Kapitel 5
Mit dem Eimer in der Hand trat ich auf die Straße. Ich schlug den altbekannten Weg zum Brunnen ein. Ein lauer Wind strich um meinen Körper und kühlte mein erhitztes Gemüt. Ich atmete einmal tief durch, um mich zu beruhigen. Es war immer noch ein großer Schreck für mich meine Mutter wie ein Häufchen Elend zu sehen. Sie war nicht immer so, aber vielleicht sollte ich lieber von vorne anfangen: Mit meiner Geburt.
Ich wurde in einer lauen Sommernacht geboren. Die Sonne stand schon tief am Himmel und schickte ihre letzten Strahlen auf die Erde. Sie tauchte diese kleine Stadt in goldenes Licht und durchflutete die Straßen mit ihrem Gelb. Auch die dunkelsten Gassen dieser Stadt.
In einer dieser Gassen wohnte ein guter Freund von uns. Er hütete unser Geheimnis und nahm es mit in sein Grab. Er half meiner Mutter, wo es nur ging. Auch bei meiner Geburt war er an ihrer Seite. Zusammen mit meinem Vater. Vater und Mutter wussten, worauf sie sich einließen, vermutlich hatten sie erst einmal tief eingeatmet, als sie meine Ohren sahen. Halbspitz, genau wie alle Ohren von Halbelfen.
Aber sie wussten ja, was für ein Risiko so eine Liebe barg. Und Liebe ist manchmal unvernünftig und nicht logisch. So auch bei meinen Eltern. Meine Mutter hatte meinen Vater kennengelernt, als sie mit einigen anderen Frauen im angrenzenden Stadtwald nach Heilkräutern gesucht hatte. Sie arbeitete als Pflegerin und kümmerte sich rührend um ihre Patienten. Einmal erzählte mir eine Freundin von ihr, wie sehr ihre Patienten sie liebten. "Sie kam in den Raum", sagte Elina mit Neid in der Stimme, "und die Menschen bekamen leuchtende Augen. Sie konnte nicht alle retten, aber sie linderte ihren Schmerz. Einfach nur, weil sie lächelte und zuhörte."
So lächelte sie sich auch in sein Elfenherz. In der Stadt war es verpönt mit Elfen befreundet zu sein und so trafen sie sich heimlich. Meine Mutter konnte es ihrem besten Freund nicht verheimlichen und so wurde er eingeweiht. Er war Nachtwächter und dank ihm konnten wir, als ich größer war, ungesehen an den Wächtern der Stadt vorbei und in die Wälder. Dort besuchten wir unseren Vater in der ersten Zeit meiner ersten Lebensjahre. Als kleines Mädchen lief ich durch die grünen Wälder und lernte die Gebräuche und Traditionen der Elfen kennen. Und meine Großmutter, die mir viele Legenden erzählte. In ihrem Schoß schlief ich glücklich ein.
Nach einigen Malen im Wald, wurde es meiner Mutter zu heikel und sie flehte meinen Vater an, in die Stadt zu ziehen, zu ihr. Er verneinte, was ich ihm nicht verübeln konnte. Er meinte, er könne nicht ohne seine Großmutter leben und er müsse auf sie aufpassen. Es kam zum Streit und für einige Monate herrschte Schweigen zwischen ihnen. Meine Mutter kümmerte sich weiter um mich und mit ihr ihr bester Freund Gerrit. Ich mochte ihn, er war lustig und unternahm schöne Ausflüge mit mir, aber ich vermisste meinen Vater, meine Großmutter und den Wald. Mutter verstand es nicht, als ich ihr von meinem Heimweh erzählte, aber vielleicht lag es daran, dass sie ein Mensch war.
Dann kam der große harte Winter und alles wurde noch schlimmer als vorher. Erst gingen die Lebensmittel zu neige und dann das Brennholz. Scharen von Menschen strömten in die Wälder und wollten die Bäume abholzen. Die Heimat der Elfen. Sie redeten nicht, machten keine Abkommen und ich glaube, darin lag der Fehler. Vor dem Winter wurden beide Rassen nebeneinander geduldet und man brauchte keine Verträge, aber mit dem Winter änderte sich auch dies.
Sie nahmen sich das Holz mit Gewalt. Die Elfen kämpften erbittert und voller Wut. Sie waren eigentlich ein friedfertiges Volk, das im Einklang mit der Natur lebte, aber wenn jemand ihr Zuhause bedrohte, verstanden sie kein Pardon.
Von da an waren Elfen in der Stadt noch weniger gerne gesehen und sie wurden bis in die hintersten Winkel der Stadt verdrängt. Sie kämpften für ein eigenes Viertel, das Osttor und irgendwann, als die Aufstände aufhörten, ließen die Menschen sie in Ruhe. Alle anderen Elfen hielten sich in den Wäldern versteckt, wie mein Vater. Nur ab und an schickte mein Vater einen Vogel, um uns auf dem Laufenden zu halten. Für mich war es ein Beweis, dass er uns nicht vergessen hatte, aber meine Mutter hatte die Hoffnung bereits aufgegeben. Früher war sie ganz anders: Sie hatte Lust am Leben, liebte alles, besonders die Natur und war fröhlich.
Vor einigen Vollmonden kam ein Brief von ihm, wo er schrieb, dass meine Großmutter gestorben sei. Daraufhin weinte ich, aber danach hoffte ich jeden Tag, dass er wiederkommen würde. Jetzt hatte er für mich keinen Grund mehr, in den Wäldern zu leben.
Meine Mutter wurde mit jedem Tag verhärmter und wortkarger. Sie verfluchte die Elfen und verbot mir, nicht ohne meine Mütze nach draußen zu gehen. Sie sollte meine Ohren verstecken. Ich vermutete, deswegen sprachen auch die Händler auf dem Markt mit mir. Sie ahnten nicht, dass ich ein Mischling war. Vor den Jugendlichen in meinem Alter musste ich mich in Acht nehmen, denn sie konnten sehr gemein sein. Wenn sie erfuhren, was ich war, dann wurde alles noch schlimmer.
Genauso wie gestern, als ich auf dem Markt war. Ich wollte Brot und Gemüse für uns besorgen, als ich hinter mir Lärm hörte. Hufgetrappel um genau zu sein. An sich war das nicht ungewöhnlich, aber danach hörte ich Menschen schreien und fluchen. Ich drehte mich um und sah hochgewachsene Gestalten auf Pferden. Ihre schwarzen Umhänge flatterten hinter ihnen her und dann hörte ich die Stimme meiner Großmutter in meinem Kopf und eine Kurzschlussreaktion setzte ein. Ich fing ganz automatisch an zu rennen. Die Umhänge bemerkten es und jagten mich. Ich wusste nicht wieso, aber vielleicht lag es einfach daran, dass sie Halbelfen nicht mochten. Ich konnte mich aber nicht daran erinnern, dass es irgendjemand außer meiner Mutter und mir wussten.
Nur Feinde gab es immer und überall!
So zog ich meine Mütze tief über meine Ohren und ging zum Brunnen. Ich hatte Glück, es war weniger los, als ich dachte. Ich tauchte den Eimer in das klare Wasser und stellte ihn auf dem Rand ab. Einen kurzen Moment setzte auch ich mich und sammelte meine Kräfte. Wieviel lieber wäre ich hier geblieben, als gleich wieder nach Hause zu gehen. Oder bei Henri und Cen geblieben. Ich wusste nicht, woher der Gedanke auf einmal kam, aber er war da. Vor Schreck sprang ich auf und versuchte den Gedanken zu vertreiben. Sie waren Elfen, schärfte ich mir ein. Meine Mutter würde mich dafür hassen. Aber ein kleiner Teil von mir wollte wieder mit Elfen zusammen sein und verstand den Hass nicht.
Seufzend stand ich auf. Ich konnte nicht ewig hierbleiben. Ich musste mich mal wieder der Realität stellen.
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