Kapitel 27
„Wo sind wir hier?", fragte ich flüsternd.
„Sieht aus wie ein Lager für Kräuter und alles mögliche", antwortete Cen, in genau dem gleichen Flüsterton.
Ich drehte mich vorsichtig um die eigene Achse und begutachtete die Flaschen, Tiegel und Kräuter, die von der Decke hingen. Es erinnerte mich ein wenig an zu Hause, als meine Mutter mit Freude Pasten zusammengerührt hatte für ihre Patienten. Es roch so ähnlich. Mir flogen tausend Düfte in die Nase. Von herben Kräutern, über süße Flüssigkeiten bis hin zu Waldgerüchen, die von den getrockneten Zapfen und Kiefernadeln herrührten, die in einem Korb gesammelt in der Ecke standen. Ich entdeckte an der Wand noch einen langen Holztisch, der eher einer Werkbank glich, auf dem ein Mörser mit Stößel und andere Gerätschaften standen.
„Ein merkwürdiges Lager", bemerkte ich laut und Cen ergänzte: „Hier ist so einiges merkwürdig." Ich drehte mich zu ihm um und sah wie er sich hingehockt hatte. Er zerrieb etwas zwischen seinen Fingern. Seine Stirn hatte er konzentriert in Falten gelegt.
„Dieses Pulver ist hier überall auf dem Boden verstreut. Ich habe noch keinen blassen Schimmer was das ist. Ich kann unsere Heilerin fragen, vielleicht weiß sie mehr?"
Ich machte einen zustimmenden Laut und ging auf die Werkbank zu.
„Es muss erst vor kurzem hergestellt worden sein. Hier, siehst du, Reste vom Pulver befinden sich in dem Mörser." Mit schnellen Schritten stieß Cen zu mir und schaute mir über die Schulter.
„Ja, du hast Recht. Gut kombiniert", lobte er mich und beugte sich stirnrunzelnd noch weiter zu dem Mörser herunter. Seine Haare streiften kurz meine Wange und kitzelten meine Nase. Instinktiv machte ich einen Schritt zur Seite. Cen hob nur kurz seinen Kopf, schaute für einige Sekunden irritiert, als würde er überlegen, ob er Schuld gewesen sei, aber widmete sich dann wieder ganz seiner Recherche.
Ich beobachtete ihn dabei, wie er auch hier das Pulver zwischen seinen Händen zerrieb. Dann zog er einen kleinen Lederbeutel aus seiner Innentasche und befüllte ihn mit der unbekannten Substanz. Sicherheitshalber holte auch ich meinen Lederbeutel hervor und tat es ihm nach.
„Ich glaube, wir haben nun alles gesehen. Lass uns weiter. Wir haben uns schon zu lange hier aufgehalten. Außerdem gibt es in diesem Haus keine trockene Kleidung."
Da stimmte ich ihm ausnahmsweise einmal zu.
„Hast du denn einen Plan, wie wir an den Wachen vorbeikommen? Die würden unsere Köpfe nämlich liebend gerne auf den nächsten Pfahl spießen, wenn sie uns in die Finger kriegen."
Für einen kurzen Moment legte sich der Schalk über Cens Augen.
„Na na, Indira, wo ist dein unverbesserlicher Optimismus geblieben?"
Er grinste mich an, als würde er solche brenzligen Situationen tagtäglich erleben.
„Ich hoffe, du bist eine Wasserratte?" Meine Augen weiteten sich und ich schaute ihn erschrocken an.
„Du willst wieder ins Wasser?"
Er nickte entschlossen, sein freches Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein?" Meine Stimme rutschte eine Oktave höher vor Aufregung. „Hast du die Strömung vergessen oder kam mir die nur so stark vor? " Die Ironie mischte sich unter meine Worte und gab ihnen den beißenden Unterton, den ich so sehr hasste.
„Indira", versuchte Cen mich mit einem sachlichen Ton wieder nach unten auf den Boden der Tatsachen zu bringen, „die Strömung zwischen den Pfahlhäusern ist nicht so stark wie bei einer weiten Fläche. Wir sind durch die Pfähle so gut wie geschützt. Wir müssen nur aufpassen, dass die Wellen uns nicht die Orientierung nehmen und uns gegen das Holz schlagen. Natürlich sollten wir auch so leise wie möglich schwimmen und laute Geräusche vermeiden. Schaffst du das?" Ich drückte meinen Rücken durch und nickte knapp. Mir war ganz und gar nicht wohl dabei, aber was blieb uns für eine Wahl?
„Kennst du den Weg?", fragte ich matt und ein kleiner Teil hoffte, er würde Nein sagen und das hirnrissige Unterfangen abbrechen.
„Ja, ich habe eine Vermutung. Wir müssen einfach der Hängebrücke folgen, die von dieser Plattform zur nächsten führt. Ich habe die leise Hoffnung dort auf Henri zu treffen. Ihn hast du nicht gesehen, oder?"
Während er redete, suchte er den Raum ab. Er ging zur Werkbank und nahm einen kleinen Dolch in die Hand. Er wog das Gewicht und drehte sich dann wieder zu mir um.
„Nein, Henri habe ich leider nicht beim Überleben im Wasser getroffen." Cen ignorierte meine Stichelei geflissentlich und hielt mir den Dolch hin. Die Scheide glänzte hell silbern im fahlen Licht, das von draußen hereinfiel.
„Hier, es wäre besser, wenn du eine Waffe bei dir hast. Nur für alle Fälle." Zögernd nahm ich ihm den Dolch aus der Hand. Ich war überrascht wie leicht er wog und trotz Ekel vor allem Gewalttätigen, was eine Waffe ausstrahlen könnte, fühlte ich mich automatisch sicherer und stärker.
„Danke", murmelte ich und folgte Cen so lautlos wie möglich nach draußen.
Die Dunkelheit war meines Erachtens noch ein wenig finsterer geworden, was mich im ersten Moment abschreckte, aber nach einem Moment des Überlegens fand ich es doch eher positiv. So konnte man uns nicht so schnell im Wasser entdecken.
Cen hatte wohl die gleichen Gedanken, denn er flüsterte „Sehr gut" zu niemandem bestimmten und schaute mir funkelnden Augen auf die Wassermassen. Er ging bis zum Rand der Plattform, hockte sich hin und ließ sich langsam ins Wasser gleiten. Nur durch ein fast gehauchtes Oh wusste ich, dass das Wasser eiskalt sein musste.
Schon deswegen versuchte ich den Moment, in dem ich zu ihm musste, hinauszuzögern. Erwartungsvoll schaute Cen mich an, der sich mit seinen Händen am Holz festhielt.
„Indira", wisperte er. „Komm schon!" Mit einer fast schon ungeduldigen Geste hielt er mir die Hand hin, die ich nach einigen Sekunden ergriff. Ich schaffte es nicht mal annähernd so leise ins Wasser zu steigen wie Cen, aber es war anscheinend noch annehmbar, da sich die Wachen munter weiter unterhielten.
Und ich hatte mit meiner Befürchtung Recht gehabt: Das Wasser war gefühlt unter den Nullgrad. Aber nun war kein Zeit zum Bibbern, denn Cen schwamm mit kräftigen Zügen Richtung Hängebrücke.
Ich folgte ihm etwas langsamer. Nicht, dass ich mit der Strömung zu kämpfen hatte, nein, die war, wie Cen vermutet hatte, hier zwischen den Pfahlhäusern so gut wie nicht vorhanden. Die Schwimmbewegungen im Allgemeinen machten mir zu schaffen. Da ich nie wirklich die Möglichkeit hatte schwimmen zu gehen, waren mir nur Zeichnungen aus Büchern geblieben. Früher als kleines Kind, als ich bei meiner Oma war, da war ich in den Waldseen schwimmen gewesen, aber das war schon lange Vergangenheit. In diesem Moment verfluchte ich mein jüngeres Ich. Wäre ich doch bloß aufmerksamer gewesen, als sie von den Schwimmbewegungen erzählt hatte und sie mit mir auf Land geübt hatte. Nun hatte ich den Salat.
Verzweifelt versuchte ich mit Cen mitzuhalten, aber der Abstand vergrößerte sich mit jeder kleinere Welle, die mir entgegen schwappte. Ich hustete Salzwasser. Zum Glück war Cen so aufmerksam, dass er bemerkte, dass ich Schwierigkeiten hatte. So drehte er um, war mit drei Schwimmzügen bei mir und fragte: „Geht es?"
Ich schüttelte den Kopf und hustete wieder.
Ohne ein weiteres Wort nahm Cen meinen Arm und schwamm mit mir weiter. Es fiel mir nun leichter den Wellen zu trotzen, denn mein Begleiter gab mir Auftrieb.
„Das müssen wir als erstes trainieren", hörte ich ihn murmeln, aber es könnte auch sein, dass das Gurgeln und Blubbern des Wassers mir einen Streich spielte.
Die Strecke zog sich, was mich wunderte. Von der Plattform aus, sah der Weg gar nicht so weit aus. So konnte man sich täuschen.
Als meine Arme und Beine vor Anstrengung begannen zu brennen und der Atem nur noch abgehackt in meinen Ohren klang, stieß Cen endlich gegen Holz. Er hatte es so geplant, dass wir genau in der Mitte der Holzseite ankamen. Die Ecken waren mit Fackeln ausgeleuchtet, die wir tunlichst mieden.
Zuerst stieg Cen aus dem Wasser, genauso leise wie er sich vorhin hineingleiten gelassen hatte. Als er sicher auf der Plattform war, drehte er sich zu mir um und reichte mir eine Hand. Dankbar ergriff ich sie und stemmte mich mit seiner Hilfe hinauf. Tropfnass und zitternd vor Kälte saßen wir für Sekunden nur da und starrten uns an. Beide erstaunt taumelnd und ungläubig, dass wir es geschafft hatten. Unsere Wangen waren vor Kälte und Adrenalin gerötet.
Wie auf ein lautloses Kommando standen wir auf und flüchteten erst einmal in den Schatten des Hauses. Auch hier auf dieser Plattform gab es ein Pfahlhaus, aber diesmal war es anders.
Hier stand statt eines einfachen Hauses ein Baumhaus mit mehreren Etagen. Schon allein vom Äußeren sah man, dass es eine besondere Funktion erfüllen soll.
Eine geschnitzte Holztreppe führte zur zweiten Etage und genau da mussten wir herauf. Ich wusste es, ohne, dass ich sagen konnte, woher dieses Wissen auf einmal herkam.
Ich stupste Cen leicht an und deutete nach oben. Er folgte meinem Blick, sah die Treppe und nickte leicht, zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Mit einer fließenden Bewegung setzte er seine Kapuze auf und ich machte es ihm nach. Meine Haare waren eh nass, also machte es keinen großen Unterschied einen vollkommen durchnässten Stoff auf meinen Kopf zu ziehen.
Gerade, als wir die Treppenstufen hoch schleichen wollten, hörten wir schwere Stiefelschritte und das Geklapper von Metall auf Metall. Wachen, dachte ich sofort und verschmolz mit Cen im Schatten. Wir pressten uns dicht an die fast schwarzen Pfähle und warteten ab.
Ich sah die schwarzen Schatten, die sich auf den Holzboden ausbreiteten, während die Wachen immer näher kamen. Wie Tinte, die ausläuft dachte ich, entsetzt und fasziniert zugleich. Dann riss ich mich von dem Anblick los und lauschte in die Nacht.
Im Gegensatz zu den anderen Wachen sprachen sie nicht, sondern kamen einfach unaufhaltsam näher. Neugierig und auch ein wenig lebensmüde, linste ich um die Ecke, um abschätzen zu können, mit wie vielen wir rechnen mussten. Bevor mich Cen am Arm packte und mich wieder in den schützenden Schatten zerrte, erstarrte ich bei dem Anblick der Männer. Mein Herz polterte und der Atem beschleunigte sich. Mit unnatürlich weit aufgerissenen Augen starrte ich schockiert weiter vor mich hin, bis mich endlich die leise zischende Stimme von Cen erreichte.
„Indira? Was ist?" Seine Stirn hatte sich vor Sorge in Falten gelegt.
Ich sammelte Spucke, um meinen auf einmal trockenen Hals zu befeuchten. Ich schluckte krampfhaft und krächzte genauso leise: „Die Umhangtypen, sie sind genau hier!"
Hallo ihr Lieben,
ein äußerst merkwürdiges Kapitel, das viele Fragen aufwirft. Habt ihr Theorien zu dem komischen Pulver? Und was um Himmels Willen machen denn die Umhangtypen hier?
Ich habe sie nicht bestellt! ;) So etwas würde ich unserem Dreigespann doch nicht antun...
Wenn ihr euch mit mir austauschen wollt, schreibt mir. Ich freue mich! :)
Liebe Grüße!
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