XVIII.I - Savio

Ein stetiges Piepen sickerte durch Ivorys Bewusstsein und holte sie langsam aus einem weiteren Albtraum zurück, in dem ihr Bruder sie erneut angegriffen hatte. 
Als wäre ihr Kopf in Watte gehüllt, nahm sie nur langsam verzerrte Stimmen wahr, die Meilenweit weg zu sein schienen. Zudem pochte ihr Schädel unerfreulich laut und hinderte andere Geräusche daran, zu ihrem Verstand durchzudringen.

Nachdem die rauschenden Stimmen endlich schwiegen, öffnete sie blinzelnd ihre müden Augenlider, die ihr nur minimal gehorchten. Helles Neonlicht fiel auf ihre gereizte Netzhaut und bewirkte ein unangenehmes Stechen hinter ihrer Stirn. Schnell kniff sie die Augen wieder zusammen und genoss die angenehme Dunkelheit.
Neben einem merkwürdigen Brennen auf ihrer Haut und dem dumpfen Pochen in ihrem Kopf, verspürte sie auch eine tiefe Müdigkeit in ihren Knochen, als hätte sie Jahre lang nicht geschlafen. Was gar nicht mal so abwegig war.

Plötzlich hörte sie gedämpft eine sich öffnende Tür und gleichmäßige Schritte, die neben ihr zum Stehen kamen.
Ivory wusste nicht, wo sie war oder wie sie hierher gekommen war, doch das schien ihr im Moment belanglos, im Vergleich zu der Tatsache, dass das helle Deckenlicht sie am Öffnen ihrer Augen hinderte. Sie wollte endlich sehen, wo sie war und wer zum Geier da neben ihr stand.
"Mein Gott, bitte machen Sie dieses grauenvolle Licht aus", murmelte sie träge. Sie erkannte ihre eigene, raue Stimme nicht wieder, die wie aus weiter Entfernung zu sprechen schien. 

Sie vernahm ein amüsantes Husten neben sich, das in Ivorys Ohren wie das Trompeten eines erkälteten Elefanten klang. Konnten sich Elefanten überhaupt erkälten?
Die Schritte entfernten sich wieder und kurz darauf wurde das Licht deutlich sanfter um sie herum, was nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihren Geist entlastete.
"Sie ist wach", hörte sie jemanden sagen, während sie mühevoll ihre Augen einen winzigen Spalt breit öffnete und ihren Blick durch den Raum schweifen ließ. Leider nur war ihr Verstand noch nicht präsent genug, um ihre Umgebung zu verarbeiten. Als hätte jemand ihr Gehirn in Luftpolsterfolie gepackt.

Ein großer, attraktiver Mann betrat den Raum, dicht gefolgt von einem etwas älteren Herrn, der dem ersten verblüffend ähnlich sah. Einzig durch ihre Kleidung unterschieden sie sich, denn der ältere von Beiden trug einen weißen Kittel. Vielleicht bin ich in der Matrix gelandet, war Ivorys einzig logische Schlussfolgerung.

"Killian!", rief sie überrascht und glücklich, als sie ihn endlich neben sich erkannte. Komisch, ihre Stimme hatte doch sonst nicht so lallend geklungen. War sie etwa betrunken? Hatte er sie betrunken gemacht und abgeschleppt? Das würde wenigstens ihren merkwürdigen Geisteszustand erklären. Komischerweise störte sie der Gedanke daran kein bisschen. Schade nur, dass sie sich nicht an die gemeinsame Nacht erinnern konnte.

"Hey kleine Jägerin, wie geht's dir?"
Seine schöne Stirn war von tiefen Furchen durchzogen und um seine Augen lag ein dunkler Schatten, dennoch lächelte er aufmunternd. Er ließ sich neben sie auf einen Stuhl fallen, wandte seine Augen aber keine Sekunde von ihr ab.
"Sie hat noch eine ganze Menge Schmerzmittel in ihrem Blut. Wundere dich also nicht, wenn sie dir noch keine sinnvolle Antwort geben kann", meldete sich der ältere Mann zu Wort.
Was war bloß sein Problem? Sie wüsste ja wohl, wenn sie Schmerzmittel genommen hätte!

Gerade als sie ihm zornig antworten wollte, ergriff Killian ihre Hand. Ein angenehmes Kitzeln wanderte ihren Arm hinauf. Gierig folgte sie dem Gefühl mit den Augen und sehnte sich nach mehr, als das Kitzeln versiegte.
Erst jetzt bemerkte sie die vielen Verbände an ihrem Arm und wurde urplötzlich unliebsam in die Realität zurückgeschleudert. Unzusammenhängende Bilder blitzen vor ihrem Geist auf und formten sich langsam zu einer soliden Erinnerung. Der Erinnerung an die vergangene Nacht.

Ruckartig entzog sie Killian ihre Hand und tauchte endlich aus dem Nebel auf, der ihre Sinne umgab. Ihr Puls beschleunigte sich zu einem viel zu schnellen Rhythmus, während sie hektisch versuchte, sich in dem Bett aufzurichten. Ein panisches Stechen zuckte durch ihr Herz, als ihr bewusst wurde, warum sie hier war.
Er hatte es schon wieder getan. Elian hatte sie fast getötet!

Tränen stiegen ihr in die Augen, Angst schnürte ihr die Kehle zu. ivorys Herz klopfte so laut und schnell, dass sie nicht bemerkte, wie Killian sie zu beruhigen versuchte. Reflexartig griff sie sich an den Brustkorb, als könnte sie ihr Herz so daran hindern, in ihrem Körper zu zerplatzen.
Ein Schmerzensschrei formte sich in ihrer Kehle, als auch die Wirkung der Medikamente langsam nachließ und ihr das intensive Brennen auf ihrem ganzen Körper noch deutlicher bewusst machte. Auch das nervige Piepen im Hintergrund wurde immer schneller und lauter, sodass sie sich die Ohren zu hielt, um nicht komplett verrückt zu werden.

"Hey!", drang Killians Stimme endlich zu ihr durch. Doch sie wollte ihn nicht hören, wollte ihn nicht um sich haben. Er brachte nur noch mehr Probleme in ihr Leben. Als hätte sie davon nicht schon genug. 
Seine große Hand packte grob ihr Kinn und riss ihren Kopf zu ihm herum. Smaragdgrüne Augen blickten in ihre Seele.
"Reiß dich zusammen Ivy, beruhig dich. Hier kann dir nichts passieren." Zärtlich nahm er ihr Gesicht in beide Hände und sah sie einfach nur sorgenvoll an. 

Wie auf Knopfdruck lösten sich ihre Verkrampfungen, innere Ruhe breitete sich in ihr aus, während Tränen in kleinen Wasserfällen über ihre Wangen rollten.
Fast liebevoll strich er über ihr Gesicht, um die Tropfen aufzuhalten. Die Welt schien still zu stehen. Auf einmal gab es nur Killian und sie.
Süchtig nach seiner beruhigenden Art und seiner Berührung, beugte Ivory ohne nachzudenken ihren Kopf vor, schloss den Abstand zwischen ihnen und berührte zärtlich seine vollen Lippen mit ihren.

Sein Körper spannte sich unter der sanften Berührung an, jedoch wich er nicht zurück. Vielleicht, um ihre Panik nicht wieder aufkeimen zu lassen, oder weil es ihm tatsächlich gefiel. 
Doch das spielte für Ivory keine Rolle. Für sie zählte nur seine Berührung, die ihr für den Moment alle Ängste nahm. 
Sie spürte sofort, dass die schlimmen Gedanken durch das intensive Gefühl seiner vollen Lippen auf ihren ersetzt wurden. Ihre Anspannung und Panik waren wie weggepustet, auch als sie ihren Mund wieder von seinem löste, um in seine leicht verhangenen Augen zu sehen.

Ein Räuspern riss sie schließlich aus ihrer Trance und der Mann von vorhin betrat mit einer Spritze in der Hand den Raum.
"Ich denke, das Schmerzmittel brauchen wir nicht mehr", schlussfolgerte er und legte die Spritze beiseite. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er den Raum überhaupt verlassen hatte.
Endlich riss Killian seinen Blick von Ivorys Lippen los, nahm die warmen Hände von ihrem Gesicht und ging zur anderen Seite des Raumes, als wolle er möglichst viel Abstand zwischen ihnen herstellen. Unkonzentriert lehnte er sich gegenüber an die Wand und wich dabei ihrem stechenden Blick aus.

"Schön dich kennen zu lernen, meine Liebe. Ich bin Dr. Savio Valenti, aber du darfst mich gerne Savio nennen." Die ältere Kopie von Killian stand neben dem Krankenhausbett und reichte Ivory freundlich seine Hand. Zögerlich riss sie ihren Blick von Killian los, ergriff seine Hand und sah in sein gebräuntes Gesicht. Wie auch bei Killian waren seine Gesichtszüge markant und wunderschön anzusehen, doch seine Augen waren von einem sanften grau, nicht moosgrün wie die von seinem Sohn. 

Ivory war kein Fan von Ärzten. Seit dem Tod ihrer Familie hatte sie den Glauben an die Helfer in den weißen Kitteln verloren. Niemand hatte sie damals ernst genommen und sie stattdessen nur mit Medikamenten vollgepumpt, damit sie endlich Ruhe gab.
Doch Savio schien anders zu sein. Seine Ausstrahlung vermittelte Gelassenheit und Fürsorge beider maßen. Und genau wie bei Killian lag ein Ausdruck tiefer Traurigkeit in seinem Blick. Als hätte er ein Stück seiner Seele verloren und es nie wieder gefunden.

"Wir haben dir eine Transfusion gegeben und die Bisse so gut wie möglich geflickt, aber du wirst wohl einige Narben davontragen", fuhr er schließlich vor, als sie seine Hand wieder los ließ. Traurig ließ sie ihren Blick über die eingebundenen Arme schweifen und bemerkte erst jetzt den dicken Verband um ihren Hals. Schnell schob sie die aufkommenden Erinnerung beiseite und suchte wieder Killians Augen, die sie sofort beruhigten. 

Er war besser als jedes Medikament und jede Droge. Sein Anblick und seine bloße Präsenz lösten ihren inneren Kampf, als hätte es ihn nie gegeben. Selbst jetzt noch brannten ihre Lippen von dem zärtlichen Kuss. Und ebendies machte ihr große Sorgen.
Diese entstehende Abhängigkeit von einem Mann, den sie kaum kannte und der sie nicht nur einmal schlecht behandelt hatte, bereitete ihr Kopfzerbrechen. Andererseits hatte er ihr soeben das Leben gerettet, ohne dabei an sich zu denken. Tat ein schlechter Mann so etwas?



Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top