Kapitel 20
Cecilia starrte nun gedankenversunken auf einen Fleck vor sich und atmete ein wenig schneller.
„Ich hatte zwischen den Blumen eine tote Maus entdeckt und mich erschrocken. Durch meinen Schrei hatte sich Cen umgedreht und vor Schreck über mein bleiches Gesicht den Pfeil losgelassen, der sich dann scharf in meinen rechten Arm bohrte. Und wie du ja weißt, haben wir keine magischen Kräfte, die eine Blutung stoppen können oder schnell Wunden schließen." Ich nickte. Das wurde mir schon von klein auf beigebracht von meiner Oma. Elfen lebten in den Wäldern und kannten sich hervorragend mit Heilkunde aus, aber sie konnten nicht hexen. Das machte sie in meinen Augen auch so menschlich. Sie hatten aber ein gutes Gespür für die Natur um sich herum und trafen meist Vorhersagen sehr genau, wenn es zum Beispiel um das Wetter ging. Das und ihr anderes Aussehen mit den spitzen Ohren ließen Mythen und Gerüchte aufkochen über das Volk, das angeblich mit gefährlichen Kräften auf die Welt kam, die niemand erklären konnte.
„Cen war wie gelähmt, als er sah, dass er mich verletzt hatte. Er lief zu mir hin und begutachtete meine Wunde. Nur in seiner Ausbildung lernte er nur grob, wie man Verbände machte. Und ich war noch nicht so weit, dass mir dieses alt ehrwürdiges Wissen anvertraut wurde."
Davon hatte ich auch gehört, dass erst nach der Zeremonie, bei der ein Elf oder eine Elfe als volljährig zählte, das Wissen übermittelt wird. Die Rezepte werden von Generation zu Generation weitergegeben, aber nur an diejenigen, die man für würdig hält. Sie sollten sich loyal zu ihrem Volk erweisen und nur das Gute wollen.
„Also liefen wir so schnell es eben ging zum Lager zurück. Ich wurde ins Krankenzelt gebracht und wieder gesund gepflegt. Heute kann ich meinen Arm wie in alten Zeiten bewegen und nur eine Narbe erinnert mich noch an sein Versehen. Ich hätte es schon fast vergessen, wenn Cen sich nicht immer wieder damit quälen würde. Die Standpauke unserer Eltern hat er stoisch über sich ergehen lassen, auch als sein Vorgesetzer mit ihm geredet hatte, was er sich denn dabei gedacht hätte, seine kleine Schwester auf so ein waghalsigen Ausflug mitzunehmen, hatte er nicht mit der Wimper gezuckt. Aber dann habe ich ihn im Schlaf weinen hören und das mehrere Mondphasen lang. Am Tag redete er nicht darüber, sondern übte nur noch verbissener mit dem Umgang der gefährlichen Waffen. Nach einigen Monaten habe ich es mal wieder angesprochen und war erstaunt, dass er sich mir öffnete. Aber er war sehr gut gelaunt an dem Tag und schien es mir nicht übel zu nehmen, den mehr als sieben Jahre in der Vergangenheit liegenden Unfall zu thematisieren. Er erzählte mir, dass er es wieder gut machte, indem er nun versuchte möglichst immer ein wenig auf Abstand zu bleiben. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es das Geschehen nicht rückgängig machte, wenn er sich so verhielt, aber er wollte nicht auf mich hören.
Mit den Jahren wurde es besser und mit jedem Tag, an dem nichts weiter schlimmes passierte, fiel ein wenig Last von seinen Schultern. Nur manchmal fällt er immer noch in sein altes Muster zurück und zwar dann, wenn er Angst hat um jemanden. Er kann sich in der Hinsicht nicht gut artikulieren, aber im Grunde genommen ist es seine Art zu zeigen, dass ihm jemand wichtig ist."
Erst wusste ich nicht, was ich sagen sollte, aber dann meinte ich ganz leise: „Das Bild von ihm rührt mich zu Tränen."
Cecilia lächelte mich leicht an und sagte dann genauso leise: „Cen ist durch und durch gut, vergiss das nicht. Er hat ein sehr großes Bedürfnis zu helfen und sein Beschützerinstinkt ist manchmal größer als sein Verstand, aber vielleicht hat jeder große Bruder so etwas in sich?" Sie zupfte sich nachdenklich an den Haaren.
„Manchmal ist sein Verstand wirklich klein", murmelte ich scherzhaft und zersprengte somit die nachdenkliche Stimmung.
Cecilia kicherte und ich fiel mit ein, bis wir uns kurze Zeit später vor Lachen die Bäuche hielten.
So als hätte er gewusst, dass wir vor ein paar Sekunden noch über ihn geredet hatten, streckte Cen seinen Kopf durch den Zelteingang.
„Cecilia, lass uns essen", sagte er ruhig, aber bestimmend. Ich merkte wie ich ihn anstarrte und einen jüngeren Cen vor mir sah, der verzweifelt versuchte, seine seinetwegen verletzte Schwester nach Hause zu bringen. Meine Schulter entspannten sich und ich spürte förmlich wie meine Wut auf ihn ein kleines bisschen nachließ.
Cecilia kam leichtfüßig nach oben und ging Richtung Ausgang. Sie lächelte ihren Bruder lieb an, der zurücklächelte. Sein Mund verzog sich nach oben und die Augen strahlten die Person vor ihm an. Mir wurde flau im Magen, als ich kurze Zeit später wieder in ein vollkommen leeres Gesicht blickte, als er sich mir zuwandte. Für einen Moment kreuzten sich die Blicke und ich sagte mir immer wieder in Gedanken diesen einen Satz vor: Cen ist gut und will nichts Böses.
Sie schaute sich noch einmal zu mir um und meinte dann verschmitzt: „Apropos Essen, ich habe noch ein wenig Proviant. Falls ihr was braucht..." Mir blieb der Mund offen stehen und sie zwinkerte mir zu. Wusste sie etwa, dass wir etwas vorhatten? Verwirrt schaute ich zu ihrem Bruder, der aber genauso irritiert aussah, wie ich mich gerade fühlte.
Cecilia ließ sich durch unsere fragenden Blicke nicht aus der Ruhe bringen, sondern schlenderte betont lässig und fröhlich mit einem „Wir sehen uns, Indira" nach draußen.
„Weiß sie etwas?" Meine Stimme klang ein wenig zu angespannt.
Cen hob seinen Kopf und fuhr sich mit der Hand durch seine eh schon zerzausten Haare.
„Ich habe keine Ahnung. Manchmal denke ich, sie kann meine Gedanken lesen." Er starrte einen Moment auf den Boden, um dann seinen festen Blick auf mich zu richten.
„Aber das hält mich nicht auf, den Plan durchzuziehen." Mir entging nicht, dass er im Singular sprach und nicht das Wort Wir benutzte. Ich ignorierte den Stich in der Brust und sagte mir im Kopf wieder „Cen ist gut".
„Dann soll sie doch das Essen bringen. Vielleicht ist es keine schlechte Idee." Nach diesen Worten verschwand er und hinterließ bei mir einen nachdenklichen und grüblerischen Ausdruck auf meinem Gesicht.
Hey ihr Lieben,
was haltet ihr von der kleinen Hintergrundgeschichte über Cen und Cecilia. Ich hatte das Gefühl, seine manchmal schlagartig wechselnde Stimmungen erklären zu müssen. Ich hoffe, euch hat es gefallen. Lasst es mich in den Kommentaren wissen.
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