XXIV - Antworten
Ivory saß auf einer Untersuchungsliege im Graham Institut und ließ sich von Savio am Arm abtasten. Seine gekonnten Handgriffe deuteten darauf hin, dass er diesen Beruf schon lange ausführte, dennoch waren seine Berührungen vorsichtig und behutsam. Eindringlich beobachtete sie seine Bewegungen und die Art, wie er beruhigend mit ihr sprach, als wäre sie ein rohes Ei.
Er war nicht besonders glücklich über die Tatsache, dass sie gemeinsam mit Killian das Institut verlassen hatte. Zu welchem Zweck sie das getan hatten, verriet sie ihm vorerst nicht.
Aus seiner Sicht war sie immer noch krank und brauchte ärztliche Aufsicht, aber sein Drängen missachtete sie tunlichst. Die Meinung von Ärzten hatte noch nie etwas an ihrer Handhabung geändert. Außerdem konnte sie sich ausruhen, wenn ihr Bruder endlich in Sicherheit war.
In Savios Art erkannte sie regelmäßig Züge von Killian wieder. Zum Beispiel das Gestikulieren mit den Händen, wenn sie sprachen. Wobei das allgemein für Italiener typisch ist, erinnerte sich Ivory schmunzelnd.
Aber auch ihre Gangart, die Wahl der Worte, die ruhigen Bewegungen ähnelten sich von Grund auf. Es ließ sich einfach nicht leugnen, dass die Beiden verwandt waren.
Die Erinnerung an ihre eigenen Eltern war zwar schon verblasst, dennoch wusste Ivory, dass auch sie einige Ticks ihrer Mutter übernommen hatte. Immer wenn sie nervös war, kaute sie an den Nägeln und wenn sie nachdachte, biss sie unruhig auf ihrer Lippe herum.
Was sie jedoch beim besten Willen nicht verstand, war Killians offensichtliche Abneigung seinem Vater gegenüber. Das Verhältnis zu ihren eigenen Eltern war immer sehr gut gewesen.
"Warum benimmt er sich in deiner Nähe so merkwürdig?", fragte sie daher geradeheraus.
Savio hielt in seiner Bewegung inne und wirkte beinahe ertappt. "Wie kommst du darauf?", stellte er die Gegenfrage, während er ihren Arm auf eine Stütze legte, um sich die Bisswunden genauer anzusehen. Er mied ihren Blick, das erkannte sie deutlich.
"Jedes Mal, wenn du den Raum betrittst, spannt er sich komplett an. Und wenn du ihn berührst, bekommt er diese wütenden Falten auf der Stirn", führte sie ihre These aus.
Savio seufzte, ehe er auf seinem Drehstuhl von ihr weg rutschte, um eine Flasche Desinfektionsmittel aus dem Regal hinter sich zu holen. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, traf sie sein tieftrauriger Blick bis ins Herz. Genau den selben Ausdruck hatte sie schon oft in Killians Augen entdecken können.
"Ich weiß nicht, was er dir erzählt hat", er zögerte kurz und widmete sich wieder ihrem rechten Arm, "aber ich denke, er gibt mir die Schuld am Tod seiner Mutter."
Ivory beobachtete seine Reaktion. Offensichtlich fiel es ihm schwer, darüber zu reden. Aber sie erkannte auch Spuren von Erleichterung in seinem Gesicht.
"Sie ist vor einigen Jahren gestorben und er hat sehr darunter gelitten. Das Verhältnis zu Rosa, meiner Frau, war sehr liebevoll. Als sie starb, verlor er jeden Bezug zur Realität und ... fand seine neue Bestimmung im Töten der Nex", schloss seine brüchige Stimme.
Ivory schwieg kurz, ehe sie mit klopfendem Herzen ihre nächste Frage stellte: "Woran ist sie gestorben?"
Er hielt in seinen Bewegungen inne und atmete tief ein, als müsse er seine Gefühle unterdrücken. "Sie wurde von einem Schwarzblut gebissen. Als das Virus Besitz von ihrem Körper ergriff, versuchte das Institut in Italien, die Auswirkungen zu verlangsamen. In Italien gibt es nämlich deutlich mehr Fälle von Rabies Sanguinis als hierzulande", erklärte er möglichst sachlich.
"Killian hat damals versucht, in jeder erdenklichen Weise zu helfen. Er war überzeugt davon, ein Heilmittel zu finden und seine Mutter wieder gesund zu machen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie eingenommen er von dem Gedanken war, eine Lösung zu finden. Aber das Institut forscht schon seit Jahrzehnten und noch immer gibt es keine eindeutigen Ergebnisse", fügte er hinzu. Zu gut konnte sie sich in Killians Lage versetzen, immerhin suchte auch sie verzweifelt nach einem Ausweg aus diesem Irrsinn.
Seine Gedanken schienen abzudriften, in die Erinnerungen an damals. Abgelenkt betupfte er Ivorys Unterarm mit Desinfektionsmittel. Gerade, als sie antworten wollte, sprach er weiter: "Es war meine Schuld, dass sie krank wurde."
"Wie meinst du das?", erfragte sie mitfühlend. Sie wollte nicht neugierig sein, aber die Schilderung seiner Geschichte schien Savio tatsächlich zu entlasten.
"Wir hatten damals einen Nex gefangen genommen, um ihn zu untersuchen und zu erforschen. Seine Kräfte waren allerdings unberechenbarer, als wir zu diesem Zeitpunkt annahmen. Er machte sich von seinen Fesseln los und biss wie ein Raubtier um sich. Meine Frau und zwei weitere wurden erwischt, ehe wir ihn wieder unter Kontrolle hatten."
Ivory überlief ein kalter Schauer. Savios Schmerz war ihr nur allzu gut bekannt. Erinnerungen an den leblosen Körper ihrer Mutter bahnten sich den Weg durch ihre Gedanken und sie konnte nur erahnen, wie Savios Frau nach jenem Angriff ausgesehen haben musste.
"Das tut mir wirklich leid", bekundete sie ihr Mitleid und meinte es überraschenderweise auch so. Ein schwaches Lächeln bildete sich auf Savios väterlichem Gesicht.
"Danke, Liebes. Aber leider ist das noch nicht die ganze Geschichte." Er erhob sich und räumte alle Utensilien der Untersuchung beiseite. Tiefe Furchen überzogen seine Stirn, seine grauen Augen strahlten eine schmerzvolle Kälte aus.
"Oft werden Menschen beim Angriff von Nex getötet, weil diese sich nicht zurückhalten können. Doch meine Frau überlebte. Und als wir die Symptome des Virus trotz Medikamente nicht mehr aufhalten konnten und keine Heilungsmöglichkeit in Sich war, bat sie mich in einem klaren Moment ... ihr das Leben zu nehmen", schloss er seine Erzählung.
Einen kurzen Moment traute Ivory sich nicht, auszuatmen. Niemals hätte sie gedacht, dass so eine gewaltige Geschichte hinter Killians abweisender Art steckte. Ein Autounfall, oder eine Krankheit, ja. Aber doch keine Ermordung durch den eigenen Vater.
Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte woben sich. Dadurch wurde ihr klar, dass Killian ihr nur deshalb nie mit Mitleid begegnet war, weil er die gleichen Erfahrungen teilte, wie sie selbst.
Innerlich wusste sie jedoch, dass sie wahrscheinlich genau so gehandelt hätte. Savio hatte seine Frau aus Liebe von ihrem Schmerz befreit.
"Killian hat das nie verstanden", schlussfolgerte sie. Savio schüttelte bestätigend den Kopf.
"Nein, er konnte es nicht verstehen. Er war auch noch sehr jung. Seine Wut richtete sich nach ihrem Tod gegen jeden Seminex auf dieser Welt. Er war wie in einem Rausch gefangen, der sich erst legte, als er eine Frau namens Alva kennen lernte. Kurzzeitig schien alles besser zu werden, aber dann ist irgendetwas passiert..."
Bei der Erwähnung von Alvas Namen zuckte ein eifersüchtiger Stich durch Ivorys Herz. Sie hatte bereits vermutet, dass die beiden eine Beziehung gehabt hatten, aber bei Savios Worten drehte sich ihr dennoch der Magen um.
Scheinbar wusste er nicht, was anschließend mit Alva passiert war, sonst hätte seine Aussage sicherlich anders geendet.
"Ich denke, dass er deshalb so erpicht darauf ist, dir zu helfen. Du erinnerst ihn womöglich an Rosa. Damals war er machtlos, aber heute kann er mit deiner Hilfe Gutes vollbringen." Die Traurigkeit in Savios Augen wurde durch ein schwaches Leuchten ersetzt. "Du bist der erste Mensch - von dem wir wissen - der einen Biss ohne Ansteckung überlebt hat. Geschweige denn mehrere Bisse", äußerte er mit einer ausschweifenden Handbewegung.
"In deinem Blut konnten wir bis Dato keine Sonderheit feststellen, daher muss die Erklärung für deine Immunität in deiner Vergangenheit oder Genetik liegen", murmelte er weiter abwesend, während seine Augen einen Punkt in der Ferne fixierten. Ivory schickte ein stummes Stoßgebet in den Himmel, dass er sie jetzt nicht über ihre Vergangenheit ausquetschen würde.
Aktuell sah sie sich nicht im Stande, das Geschehene in Worte zu fassen. Vor allem nicht einem beinahe Fremden gegenüber. Der Schock saß tief in ihren Knochen, auch nach so vielen Jahren. Bis jetzt hatte sie den Schmerz so gut es ging in ihrem Unterbewusstsein verschlossen, doch die vermehrten Panikattacken in letzter Zeit deuteten darauf hin, dass diese unterdrückten Gefühle langsam aber sicher in ihr hochkochten.
Sie war nicht dumm. Ivory wusste, dass sie die Vergangenheit nicht für immer in ihrem Kopf einsperren konnte. Aber ihre stetigte Aufgabe, Elian zu retten, half ihr dabei. Und wenn sie ihn erst wieder in ihren Armen halten konnte, dann würde alles gut werden, dessen war sie sich sicher. Die Liebe besiegt alles, hatte ihre Mutter immer gesagt. Auch wenn sie die Liebe Gottes gemeint hatte, so lag sie damit dennoch richtig.
"Möchtest du meine Theroie hören?", eröffnete ihr Savio in die Stille des Raumes hinein und riss Ivory aus ihrer gedanklichen Abwesenheit. "Du hast eine starke Persönlichkeit und wirst verkraften, was ich dir jetzt sage... aber versprich mir, ruhig zu bleiben, okay?"
Kurz wollte sie den Kopf schütteln. Eine einfache Reaktion ihres Geistes, der ihr sagte, dass es manchmal gut war, weniger zu wissen. Doch sie entschied sich dagegen und nickte langsam, unsicher. Was konnte schlimmer sein, als das bereits Erlebte?
Er lehnte sich an ein Sideboard und blickte sie mit seinen grauen, vertrauenserweckenden Augen an. Wieder erkannte sie ein schimmerndes Blitzen in seiner Iris. Bevor er sprach, fuhr er sich mit der Hand nachdenklich über seinen ergrauten Bart: "Ich denke, die Immunität gegen das Virus steckt in deinen Erbanlagen. Dein Bruder ist wohl nur teilweise immun, was sein Altern erklärt. Das bedeutet auf der einen Seite, dass sein Körper mehr Chancen auf eine Heilung zulassen wird. Auf der anderen Seite..."
Ein Funken Angst legte sich über sein Gesicht. Er wartete ihre Reaktion ab, das wusste Ivory. Daher blieb sie möglichst ruhig, obwohl seine Aussage ihr Herz schneller schlagen ließ. Woher er all diese Informationen hatte, interessierte sie im Moment herzlich wenig.
"Da wir wissen, dass eurer Vater nicht immun war", Savio holte tief Luft, "lässt das nur den Schluss zu, dass eure Mutter es gewesen sein muss."
Nervös zuckte Ivorys rechtes Augenlid, als seine Worte in ihr keimten. Wenn sie auf Grund der Erbanlagen ihrer Mutter nicht angesteckt werden konnte, erklärte das so einiges. Allerdings änderte das nichts an der Tatsache, dass ihre Mutter an jenem Abend tot in ihrer eigenen Blutlache gelegen hatte. Warum also belastete er sie mit dieser Information?
"Das heißt aber, dass der Urpsrung für das Heilmittel, also die Genetik meiner Mom, eine versiegte Quelle ist. Immerhin ist sie seit sieben Jahren tot." Ivory schluckte schwer. Ihre Worte klangen taff, hinterließen aber einen bitteren Beigeschmack. Die Erinnerungen waren zwar immer noch verschwommen, aber das wusste sie mit Sicherheit. Immerhin hatten sich die leblosen Augen ihrer Mutter für immer in ihr Gedächtnis gebrannt.
"Wie gut kannst du dich wirklich an diese Nacht erinnern?", hakte Savio sichtlich nervös nach. Warum stellte er diese Frage? Sie wusste von den wesentlichen Dinge und das reichte ihr alle mal. Niemals wieder wollte sie das Geschehene wieder ausgraben und den inneren Schmerz erneut durchleben.
"Was spielt das für eine Rolle, Savio? Sie ist tot und dabei bleibt es!", ihre Worte waren pures Gift. Doch als Savio den Kopf schüttelte, stockte ihr der Atem. Was zum Teufel sollte das bedeuten?
"In der Hoffnung, an eine alte DNA-Probe deiner Mutter zu gelangen, haben wir recherchiert und herausgefunden, dass sie vor einigen Jahren in eine Heilanstalt eingeliefert wurde und-"
"Hör auf damit!", schrie Ivory zornig. Gefühle, die sie sonst im hintersten Eck ihres Geistes verstaute, krochen empor und explodierten wie ein Vulkan, den alle für erloschen geglaubt hatten.
Keuchend sprang sie auf und floh. Weg von dem Chaos, das in ihrem Leben angerichtet wurde, weg von falschen Behauptungen und vagen Hoffnungsschimmern.
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HUUUU,
pikante Details wurden enthüllt (daher ist das Kapitel auch etwas länger geworden haha)... was meint ihr dazu??
Hat Savio recht?
Habt ihr mit so einer Wendung gerechnet?
Bin gespannt auf eure Meinungen :)
Eure
Livia
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