XXV - Emotionen

- Killian -

Unruhig wippte Killian mit seinem Bein auf und ab, während er vor dem Untersuchungsraum auf Ivory wartete. Es gefiel ihm gar nicht, dass sie alleine mit seinem Vater dort drin war. Mittlerweile kannte er sie gut genug, um zu wissen, wie neugierig sie war - vor allem dann, wenn sie keine Antworten auf offene Fragen erhielt.

Als das Handy in seiner Jackentasche vibrierte, wurde er glücklicherweise aus seinen hektischen Gedanken gerissen. Verdutzt erkannte er Damiens Handynummer auf dem Display. Ohne zu zögern ging er ran und erkannte die aufgelöste Stimme seines neu gewonnenen Freundes am Telefon.

In wenigen, drängenden Worten schilderte dieser einen Traum, den er letzte Nacht gehabt hatte. Verwirrt und leicht überrumpelt, lauschte er schweigend Damiens aufgebrachter Stimme. Der Gedanke, einen Freund gefunden zu haben gefiel Killian auf eine merkwürdige Weise zwar, aber die Mülldeponie für psychischen Stress wollte er trotzdem nicht sein.
Erst verstand er beim besten Willen nicht, warum Damien ihm diese Geschichte mitteilte, doch nach einem fünfminütigen Monolog dämmerte es ihm langsam.

Es ging wohl um eine Kindheitserfahrung, die Damien und Ivory zusammen erlebt hatten und die nicht besonders freudig ausgegangen war. Mit den Worten "Selbst in Momenten, in denen sie völlig stabil wirkt, ist sie innerlich ein Wrack", endete Damien atemlos seinen Erzähl-Schwall.
Nach einer Antwort suchend, seufzte Killian in das Telefon und spielte die soeben vernommene Geschichte erneut in seinen Gedanken ab.

Durch seine Recherchen wusste er bereits mehr über Ivorys Vergangenheit, als Damien und sie erahnen konnten. Dennoch ging es ihm nahe, direkt von ihrer Zeit im Kinderheim und ihrer ersten Pflegefamilie zu hören - und von den fehlgeschlagenen Selbstmordversuchen. Oft lamentierte er selbst über seine trübe Vergangenheit, aber mit der ihren war das allemal nicht vergleichbar.

"Was willst du mir damit sagen Damien?", fragte er sicherheitshalber nach. Jedes Mal, wenn er sich mit ihm unterhielt, musste Killian sich eingestehen, dass er ihn um seine liebevolle Beziehung zu Ivory beneidete. Nach allem, was sie bereits erlebt hatte, würde sie wahrscheinlich nie wieder jemanden so nah an sich heranlassen.

"Lass sie einfach nicht aus den Augen, okay? Ich habe ein ganz mieses Gefühl. Seit Wochen verhält sie sich viel ruhiger als sonst... Damals habe ich nie rechtzeitig geschalten und erkannt, dass das ein Indiz für einen Nervenzusammenbruch ist. Aber heute kann ich... oder wir können verhindern, dass sie sich was antut", Fürsorge belegte seine Stimme, er klang beinahe ängstlich.

"Danke für die Vorwarnung, aber ich denke es geht ihr ganz gut und außerdem-", begann er seine Sicht der Dinge zu schildern, als urplötzlich die Tür zum Untersuchungszimmer krachend aufflog und Ivory leichenblass aus dem Raum stürzte. Bis Killian endlich begriff, was soeben geschah, war sie bereits über alle Berge.

"Ich ruf zurück", sprach er durch das Telefon, kurz bevor er den Anruf einfach wegdrückte und in das angrenzende Zimmer eilte. Sein Vater stand mit herabhängenden Schultern wie ein verängstigter Schuljunge mitten im Raum und sah geistesabwesend auf die offen stehende Tür.
"Was zum Henker ist passiert?", wollte Killian wütend wissen. Obwohl er die Sachlage noch gar nicht genau kannte, so wusste er bereits jetzt, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde.

Der enttäuschte Blick seines Vaters sprach Bände.
"WAS IST PASSIERT?", fragte er diesmal lauter, zorniger. Savio wich weiterhin seinem Blick, wie ein getretener Hund, aus.
"Ich habe ihr von Lydia erzählt", brachte sein Vater mit verzerrtem Gesicht hervor.

Ein innerer Drang brachte Killian fast dazu, seinen Vater am Kragen zu packen und wild zu schütteln, doch seine Vernunft obsiegte fürs Erste.
"Scheiße warum hast du das gemacht? Ich habe dir gesagt, dass wir den richtigen Zeitpunkt noch abwarten müssen! Du kannst doch nicht einfach einem emotional gebrochenem Menschen erzählen, dass seine tot geglaubte Mutter noch am Leben ist!"

"Es tut mir leid... ich habe ihr von Rosa erzählt und konnte es einfach nicht für mich behalten. Die Gefühle haben mich mitgerissen", entschuldigte sich Savio traurig.
"Du hast ihr auch noch von Mom erzählt? Scheiße, Dad! Ivory ist ein Mensch, dem du emotionale Informationen nur in winzig kleinen Bruchstücken erzählen kannst- Fuck!"

Der Plan, seine Wut zu zügeln wurde ad Acta gelegt, als ihm das Ausmaß des möglichen Schadens bewusst wurde. Noch vor wenigen Minuten hatte er Damien zugesagt, Ivory zu beschützen - in erster Linie vor sich selbst. Nicht, weil er das von ihm verlangt hatte, sondern weil Killian selbst etwas an ihr lag. Etwas, das er nicht betiteln konnte, aber das Gefühl war da. Jeden Tag, jede Minute - immer hatte er das Bedürfnis, auf sie aufzupassen.

Zornig verließ er den kleinen Raum, dessen hellblaue Wände plötzlich bedrängend wirkten und ließ seinen Vater entsetzt zurück. Im Moment war es ihm herzlich egal, dass er so eine Szene machte, was ihm eigentlich gar nicht ähnlich sah. Aber all diese Emotionen überforderten ihn, mit voran das nagende Gefühl der Angst, Ivory könnte sich etwas tun.

Er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass diese Angst irrational war, jetzt wo sie wusste, dass ihre Mutter noch am Leben war. Sich umzubringen würde also keinen Sinn machen, redete er sich ein, während er mit schnellen Schritten zum Fahrstuhl eilte und dabei nach seinem Handy suchte. Trotzdem blieb das scheußliche Gefühl der Angst zurück und es ließ sich durch nichts bändigen.

Mit leicht zitternden Händen suchte er nach Damiens Telefonnummer im Verlauf und wählte sie an. Schon nach dem ersten Klingeln hob er ab.
"Planänderung", begann Killian, "Hab sie aus den Augen verloren. Und das letzte Mal, als ich sie sah, schien sie - milde ausgedrückt - sehr, sehr aufgebracht." Nervös betätigte er den Knopf im Aufzug häufiger, als nötig war, doch die blöden Türen schlossen sich einfach nicht schnell genug.

"Wow, das ging ja schnell", meinte Damien erstickt. Er versuchte, sein Gefühlsleben zu kaschieren, genau wie Killian. Doch wenn die Beiden sich nur einen Funken ähnelten, dann braute sich in ihnen gerade gleichermaßen ein unschöner Sturm zusammen.
"Hast du eine Ahnung, wo sie hingegangen sein könnte? Ich werde versuchen, sie zu finden, bevor na ja..."

"Bevor es zu spät ist", schloss Damien leise. Im Hintergrund konnte Killian eindeutige Geräusche ausmachen, die darauf hindeuteten, dass auch er seine Sachen zusammenpackte. "Ich werde auch nach ihr suchen. Aber einen bestimmten Ort habe ich absolut nicht im Kopf", gestand er zu Killians Missfallen.

"Aber jetzt würde ich schon noch gerne wissen, was sie so aus der Bahn geworfen hat", ergänzte er zögernd.
Killian steuerte auf einen schicken SUV zu, dessen Schlüssel er noch bei sich trug und klemmte sich hinter das Steuer, ehe er seufzend antwortete: "Ihre Mutter hat damals überlebt und wurde in eine Geschlossene eingewiesen. Ich weiß das schon seit einiger Zeit, wäre aber nie so dumm gewesen, ihr diese Geschichte brühwarm aufzutischen. Mein Vater hingegen schon."

Ein kurzes Schweigen folgte auf die soeben geplatzte Bombe. Killian startete in Ruhe den Motor und gab Damien damit Zeit, die Nachricht zu verarbeiten. Als er jedoch endlich reagierte, ging er nicht weiter auf die Neuigkeit ein: "Hol mich auf dem Weg ab, ich schick dir gleich meinen Standort. Ich hab vielleicht ein paar Ideen, wo sie stecken könnte. Und dann braucht es wahrscheinlich mehr als nur eine Person, um sie wieder zur Vernunft zu bringen."

Mit einem kurzen "Alles klar", beendete Killian das Gespräch und bretterte kurz darauf aus der Tiefgarage. Keine Minute später erhielt er Damiens Standort per SMS und folgte stur dem Navigationssystem.
Innerlich wurden seine Gefühle auf die Probe gestellt, denn der Ausgang dieser Situation würde nicht nur sein Leben beeinflussen, sondern auch das vieler anderer Menschen.

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