XXVIII.II - Lydia

Fahles Licht fiel in den kleinen Raum, Staubflocken tanzten im hellen Morgenlicht, als Ivory sich unsicher umsah. Lediglich ein schmales Bett, ein kleiner Schrank und ein alter Sessel fanden in dem winzigen Zimmer Platz. Und inmitten der sterilen Kargheit lag ein schmaler Körper zwischen ordentlichen Laken.

Sofort erkannte sie das goldene Haar ihrer Mutter, dessen Locken wirr auf dem Kopfkissen verteilt lagen. Seit ihrer letzten Begegnung hatte es nicht einen Funken an Glanz verloren. Angespannt hielt Ivory den Atem an, um sie nicht zu wecken und diesen Moment für immer in ihr Gedächtnis aufzunehmen. Mit zögernden Schritten trat sie noch näher an das Metallbett heran und betrachtete das blasse Gesicht ihrer tot geglaubten Mutter.

Zögernd und mit ruhigen Bewegungen kniete sie sich hin und ließ die Schlafende dabei nicht aus den Augen, als könnte sie verschwinden, wenn sie auch nur ein Mal blinzelte. Bei näherer Betrachtung erkannte Ivory durch dünne Falten um Augen und Mund, dass die Vergangenheit auch an ihr nicht spurlos vorüber gegangen war.
Sachte hob sie ihre Hand und berührte Lydias goldenes Haar, das dem von Grace so ähnlich gewesen war.

Bei der Erinnerung an ihre kleine Schwester, die viel zu früh aus dieser Welt gerissen worden war, überkam sie tiefe Traurigkeit und sie fragte sich, wie oft ihre Mutter zurück an diesen Ort, zurück zu dieser Erinnerung gekehrt war. Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel, als ihre Finger schließlich die dünne Haut ihres Gesichts striffen und sie sich endlich der Nähe ihrer Mutter gänzlich bewusst wurde.

„Mami", hauchte Ivory sanft, unfähig die Realität zu erfassen. So lange hatte sie sich nach der Nähe ihrer Familie gesehnt und jetzt hatte sie die Chance, endlich wieder von einer geliebten Person in den Arm genommen zu werden. Der Drang nach familiärer Fürsorge überdeckte alle anderen Gedanken. Das einfache Gefühl, ihre Mutter zu berühren, versetzte sie zurück in die unbeschwerte Geborgenheit ihrer Kindheit. Erst jetzt dankte sie Killian innerlich für all die Dinge, die er zu ihren Gunsten hinter ihrem Rücken und ohne ihre Zustimmung getan hatte. Dieser Moment entschädigte sie allemal.

Ein kurzes Zucken ihrer Augenlieder veranlasste Ivory, ihre Hand wegzuziehen. Die Angst, ihre Mutter könnte sie nicht erkennen, steckte immer noch in ihren Knochen. Doch als sie die Lider hob und in die ihr so bekannten blauen Augen sah, wurden Ivorys Tränen zu kleinen Bächen, die über ihr Gesicht strömten. Während ihrer Kehle ein Schluchzen entfloh, hielt sie sich die Hand vor den Mund und betete zu dem Gott, an den sie nicht mehr glaubte, dass ihre Mutter sie erkennen würde.

Doch Lydias Blick war so leer, wie ein Ozean ohne Fische. Auch nach einigen Sekunden, die sie einander in die Augen sahen und in denen Ivory verzweifelt die Person aus ihren Erinnerungen suchte, blieb sie reglos. Ungehemmt beweinte sie den Moment, der einerseits ihre größten Wünsche und andererseits ihre schlimmsten Befürchtungen erfüllte.
Mit jeder Minute, die verstrich und in der sie sich abwesend ansahen, nahm überraschenderweise auch Ivorys Traurigkeit ab. Es spielte keine Rolle, in welcher psychischen Verfassung ihre Mutter war, im Moment war ihre Anwesenheit Trost genug.

Sie dachte an all die wunderbaren Momente mit ihrer Familie, erinnerte sich an die stete Fürsorge ihrer liebevollen Mutter. Endlich würde sie nicht mehr alleine mit diesen Gedanken sein, sondern konnte sie wieder mit einem geliebten Menschen aufleben lassen. Die Einsamkeit der letzten Jahre schien in weite Entfernung zu rücken.
Je länger sie neben dem Bett kniete und dem steten Atem ihrer Mutter lauschte, desto dankbarer wurde sie für diese zweite Chance.

Als auch die letzte stumme Träne versiegte, berührte Ivory erneut ihr Haar und verabschiedete sich vorläufig von dieser emotionalen Begegnung. Mit einer langsamen Bewegung erhob sie sich aus der knienden Position, ihre Glieder schmerzten vom steinernen Boden.
In dem Moment, als sie sich tatsächlich abwandte, berührten knochige Finger ihre Hand. Ivorys Blick fiel erneut auf die schmale Gestalt vor ihr, deren Finger zittrig nach ihrer zärtlichen Berührung verlangten.

Eine kleine Träne kullerte über die Schläfe ihrer Mutter und endlich entdeckte sie die gleiche Ruhe in ihren blauen Augen wieder, die sie noch aus ihrer Kindheit kannte. Sie verlor kein Wort, doch ihre Geste sprach Bände. Vielleicht konnte sie die Situation genau so wenig begreifen, wie Ivory selbst. Möglicherweise erkannte sie zwar ihre Tochter, konnte aber nicht Filtern, ob der Moment real oder lediglich eine Einbildung war. Die Fantasie spielt gerne Streiche mit denjenigen, die sich etwas sehnlichst wünschen.

„Ich komm bald wieder Mum, ab jetzt wirst du nie wieder alleine sein. Und ich auch nicht", endete Ivory ihren Besuch und hauchte einen sanften Kuss auf Lydias Stirn. Die schwerwiegende Bedeutung ihrer unbedachten Worte schlich sich langsam in ihr Bewusstsein und gab ihr eine ungeahnte Kraft. Sie fühlte, wie sich etwas in ihr änderte, ihr neue Wege eröffnete. Wege, die sie raus aus ihrer Trauer und Einsamkeit bringen würden.

Als sie erschöpft aus dem Zimmer trat, erschlugen sie die kalten Wände der Klinik und die Realität holte sie wieder ein. Eine tiefe Müdigkeit erfasste ihre Glieder und machte ihr bewusste, wie lange sie nicht mehr geschlafen hatte.
Damien und Killian saßen auf einer schmalen Hozbank gegenüber des Zimmers und sprangen nervös auf, als sie müde die Tür hinter sich ins Schloss zog. Tausende Fragen standen ihnen ins Gesicht geschrieben, doch bevor sie auch nur eine davon äußern konnten, flüsterte Ivory ein heiseres „Gehen wir" und folgte dem Weg, den sie gekommen waren. Der Drang, endlich dieses beengende Gebäude zu verlassen, wurde mit jedem hallenden Schritt verstärkt.

Kurz nachdem sie das Auto erreichte, konnte sie das erste Mal richtig durchatmen und die Begegnung vollends begreifen. Ein hektisches Lachen paarte sich mit einigen dünnen Tränen und sie musste sich an der Motorhaube des Autos abstützen, um sich zu beruhigen.
Ihre beiden Freunde gesellten sich schweigend zu ihr und warfen sich dabei vielsagende Blicke zu. Auf Killians Stirn zeichneten sich erneut Sorgenfalten ab und über beiden Köpfen schwebte eine dunkle Wolke gefüllt mit unbeantworteten Fragen. Sie hoffte inständig, dass ihre Freunde sie gut genug kannten, um keine dieser Fragen laut auszusprechen.

„Sag uns doch bitte wenigstens, wie es dir geht", verlangte Killian bestimmt. Seine Stimme klang brüchig und matt, was in Anbetracht des Schlafentzugs nicht weiter verwunderlich war.
Um ihnen wenigstens einen kleinen Teil der Sorgen zu nehmen, drehte sie sich zu ihm um und blickte direkt in seine teuflischen Augen, an deren Anblick sie sich nie sattsehen konnte. „Es geht mir gut", antwortete sie ehrlich.
Er schien mit ihrer Antwort zwar nur teilweise zufrieden zu sein, beließ es jedoch dabei. Vielleicht würde er mit der Zeit akzeptieren, dass sie ihn nur mit winzig kleinen Häppchen ihrer Gefühle füttern konnte.

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