Kapitel 7
„Shhh", machte er und legte mir eine Hand auf den Mund. „Du möchtest doch nicht die ganze Nachbarschaft aufwecken, oder?"
Ich brauchte meine ganze Kraft, um wieder aufzuhören. Stattdessen fing ich wieder an, unkontrolliert zu zittern.
Dabei schaute ich meinem Vater Ferin unverwandt in die Augen. Es war schließlich das Maigrün, was den Ausschlag gab, mich nicht gegen ihn zu wehren, auch, wenn er mir einen Schrecken eingejahgt hatte. Ich konnte es nicht fassen, ihn jetzt einfach so vor mir stehen zu haben. Ich hatte mir Nacht für Nacht ausgemalt wie unser Wiedersehen verlaufen würde, aber so hatte ich es mir nicht vorgestellt. Er anscheinend auch nicht, denn als ich immer noch nichts sagte oder tat, verzog er sein Gesicht.
„Indira" Ich liebte es, wie er meinen Name flüsterte. Es war, als hätte er etwas sehr Kostbares auf seiner Zunge. Seine Hand hob sich und kurz bevor er mein Haar berührte, verharrte sie in der Luft. „Es tut mir Leid!"
Ich schluckte und schaute ihn immer noch an. Nun schimmerten seine Augen wie grüne Teiche. Eine einzelne Träne löste sich aus einem Augenwinkel und rollte über seine Wange. Ich streckte meine Hand und kurz bevor ich sie auffangen konnte, hielt ich inne. So standen wir bewegungslos eine Weile. Keiner von uns rührte sich mehr oder wollte die Stille durchbrechen.
Ein Vogel tat es für uns. Hoch oben am Himmel stieß er seinen Ruf aus und der Zauber war gebrochen.
Ich holte tief Luft und somit meinen Ärger hinaus.
„Wieso hast du nichts gesagt. Wieso hast du nicht gerufen?" Ich konnte nichts dafür, dass meine Stimme so vorwurfsvoll klang. Ferin zuckte nicht zusammen, wie ich erwartet hatte. Vermutlich hatte er mit einem scharfen Umgangston gerechnet.
„Ich konnte nicht. Ich hatte so einen großen Kloß im Hals, dass ich jetzt auch kaum sprechen kann. Du bist so groß geworden, es ist unfassbar." Nun nahm er doch eine Haarsträhne zwischen seine Finger und betrachtete das helle Braun in seinen Händen.
Jetzt musste ich krampfhaft meinen Kloß herunter schlucken.
„Es ist so lange her. Ich habe dich jeden Tag vermisst, genauso wie Oma und den Wald." Meine Stimme brach und ich weinte still.
Mein Vater kam näher und überbrückte damit jede Distanz zwischen uns. Ich spürte die Wärme. Dann endlich umfingen seine Arme mich. Nach so vielen Jahren.
Ich sog den Duft des Waldes in mich auf und ließ mich fallen.
Ich wusste nicht, wie lange wir dort so standen mitten auf den Platz in Dunkelheit, nur schemenhaft beleuchtet von den bunten Laternen. Es war mir egal. Die Zeit spielte auf einmal keine Rolle mehr. Was zählte war nur dieser Augenblick.
Mein Vater war wieder da!
Das Herz in meiner Brust hüpfte und reparierte alle Risse und Schäden der vergangenen Stunden, Monate und Jahre.
„Ich freue mich dich zu sehen", flüsterte ich an seiner Schulter. Er lachte melodisch und ich bemerkte die Vibration bis in meinen Körper.
„Oh und ich erst. Jeden Tag habe ich euch vermisst und an euch gedacht. Aber es war einfach zu gefährlich. Mich von euch fern zu halten war nie der Plan gewesen, das musst du mir glauben." Er flüsterte es in mein Ohr.
Ich nickte langsam an seiner Schulter. Dann machte ich mich kurz von ihm los.
Ich biss mir auf die Unterlippe und schaute ihn scheu an. Der nächste Schritt fiel mir schwer und leicht zugleich.
„Ich verzeihe dir!" Meine Stimme klang fest und selbstbewusst. Mit jeder Faser meines Körpers meinte ich es auch so. Das Lächeln, was er mir schenkte war voller Güte und Liebe. Es sprach ein großes Danke in der Körpersprache der Elfen aus.
Dann glitt mein Blick zu seinem Gesicht und blieb bei einer Narbe an seinem Hals hängen, gefährlich nahe an der Pulsader. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte, war sie noch nicht da. Sie sah frisch aus und war noch dick und wulstig. Ich konnte meine Augen einfach nicht abwenden.
„Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?" Meine Stimme war kalt und bebend vor Wut.
„Später", meinte er kurz angebunden. Ich wusste, diskutieren war zwecklos. Ich musste in seinem Tempo mitlaufen. Die richtige Zeit wird noch kommen, sagte ich mir.
„Komm, lass uns gehen. Sonst erkältest du dich noch. Sag bloß dieser Umhang ist nicht gefüttert?" Er schaute kritisch an mir herunter.
„Nein, ist er nicht. Wir haben auch keine begnadeten Schneider, die quasi durch Zauberhand schneidern wie bei den Elfen."
„Durch Zauberhand trifft es ganz gut." Er schmunzelte. Dabei zog er mich sanft in Richtung Arbeiterviertel.
„Außerdem kannst du diesen Umhang nicht mehr tragen. Er ist ganz verschmutzt, starrt vor Dreck und hat nun auch Blutflecken." Er kniff besorgt seine Augen zusammen und musterte meine Aufschürfungen. Die hatte ich vor lauter Aufregung ganz vergessen. Nun fingen sie wieder an zu brennen und zu schmerzen.
„Ich mache dir gleich eine Salbe." Ich nickte und ließ mich immer weiter von ihm aus dem Elfenviertel führen. Weit weg von Henri und Cen.
Sein Umhang blähte sich wegen des frischen Windes auf. Unter einer Laterne konnte ich nun auch erkennen, dass es kein schwarz sondern dunkelblau war.
Kurz bevor wir unser Haus erreichten begann mein Herz wieder an zu rasen. Was sagte meine Mutter denn dazu? Ich haute am Abend ab und kam mitten in der Nacht mit meinem Vater an.
Mein Atem klang abgehackt und laut in meinen Ohren. Anscheinend war er es auch, denn Ferin blieb stehen und schaute mich aufmerksam an.
„Indira, du bist ganz blass. Was ist los?"
Ich hielt ihn am Ärmel fest, bevor er sich noch überlegt in unsere Wohnung zu stürmen und meine Mutter zu überfallen. Zuerst musste ich ihn warnen.
„Warte. Mutter hat sich verändert. Das solltest du wissen, bevor wir hochgehen." Sein Blick ruhte immer noch auf mir, ruhig und gelassen. Dann lächelte er verschmitzt und meinte nur beim Umdrehen: „Das kriege ich schon hin."
Wir beide waren so in unserer baldigen Begegnung mit meiner Mutter gefangen, dass wir alle Achtung und Vorsicht fallen ließen. So bemerkten wir auch nicht eine dunkle Gestalt, die sich tief in den Schatten der Häuser verborgen hielt. Sie beobachtete uns schon eine ganze Weile und war uns lautlos durch die Gassen gefolgt. Ein lebendiger Schatten. Bereit jeden Moment zuzustechen.
Nach dem bösen Cliffhanger nun die Fortsetzung =) Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen. Was sagt ihr denn zu dem Vater? Ab in die Kommentare.
Liebe Grüße!
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