Kapitel 6
In den nächsten Tagen ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich länger draußen blieb, als ich für die Aufgaben, die mir meine Mutter übertrug, brauchte. Das wäre an sich noch nicht das Schlimmste. Schlimmer war, dass ich mich immer näher an das Osttor heranwagte. Eine unsichtbare Anziehungskraft schien davon auszugehen und ich war ihr hoffnungslos ausgeliefert. So sehr ich mich dagegen sträubte, ich konnte nicht verhindern, dass mein Blick die Elfenmenge durchkämmte, immer auf der Suche nach zwei bestimmten Gesichtern.
Ich schämte mich deswegen, schließlich musste ich mich doch um meine Mutter kümmern und nicht dafür sorgen, dass sie sich aufregte. Das sagte mein Kopf, aber mein Herz sprach eine ganz andere Sprache.
Immer, wenn ich Elfen sah, klopfte mein Herz schneller und ich hoffte so sehr, dass ich die Luft anhielt. Es war dumm, dass wusste ich, aber sag das mal deinem Herzen!
Ich hing mit den Gedanken immer irgendwo, nur nicht in der Realität.
Meine Mutter bemerkte es und ermahnte mich: „Indira, wo bist du schon wieder? Pass auf, dass dir die Suppe nicht überkocht." Ich schrak auf und rührte schnell um.
„Ich... es tut mir Leid", sagte ich beschämt und biss mir auf die Unterlippe. Mein Blick richtete sich nun stoisch auf die Suppe, damit sie ja nicht überkochte.
Ich merkte, dass sie heute noch gereizter war als sonst, weil sie verkniffen und in sich gekehrt aus dem Fenster schaute. Nur ihr wippender Fuß verriet ihre Ungeduld und ihre scharfe Zunge. Auch, wenn ihre Augen scheinbar die Landschaft und das Treiben draußen beobachteten, war ich mir sicher, dass sie mich sofort fixieren würden, falls ich mir einen Fehler erlaubte.
Ich schluckte trocken und wiederholte mein Mantra: Er kommt. Er kommt. Er kommt.
Je öfter ich es wiederholte, desto eher konnte ich es glauben. Nur er konnte sie wieder retten. Er war ihre letzte Chance, ansonsten würde ich sie für immer verlieren.
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie er mir über mein Haar gestrichen hatte, als er mich das erste Mal mit auf Tierspurensuche mitgenommen hatte.
Er hatte sich vor mir hingehockt und mir tief in die Augen gesehen.
„Indira, heute zeige ich dir die Sprache der Tiere. Möchtest du ein paar Spuren sehen? Willst du lernen wie ein Wolf schleicht und ein Reh springt?" Ich nickte eifrig und voller Vorfreude. Natürlich wollte ich das.
Dann strich er mir über das Haar und sagte mit einem Augenzwinkern: „Dann mal los." Den ganzen Nachmittag über streiften wir durch den Wald und suchten die Bewohner von Bauten und Astlöchern und verfolgten frische Spuren im Matsch. Ich sah da zum ersten Mal eine weiße Hirschkuh...
Auf einmal roch es angebrannt. Der Geruch nach verbranntem Gemüse und Flüssigkeit zog in meine Nase und holte mich zurück in die Realität.
Ich erschrak und hielt die Luft an. Langsam drehte ich mich zum Fenster um.
Meine Mutter sah nun nicht mehr aus dem Fenster. Stattdessen schaute sie mich mit geräderten Augen an. Die Stille, die sich zwischen uns ausbreitete, war ohrenbetäubend. Die Sekunden zogen sich. Sie schaute mich einfach nur an, ohne etwas zu sagen. Das war eigentlich das Schlimmste. Ich merkte ihre Wut und Enttäuschung und fühlte mich nur noch schlechter.
„Indira." Sie zischte meinen Namen. „Was hat dich abgelenkt?" Ihre Nasenflügel bebten und sie ballte die Hände zu Fäusten.
Ich schaute sie starr an, machte meinen Mund auf und sagte ein einziges Wort: „Vater".
Was dann geschah, werde ich nie wieder vergessen. Es war so, als würde ihr Gesicht auflodern und ich sah da nur Schmerz. Blanker, reiner Schmerz.
Mir wurde schlecht und ich schloss gequält die Augen.
Ein Flüstern drang an mein Ohr, aber es war als würde sie mich anschreien.
„Raus!", befahl sie und ich floh so schnell es ging aus dem Haus.
Erst draußen erlaubte ich es mir zu weinen. Ich wurde so heftig von Schluchzern geschüttelt, dass ich anfing zu zittern. Trotz meiner wackeligen Beine lief ich immer weiter. Es war egal, wohin, hauptsache erst einmal weg von meiner Mutter und ihrem Schmerz.
Ich lief eine Zeit lang einfach vor mich hin, bis meine Tränen versiegten. Erst dann verlangsamte ich mein Tempo und gestattete mir eine Verschnaufpause. Ich schaute mich um und mein Herz begann wieder an zu rasen. Diesmal aber nicht von der Anstrengung. Ich war im Elfen-Viertel.
Mit einem Bauchkribbeln und einem wachen Geist ging ich durch die Straßen. Hier sah es anders aus als bei mir, dass merkte man sofort. Auf der Flucht mit Cen hatte ich keine Zeitgehabt, mich genauer umzuschauen, aber nun saugte ich alles in mich auf. Überall waren Laternen und Lampions aufgestellt, die ein warmes und buntes Licht in das Stadtbild brachten. Elfen hatten nicht nur eine Vorliebe für viel Licht, sondern auch für kunstvolle Bilder. Fast an jeder Hausfassade sah ich Bilder, die jeden Menschenkünstler vor Neid erblassen lassen. Ich sah Szenen mit stattlichen Elfen in blitzenden silbernen Rüstungen, kleine Elfen mit Blumenkränzen im Haar, fröhliche Elfen bei einem Fest und immer wieder die Farbe Grün.
Ich schaute die Bilder an und bekam einen Kloß im Hals. Ich fühlte mich als wäre ich zu Hause.
Der Klammergriff, der mein Herz zerquetscht hat, als ich das Haus verließ, wurde ein wenig lockerer.
Ich schlenderte weiter, mein Gang leicht und federnd, schließlich fühlte ich mich hier ein wenig zu Hause, aber doch auf der Hut. Meine Kapuze hielt ich immer noch starr umklammert. Ich wusste nicht so recht, wie die Elfen auf meine Ohren reagieren würden und ich wollte kein weiteres Risiko eingehen. Ich sah aber auch, dass sich einige mutige Menschen hierher gewagt hatten. Mit Kohle hatten sie hässliche Parolen an die Hauswände gekritzelt und böswillig Laternen und Lampions zerstört. Ich roch fast noch die Wut, die in der Luft lag. Es machte mich traurig zu sehen, dass sich die Situation anscheinend immer noch nicht gebessert hatte und dass Elfen hier in der Stadt eine unterdrückte Minderheit waren.
Die Sonne war vor ein paar Minuten untergegangen und nun warfen die Lichter um mich herum lange Schatten auf die Wände. Sie tanzten, weil der Wind die Kerze in ihrem Inneren bewegte. Genauso lautlos wie die schwarzen Schemen bewegte ich mich durch die Gassen und Gänge. Ich wusste sofort, nach was ich Ausschau hielt. Es war ein kleines ärmliches Haus. Nur in der Dunkelheit sah irgendwie alles gleich aus. Fieberhaft starrte ich in die Nacht und zerbrach mir das Gehirn über den Weg, den mich Cen zu seinem Haus geführt hatte. Nach einigem Hin und Her war ich zwar immer noch nicht schlauer als vorhin, aber gewillt meinen Gang fortzusetzen.
Gerade wollte ich mich zur nächsten Straße umdrehen, da hörte ich Schritte hinter mir. Schwere schnelle Schritte. Sie kamen direkt auf mich zu. Verwundert drehte ich mich um und sah einen Mann in einem schwarzen Umhang. Sein Gesicht war kaum zu erkennen, so tief hatte er die Kapuze ins Gesicht gezogen.
Vielleicht biegt er ja ab?, dachte ich hoffnungsvoll und wartete voller Anspannung seine nächsten drei großen Schritte ab. Als er an der nächsten Laterne war, drehte ich mich um und fing an zu rennen. Meine Schritte hallten nun genauso laut und hohl von den Wänden wider. Ich versuchte meinen Verfolger abzuschütteln, in dem ich Haken schlug und durch enge Gassen lief. Er blieb hartnäckig. Dieses Tempo würde ich nicht lange durchhalten. Dazu war ich zu ungeübt. Mein Atem ging schnell und rasselnd. Ich merkte die Anstrengung in meinen Beinen und meine Lunge schrie nach Pause. Ich kämpfte mich weiter durch das Viertel. Aufgeben war keine Option. Es war schließlich ein schwarzer Umhang. Wenn sie mich fanden war ich geliefert.
Ich erreichte einen kleinen Platz. Das Kopfsteinpflaster hier war sehr tückisch. Meine Konzentration legte ich auf meinen Weg. Ich schaute nur einmal kurz hoch und erkannte ein Haus am anderen Ende. Ich keuchte erstickt. Es war das Haus von Henri und Cen. Ich war fast am Ziel. Ich musste nur noch den Platz überqueren. Also setzte ich zum Sprint an... und strauchelte.
Gerade noch konnte ich meine Hände vors Gesicht schlagen, um den Sturz ein wenig abzufangen. Ich zischte, als ich merkte wie sich meine Arme und Knie aufschürften. Die Schritte meines Verfolgers klangen laut in meinen Ohren. Als ein schwarzer Schatten auf mich fiel, wusste ich, ich war verloren. Atemlos blieb ich auf dem kalten Boden liegen. Ich hatte keine Kraft mehr zum Kämpfen. Eine Hand packte mich an der Schulter und zog mich auf die Beine. Ich unterdrückte ein Wimmern und packte jedes Fünkchen Überlebenswillen in meinen Blick.
Schwer atmend standen wir uns gegenüber, dann zog mein Verfolger seine Kapuze von seinem Kopf.
Und ich fing an zu schreien. Sofort wusste ich: Es war etwas Schlimmes passiert!
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