Kapitel 25

Es war nicht einfach durch den riesigen Stapel aufgeschichteter Bäume zu kommen, der sich kilometerlang zu den Seiten erstreckte. Dünne Zweige verfingen sich in meinem Haar, ich ratschte mich an der rauen Baumrinde und musste höllisch aufpassen, dass ich mir nicht meine Augen ausstach. Henri, der hinter mir war, erging es ähnlich, denn er fluchte fürchterlich. Für ihn war es vermutlich noch anstrengender, denn er konnte sich nicht so einfach durch enge Lücken quetschen oder sich tief herabbeugen. In dieser Situation war ich heilfroh, dass ich kein Riese war.

Nachdem ich mich endlich durch das Dickicht gekämpft hatte, blieb ich keuchend und verschwitzt stehen. Mein Atem klang abgehackt und ich hörte meinen donnernden Herzschlag in den Ohren. Ich ließ mich auf den Boden fallen und schämte mich gleichzeitig dafür. Meine Ausdauer ließ wirklich zu wünschen übrig. Henri stieß kurze Zeit später zu mir, natürlich noch genauso fit wie vor dem Gekraxel zwischen den toten Bäumen.

Ein paar Minuten später, als ich wieder zu Atem kam, hatte ich auch die Kraft mich umzuschauen. Wir fanden Cen einige Meter von uns weg, reglos auf einer Stelle verharrend. Er starrte wie gebannt auf eine Stelle in der Ferne.

Ich folgte seinem Blick mit einem mulmigen Gefühl in meiner Magengegend. Wenn Cen schon so schaute, bedeutete es nichts Gutes.

Aber erst einmal sah ich nur die Schwärze der Nacht. Ich strengte meine Augen stärker an und ein paar Minuten später konnte ich die verschiedenen Nuancen der Schwarz- und Grautöne unterscheiden.

Langsam hob sich der Nebel vor meinen Augen und ich sah dunkle Umrisse. Ich hörte das Wasser und roch das Salz. Dann wurde mir schlagartig klar, was ich dort vor mir hatte. Es war das Lager von Daray. Wir waren tatsächlich an unserem Ziel.

Aber das konnte nicht sein. Es widersprach allem, was ich über Elfen wusste. Aber waren die abgeholzten Bäume nicht das erste Zeichen, das sich hier etwas Grundlegendes verändert hatte? Mein Blick wanderte zu meinen beiden Begleitern. Sie sahen genauso erschüttert aus. Henri klappte den Mund auf, aber es kam kein Wort heraus. Mein Blick heftete sich wieder auf den See und mit einem tiefen Atemzug versuchte ich zu akzeptieren, was ich sah. Vor mir, direkt auf dem klaren Bergsee, waren schwimmende Inseln. Die toten Bäume dienten als Plattform für die kunstvollen Gebäude, die sich auf dem Wasser befanden. Es waren Baumhäuser, die auf ihren Stelzen mit den Plattformen verbunden waren. Dunkel schoben sie sich in den Himmel und hatten rein gar nichts mit der Gemütlichkeit des anderen Lagers zu tun. Es war eine Festung und kein Zuhause!

Ab und an beleuchteten Fackeln, angebracht an den Seiten der Häuser, die Umgebung. Dunkle Schatten waren da, wo das Licht nicht hinkam und tauchte alles in eine noch schaurigere Atmosphäre.

Ich fand als erste meine Sprache wieder.

„Das war nicht das ursprüngliche Lager, so viel steht fest."

Cen drehte sich zu mir um und ich bemerkte den stechenden Blick, bevor er mich überhaupt anschauen konnte.

„Ach, wirklich?" Ich verdrehte innerlich mit den Augen, als ich seine beißende Ironie vernahm. „Wow, du bist wirklich eine Blitzmerkerin!"

Ich lächelte und sagte zuckersüß: „Danke für das Kompliment, aber ich glaube wir haben gerade ganz andere Probleme, als uns mit meiner Intelligenz zu beschäftigen, findest du nicht auch?"

Er schwieg verblüfft und ich zählte im Stillen. Eins zu null für Indira.

Henri ging ein paar Meter am Ufer entlang und starrte schweigend auf die Wasseroberfläche. Dann gab er uns plötzlich ein Handzeichen und wir folgten seinem ausgestreckten Arm. Ich sah dunkle Gestalten auf der Wasseroberfläche. Nun vernahm ich auch das leise Schnauben von den Pferden mit denen die Gruppe vor uns los geritten ist.

Da draußen war mein Vater und er ging scheinbar auf dem Wasser. Für einen Moment fragte ich mich ernsthaft, wie sie bitte auf dem Wasser laufen konnten. Ich beobachtete die Prozession weiter. Sie gingen unbeirrt weiter, so als würden sie den Weg kennen. Ich sah wie sich eine Fackel bewegte und vermutete eine der Wachen hatte die Leute bemerkt. Ich konnte kaum meine Augen abwenden, aber dann tat ich es doch, als Cen einen leisen Pfiff ausstieß. Er hatte sich hingekauert und am Strand Algen und Muscheln zur Seite geschaufelt. Zum Vorschein kamen schwarze Planken, von den Wellen sehr gut verborgen. Also doch keine Begabung oder Zaubertrick. Irgendwie war ich erleichtert.

Cen stieg als erster auf den Steg, dann folgte Henri und zum Schluss wagte ich mich auf die glitschigen Bretter. Ich vertraute ihnen nicht und schaute argwöhnisch nach links und rechts. Ich sah nur schemenhaft die Planken unter mir und das gab mir ein mulmiges Gefühl. Die Wellen leckten gierig an dem Holz und schwappten ab und an über meine Füße. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor der anderen und tastete mich so vorwärts.

Cen und Henri schienen keine Probleme zu haben, denn sie gingen gezielt voran. Kein Wunder, denn sie hatten bessere Augen, die im Dunkeln mehr sahen. Wieder einmal beneidete ich sie um diese tolle Fähigkeit.

Aber Neid half mir in der jetzigen Situation auch nicht viel und so ignorierte ich das kalte Nass einfach und hielt mich an meine zwei Begleiter.

Wir waren bei der Hälfte des Weges, als die andere Gruppe bei dem Lager ankam. Schon kurze Zeit vorher hatte einer der Wegbegleiter von unserem Anführer eine weißes kleines Tuch geschwenkt, als Zeichen des Friedens.

Sofort danach kam eine Gestalt, die vorher auf einem Ausguck war, herunter und nahm die kleine Truppe in Gewahrsam. Nur von weitem sah ich, wie sie kurz diskutierten, da sie die Hände erhoben. Ganz schwach vernahm ich den Klang ihrer wütenden Stimmen, aber einzelne Wörter geschweige denn ganze Sätze verstand ich nicht.

Nach zehn weiteren Schritten von mir verschwand die Gruppe vor uns aus meinem Sichtfeld. „Sie sind reingekommen", wisperte ich Cen und Henri zu.

Cen drehte sich zu mir um. „Ja, das habe ich auch beobachtet. Wenn die das schaffen, dann schaffen wir das auch." Sein Ton klang entschlossen und eine Spur grimmig. Und ganz sicher leichtsinnig, ergänzte ich in Gedanken meine Liste.

Henri dagegen sagte nichts dazu, sondern ging unbeirrt den Weg weiter.

Auf einmal zerriss ein langgezogener Pfiff die um uns herrschende Stille. Ich hob ruckartig den Kopf und meine Augen blickten wild umher. Ich versuchte in der Schwärze der Nacht irgendetwas zu sehen, aber das war hoffnungslos.

„Was war das?" Nun hörte ich auch Henris Stimme. Er war stehengeblieben.

„Vermutlich nur..." Cens Vermutung blieb mir für immer ein Geheimnis, denn nun geschah alles ganz schnell.

Hallo ihr Lieben,

nun ein weiteres Kapitel mit (wie soll es anders sein) einem Cliffhanger ;) Der ist diesmal besonders fies, weil sich Indira in die Sommerpause verabschiedet. Würde ich auch, wenn ich so viel um die Ohren hätte, wie sie gerade in dem Moment. Ich werde mich im August mit neuem Lesestoff bei euch melden und wünsche euch einen schönen Sommermonat! =)

Wir lesen uns!

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