XXVIII.I - Ruhe
Wie ein verschrecktes Reh, das in den Lauf eines Gewehres sah, starrte Ivory der Empfangsdame der Morris Nervenheilanstalt entgegen und bekam kein Wort heraus. Kreisende Gedanken und unbeantwortete Fragen betäubten ihren sonst so klaren Verstand. Erwartungsvoll warf die Frau einen drängenden Blick über ihre schmale Brille, die ein wenig schief auf ihrer Nase saß.
„Besuche sind donnerstags immer erst ab 12 Uhr möglich", ratterte sie herunter, als Ivory keine Anstalten machte, ihr Anliegen zu äußern. „Es sei denn, ihr habt eine Sondergenehmigung." Ihr missbilligender Blick fiel auf die zwei Begleiter hinter Ivory, deren äußere Erscheinungsbilder schließlich doch ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht zauberten. Unsicher schüttelte sie als Antwort den Kopf und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Empfangsdame vor ihr wieder auf sich. Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern und murrte: „Keine Sondergenehmigung, kein Besuch vor 12".
Hilflosigkeit breitete sich in Ivorys Magengegend aus, als die Frau vor ihr sich wieder ihrer Arbeit widmete und sie dabei tunlichst ignorierte. Vielleicht ist das ein Zeichen, dachte Ivory erniedrigt, als Damien sachte eine Hand auf ihre Schulter legte und ihr „Ich mach das schon" zuflüsterte. Wie ein gedemütigtes Kind konnte sie nur nicken und ihm das Spielfeld überlassen. Ein nagendes Gefühl der Unsicherheit gesellte sich zu ihrer bereits bestehenden Nervosität hinzu, als er an ihrer Stelle sein Glück versuchte.
Killian beobachtete sie mit einer Mischung aus Fürsorge und Befangenheit, während sie langsam auf ihn zu schlenderte. Seit neuestem schien er seine Gefühle ihr gegenüber nicht mehr verbergen zu wollen, so wie er es vorher getan hatte. Noch war sie untentschlossen, wie sie seine Verhaltensveränderung beurteilen sollte, aber im Moment war in ihrem Kopf kein Platz für eine Auseinandersetzung mit diesen verwirrenden Emotionen. Unter anderen Umständen hätte sie ihn auch schon längst auf diese merkwürdige Anziehung zwischen ihnen angesprochen, doch all das schien gerade in weiter Ferne zu liegen.
Schweigend gesellte sie sich zu ihm und musste dem Drang wiederstehen, ihren Kopf in seinem Shirt zu vergraben, um an ihm zu riechen. Trotz der körperlichen Distanz, kroch ihr der Duft nach Zedern in die Nase und beruhigte ihre aufgewühlten Sinne. Sie beschloss, ihren inneren Drängen nachzugeben, sobald die Sache mit ihrer Mutter geklärt war. Bei diesem Gedanken umspielte ein Lächeln ihre Lippen. Killian hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, worauf er sich eingelassen hatte.
Mit einem triumphierenden Grinsen im Gesicht drehte Damien sich wieder in ihre Richtung und hielt drei Besucherausweise in die Höhe. Mit einer Kopfbewegung deutete er zu einer Sicherheitstür, die sich auf wundersame Weise öffnete und ihnen somit Eintritt gewährte. Mit einem mulmigen Gefühl folgte sie ihren Freunden durch die Tür, die sich kurz darauf mit einem elektrischen Summen hinter ihnen schloss.
Der Gang dahinter sah fahl und verlassen aus. Wie in einem schlechten Horrorfilm erstreckten sich zu ihrer Linken unzählige Türen mit kleinen Fenstern. Als die Neugier kurzerhand obsiegte, warf Ivory einen Blick durch das Fenster der ersten Tür. Dahinter befand sich eine Art Aufenthaltsraum mit einigen Metallstühlen und kleinen Tischen, die einsam herumstanden. An den Wänden hingen keine Bilder, nichts deutete darauf hin, dass hier tatsächlich Menschen lebten.
„Laut Peggy vom Empfang ist das Zimmer deiner Mutter im zweiten Stock. Nummer 205", äußerte Damien, als er jedem einen Ausweis überreichte. Anstatt ihm mit Worten für seine Bemühungen zu danken, nickte Ivory ihm zu und folgte dann dem Korridor hinein in die Tiefen der Klinik.
Auf ihrem Weg in den zweiten Stock kamen sie an unzähligen weiteren Türen und Abzweigungen vorbei, als wären sie in einem Teufelskreis gefangen. Zudem gesellte sich eine belastende Ruhe zur trostlose Einsamkeit der vielen Flure, als wären sie gänzlich von der Zivilisation abgeschnitten.
Als sie Zimmer 205 erreichten hielt Ivory fest, dass sie seit Betreten der Anstalt nicht einer weiteren Person außer Peggy begegnet waren und dass die vielen vergilbten Wände von nicht einem einzigen Bild geziert wurden. Diese Tatsache, gemischt mit der lähmenden Stille um sie herum, machte sie furchtbar traurig. Es war so scheußlich einsam hier, wie sollte man an so einem Ort gesund werden?
Gedankenversunken standen sie einige Minuten schweigend vor der Tür, bis Killian zärtlich ihre Finger mit den seinen streifte und sie wieder in die reale Welt zurückholte. Als sein ernster Blick sie traf, zweifelte sie kurz an seiner Berührung. Doch als er diesmal fest ihre Hand ergriff und sie dabei nicht aus den Augen ließ, schenkte er ihr all den Mut, den sie brauchte, um durch diese Tür zu gehen.
„Bitte wartet draußen, ich möchte alleine gehen", gestand sie in einem Moment der Selbstüberschätzung, obwohl ihr Inneres Ich rebellierte. Beide nickten und schienen ihren Wunsch zu respektieren, auch wenn sie selbst nicht mehr sicher war. Das wilde Trommeln ihres Herzens mischte sich mit Ängsten, vor denen sie unter anderen Umständen wahrscheinlich weggelaufen wäre. Aber diese Option blieb ihr heute nicht. Es hieß: alles oder nichts.
Mit zwei zögerlichen Schritten stand sie vor der Tür und kämpfte eine unerbittliche Schlacht mit ihren Gefühlen. Sie hielt den Kopf gesengt, konnte nicht durch das kleine Fenster in das dahinter liegende Leben sehen. In das Leben ihrer Mutter, die sie sieben Jahre lang für tot gehalten hatte.
Ihre Hand legte sich zittrig um den Türknauf, der sich ungewöhnlich kalt anfühlte. Mit einem tiefen Atemzug bündelte Ivory ihren Mut, ihre Ängste, ihre Gedanken und öffnete die Tür.
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Hello meine Lieben,
heute gibt es leider nur ein kurzes Chapter, das nächste folgt dann in ein paar Tagen. Da ich gerade (immer noch, oder „wieder") im Urlaub bin, ist die Zeit zum Schreiben eher Mangelware (hier gibt es so viel zu sehen!!). Ich bitte daher um Geduld mit mir ;).
Meine Frage an euch: Was sind eure Erwartungen zu Ivorys Begegnung mit ihrer Mom??
Alles Liebe, schönes Wochenende
Eure
Livia
(Und P.S. Vielen Dank fürs Lesen!!! <3)
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