schaute mich die Liebe meines Lebens sanfter und einfühlsamer an, ehe ich urplötzlich ein Wasserglas vor meiner Nase hatte. Zwar hatte ich momentan andere Fragen, doch nahm ich dieses von Merlin gesegnete Geschenk sehr gern an. Kaum hatte das kühle Wasser meine trockne Kehle erreicht, schon schien es wie verschwunden und das Glas leer. Irgendwie war ich noch nicht allzu aufnahmefähig.
„Wo sind wir überhaupt Lils?", fragte ich, noch immer mit schmerzendem Hals und geschunden klingender Stimme. Ich war mehr als verwirrt. Meine Umgebung hatte ich bis auf Lily und die Tür nicht wahrgenommen oder auf sie geachtet. Genauso sehr hatte mich Lily's Tatendrang überrumpelt. Ich merkte selbst wie mein Gehirn nicht hinterher zu kommen schien.

„Im Mungos. Man hat uns hierher gebracht nachdem der Orden uns befreit hat.", sprach Lily ruhig zu mir und ergriff erneut meine Hand, während sie sich nun etwas ruhiger wieder auf den Stuhl setzte. Auf den Stuhl, der neben meinem Bett stand. Neben meinem Krankenhausbett? Und wovon hat der Orden uns denn bitte befreit? Ich wusste irgendwie gar nichts mehr. Es ergab keinen Sinn. Und das machte mir irgendwie alles Angst.

„Wie befreit? Was war denn los?", hinterfragte ich erneut und blickte in die grünen Augen meiner Freundin. Und erkannte die leise Angst die sich mit ihrer Sorge vermischte, als ich meine Fragen stellte. Nur war eben dieser Ausdruck in ihren sonst so aufbauenden Augen alles andere als beruhigend.
„Wir wurden doch gefangen genommen. Von den Todessern. Im besonderen von Bellatrix? Weißt du nicht mehr? Sie hatte uns ausgefragt und in gewisser Weise gefoltert. Wir saßen doch in diesem dunklen und kalten Kerker. Weißt du nicht mehr?", wurde ihre Stimme immer erstickter und ihre Augen immer voller von Tränen. Mein Herz zog sich schmerzend zusammen, als sie das erzählte. Sie teilte mir keine Details mit, keine kleinen Informationen. Weil sie hoffte ich würde mich erinnern. Doch war da nichts. Mein Hirn schien wie leer. Doch allein wie sie es mir mitteilte schmerzte. Ihre Stimme triefte so vor Angst und Furcht. Genauso wie vor Schmerz und Leid. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich wollte ihr erklären, dass es mir gut ging und ich mich wieder daran erinnerte, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte. Doch das tat ich nicht. Ich konnte sie schließlich nicht anlügen. Ich wusste nicht was ich sagen sollte.

„Okay, ich geh die Schwester holen. Ich solle ihr Bescheid sagen, wenn du aufwachst. Die anderen kommen sicher auch gleich. Sie sind etwas essen gegangen. Ich sag auch gleich deinen Eltern Bescheid. Ich hatte sie schlafen geschickt. Der Arzt checkt dich sicher auch nochmal durch.", nickte sie mir mit trauriger Stimme zu, schenkte mir einen kurzen Kuss auf die Wange und versuchte mir einen aufbauenden Blick zu spenden. Doch erkannte ich hinter ihrer Fassade die Furcht und Traurigkeit die  ihr Herz erfüllte. Mit versucht starkem Lächeln schaute sie mir nochmals in die Augen, strich kurz meine Wange entlang und lief dann etwas ruhiger zur Tür, als noch zuvor. Leis öffnete sie sie, ging einen Schritt hinaus und rief kurz darauf irgendetwas. Nur beschäftigte mich dieser Ablauf nicht. Viel eher fragte ich mich, an was ich mich so genau erinnern sollte. Fragte mich, was Lily angetan wurde. Was uns anscheinend angetan worden sein soll. Und fragte mich vor allem, was mit mir los war, wenn ich mich an all das nicht erinnern konnte.

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