Kapitel 21- High, Higher, oder doch nicht?


Anna zog ihre beige Sweatshirtjacke enger um sich, als sie an einem genervt guckenden Niklas vorbei aus der Tür huschte. „Bleib nicht zu lange wach", rief sie noch ehe die schwere Holztür hinter ihr ins Schloss fiel.

Mit den Augen suchte sie sofort nach Paul, sah ihn allerdings nicht. Vielleicht auch ganz schlau, wenn sie kiffen wollten. Sollte ja keiner auf falsche Ideen kommen.

Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche und sah, dass Paul ihr eine Nachricht geschrieben hatte. „Bei der Hollywoodschaukel Richtung Wasser."

Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Da würde sie niemand sehen, kluger Junge. Er kiffte eindeutig echt nicht zum ersten Mal ungesehen.

Mit schnellen Schritten lief sie durch das hohe Gras, das ihr kühl gegen die nackten Fesseln strich.

Paul saß auf einer dunklen Decke im Gras und machte immer wieder das Feuerzeug aus und wieder an. Während er sich hin und wieder mal nach ihr umsah.

„So ungeduldig?", fragte sie, als sie sich neben ihn fallen ließ.

Paul grinste. „Man muss doch wissen, ob die Jungs vielleicht ganz gute Dealer kennen."

Anna schüttelte leise lachend den Kopf. Das sollte besser nicht zur Gewohnheit werden. Hin und wieder war das ja okay, aber ihr reichte ein Joint alle paar Jahre.

Paul hielt ihr den schlecht gedrehten Joint hin. „Ladys first."

„Wie charmant!" Sie nahm ihm den Joint ab und steckte ihn sich zwischen die Lippen.

Ganz gentlemanlike zündete Paul ihr den Joint an. „Immer doch."

Genüsslich nahm sie einen Zug und versuchte den Rauch möglichst lange drinzubehalten. Eine Freundin hatte mal gesagt, so knallte es mehr. Der Rauch verteilte sich weiß in die kühle Abendluft, als sie endlich ausatmete. Sie nahm noch einen Zug und gab den Joint dann an Paul weiter.

Ganz langsam breitete sich eine innere Ruhe in ihr aus und sie musste grinsen. Sie beobachtete, wie Paul einen Zug nahm und mit geschlossenen Augen den Kopf in den Nacken legte, ehe er den Rauch ausblies. Warum fand sie das sexy? War sie echt schon so drauf? Dann musste das echt gutes Zeug sein!

Paul nahm noch einen zweiten Zug, dann gab er ihr den Joint wieder zurück. „Das Zeug ist gut."

„Ja, die Jungs haben Geschmack."

Als der Joint aufgeraucht war, lagen sie einfach nebeneinander auf der Decke und schauten in den bewölkten Abendhimmel. In Annas Kopf wirbelten die Gedanken so durcheinander, dass sie keinen wirklich greifen konnte. Aber ausnahmsweise fand sie das mal gar nicht schlimm. Im Gegenteil, sie fühlte sich vollkommen high. Das Grinsen wollte nicht mehr weggehen.

„Was machen die Sterne wohl am Tag?", sinnierte Paul neben ihr.

Anna musste kichern. „Schlafen. Heute schlafen sie einfach mal aus."

„Klingt sinnvoll. Kann man es nicht einführen, dass man sonntags gesetzlich ausschlafen muss?"

„Ja! Keine Lust, sonntags schon um neun bei der Arbeit zu sein."

Dann schwiegen sie wieder. Die Zeit schien wie ein zähes Kaugummi zu vergehen und das high hielt nicht wirklich lange an.

Paul seufzte. „Ich nehme alles zurück. Das Zeug war doch scheiße."

„Mhm. Schade." Anna seufzte und zog ihre Jacke wieder enger um sich. Paul rutschte wortlos näher und sie genoss seine Körperwärme neben sich. „Na ja. In dem Alter raucht man ja meist auch nur Schrott."

„Wann hast du das erste Mal gekifft?"

Anna musste kurz überlegen. „Mit sechzehn. Alter, habe ich gekotzt. Du?"

„Siebzehn."

„Gehen wir wieder rein?"

„Willst du wirklich schon zurück?"

„Heute hat Niklas Nachtwache, also entweder setzten wir uns noch etwas zu ihm, oder verschwinden sofort in unsere Zimmer?"

„Beides dumme Ideen. Niklas riecht sowas und dann gibt es Ärger."

„War der schon immer so ein Spießer?"

Paul purstete los. „Ja! Schon immer! Ab und an kann er ja cool sein, aber das wird gefühlt immer weniger. Ich warte nur darauf, dass er und Leah heiraten, zurück in unsere Kleinstadt ziehen und ein Haus bauen."

Anna seufzte. „Mein Ex hat ein Haus gekauft und dachte echt, ich würde mich davon beeindrucken lassen und zu ihm zurück."

„Lass mich raten, nicht deine perfekte Zukunftsvorstellung?" Sie konnte spüren, wie Paul sie ansah.

„Nee." Sie drehte den Kopf zu ihm und sah ihm direkt in die grünen Augen, deren Farbe sie im fahlen Licht nur erahnen konnte. „Ich könnte mir so viel Besseres vorstellen, als mit dreiundzwanzig zu heiraten und in ein Haus in meinem Heimatdorf zuziehen."

„Zum Beispiel?"

„Abenteuer erleben. Reisen. Was von der Welt sehen."

Paul seufzte leise und sah zurück in den Himmel. „Ich würde so gerne mal Nordlichter sehen. Ich müsste dringend mal weg von all dem hier."

„Nordlichter würde ich auch so gerne sehen."

Paul sah sie wieder an und grinste breit. „Lass uns doch zusammen einfach weg."

Anna lachte und schüttelte den Kopf. „Quatsch."

„Was wir sind Freunde, ist doch nichts dabei und irgendwann haben wir schon Zeit für solche Abenteuer."

Anna lief sofort rot an und war froh, dass es dunkel war und Paul nicht sehen konnte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. „Mal sehen. Hast du dich mit Niklas jetzt eigentlich ausgesprochen?"

„Ja. Wusstest du, dass seine Mum ihn rausgeschmissen hat, weil er sich nicht zwischen ihr und seinem Vater entscheiden möchte."

„Was?" Sofort umgriff Mitleid Annas Herz ganz fest und ließ es schwer werden.

„Deshalb sind Leah und er gerade auch kaum voneinander zu trennen. Ich würde in seiner Situation wohl auch so reagieren und mich an der einzigen Person festklammern, die mich nicht fallen lässt." Paul seufzte.

„Was ist eigentlich mit seinem Vater?" Das hatte Anna nie ganz mitbekommen.

„Ach, ich mochte Jens nie. Das ist so ein sehr strenger Typ, hat mit einem Landmaschinenhandel sehr viel Geld gemacht. Niklas sollte das mal übernehmen, aber ungefähr ein Jahr nach der Scheidung seiner Eltern hat Niklas Vater die ganze Firma für einen ganzen Batzen Geld verscherbelt. Nochmal ein halbes Jahr später hat er Niklas' Stiefmutter, so ein Püppchen, damals so Mitte zwanzig, geheiratet und hat mit ihr nochmal einen Sohn bekommen. Seitdem ist Niklas für ihn nur noch eine nervige Erinnerung an die Vergangenheit, die ihn jeden Monat mindestens einen Tausender kostet."

„Scheiße. Da will man nicht tauschen."

„Mhm." Paul zuckte mit den Schultern. „Meine Eltern sind auch nicht gerade cool. Weißt du, wie das ist, wenn deine Mutter Ernährungsberaterin ist?" Paul verstellte seine Stimme: „Ist das weißer Zucker? Das isst du nur mit Paprika, dann kann dein Körper die Enzyme besser aufnehmen." Er musste lachen. „Mein Papa ist früher mal Deutschland Achter mit Bene gerudert. Na ja, zum Ingenieur hat es dann doch gereicht neben dem Leistungssport."

„Dein Vater ist Deutschland Achter gerudert?" Anna meinte sich erinnern zu können, wie hart das Auswahlverfahren war und wie viele gute Ruderer jedes Jahr daran scheiterten.

Paul drehte den Kopf wieder zu ihr und sah gleichgültig an. „Ja, und?"

Klar, dass das für ihn nichts Besonderes war. Er war mit diesen Geschichten bestimmt aufgewachsen und von klein auf dazu angehalten worden, irgendwann mal in die Fußstapfen seines Vaters zutreten.

„Krass! Sind alle aus deiner Familie so badass?"

„Meine kleine Schwester ist das eigentliche Talent von uns beiden. Im Einer war die unschlagbar und dann meinte sie Medizin studieren zu müssen und hat aufgehört. Hätte ich mit zwanzig auch mal machen sollen." Paul lachte spöttisch.

„Wow." Das hatte sie bei Paul nun echt nicht als Hintergrund vermutet. „Ich komme einfach nur vom Dorf. Mein Vater ist Mechaniker, meine Mutter arbeitete beim Gesundheitsamt, mein Bruder ist Bauer und meine Schwester arbeitet bei einem gemeinnützigen Kirchenverein im Büro. Die sind alle so sehr in ihrem eigenen Film, dass sie ständig vergessen, dass es auch noch andere Orte gibt als dieses Dorf. Sie wohnen alle in einer Straße, meine Schwester sogar im Haus meiner Eltern in einer Einliegerwohnung. Mit ihrem Freund, der genauso tickt."

„Wie anstrengend."

„Ich sags dir! Besonders weißt du, ich bin die Böse, weil ich, sobald ich konnte, abgehauen bin, um in der Ferne zu studieren."

„Kann man ja fast herzlichen Glückwunsch sagen." Paul lachte auf und auch Anna musste kichern.

Ja, man sollte sie beglückwünschen! Alle sollten das tun.

„Was studierst du jetzt eigentlich genau."

„Physik?"

„Bäh! Geh weg von mir!"

Paul rückte sofort wieder von ihr ab.

„Nein, komm wieder her. Mir ist kalt!" jammerte Anna im nächsten Moment und brachte Paul damit zum Schmunzeln.

Er rückte wieder zu ihr und zog sie an seine Brust. Ihr Herz schlug unweigerlich schneller und sie hielt den Atem an. War sie immer noch high?

Mit aufgerissenen Augen hob sie den Kopf und sah Paul wieder in die Augen. Ihr Herz wummerte nur noch schneller und lauter, während das Blut durch ihre Adern rauschte.

Ihr Blick glitt zu seinen Lippen und wie von selbst kam sie immer näher. Gerade rechtzeitig hielt sie inne.

Als hätte sie sich verbrannt, wandte sie sich aus seinen Armen und sprang auf. „Ich glaube, ich gehe jetzt ins Bett." Sie verhaspelte sich beinahe und hastete dann durch das hohe Gras zurück zur Haustür der Herberge.

Das Gras hatte echt gut geknallt, wenn sie beinahe Paul geküsst hatte. Hatte sie jetzt Geschmacksverirrungen? High sollte sie echt keine Zeit mit männlichen Freunden verbringen. An Niklas sollte sie wohl am besten auch schnell vorbei. Was würde sie bei ihm erst versuchen, wenn sie jetzt schon versuchte gewesen war, Paul zu küssen. 

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