Kapitel 16
Nach dem Frühstück durchkämmte ich das Lager auf der Suche nach Cecilia. Ich fand sie bei den Pferden, wie sie gerade eine Fuchsstute mit duftendem Heu fütterte.
„Hey", begrüßte ich sie, fast schüchtern. Sie schaute von ihrer Arbeit auf und lächelte mich warm an.
„Hallo Indira, schön dich zu sehen!" Sie reichte mir eine Handvoll Heu und ich ging vorsichtig auf die Stute zu. Etwas zögerlich hielt ich ihr die Hand mit dem Futter hin. Das Pferd blinzelte einmal und fraß dann genüsslich.
„Sehr gut machst du das!", lobte mich Cecilia. „Luna frisst nicht jedem aus der Hand. Aber dich mag sie anscheinend. Verwundert mich nicht!" Verlegen biss ich mir auf die Unterlippe.
„Cecilia, ich muss mich bei dir entschuldigen", fing ich an. Mein Gegenüber ließ das Heu fallen und widmete mir ihre ganze Aufmerksamkeit.
„Ich habe mich gestern nicht sehr nett verhalten. Vielleicht hast du das nicht so mitbekommen", fügte ich hinzu, als ich ihre gerunzelte Stirn sah, „aber zumindest waren meine Gedanken zu dir nicht nett und vor allem nicht angemessen." Ich verstummte, dann setzte ich noch einmal an: „Ich wusste nicht, dass du seine Schwester bist." Nun knetete ich nervös meine Hände und heftete meinen Blick auf den Boden.
„Was dachtest du denn?", fragte mich Cecilia freundlich, schien kurz zu überlegen und sagte dann einfach nur „Oh", als sie auf die Lösung kam.
Einen Moment war es still, dann fing sie an zu kichern.
„Cen und ich? War das dein Ernst?" Ich schaute sie hilflos an. „Man erkennt doch schon an unseren Anfangsbuchstaben, dass wir Geschwister sind!"
„Ach, so habe ich das noch gar nicht gesehen", ertönte auf einmal eine Stimme hinter uns. Wir beide wirbelten herum und sahen Cen neben einem Pferd stehen.
„Ich habe ihr gestern erzählt, wir hätten die gleiche Nase", fuhr er fort, als keiner von uns einen Ton herausbrachte. Ich, weil ich mich immer noch nicht daran gewöhnt hatte, dass Cen sich so gut anschleichen konnte und Cecilia, weil sie kaum Luft für das Sprechen hatte, so sehr musste sie lachen.
Als sie sich wieder beruhigt hatte, sagte sie an uns beide gewandt: „Ich wurde heute für das Vorrätesammeln eingeteilt. Dummerweise muss ich heute auch noch den Pferdeplatz säubern, ich weiß aber gar nicht, ob ich das heute alles schaffen kann. Ich möchte mich aber nicht schon wieder Ärger bei dem Pferdemeister einhandeln. Könnt ihr mir vielleicht das Säubern abnehmen? Zu zweit geht es auch viel schneller." Ihre Stimme triefte vor Unschuld und ihr Lächeln glich dem eines Engels. Wie konnte man ihr da überhaupt widersprechen?
Cen kam zu seiner Schwester, verdrehte seine Augen und meinte lässig: „Wie du meinst, Schwesterherz. Du schuldest mir dann aber etwas? Indira hat eh keine Wahl, sie muss noch ihren Gefallen einlösen." Bei den Worten wandte er sich an mich und verzog seine Lippen zu einem schelmischen Grinsen.
Stimmt, das hatte ich fast vergessen. Die Rettungsaktion hatte ich ja nicht umsonst bekommen.
„Dann ist alles klar!", flötete Cecilia, winkte uns zu und ging mit ihrem Pferd Richtung Ausgang.
Cen schüttelte murrend den Kopf. „Sie ist manchmal echt unmöglich! Und du hättest uns wirklich eine Liebesgeschichte angedichtet?"
Ich wand mich ein wenig und antwortete nicht.
Cen nahm eine Mistgabel in die Hand und hielt mir einen Leinensack hin.
„An die Arbeit, würde ich sagen."
Die ersten Minuten arbeiteten wir schweigend nebeneinander, dann brach er das Schweigen.
„Bist du böse?" Ich wusste sofort, was er meinte.
„Ich habe gestern erfahren, dass du meinen Vater bestohlen hattest!" Ich legte alle Strenge, die ich aufbieten konnte, in meinen Blick.
Cen schaute betreten zu Boden.
„Wir waren klein, Indira, noch Kinder. Da tut man dumme Sachen. Gestern haben wir uns aber sehr artig entschuldigt und versprochen, es wieder gut zu machen."
Nun lächelte ich ihn breit an und meinte: „Ich wäre unglaublich gerne dabei gewesen, als ihr die Mutprobe machen musstet. Ich wollte schon immer in eine Kämpfergruppe. Seid ihr denn aufgenommen worden?" Er schaute erst etwas irritiert bei meinen Worten, dann lachte er kurz laut auf. „Du bist unglaublich, Indira." Ich errötete bei seinem Lob und strich mir verlegen eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ja, wir wurden aufgenommen. Es gab einen selbst ernannten Anführer, der uns Anweisungen gab." Kurz verdunkelte sich sein Blick und ich wollte schon nachhaken, aber da sprach er schon weiter. "Wir kämpften erst mit kleinen Stöckern spielerisch, später bauten wir uns Pfeil und Bogen und schossen auf selbstgebastelte Zielscheiben. Wir waren die Besten!", sagte er, nicht ohne Stolz in seiner Stimme. Ich neigte gespielt ehrfurchtsvoll meinen Kopf. Cen prustete wieder los. Mir gefiel es, wie er lachte. Dann sah er so losgelöst und entspannt aus.
Plötzlich wurde er wieder ernst und schaute mich an. Ich blickte ihn fragend an.
„Deswegen habe ich mich auch nicht bemerkbar gemacht, als ich euch bis nach Hause gefolgt bin, um zu sehen, wo du wohnst, oder als ihr das Pferd gesattelt habt. Ich wollte wirklich nur wissen, ob es dir gut geht", erklärte er sich.
„Du warst das auch?" Er rang verzweifelt mit seinen Händen. Ich ließ ihn noch ein wenig zappeln.
„Ich sorge mich halt um die Personen, die ich gerettet habe."
„Ach so", sagte ich gedehnt, während ich den Stich in meiner Magengegend ignorierte, „ich bin also nur Nummer 312, um die du dich sorgst. Kenne ich die anderen 311 Personen?"
Nun schaute er mich aufmerksam an.
„Würde es dich stören, wenn ich noch andere, außer dich, gerettet habe?" Mir stieg die Röte ins Gesicht.
„Weiß nicht, vielleicht?", sagte ich verunsichert. „Das klingt ja schon fast, als wäre es irgendein Tagesgeschäft."
„Ich kann dich beruhigen. Du bist die einzige, die ich bis jetzt gerettet habe. Und ich glaube auch nicht, dass ich das irgendwann als mein „Tagesgeschäft" ansehen würde. Besonders dann nicht, wenn ich immer so einen Ärger mit meinen Jungfrauen in Nöten habe." Er grinste mich frech an und mir stand vor Empörung der Mund offen. Hatte er mich gerade als Jungfrau in Nöten bezeichnet?
Ohne Nachzudenken warf ich mit Heu nach ihm.
„Ey", empörte er sich und tat es mir nach. Schon entbrannte eine kleine Heuschlacht. Wir hätten vermutlich noch länger weitergemacht, wären wir nicht von Henri unterbrochen worden.
„Mensch, sagt doch Bescheid, wenn ihr eine Heuparty schmeißt!" Mit schnellen Schritten war er bei uns und schubste uns in einen großen Heuhaufen. Nach Luft schnappend lag ich im duftenden Gras und sah einen grinsenden Henri über mir.
Dann sagte ich etwas, was beide junge Männer in dieser Situation verwunderte und mich selbst auch: „Ich bin so froh, euch getroffen zu haben!" Ich schaute erst Henri in die Augen, dann drehte ich meinen Kopf zu meiner rechten Seite, wo Cen ein wenig atemlos neben mir lag. Das Braun in seinen Augen leuchtete auf, als er meine Worte vernahm.
Ein weiterer Wimpernschlag von mir und der Moment war wieder vorbei. Ich rappelte mich auf und strich mir meine Kleidung glatt. Ich zupfte mir das Heu aus den Haaren.
„Also, mit Heu in den Haaren gefällst du mir auch sehr gut!" Schmunzelnd kam Henri mir entgegen und zupfte weitere Halme aus meinen Strähnen. Sofort umfing mich wieder diese wohlige Wärme, mir wurde schwindelig. Ich wusste nicht, was ich mit so viel Nähe anfangen sollte und so stolperte ich drei Schritte rückwärts.
Er hob entschuldigend die Hände.
„Ich wollte dir nur helfen. Tut mir Leid."
„Schon gut", keuchte ich ein wenig atemlos. Ich wusste nicht, wieso ich auf einmal so reagierte und fand mich peinlich.
Cen schwieg, aber ich spürte seinen unergründlichen Blick auf meinem gesamten Körper.
„Wieso ich eigentlich hier bin", sagte Henri auf einmal, „obwohl so eine Heuschlacht natürlich toll ist, ist, dass ich mitbekommen habe, dass heute eine Versammlung stattfinden soll mit allen ranghöheren Elfen aus dieser Splittergruppe und auch aus den anderen Gruppierungen, die exisitieren. Es wird also ein sehr großes Treffen und zufälligerweise weiß ich außerdem, um was es heute gehen soll: Sie besprechen sich, wie sie den Körper von Lyria überführen können, hier in unser Lager. Ich habe beschlossen an dem Treffen teilzunehmen." Wir schauten ihn beide geschockt an.
„Wie willst du das machen? Willst du jemanden den Rang abtreten?" Cens Stimme klang nüchtern und sachlich, aber seine Augen flackerten gefährlich. Er war in Aufruhr.
„Nein, wir alle sind Zaungäste!", sagte er geheimnisvoll.
Dann begann er, uns seinen Plan vorzustellen.
Ein etwas längeres Kapitel diesmal... als kleine Entschädigung dafür, dass ich letzte Woche nichts hochgeladen habe ; )
Ich hoffe, ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben!
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